Lieber mit dem Algorithmus kuscheln

23. Februar 2025. Am Abend vor der Bundestagswahl in Deutschland macht Bonn Park in Zürich aus "Romeo & Julia" ein Braun gegen Pink – bei dem alle ihr Fett wegbekommen. Schießt eine Lachsalve mitten in die Demokratiekrise. Ein Polit-Possenspiel. Mit ganz viel Amore.

Von Leonard Haverkamp

"Romeo & Julia" von Bonn Park nach Shakespeare am Schauspielhaus Zürich © Thomas Rabsch

23. Februar 2025. Geschlossene Vorhänge kommen wieder in Mode, you have heart it here first. Davor gebühren die ersten (wie auch später die letzten) Worte den Zürcher Schauspielstudierenden (nicht die erste Zusammenarbeit seit Ulrich Khuon): dem Chor – zunächst sind es Terrorist*innen, dann Zollbeamt*innen, später Geister. Ein paar unheilverkündende Worte – dann stecken sie die beiden Häuser in Brand, die der Vorhang freigibt.

Rotes Flackern hinter den Fenstern der Puppenhausfassade treibt dann schnell die beiden Liebenden auf die sich fast küssenden, einander zugewandten Balkone. Überrascht, sich zu sehen, scheinen Maximilian Reicherts Romeo und Kathrin Angerers Julia, auch Giulietta, nicht, als sie mit Feuerlöschern bewaffnet zu singen beginnen. Das liegt auch an Bonn Parks Meta-Klassiker-Zugriff, mit dem das Stück von "Bonn & William" sich zum so oft gespielten Original verhält. Doch dazu später mehr.

Romeo klaut Julia

Capulets und Montagues – Braun und Rosa. Architektonisch wie aus einem Ei ist es die Inneneinrichtung, die die Feindschaft markiert (Bühne: Jana Wassong). Links, bei Capulets, so viel Braun, dagegen scheint Rembrandts Farbpalette karnevalesk. Bei Montagues dagegen Babyblau und Pastellrosa. Die Wände zieren hier Kronleuchter. Und hie wie da hängen Maschinengewehre. Wer aber glaubt, Park und Team ergriffen Partei, irrt. Vielmehr ist es bei dieser Farbgebung fast schon erschreckend, wie relativistisch der Kampf der ewig verfeindeten Häuser auf die politischen Verhältnisse anspielt.

Klar: Im Unrecht, Schuld sind immer die anderen, die Fakenews verbreiten und einfach "böse" und "nicht mehr in Ordnung" sind. Passend tragen immer wieder beide Parteien mit alternativen Zeitungs-Titelseiten auf die Bühne, die den Feind diffamieren: Romeo klaut Julia, Julia entführt Romeo. Eine Kritik am Linkspopulismus einer Wagenknechtpartei? Die im Grunde auch nicht besser ist als eine AfD mit ihren ewigen Verdrehungen? Vielleicht.

Lauter Instagram-Demokrat*innen 

Indiz dafür wären auch Laura Kirsts Kostüme, bei denen, wer rosa trägt, auch mit braun durchzogen ist und umgekehrt. Im Grunde scheint es aber um mehr zu gehen. Denn ihr Fett bekommen nicht nur die Regierenden, also die Hausoberhäupter (Anita Sophia Somogyi als Signora Presidente Montague und Michael Neuenschwander als Signor Governantore Capulet) weg. Mitschuld scheint genauso eine Julia, die lieber mit dem Algorithmus kuschelt, sich essen bestellt und von Weltschmerz dissoziiert scheint. Und auch ein Romeo, der schnelle Autos, Musicals und gutes Essen mag. Die beide von der Politik ihrer Eltern nichts wissen wollen. Und sich vor allem in ihrer determinierten Gleichgültigkeit die Hand reichen. Auch der Chor scheint mitschuldig, wenn er auf das einstimmig vorgetragene, das Herz der Gegenseite sei lügenförmig, nur in einem Singsang aus "Jubel!" und "Buh!" zu antworten weiß, und dabei an Instagram-Demokrat*innen erinnert, die zwischen Shoutouts und Outcalls das Diskutieren verlernen.

Braun gegen Pink: Auf der Bühne von Jana Wassong in Kostümen von Laura Kirst © Thomas Rabsch 

Bonn Parks Klassikerüberschreibung bringt die Story von R & J, die ja ohnehin alle kennen, in die Gegenwart. Und kommentiert dies zugleich. Reichert und Angerer zeigen sich hingebungsvoll zur Liebe verdammt und sich dessen voll bewusst: "Ah si na klar, du bist mein Nachbar, unsere Familien hassen sich und wünschen sich den Tod" – "Ja. Scusi". Anders als so oft sieht man hier aber kein gelangweiltes Über-den-Klassiker-hinwegspielen. Langweile kann ohnehin nicht aufkommen, dafür ist dieser Abend zu lustig. Das Polit-Possenspiel und Klassiker-Kommentar-kommentieren ist mit einer ordentlichen Portion Gegenwartspointen gewürzt.

