Die zweieinhalb Leben des Heinrich Walter Nichts - Lukas Linders philosophische Märchenparabel von Alexandra Wilke in Leipzig uraufgeführt
Größte Null von allen
von Tobias Prüwer
Leipzig, 27. November 2014. "Wozu 'der Mensch' da ist, soll uns gar nicht kümmern: aber wozu du da bist, das frage dich", mahnte Friedrich Nietzsche, "und wenn du es nicht erfahren kannst, nun so stecke dir selber ... hohe und edle Ziele und gehe an ihnen zu Grunde!" Wieso mit Nietzsche beginnen? Weil der Philosoph mit dem Hammer allzeit durch diese Uraufführung scheint. Regisseurin Alexandra Wilke legt mit "Die zweieinhalb Leben des Heinrich Walter Nichts" in Leipzig einen Abend über Moral, das Leiden an den Mitmenschen und Selbstüberwindung vor – drei große Themen des Schnauzbartphilosophen.
Wahrscheinlich Wahn
Noch mal Nietzsche: "Ich weiß keinen besseren Lebenszweck als am Großen und Unmöglichen zu Grunde zu gehen." Lukas Linders Stück wird als "Märchen" angekündigt – etwas unglücklich zur jahresendzeitlichen Märchenfülle in den Theatern dieser Stadt –, ist aber eher als Parabel verständlich. Im Zentrum steht Heinrich Walter, der in drei Daseinsformen auftritt: Als soziophob-schüchterner Junge, als schwächlich-scheiternder Boxer und sich schemenhaft andeutende Bauchrednerpuppe. Als sein besorgter Vater, ein Autor von Moralschriften, ein paar Kinder als Spielgefährten für den Sohn nach Hause einlädt, rückt dieser einem Mädchen mit der Säge zu Leibe. Heinrich wollte nur einen Zaubertrick zeigen, verletzt es aber schwer. In der Psychiatrie schließt er einen Pakt mit sich selbst, neu anzufangen.
Als untalentierter Boxer taucht er so wieder auf, der ob seines zu Klump geschlagenen Körpers den Plan fasst, zur größten Null von allen aufzusteigen – um zu Nichts zu werden. Dabei begleitet ihn die ominöse Figur des Zauberers Zacharias, nicht Zaratustra, als seinen Fixpunkt und fixe Idee, der ihn auch als Manager in den Ring schickt und mit Einflüsterungen versorgt. Und die nicht weniger undurchsichtige Dora Diamant bringt kurz Heinrichs liebestolle Augen zum Funkeln, bevor sie sich wieder verflüchtigt. Verschwinden und die Verflüssigung von Wahrheit und realem Leben bilden einen roten Faden durch die surrealen Momente der Geschichte.
Verrätseltes Kopfkino
"Wir selber wollen unsere Experimente und Versuchs-Thiere sein" (Nietzsche): Ob Heinrich wirklich im Selbstentwurf ein neues Leben beginnt, ob das nur eine in der Fantasie ausgemalte Kopfgeburt ist, komatöser Traum eines geschlagenen Boxers oder in Schizophrenie gründet, ist nicht auszumachen, auch wenn Wahn wahrscheinlicher ist. Diese Uneindeutigkeit begründet zum Teil den Reiz des Stoffes. Wilke entwirft ein sehenswertes, leicht verrätseltes Kopfkino, das die Ebenen vermischt. Das gelingt einerseits aufgrund der durchdachten Bühne. Vorn grenzt diese eine Art Laufsteg ab, in dessen Mitte eine Drehscheibe eingelassen ist. Dieser offene Bereich ist mal Boxring, dann Sportler- und Künstlergarderobe, einmal zirkelt Dora wie die Ballerina einer Spieluhr. Im Hintergrund sind in Kopfhöhe zwei eigenständige kleinere Guckkastenbühnen eingelassen: Die gute Stube des kleinen Heinrich und ein Funktionsraum, der vom Büro bis Spitalwarteraum mehrfach genutzt wird. Das ermöglicht ein räumlich mehrperspektivisches und abwechslungsreiches Spiel, welches die Darsteller auch gut erfüllen.
