Fast Forward Festival - Staatsschauspiel Dresden
"Ich hasse Theater!"
17. November 2025. In Dresden fand vom 13.-16. November das 15. Fast Forward Festival für junge europäische Regie statt. Und wohl das letzte. Denn es droht, Kultursparmaßnahmen zum Opfer zu fallen. Trotzdem zeigte es sich vital wie eh und je.
Von Michael Bartsch
Die finnische Gewinnerproduktion "Steal this performance" beim Fast Forward Festival © Sebastian Hoppe
17. November 2025. Die Eröffnungsreden zum 15. "Fast Forward"-Festival für junge europäische Regie klangen in diesem Jahr dringlicher als sonst. Zeigte die gut kaschierte Last doch Wirkung, dass es das vorerst letzte seiner Art in Dresden sein soll? Im laufenden sächsischen Krisenhaushalt müssen auch die beiden Dresdner Staatstheater Semperoper und Schauspiel erstmals Kürzungen hinnehmen, in diesem Jahr etwa sieben Millionen Euro, 2026 sechs. Geopfert werden soll unter anderem "Fast Forward". Hier sind aber nur 200.000 Euro herauszuholen, weshalb in Teilen der Belegschaft des Staatsschauspiels diese Entscheidung hinter vorgehaltener Hand angezweifelt wird. Besser auf einen teuren Regisseur oder ein opulentes Bühnenbild verzichten, meinen manche.
Staatsschauspielintendant Joachim Klement ist eigentlich der Vater des aus Braunschweig mitgebrachten Festivals. Aber er wird 2027 nach zehn Jahren sein Amt aufgeben. Kuratorin Charlotte Orti von Havranek hat in den neun Dresdner Festivaljahren ungezählte Fahrten durch Europa unternommen und für jeden Jahrgang acht Inszenierungen junger Künstlerinnen und Künstler ausgewählt. Sie reflektierte in ihrer Eröffnungsrede eine wahrgenommene unheilvolle Zeit teils poetisch mit Voltaires Aufforderung, endlich einen Garten zu bestellen, teils großartig-zynisch mit Sartre: Wir sind verurteilt, frei zu sein! Mit einer Absage an jegliche Ideologien verband sie die Lebensklugheit, dass der Mensch nicht definier- und berechenbar sei.
Fast Forward-Kuratorin Charlotte Orti von Havranek © Sebastian Hoppe
Dem Anspruch solch hehrer Postulate wurden freilich nicht alle nominierten Inszenierungen gerecht. Es gab sogar richtige Ausreißer in Richtung Spaßgesellschaft. Diese vorerst letzte Festivalausgabe erging sich jedenfalls nicht in Endzeitstimmung: Spaß konnte man sogar bei Kleists "Kohlhaas" im Dressurgeviert haben, der die Zentralfrage nach Selbstjustiz völlig aussparte. Die drei Darstellerinnen streiten sich darüber, wie Kleists Novelle um den Betrug des Junkers von Tronka am Pferdehändler zu inszenieren sei und wer die Hauptrolle spielen dürfe. Sie machen es zu einer Show mit allerlei Mätzchen. Nach eineinhalb Stunden schwören sie sich ewige, allerdings bald verratene Treue, pfeifen auf die Mühsal, ob der Arroganz und Ignoranz des Junkers irgendwie zu Recht zu gelangen, und machen lieber einen queerfeministischen Pferdehof auf.
Keine Trends, sondern die ganze Bandbreite
Die größte Tauchtiefe in unterhaltsame Geschmacklosigkeit lotete der italienische Beitrag "Die größte Tragödie der Menschheit" aus. Eine weltgeschichtliche Pleiten-, Pech- und Pannen-Show im K.O.-Verfahren. Treten anfangs noch ein persönlicher Durchfall-Anfall gegen die Zertrümmerung einer Michelangelo-Statue im Petersdom an, "siegt" am Ende die Ausrottung der amerikanischen Urbevölkerung über deutsche Kolonialverbrechen in Afrika. Wenn es als Parodie auf penetrante Rankings in einer sich permanent im Kampfmodus befindlichen Gesellschaft gemeint gewesen sein soll, wird das doch nirgends mit einem Break angedeutet.
Das Gegenteil von reißerisch: Das Gewinnerstück der Jugend-Jury "Last Portrait" © Ardy Cahyo
Wiederholt betonte Kuratorin Charlotte Orti, Fast Forward wolle "nicht vordergründig Trends aufspüren", sondern eine "Bandbreite verschiedenster Theaterformen abbilden". Entsprechend folgte sie in ihrer Stückauswahl auch keinen Konzepten oder Mustern. Zwei Linien zogen sich aber doch durch diesen Jahrgang. Theater auf dem Theater lautete eine, die andere ließe sich mit dem Prinzen-Song "Es ist alles nur geklaut" beschreiben. Die Stoffe waren alle schon mal da, auch die Großen benutzen nur alte Geschichten, so die These.
Schon der Auftaktdonnerstag bescherte mit "Bidibibodibiboo" eine italienische Inszenierung über eine geplante Inszenierung. Theatermacher Daniele, der anders als sein Bruder Pietro künstlerischen Ambitionen treu geblieben ist, will ein Stück schreiben über die entfremdete, krankmachende Arbeitswelt, angefüttert mit den Erfahrungen seines gequält im Ausbeutungsverhältnis ausharrenden Bruders. Das Tabuthema scheitert an den Differenzen der Brüder, weniger an der ausufernden Länge des Werkes und schon gar nicht an vielen gelungenen situationskomischen Einfällen.
