Hotel Europa oder Der Antichrist - Antú Romero Nunes kreiert am Wiener Akademietheater ein Projekt zum Untergang des Abendlandes frei nach Joseph Roth
Die Liftboys fallen aus der Rolle
von Johannes Siegmund
Wien, 11. Dezember 2015. Es dauert zwar eine Stunde bis Antú Romero Nunes' Inszenierung im Akademietheater Fahrt aufnimmt, dafür dann aber so richtig. Bis dahin halten vier Liftboys in samtig lila Livrees Monologe von Joseph Roth. Joseph Roth hat zwei Gesichter: Es gibt den nüchternen, sachlichen Journalisten, der in knappen Sätzen und prägnanten Dialogen die Zwischenkriegszeit diagnostiziert und melancholisch der alten Doppelmonarchie Österreich-Ungarn hinterher trauert. Es gibt aber auch den apokalyptischen Roth des genialisch geschriebenen "Antichristen", der à la Nietzsche oder Spengler den Untergang des Abendlandes proklamiert.
Mein Kühlraum - In Linz inszeniert Gerhard Willert das Supermarktstück von Joël Pommerat
Die Abschaffung des Inneren
von Reinhard Kriechbaum
Linz, 5. Dezember 2015. "Arbeit ist heutzutage ein Privileg. Ein Privileg will verdient sein. Das ist Demokratie." So denkt Blocq, der Chef, der von allen als der große Brutalo wahrgenommen wird. "Es sind die Ideen in seinem Kopf, die schlecht sind, nicht er." So tickt Estelle, die noch beim Putzen des WC von den Sternen träumt und nicht eine Sekunde zaudert, wenn sie irgendjemandem Gutes tun zu können glaubt. Aber: Ist nicht womöglich diese Gutmenschin aus fanatischer Leidenschaft eigentlich die allerärgste aller vorstellbaren Gesinnungstyrannen? Mit dieser Ambivalenz spielt Joël Pommerat, wie überhaupt er in seinem Stück "Mein Kühlraum", das in Linz seine österreichische Erstaufführung erlebt, eine Menschengruppe aufstellt, die man charakterlich nicht so leicht zuordnet.
Der eingebildete Kranke – Herbert Fritsch läßt es mit Molière am Wiener Burgtheater aus den Eingeweiden des Theaters pupsen
Lassen sie mich durch. Ich bin Schauspieler!
von Theresa Luise Gindlstrasser
Wien, 5. Dezember 2015. Mit dem Hammer inszenieren, das kann Herbert Fritsch. Friedrich Nietzsche wollte mit dem Hammer ja bloß philosophieren, wie es im Untertitel der "Götzen-Dämmerung" aus 1889 heißt. Beziehungsweise, wollte diesen Hammer als Stimmgabel ansetzen, auf dass die ewigen Götzen "jenen berühmten hohlen Ton" von sich geben, "der von geblähten Eingeweiden redet". Ähnlich problematische Eingeweide hat auch "Der eingebildete Kranke" von Molière und verspricht sich von den Götzen in Weiß lauter aufregende Kuren. Am Burgtheater wurde die Komödie aus 1673 von Herbert Fritsch à la Fritsch mit dem Hammer inszeniert. Also als bunte Röntgen-Party im Plastik-Rokoko-Outfit.
Zu ebener Erde und erster Stock - Susanne Lietzows bunte Nestroy-Inszenierung am Volkstheater Wien
Raspeln am gesellschaftlichen Zusammenhalt
von Johannes Siegmund
Wien, 22. November 2015. Am Höhepunkt des Abends hält der Diener Johann die Hasspredigt des verängstigten Wutbürgers und raspelt mit seiner Gesangsstimme am gesellschaftlichen Zusammenhalt herum. Das aggressive Alphabet des rechten Jargons wird unabgeschwächt ins Publikum geätzt. Von "Aufräumen der Gesellschaft" über "Lügenpresse" und "Sozialschmarotzer" bis "Volksverräter" wird in Couplets gereimt: "und die Freunde des Islam? – nach Pakistan." Mit dem Liedtext des Kolumnisten Hans Rauschers blitzt auf, was eine realistische Posse kann. In diesem Lied ist die Inszenierung von Susanne Lietzow so bissig und provokant, wie es Nestroys "Zu ebener Erd und erster Stock" zur Uraufführung 1835 vermutlich war.
Regie: Pedro Martins Beja
Regie: Jan-Christoph Gockel
Regie: Anna Badora
Regie: Julian Crouch
Regie: Florentina Holzinger, Vincent Riebeek
Regie: Rudolf Frey
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