Die Brüder Karamasow - Schauspiel Frankfurt
Kalt und öd
18. Mai 2024. Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow" ist ein Wälzer und enthält viele untheatrale Szenen. Trotzdem wird er ziemlich häufig auf die Bühne gebracht. Nun in Frankfurt von Laura Linnenbaum, die die Brüder allesamt von Frauen spielen lässt.
Von Leopold Lippert
"Die Brüder Karamasow" am Schauspiel Frankfurt © Thomas Aurin
18. Mai 2024. Zwölf Punkte für Georgien!, möchte man Katharina Linders Gruschenka freudig entgegenrufen, als sie kurz vor der Pause schwarzumschleiert und sehr melodramatisch "King" von Florence and the Machine über die tiefschwarze Bühnenlandschaft schmettert, umringt von ihren Schauspielkolleginnen, die mit sehr ESC-tauglicher Tanzakrobatik (Choreographie: Ted Stoffer) für Stimmung sorgen. Möchte man, wenn nicht diese Inszenierung das genaue Gegenteil des Song Contest wäre: bierernst, ironiefrei und sehr sehr textlastig. Regisseurin Laura Linnenbaum hat sich am Schauspiel Frankfurt Fjodor Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow" angenommen – ein Tausend-Seiten-Ungetüm, das den Kriminalfall rund um den Mord an Vater Karamasow als Vorwand nimmt, um ein großes theologisches und philosophisches Menschheitstableau zu entwerfen.
Ultimative Trostlosigkeit
Das Programmheft leistet dazu auch allerlei Definitionsarbeit und wartet nicht nur mit ausführlichen Erklärungen zu Gott und Tod und Schuld und Sühne und Freiheit auf, sondern erinnert uns auch daran, dass Dostojewski "profunde Kenntnisse der nichteuklidischen Geometrie Nikolai Lobatschewskis" besaß. Kann man interessant finden, die Frage ist allerdings, wie sich das aufs Theater übersetzen lässt.
Tanja Merlin Graf und Lotte Schubert © Thomas Aurin
Valentin Baumeister hat für die Inszenierung ein grandioses Bühnenbild gebaut, wobei gebaut eigentlich das falsche Wort ist: Denn bloß mit Vorhängen, Stoffschnipseln und fahlem Licht entsteht ein völlig entleerter, riesenhafter Schwarzraum, der das Karamasow-Russland zu einem Ort ultimativer Trostlosigkeit macht. Es ist, wie uns Aljoscha (Lotte Schubert) informiert, Anfang November, elf Grad minus, und es fällt trockener Schnee.
Der Mann spielt die Leiche
In dieser tiefschwarzen Seelenlandschaft beginnen die vier Karamasow-Söhne (drei eheliche und ein unehelicher) Dimitrij (Annie Nowak), Aljoscha, Iwan (Melanie Straub) und Smerdjakow (Elzemarieke de Vos) nun nach und nach, ihre Konflikte mit dem Vater (und auch ganz banale Geldangelegenheiten) darzulegen. Dabei steht jeder der Söhne für ein anderes Lebensmodell: der hedonistische Lebemann Dimitrij, der aufgeklärte Intellektuelle Iwan, und der christlich-religiöse Aljoscha, der Mitleid und Vergebung als Werte hochhält.
Katharina Linder, dahinter: Ensemble © Thomas Aurin
Es wird jedoch klar: Alle hassten den Vater, jeder könnte sein potentieller Mörder sein. Wohl um mit der ödipalen Grundkonstellation und dem generisch maskulinen Menschheitsuniversalismus Dostojewskis zu brechen, hat Linnenbaum die Karamasows rein weiblich besetzt. Der einzige männliche Schauspieler ist Rainer Böhme, der die ehrenvolle Aufgabe hat, eine Leiche zu spielen, und dafür die eineinhalb Stunden bis zur Pause einfach mal so bewegungslos auf der Bühne rumliegen muss.
Bildgewaltige Statik
Während der Pause haben sich die Schauspielerinnen große Männermuskeln antrainiert (Kostüme: Philipp Basener), und wohl durch die Plastiktorsos gestärkt wird der Kriminalfall schnell gelöst (Smerdjakow wars, aber irgendwie waren’s alle). Am Ende steht dann ein von Aljoscha angeleiteter lebensbejahender Tanz, eine seltsam blutleere Ekstase, in der die Schauspielerinnen ihre Muskeln wieder enthemmt abwerfen dürfen. Die schönen Choreografien können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Linnenbaums Inszenierung kaum theatrale Dynamik oder einen dramatischen Spannungsbogen entwickelt.
