Maria Stuart - Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz
Wutbürger Schiller
28. September 2025. "Die Könige sind nur Sklaven ihres Standes." Friedrich Schillers Königinnen-Drama "Maria Stuart" hält lauter Sätze für unsere Gegenwart bereit. Jan Holtappels spritzt seine sensible Inszenierung im erzgebirgischen Annaberg nun zusätzlich mit Wolfram Lotz' "Die Politiker" auf.
Von Michael Bartsch
"Maria Stuart" in der Regie von Jan Holtappels am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz © Dirk Rückschloß / Pixore Photography
28. September 2025. Am Ende steht Elisabeth verloren auf der obersten Plattform einer fast bühnenfüllenden Treppe, die auch eine Showtreppe sein könnte. Falls man das Tänzeln über die Stufen der Macht als eine Polit-Show ansehen will. Im Kerker unter der Treppe, wenn die Drehbühne den Blick freigibt, liegen verzerrt die blutigen Reste ihrer hingerichteten Rivalin Maria. Aber sie hat nur einen Pyrrhussieg errungen, dessen Preis die Einsamkeit ist. Vermeintliche Freunde oder Verbündete leben nicht mehr oder haben sich abgewendet. Sie will den imposanten Reifrock wieder anlegen. Und sucht Zuflucht in der Gunst des Volkes, das man immer wieder aus Richtung Hinterbühne jubeln hört.
Klassischer Klassiker
Das einprägsame Bild beschließt eine grundsolide, aber nie hausbackene, genau zeichnende und im Verhältnis der Typen und Charaktere stimmige Inszenierung durch den Annaberger Oberspielleiter Jan Holtappels. Regieattitüden braucht er nicht und würde damit wohl auch das Erzgebirgspublikum befremden. Eine klassische Inszenierung eines Klassikers.
Analysen, ja Sektionen dessen, was pyramidenförmige Machtapparate im Innersten zusammenhält und damit die Welt aufs Äußerste auseinandertreibt, scheinen im Trend zu liegen. Was Wunder in einer Zeit, die perverse römische Cäsaren wie Nero oder Caligula gegenüber ihren heutigen Nachfolgern als "lupenreine Demokraten" erscheinen lässt, wie Altkanzler Schröder seinen Busenfreund Putin einmal genannt hat. Shakespeare oder eben auch ein Schiller sind gefragt.
Der Annaberger Dramaturg Marco Süß verneint eine "psychologisierende" Lesart der Schillerschen Dramen und legt vielmehr großen Wert auf politisches Theater. Als ob das eine das andere ausschlösse. Ein Vorzug dieser Inszenierung im kleinen, aber wichtigen Winterstein-Erzgebirgstheater besteht gerade in der feinfühligen Plastizität der Begegnungssituationen zwischen den Protagonisten.
Auf royaler Treppe: Marie-Louise von Gottberg (Elisabeth) und Annalena Oswald (Wolfram / Wilhelm Davison) © Dirk Rückschloß / Pixore Photography
Voran selbstverständlich die Schlüsselszene zwischen Englands Königin Elisabeth und ihrer schwesterlichen, heimtückisch inhaftierten schottischen Konkurrentin Maria Stuart. Natürlich auf der Treppe des Auf- und Abstiegs. Sie schäkern mit ihren spätmittelalterlichen Kragen, erscheinen wie zwangsentfremdete Vertraute. Maria unterwirft sich liegend wie einst Heinrich vor Canossa, beide lasten einander zunächst nichts an, sondern machen für ihren Zwist einen bösen Geist verantwortlich. Das Finale zeigt, wie ihre Verbindung über den von Elisabeth nie konsequent herbeigeführten Tod hinaus fortwirkt.
Berührende Darstellung der Dilemmata
Marie Louise von Gottberg als Elisabeth und Julia Sylvester als Maria, für eine Spielzeit ebenso wie ihr Mann Malte Sylvester als Leicester wegen finanziell begründeter Besetzungsprobleme Dauergast im Ensemble, hätten noch längeren Applaus im leider nicht vollbesetzten Haus verdient. Nichts wirkte aufgesetzt, gar kitschig. Man spürt nicht nur ein politisches, sondern auch ein Seelendrama. Zumal Schiller die historischen Hintergründe nur streift, also die Rivalitäten Englands mit Frankreich, Spanien, Schottland und eben den Kampf der Konfessionen im späten 16. Jahrhundert.