Gewinner "Steal this performance": Theatertheoretisches Effektfeuerwerk
Beide diesjährigen Trends trafen sich im finnischen Beitrag "Steal this performance". Völlig zu Recht sprach die Jury bei der Preisverleihung am Sonntag dieser Soloperformance den Hauptpreis zu und würdigte das "ästhetische Feuerwerk" und den vor Esprit strotzenden kundigen Umgang mit Theatergeschichte. Nicht weniger beeindruckten Aufwand und Technik etwa mit sich plötzlich im Raum bewegenden, "lebenden" Waschmaschinen, auf denen man auch noch reiten kann, oder mit einem Klang-Licht-Nebel-Rausch zum Schluss des Stücks.
Szenenfoto aus "Steal this performance" © Jere J. Aalto
Pauli Patinen spielt seine Kernthese "Die Kunstgeschichte ist eine Geschichte des Plagiats" süffisant auf einer Erst- und Zweitbühnenkonstruktion aus. "Wenn wir keine Ideen stehlen dürfen, woher sollen sie dann kommen", ätzt er und muss sich bald darauf mit seinem eigenen Doppelgänger auseinandersetzen. Er stellt drei Haupttrends im europäischen Theater fest: Erlebniskunst, Darstellungskunst mit einem Seitenhieb auf Brechtsche Verfremdungsthesen, drittens eine modernistische Fokusverschiebung. "Wenn das Publikum etwas zu verstehen scheint, ist man dem System untreu geworden", piekt er mit einem Dolch auf das "System Selbstinszenierung" ein und bekennt: "Ich hasse Theater!"
Publikumspreis an slowenische Liebesgeschichte "Boško & Admira"
Das werden jene vielleicht 200 Besucher nicht sagen, die im Festspielhaus Hellerau einem Flashmob, einem interaktiven Spektakel beitanzten. Die Französin Nolwenn Peterschmitt vollzieht einen aus dem Jahr 1518 überlieferten Veitstanz in Strasbourg nach, eine tagelange Massenhypnose. Bald kann man die Animateure ihrer Gruppe nicht mehr vom Publikum unterscheiden. Im zweiten Teil folgt eine Art Hexenritual, aber völlig gewaltfrei, von befreiender Wirkung.
Den Publikumspreis bekam der slowenische Beitrag "Boško & Admira" © Dorian Šilec Petek
Das Publikum folgte per Abstimmungszettel der emotional stärksten Inszenierung des Festivaljahrgangs aus Slowenien. "Boško & Admira" setzt einem als "Romeo und Julia von Sarajevo" bekannt gewordenen Liebespaar christlicher und muslimischer Herkunft im serbisch-bosnischen Krieg 1993 ein Denkmal. Auf der Vrbanja-Brücke wurden sie beim Versuch, wegen angeblicher Spionagevorwürfe zu fliehen, von Scharfschützen erschossen. Es ist die fünfte Regiearbeit der 28-jährigen Živa Bizovičar. Detailliert recherchiertes Dokutheater, das sich zu einer erschütternden Anklage gegen die verbrecherischen Folgen von Kriegen steigert. Asche und Erde, mit einem Transporter auf die Probebühne des Staatsschauspiels gekarrt, beherrschen die Bühne.
Angesichts der weit gespreizten Programmmischung überraschte der von der Jugendjury vergebene Preis. Die Schüler bekannten sich angesichts einer "Welt unter Beschuss" zu ihrer Sehnsucht nach "radikaler Zärtlichkeit" und "liebevoller Ruhe". Dem entsprach die sehr intime, über Generationenverhältnisse, das Altern und die Endlichkeit des Lebens sinnierende niederländische Zweierperformance "Last Portrait" von Ashley Ho und Domenik Naue. Das Paar bewegt sich völlig entschleunigt in einer Art Familienmuseum, zitiert Dokumente und Korrespondenzen mit Eltern und Großeltern, übt behutsam die gegenseitige Pflege im Alter.
"Ich hab mich so an Dich gewöhnt", ließe sich zu diesem 15. Jahrgang melancholisieren, bei dem niemand zum Abschied leise Servus sagte. Die Karten waren vielleicht auch wegen des drohenden Verlustes noch ausverkaufter als sonst bei einem Altersdurchschnitt der Besucher von gefühlt U30. Was auch an den zahlreichen Gästen und Studierenden aus dem gesamten deutschsprachigen Raum liegt. Auf den Fluren der vier Spielstätten sprach man Englisch. Die Stelle von Kuratorin Charlotte Orti von Havranek soll erhalten bleiben, falls Deutschland und Sachsen doch wieder in Wirtschaftswunderzeiten zurückfallen. Oder das Festival findet "irgendwo in Europa" eine neue Heimat, wie der Staatsschauspiel-Intendant Joachim Klement orakelte.
Fast Forward 2025
15. Festival für junge europäische Regie
13.-16. November 2025
Mit Arbeiten von Francesco Alberici, Pauli Patinen, Jacopo Giacomoni, Nolwenn Peterschmidt, Merle Zurawski, Živa Bizovičar, Ashley Ho & Domenik Naue und Aleksandr Kapeliush.
Auswahl kuratiert von Charlotte Orti von Havranek
www.fastforw.art
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