Der junge und der ältere Heinrich werden von zwei Schauspielern gegeben, die auch mal gleichzeitig zu sehen sind. Dadurch verschwimmt die Zeit, es wird wie in Schleifen erzählt. Während alle Schauspieler in ihren stets hübsch überzeichneten Rollen überzeugen, fallen zwei von ihnen besonders auf. Tilo Krügel gibt als sittenstrenger wie weltfremder Apostel des Guten eine derart komische Persiflage ab, die Nietzsche in seiner Auseinandersetzung mit den englischen Moraltheoretikern nicht besser hätte zeichnen können. Heinrichs Amour fou spielt Daniela Keckeis als nonchalanter Vamp mit einer treffsicheren unbekümmert frivolen Stimmlage, die aus Klimbim entlehnt sein könnte. Das Ensemble unterhält gut, Linders Text überzeugt gerade auch in seinen resignativen Zügen und Pseudoweisheiten: "Das Leben ist ein Boxring. Wir hängen in den Seilen und warten darauf, dass jemand das Handtuch für uns wirft."
Distanz für Lacher
Wenn Heinrich nach zweieinhalb Leben zugrunde geht und er als sprechende Nase schlussendlich mit dem Licht verlöscht, enden beschaulich-vergnügliche hundert Minuten. Der Stoff birgt das Spiel um existentialische Motive, allerdings dringt die Inszenierung nicht zu dieser Ebene durch. Das liegt vor allem an den Überzeichnungen, die Distanz für Lacher einräumen. In dieser Funktion hebeln sie aber zugleich alle Unmittelbarkeit aus. Emotional geht die Inszenierung die Zuschauer nicht an. Weder graut's einem vorm Heinrich noch springt das Mitgefühl über. Zum finalen Applaus bleibt vom Abend dann doch nicht viel, um nicht zu sagen: nichts übrig. Nur Leere nach dem Schluss.
Die zweieinhalb Leben des Heinrich Walter Nichts
Märchen von Lukas Linder
Uraufführung
Regie: Alexandra Wilke Bühne & Kostüme: Thomas Weinhold Dramaturgie: Julia Figdor
Licht: Ralf Riechert.
Mit: Ulrich Brandhoff, Daniela Keckeis, Tilo Krügel, Markus Lerch, Brian Völkner.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.schauspiel-leipzig.de
In der Leipziger Volkszeitung (29.11.2014) schreibt Dimo Riess, die Regisseurin Alexandra Wilke verzahne geschickt Zeitebenen, was vor allem die raffinierte Bühne von Thomas Weinhold ermögliche. Allerdings berühre das Schicksal der Hauptfigur nicht. "Was an der bewusst eindimensionalen Anlage der Charaktere liegen mag. Präzise – aber mehr Schablonen eines Lehrstücks (...). Und an halbwitzigen Einschüben wie der klischeehaften Debatte über Pädagogik, die fast ins Volkstheaterhafte abdriftet." Trotzdem finde man "unter dem Mantel der Verschrobenheit eine überraschend vielschichtige Annäherung an Fragen um Identität und Selbstbestimmung, Moral und Manipulation".
"Diese Ereignisse im Leben des jungen Walter und des erwachsenen Heinrich montiert Regisseurin Alexandra Wilke zu wunderbar verwobenen Bildern, die mal minimalistisch, mal surreal, mal verspielt, stets aber flüssig und mit perfektem Timing verwoben wurden", fasst Michael Chlebusch auf der Website von Die deutsche Bühne (1.12.2014) den Abend zusammen. "Am Ende ist man halt der, der man geworden ist", sage Heinrich Walter Nichts gar nicht mehr so märchenhaft. "Das gilt für das Stück wie für das Leben. Denn es gibt keinen großen Stoff, keine tiefe Moral dahinter. Nur dieses wehmütige Gefühl, dass es irgendwie wichtig war, dabei gewesen zu sein."
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nachtkritikvorschau
Das war leider gar nichts, löste große Wut in mir aus und ist ein wunderbares Paradespiel für all jene, die sagen, dass Theater immer nur Kunst um der Kunst willen macht ... Subventionen kürzen für solch nicht relevanten Kram.
Aber: Vielleicht wird ja bald das große Theater in Frankfurt oder Dresden mit Ihnen besetzt. Dann machen Sies einfach anders und besser. Oder sie werden einer der neu entdeckten Autoren am BE! Viel Glück.
(Sehr geehrte Diskutant/innen, der Drift in pauschale Bestandsaufnahmen, Verdächtigungen und Beschuldigungen ist im Kontext Leipziger Schauspiel/Centraltheater schon häufiger zu beobachten gewesen. Der grüne Zweig ward nie gefunden, eher nur die Diskursverhinderungsspirale. Wir möchten Sie im Dienste der konkreten Diskussion bitten, wieder zur Auseinandersetzung über das hier rezensierte Stück zurückzufinden. Mit freundlichen Grüßen aus der Redaktion, Christian Rakow)