Die glatten, glänzenden Kostüme der intrigierenden, aber auch verliebten Männer veranschaulichen den Dauerkonflikt zwischen politischem Kalkül und ehrlichen Empfindungen. Wenn Elisabeth ihr mächtiges Habitat ablegt, erscheint sie weißgesichtig und mit roten Haaren wie eine laszive Domina. "Die Könige sind nur Sklaven ihres Standes", lautet ein Schiller-Satz für das Poesiealbum. Später menschelt es noch mehr. "Muss eine von uns Königinnen fallen, damit die andere lebe?", fragt Elisabeth.
Aufgesetzte Politikerschelte
"Die da oben sind auch nur Menschen", könnte der einfache Zuschauer schließen, beispielsweise bei einer lockeren Begegnung Elisabeths mit Leicester und einer Sektflasche. Deshalb erscheint der angekündigte Clou in Annaberg wie ein Fremdkörper. Anfangs nur auszugsweise hineinmontiert, später nach Elisabeths Todesurteil gegen Maria zumindest dramaturgisch passend platziert, sollte das 2019 von Wolfram Lotz verfasste lange Theatergedicht "Die Politiker" irgendwie mit Schiller korrespondieren.
Eingekerkert: Julia Sylvester (Maria Stuart) und Marius Marx (Wilhelm Cecil) © Dirk Rückschloss / Pixore Photography
Aber diese bemühte Ansammlung von Klischees und Stereotypen, bei denen man nie ahnt, ob sie vielleicht ambivalent, gar selbstironisch gemeint sein könnten, weckt nur üble Assoziationen. Wenn man von Dresden nach Annaberg fährt, kommt man durch Zwönitz, Erzgebirgshauptstadt der Impfkrieger und Schwurbler, wo bei einer Demo der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer schon mit dem Tode bedroht wurde. Man denkt an die Belagerungen seines Hauses, an Bürgermeister und Landräte, deren Kinder nur mit Personenschutz zur Schule gehen, an Kommunalpolitiker, die von "Wutbürgern" und Funktionären der Rechtsparteien zermürbt, zur Amtsaufgabe, gar zum Suizid gedrängt wurden.
Da fragt man sich, was eine solche Luxus-Pseudolyrik soll, die nur motzenden Mainstream bedient. Überdies muss man von den konfusen Lotz-Plattitüden alle Kraft für einen Rück-Sprung auf die Schillersche Hochsprache zusammennehmen. Der Bewunderung für ein Ensemble mindestens auf Staatstheater-Niveau und eine sensible Regie tut das keinen Abbruch.
Maria Stuart
von Friedrich Schiller unter Verwendung von "Die Politiker" von Wolfram Lotz
Regie: Jan Holtappels, Ausstattung: Ana Tasić, Dramaturgie: Marco Süß.
Mit: Marie-Louise von Gottberg, Julia Sylvester, Malte Sylvester, Marvin Thiede, Marius Marx, Annalena Oswald, Leopold Peter sowie einem Bürgerschaftschor.
Premiere am 27. September 2025
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause
www.erzgebirgische.theater
Kritikenrundschau
Regisseur Jan Holtappels habe "einen interessanten Ansatz gefunden, um dem klassischen Stoff eine gewisse Leichtigkeit entgegenzusetzen. Das Publikum am Samstag hat sogar gelacht." Verantwortlich für diese Leichtigkeit ist nach Auskunft von Antje Flath in der Freien Presse (30.9.2025) die Lotz-Hinzufügung "Die Politiker". Ansonsten handele es sich um eine "überwiegend düstere und schwermütige Inszenierung".
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Ein runder, wenn auch etwas langer Abend, gut besetzt, gut angezogen, fantastisch geleuchtet und sehr solide gespielt!
Zu Lotz: ich fand es eine große Bereicherung für das Stück. Während Schiller erzählt und moralisierendes, wertendes Denken stimuliert, erlaubt Lotz' Text dem Publikum, ihn einfach wirken zu lassen. Und das tut er. Unaufdringlich, aber nachhaltig. Wunderbar im doppelten Sinne. Für mich im Nachhinein das Highlight des Abends, während das Schauspiel des Schiller-Stücks unmittelbar faszinierte.
Einfach klasse!