Die Frau vom Meer - Oder: Finden sich Rudimente ... - Schauspiel Frankfurt
Der kalte Kuss der Robbenfrau
17. Mai 2025. Die Frau vom Meer, das ist Ellida Wangel, die sich in ihrer freudlosen Ehe wie die Meerjungfrau nach der Freiheit des Meeres sehnt. Was hat es mit dieser Sehnsucht auf sich? Der Frage geht Barbara Bürk auf den Spuren von Henrik Ibsens altem Drama nach. Aber mit welchem Ergebnis?
Von Jan Tussing
"Die Frau vom Meer - Oder: Finden sich Rest einer Ur-Fischart im menschlichen Gemüt" von Barbara Bürk nach Henrik Ibsen am Schauspiel Frankfurt © Jessica Schäfer
17. Mai 2025. In einem kleinen Dorf an der Westküste Norwegens fühlen sich alle Mitglieder der Familie von Bezirksarzt Dr. Wangel sehr einsam: zuallererst Ellida (Melanie Straub), Wangels zweite Frau. Nach vielen Jahren freudloser Ehe empfindet sie sich immer noch am falschen Ort. Da sind aber auch die beiden Töchter des Arztes aus erster Ehe, zu denen Ellida keine Beziehung aufbauen kann – oder will.
Die ältere Tochter Bolette (Christina Geiße) erstickt an der Ödnis des Provinznestes, das ihr keine Perspektive bietet. Und Hilde (Viktoria Miknevich), die jüngere, leidet noch immer am Tod ihrer Mutter, Wangels erster Frau. Auch Wangel selbst fühlt sich einsam. Ellidas emotionale Distanz, die ein sexloses Eheleben zur Folge hat, lässt ihn schier verzweifeln.
Lüsterner Kauz in Sandalen
Und so bittet Wangel den Junggesellen Arnholm (Wolfgang Vogler) als Gast in sein Haus. Arnholm ist der ehemalige Hauslehrer von Tochter Bolette. Ein folgenschwerer Entschluss, denn Arnholm missversteht die Einladung. Während Wangel sich von ihm Abwechslung für Ellida erhofft, glaubt Arnholm, er solle um die Hand von Bolette anhalten. Dieses Missverständnis nutzt Regisseurin Barbara Bürk, um eine slapstickartige Abfolge von Dialogen einzubauen. Sie präsentiert Arnholm als verklemmten, lüsternen Kauz in Sandalen, der nur zu gerne Wangels älteste Tochter heiraten würde. Tatsächlich nimmt mit Arnholms Ankunft das Drama seinen Lauf.
Eine schrecklich nette Familie: Christina Geiße (Bolette), Melanie Straub (Elida), Viktoria Miknevich (Hilde), Uwe Zerwer (Wangel), sitzend: Wolfgang Vogler (Arnholm), Christoph Pütthof (Lyngstrand) © Jessica Schäfer
Nach schnellen Szenen wird nämlich klar, warum sich Ellida nach all den Jahren noch immer als Fremde fühlt: Vor ihrer Ehe mit Wangel liebte sie einen Seemann, war mit diesem sogar verlobt – bis er mit dem Gesetz in Konflikt geriet und verschwand. Nach Jahren des Wartens rettete sich Ellida halbherzig in die freudlose Ehe mit Wangel, der in ihr wiederum vor allem eine neue Mutter für seine beiden Töchter sah.
Sage von der Robbenfrau
Doch jetzt kehrt der ehemalige Verlobte zurück, und Ellida muss sich entscheiden: Geht sie zu ihm zurück, oder bleibt sie in bei Wangel? Der versucht zunächst zu verhindern, dass Elida geht. Dann aber gibt er seinen Widerstand auf, und in einem Anflug von Großherzigkeit (oder Liebe?) überlässt er ihr die Freiheit zu entscheiden. Das stürzt Ellida in einen panikartigen Gewissenskonflikt.
