Schluss mit den Irrtümern!

14. September 2025. Überall Verfall: Drinnen driftet der Vater in die Demenz ab, und draußen untergräbt der Dauerregen das Fundament des ganzen Hauses. Mit gewohntem Formbewusstsein bringt die Regisseurin Luise Voigt Björn SC Deigners neuen Text über private und globale Endspiele zur Uraufführung.

Von Michael Laages

"So langsam, so leise" in der Regie von Luise Voigt am Schauspiel Frankfurt © Jessica Schäfer

14. September 2025. Das erste Bild schon ist ein Überfall – und lässt ahnen, dass es von nun an sehr ambitioniert zugehen wird. Mitten im kleinen Zimmer nämlich, eher einem Keller, der Wohnraum, Küche und Büro in einem ist (und von der Ausstatterin Maria Strauch in die Tiefe der Bühne hinein geschickt und perspektivisch noch mehr verkleinert wird), steht eine Figur, die "So etwas wie Regen" darstellt; so heißt die Rolle.

Nina Wolf trägt eine aus Stoff geformte "Wolke" auf dem Kopf, an deren Rand ringsum Girlanden wie aus Tropfen hängen; minutenlang dreht sich die Figur derwischhaft immer wilder um sich selbst – und spricht dazu Texte von der Wildheit auch der Natur. Stärker als das immer nur zerstörende, nichtswürdige Menschengeschlecht wird diese Natur immer sein.

Final vergrault

Das wirkt wie ein Motto für "So langsam, so leise", den neuen Theatertext von Björn SC Deigner, den Luise Voigt da gerade uraufführt in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels. Und fürs Erste ist auch alles klar; Zivilisationskritik und die Vision vom Ende aller Zeit sind angelegt und werden von nun an die kleine Fabel prägen.

Die ist im Kern sehr privat – Tochter Karen besucht gerade Vater Harald, der offenbar schon deutlich in die Demenz zu driften beginnt und derart unangemessen mit der Haushälterin umgegangen ist, dass er sie final vergrault hat. Karen hilft aus, nur für ein paar Tage, wie sie sagt. Beide sind wissenschaftlich tätig – die Tochter erforscht Entwürfe für die Zukunft der Zivilisation, der Vater hat sich lebenslang tief vergraben in deren Ursprünge; zum Beispiel weiß er viel, wenn nicht alles über Quellen der Kultur in den Regionen am Flusslauf der Donau. Produktive Gespräche mit der Tochter aber bringt er kaum noch zustande, mehr und mehr wird er für sie zum Pflegefall.

So langsam so leise 3 CJessica Schaefer uSchwieriger Dialog: Matthias Redlhammer als Vater und Amelle Schwerk als Tochter in Luise Voigts Inszenierung © Jessica Schäfer

Obendrein droht auch drumherum überall Verfall – das Haus der Familie hat der Vater einst an einem Hang gebaut, befestigt durch eine massive Mauer; aber auch die unterspült mittlerweile der Dauerregen. Bald wird das Anwesen wohl in einem Erdrutsch zerstört werden – die machtvolle Natur, im Regentanz vom Beginn beschworen, sorgt dafür und rächt sich damit an der Welt. Tochter Karen ist nicht böse drum – sie würde am liebsten schon jetzt alles entsorgen, auch all die Papiere und all die nutzlosen Forschungen von Papa. Schluss soll sein mit all den Irrtümern falscher Humanität und Zivilisation.

Kommentierender Dauerregen

Was hier so einfach klingen mag, ist auf der Bühne mehrfach überwölbt. Vor allem choreografisch – die Wolkenfrau vom Beginn wandelt sich mit der Choreografie von Minako Seki zum stetig kommentierenden Begleit-Geist; und auch ein zotteliger Hund tanzt in die kleine Wohnung hinein – wie ein naturverbundener Gegenentwurf zu den verquasten Gedankenspielereien von Tochter und Vater. Noch mehr Material liefert das Video – immer wieder. Und von einem traditionellen Filmspulen-Projektor rechts vorn auf die kleine Rückwand der Bühne geworfen, sind Bilder vom Vater zu sehen: So sah er aus, als er jünger war und vielleicht gerade begann mit der Forschung an den Donau-Kulturen.

Links am Rand der Bühne thront ein feines traditionelles Spulen-Tonband – von hier werden Stimmen zugespielt. Generell ist das Sound-System sehr wichtig, aber auch nicht immer ganz leicht durchhörbar; speziell Amelle Schwerk als Tochter (aus Hannover ans Frankfurter Schauspiel gewechselt) spricht natürlich und mikrofonisch verstärkt im Wechsel. Und manchmal wirken die Grenzen zwischen den Klängen wie absichtsvoll verwischt. Das gilt auch für Nina Wolf im Part des kommentierenden Dauerregens.