Die anfängliche Ehrfurcht, die die Riesenbühne einflößt, nutzt sich schnell ab, denn meist werden die Figuren bloß irgendwo im Raum geparkt, um dann ihre Sätze zu deklamieren. Selbst als der schwarzleere Theaterraum gegen Ende gar bis weit in den Zuschauerraum gedehnt wird – Starez (Christina Geiße) von den hinteren Zuschauerrängen und Smerdjakow auf der Bühne streiten über Vereinzelung versus Gemeinschaftlichkeit – bleibt die Inszenierung in einer Statik verhaftet, die schnell ermüdet. So hört man zweieinhalb Stunden bildgewaltigen Vorträgen über Gott und die Welt zu, doch warum man dafür das Theater braucht, bleibt unklar.
Die Brüder Karamasow
Nach Fjodor M. Dostojewski
Deutsch von Swetlana Geier, in einer Bearbeitung von Laura Linnenbaum und Wolfgang Michalek
Regie: Laura Linnenbaum, Bühne: Valentin Baumeister, Kostüme: Philipp Basener, Musik und Video: Jonas Englert, Choreographie: Ted Stoffer, Dramaturgie: Alexander Leiffheidt, Licht: Marcel Heyde.
Mit: Christina Geiße, Tanja Merlin Graf, Sarah Grunert, Katharina Linder, Annie Nowak, Lotte Schubert, Melanie Straub, Elzemarieke de Vos, Sigmund Peter/Rainer Böhme, Antonia Kloss/Rebekka Vocke.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause
Premiere am 17. Mai 2024
Schauspielfrankfurt.de
Kritikenrundschau
Laura Linnenbaum und Wolfgang Michalek "haben sich Schneisen in den Roman geschlagen, Stücke herausgesägt und auf die Bühne transportiert," schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (21.5.2024). Vieles fehle, aber einiges sei auch da. Auch das Bühnenbild ist aus Sicht der Kritikerin spektakulär. "Manches hängt durch, lahmt trotz des Herumflitzens. Manchmal drängen sich Routine und Spiel auf Zeit dazwischen, manchmal wirkt die Überspanntheit substanzlos. Aber auch das gehört zum Theater."
"Kritiker wirken gequält, doch das Publikum jubelt, zumal drei Gymnasiastinnen mit Deutsch im Leistungskurs sind begeistert," gibt Kerstin Holm in der FAZ (21.5.2024) zur Protokoll. "Sollten sie einst selbst Dostojewski lesen," so die Einschätzung der Kritikerin, "so ginge ein Herzenswunsch von Linnenbaum in Erfüllung."
"In der Frankfurter Inszenierung gehen sowohl philosophische wie menschliche Spannungen in finstrer Langeweile unter," schreibt Michael Kluger in der Frankfurter Neuen Presse (21.5.2024). "Die Textfassung kann sich nicht entscheiden, ob sie lieber eine Handlung erzählen oder doch ein metaphysisches Drama entfalten soll." Laura Linnenbaum hat sich aus Kluers Sicht entschieden, "keinerlei Fährten in die Gegenwart zu legen. Statt dessen versenkt sie die 'Karamasows' in einer diffusen, von der Realität abgeschotteten Mystery Episode: Tiefsinn to go."
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Vielleicht können die Theaterleute mal ins Kino gehen und „Mit einem Tiger schlafen“ anschauen. Da gibt es eine Szene: Birgit Minichmayr als Maria Lassnig sitzt auf einer Bank vor einem Haus , neben ihr ein (junger) Mann. Er sagt: ich bin dein Vater, bevor er fortfährt. Erkennt Maria ihn (eher eine herbeiphantasierte Person) nicht? Doch, aber wir Zuschauer wüssten nicht, wer dieser Mann ist (was aber wichtig ist). Also wird es mitgeteilt. Nicht sehr subtil, aber notwendig. Bei den „Brüdern“ ist es egal, wer wer ist … es reicht den Theaterleuten, dass sie in ihrer Probenwelt eingeschlossen sind.
Und: Minichmayr braucht keine „Maske“, um jung oder alt auszusehen. Es geht nicht um Naturalismus …
Und ab und zu gehe ich ins Theater. Irgendwie kommen mir da ja auch Subventionen zugute.
Wenn ich aber auf meinem Acker Ananas pflanze, fahre ich eine Missernte ein und erhalte keinerlei Subventionen, im Gegensatz zum Theater, das die Brüder auf very strange auf die Bühne zwingt, dessen Subventionen aber weiterhin fließen.