Ibsen widmete sich in seinem Stück von 1888 dem Seelenleben einer Frau, die sich in ein Ehekorsett pressen muss und daran beinahe zu Grunde geht. Frauen waren zu Ibsens Zeit von ihren Männern abhängig, fast deren persönlicher Besitz, ohne Rechte und ohne Freiheit. Zur Verdeutlichung zog Ibsen die Sage von der Robbenfrau hinzu: Eine Frau "vom Meer" wird von einem Menschen erpresst, ihm als Menschenfrau an Land zu folgen, um dann für ihre Freiheit zu kämpfen.
Einsame Menschen am Strand © Jessica Schäfer
Barbara Bürk inszeniert Ibsens Plädoyer für Frauenrechte als modernes Volkstheater am Strand (Bühne und Kostüme: Anke Grot). Männer wie Frauen agieren dabei eher holzschnittartig. Doch was geht in Ellida wirklich vor? Ist sie traumatisiert, oder woher kommen ihre Wahngebilde? Während Ibsen sich auf eine Reise in Ellidas Psyche begibt und dabei dem Meer eine metaphorische Bedeutung zuschreibt, lässt Bürk ihrer Ellida keine Zeit zu spüren. Das ist schade.
Verborgen wie das Meer
Melanie Straub bezaubert zwar in ihrer Rolle als Ellida, aber die Frage nach ihrer Verbindung zum Meer bleibt unbeantwortet. Die Schlüsselszene, in der sich Ellida gegen ihren einstigen Geliebten und für ihren Ehemann entscheidet, wirkt in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt seltsam flach und uninspiriert. Wenn es an dem Abend immer wieder Lacher gibt, sind sie sie dem schrägen Touristen Lyngstrand (Christoph Pütthoff) zu verdanken. Aber auch Lyngstrand kann als überzeichneter Kauz am Ende nicht übezeugen, weil er in seiner verklemmten Art letztlich wie eine Comicfigur daherkommt.
Denn das ist die Schwäche von Bürks Inszenierung: Männer wie Frauen werden als stereotype Wesen dargestellt. Die Tiefe der Charaktere bleibt uns Zuschauenden, so wie das Meer und auch die vom Titel suggerierten Fischreste im menschlichen Gemüt, verborgen.
Die Frau vom Meer – Oder: Finden sich Rudimente einer Ur-Fischart im menschlichen Gemüt?
Nach Henrik Ibsen, Deutsch von Heiner Gimmler
Regie: Barbara Bürk, Bühne und Kostüme: Anke Grot, Musik: Markus Reschtnekfki, Dramaturgie: Alexander Leiffheidt, Licht: Jan Walther, Regieassistenz: Marlon Otte, Bühnenbildassistenz, Swenja Trebeljahr, Kostümassistenz: Henrike Reller, Inspizient, Robert von Marck, Soufflage: Christine Schneider, Statisterie: Kiyanoush Batebi/Christian Raab.
Mit: Uwe Zerwer, Melanie Straub, Christina Geiße, Viktoria Miknevich, Christoph Pütthoff.
Premiere am 16. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.schauspielfrankfurt.de
"Die 100-minütige Fassung verschlankt und verdünnt den Text, macht ihn aber nicht verächtlich", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (19.5.2025). Zudem bleibe Bürks Lesart "näher am Geschehen als manche andere Produktion". Der Abend zeige sich als "fein abgemischt" und "mit Eigenwillen", ist die Kritikerin erfreut.
Angesichts "so vieler überkandidelter Inszenierungen in der heutigen Theaterlandschaft" wirke die "bodenständige Natürlichkeit, der man hier überwiegend begegnet" geradezu "belebend", schreibt Katja Sturm in der Frankfurter Neuen Presse (19.5.). Dort aber, wo es um das "Innere nicht nur der Wasser-Frau geht", bleibe es "zu oberflächlich, führt die Figurenzeichnung nicht in die Tiefe". So habe der Abend für Rezensentin etwas von einer "leichten Brise am Strand".
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