So langsam so leise 4 CJessica Schaefer uZusammenklang von Stimmen und Atmosphären: Max Levy, Amelle Schwerk und Matthias Redlhammer in Maria Strauchs Bühnenbild © Jessica Schäfer

Matthias Redlhammer lässt derweil den alten Vater kämpfen um die Deutungshoheit, auf die er sich doch immer verlassen konnte – er entschied über die Menschen, die Dinge und darüber, was wichtig war für die Welt. Aber es wird schon klar (vermutlich auch der Figur selber), dass dies alles so etwas ist wie das letzte Gefecht. Motive und Strukturen in Deigners Geschichte sind ziemlich offen und deutlich markiert für die Bühne – im Neben- und Durcheinander der überwölbten Wirkungs- und Bedeutungsebenen aber verliert die Aufführung deutlich an Klarheit. Immer öfter entwickelt sich der Zusammenklang von Stimmen und Atmosphären deutlich stärker als die szenischen Vorgänge – und fast sind wir im Hörspiel angekommen. Mit dieser schönen Kunst kennt sich der Autor ja auch ganz gut aus.

Entschlossen, begeistert zu sein

Kluge, kraftvolle Bilder finden sich im Text, etwa das von der "Welt als Kompost" – dort wächst wieder etwas aus den abgewickelten Resten von allem Alten. Und mit Bildern wie diesen ist auch das Traum- und Alptraum-Spiel nicht weit. Mit offenen Augen für Szene und Spiel wird daneben aber auch die gelegentliche Zerfahrenheit des Textes kenntlich, auch und gerade auf der getanzten Kommentar-Ebene.

Das Publikum war sehr entschlossen, sehr begeistert zu sein – aber bisweilen klang "So langsam, so leise" in Frankfurt halt auch genauso gleichförmig und ermüdend wie ein kräftiger Regenguss.
 

So langsam, so leise
von Björn S.C. Deigner
Regie: Luise Voigt, Ausstattung: Maria Strauch, Video und Musik: Nicolas Haumann, Choreografie: Minako Seki, Dramaturgie: Lukas Schmelmer, Licht: Jan Walther.
Mit: Max Levy, Matthias Redlhammer, Amelle Schwerk, Melanie Straub, Nina Wolf.
Uraufführung am 13. September 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

Kritikenrundschau

Björn SC Deigner und Regisseurin Luise Voigt sind ein eingespieltes Team, dennoch "hat man den Eindruck, dass da womöglich mehr drin gewesen wäre", so Shirin Sojitrawalla in der taz (17.9.2025). Die verhandelten Verlust­erfahrungen fügen sich zu einem eigenartigen Tableau des Untergangs. "Das Schönste geschieht, als Vater und Tochter am Tisch sitzen und nicht mit ihren eigenen Stimmen, sondern mit Kinderstimmen aus dem Off sprechen", ein zauberhaft gespenstischer Moment.

"Schon knirscht es bedrohlich in Gebälk und Fundament, die Menschen im Gebäude hören und spüren es, und das Publikum hört und spürt es auch. Erstaunlich, wie stimmungsvoll, nämlich wie plastisch das in der Inszenierung von Luise Voigt vermittelt wird", lobt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (15.9.2025) vor allem die Inszenierung. Autor Björn SC Deigner habe "theoretisch einiges vor" und handele "von einer verschwundenen Kultur und vom möglichen neuerlichen Zeitenende"; es stehe "im Raum, dass es mit oder ohne Menschen doch immer weitergeht". Dazu die Kritik: "Dass das keine sehr komplizierte Überlegunge ist, spielt angesichts von Voigts sinnlicher Bildfindung aber keine so fatale Rolle, wie es könnte. Erst gegen Ende fällt auf, wie schwer es Deigner fällt, mit dem Erklären wieder aufzuhören."

Matthias Bischoff im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.9.2025) würdigt insbesondere die Arbeit von Regisseurin Luise Voigt, "deren Inszenierung den überaus klugen, bisweilen aber überambitioniert komplexen Text formbewusst und mit spielerischer Leichtigkeit verlebendigt hat".

Kommentare  
So langsam, so leise, Frankfurt: Beautiful
One of the best plays and performanced I have seen in a while. The opening rain scene was absolutely stunning and probably the strongest expression of both depression and joy ever captured.
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