Die Zofen - Schauspiel Frankfurt
Leck mich am Lackschuh
26. April 2025. Oft schon Anlass für erotische Regiefantasien: Jean Genets lüstern die Ermordung ihrer Herrin durchspielende "Zofen". Zu Rieke Süßkows Faszination für den Fetisch der Herrschaft passt das eigentlich wie gerufen – und wo nicht, wird's eben passend gemacht.
Von Ruth Fühner
"Die Zofen" am Schauspiel Frankfurt © Jessica Schäfer
26. April 2025. Auf die Bemerkung einer Interviewerin hin, die Leute empfänden Unbehagen angesichts seines Stücks "Die Zofen", weil sie nicht wüssten, ob er nun eigentlich für die Dienstboten sei oder für die Herrschaft, sagte Jean Genet: "Das ist mir völlig egal." Völlig egal – damit meinte er das Unbehagen, nicht den Skandal gesellschaftlicher Unterdrückung. Das Unbehagen aber kommt daher, dass das Stück den Selbsthass und die Dumpfheit derer "da unten", ihre Hassliebe für die "da oben" und ihre Gefangenschaft in der Wiederholung ebenso ausstellt wie die billige, flatterhafte Großzügigkeit der Herrschenden, die nur möglich ist, solange dieser Skandal fortbesteht.
Intersektionale Risslinien
So uneindeutig sich Genet also geben mochte – die Spaltung der Gesellschaft (an unterschiedlichen, heute würde man sagen: intersektionalen Risslinien entlang) war für ihn Tatsache. Dafür aber interessiert sich Regisseurin Rieke Süßkow in ihrer Frankfurter Inszenierung der "Zofen" wenig.
Vielmehr treibt sie die Uneindeutigkeit noch weiter: während sich bei Genet das Schwesternpaar Claire und Solange in Abwesenheit der Herrin spielerisch aufspaltet in Zofe und Herrin, um bei deren Rückkehr in die Dienstbotenrolle zurückzufallen, tauschen in Frankfurt ständig alle drei – Aleksandra Ćorović, Katharina Linder und Nina Wolf – die Rollen. Ihre Grundausstattung macht sie komplett verwechselbar: glatzköpfige Latex-Vollmasken, lilafarbene Strampler, fleischfarbene Ganzkörperbodies, flache Lackschuhe (Kostüme: Sabrina Bosshard). So wirken sie wie babypuppenhafte, nicht ganz zuende geborene Zombies.
Es wuchert, es gluckst
Die klaustrophobische Bühne, die Mirjam Stängl ebenfalls in horrortaugliches Lila gefasst hat, schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein durch wild aus dem Boden und den Wänden wuchernde Auswüchse. Wie in einem skulpturalen Flagshipstore liegen darauf für die Rollenwechsel außer Dienstmädchenschürze und -häubchen barocke Kostümversatzstücke und eine Perücke parat, fürs Auftauchen und Verschwindenlassen gibt es knarzende Adventskalendertürchen und einen Abgrund, aus dem eine Kloake gluckst.
Spielen macht müde: Aleksandra Ćorović, Katharina Linder, Nina Wolf © Jessica Schäfer
Das könnte auch komisch sein, ist es aber nicht. Zu stark ist der Wille, einen beklemmenden Kosmos ohne Ausweg für Figuren ohne Entwicklung zu zeichnen. Der freie Wille ist eine Illusion – und offenbar gibt es darüber nichts zu lachen.
Kühle Kunstübung
Wenn sich, ganz kurz, der Raum doch zu öffnen scheint – dann so, als müsse die Vorstellung eines Anderen, Draußen sofort Lügen gestraft werden. Für ein paar Sätze wird die Sprecherin in den Kegel eines Scheinwerfers getaucht, eine andere markiert dazu die Klavierbegleitung – vorbei. Möwenschreie und Wellen aus Licht, die romantische Phantasie einer Reise zur Teufelsinsel übers Meer, an der Seite des gnädigen Herrn, den die Zofen intrigant ans Messer der Polizei geliefert haben – vorbei. Am Schluss gibt es zwei Leichen statt einer. Ob damit auch, anders als bei Genet, das Prinzip Herrschaft tot auf der Bühne liegt – es scheint völlig egal.
Eine Ahnung von dem, was hätte sein können an diesem Abend, gibt die allererste Szene, in der ein blauer Gummihandschuh eine mehrdeutige, nicht zuletzt erotische Rolle spielt: als Objekt des Begehrens wie als Gegenstand des Ekels. Doch das Versprechen eines Spiels auf der Klaviatur der Gefühle wird nicht eingelöst, die Fallhöhe zwischen Komik und Unheimlichkeit tendiert gegen Null. Es bleibt bei einer kühlen Kunstübung, die immerhin Beklommenheit zurücklässt.
Die Zofen
von Jean Genet, auf dem Französischen von Gerhard Hock
Regie: Rieke Süßkow, Bühne: Mirjam Stängl, Kostüme: Sabrina Bosshard, Musik: Philipp Christoph Mayer, Dramaturgie: Katja Herlemann, Licht: Frank Kraus, Konzeptionelle Mitarbeit: Julia Wachsmann, Regieassistenz: Anton Weigle, Bühnenbildassistenz: Kaethe Olt, Kostümassistenz: Mirjam Kiefer, Dramaturgieassistenz: Jana Fritzsche, Inspizienz: Thomas Nossek, Soufflage: Lena Gerngroß, Hospitanz: Merle Hermanns & Georg Dirlack (Regie).
Mit: Aleksandra Ćorović, Katharina Linder, Nina Wolf.
Premiere am 25. April 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
schauspielfrankfurt.de
Kritikenrundschau
Rieke Süßkow, Mirjam Stängl (Bühne) und Sabrina Bosshard (Kostüme) tauchten den Text in eine reinliche Horrorpuppenwelt, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (28.4.2025). "Die Umstände werden dadurch nicht bis zu Kenntlichkeit unkenntlich gemacht, sondern zu einem in der Sache unverbindlichen, ansehnlichen Spiel mit Kunstanteil."
Süßkows Inszenierung "aktualisiert nicht, sondern abstrahiert, ja: entmenschlicht ihre drei Figuren", schreibt Jan Wiele in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.4.2025). "Wenn der Stücktext schon absurde Züge hat, so bietet diese Aufführung davon noch die Dekonstruktion: Die Rollen werden so oft getauscht, dass man den Überblick verliert", so Wiele. "Auch der Krimi-Anteil verschwimmt im Traumhaften." Diese Unzuverlässigkeit sei (...) "eine Teamleistung" der Regisseurin Rieke Süßkow, der Bühnenbildnerin Mirjam Stängl und der Kostümbildnerin Sabrina Bosshard, "die in ihrem gemeinsamen Produkt das Tiefenpsychologische und vor allem das Klaustrophobische an Genet betonen".
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