"Ich habe keinen Wahlkampf mehr in mir"

Allen voran Gottfried Breitfuss, der als "Padre Amme" immer wieder die Seiten wechselt und bei seinem ersten Monolog in Puffmutter-Outfit wenige Sätze ohne Publikumslacher sprechen kann. Oder Vöglers Mercutio Montague, der sein Paket an der Piazza abholen muss, weil die DHL ihn nicht antreffen konnte, obwohl er doch den ganzen Tag zu Hause war. Schlimmer als die DHL ist nur "die Eisenbahn", weiss Somogyis Signora Pressidente – wegen der Romeo Verspätung hat, ist klar. Hinter anfänglichen Relativierungsvermutungen tun sich dann auch interessante Beobachtungen zum politischen Geschehen auf, wie wenn man sich fragt, wer denn eigentlich diese Geister sind, die die müden Regenten – "Ich habe keinen Wahlkampf mehr in mir" – doch wieder zum extremsten Mittel, der Verbannung des anderen Hauses Kind, treiben.

Lacher in schweren Zeiten

Es ist dann doch einiges an Sprechtheater in der Italo-Disco-Oper, die sich in ihren Lied-Texten im Grunde selber auf die Schippe nimmt – verfasst im Italienisch eines A2-Kurses, indem gefühlt jedes dritte Wort Amore heißt. Auch werden nicht unbedingt alle Töne getroffen – dafür aber immer wieder das Herz. To be fair, hieß es am Pressetisch zudem, Romeo und Julia hätten eine leichte Grippe. Allerdings wirkte das nicht ungewollt, ästhetisch mehr rührend-cringes Karaoke als Well-Made-Musical. Einzig Lukas Vögler lässt zu Beginn mal kurz Operngesang aufflackern. Um so seriöser die drei Live-Musiker im "Graben" unterhalb der Bühne (Andreas Achermann, Moritz Vontobel, Luca Burkhalter).

Bonn Park und sein Team lösen ein, was sonst immer alle behaupten: Was da gerade (politisch) passiert, muss man eigentlich nur aufschreiben und auf die Bühne bringen! Ein Abend, der in schweren Zeiten für Lacher sorgt. 

Romeo & Julia
eine Italo-Disco-Oper von Bonn Park und Ben Roessler nach William Shakespeare
Regie: Bonn Park, Bühne: Jana Wassong, Kostüme: Laura Kirst, Licht: Christoph Kunz, Dramaturgie: Anika Steinhoff, Musik: Ben Roessler, Live-Musik: Andreas Achermann, Moritz Vontobel.
Mit: Maximilian Reichert, Kathrin Angerer, Anita Sophia Somogyi, Michael Neuenschwander, Lukas Vögler, Tabita Johannes, Gottfried Breitfuss. Chor: Martha Benedict, Hanna Donald, Ayhan Eranil, Clemens von Gagern, Florian Gamillscheg, Malin Lais, Alice Shchutska, Agnes Stecher.
Premiere am 22. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause.

www.schauspielhaus.ch

Kritikenrundschau

Die aktualisierte Handlung dieser Shakespeare-Bearbeitung wirke schal im Vergleich mit der komplexen Wirklichkeit, schreibt Ueli Bernays in der Neuen Zürcher Zeitung (24.2.2025). Durch Kürzungen werde die erzählerische Logik der Shakespeare-Handlung strapaziert. Auf der musikalischen Ebene verliere Ben Roessler sich in einem seichten Italo-Einerlei. "Seinen Parodien fehlt es an Prägnanz, Schmelz und Kitsch." Ein bisschen gelobt wird dann aber doch noch: das Kostümbild von Laura Kirst, und Kathrin Angerer als Julia, die für den Höhepunkt des Abends sorge: "In den plätschernden, banalen Dialogen mit Romeo, die an die ironische Liebelei zwischen Ken und Barbie in Greta Gerwigs Filmkomödie gemahnen, wächst sie aus dem Rahmen der Erzählung heraus. Gelassen und gelangweilt, wirkt das frühreife Püppchen wie die Symbolfigur einer Generation, die schon vieles weiss und nur noch wenig will."

"Dieser mitunter sehr lustige Abend macht die Welt auch nicht rosiger, als sie ist. Aber Bonn Park schafft es mit der Verquickung aus scharfer Analyse, comichafter Überzeichnung und einer guten Portion Italo-Romantik, dass man am Ende ein wenig vergnügter in die Welt blickt", schreibt hingegen Isabel Hemmel im Tagesanzeiger (24.2.2025).

"Der Regisseur und Dramatiker Bonn Park überschreibt in Zürich Shakespeares Romeo und Julia mit Ironie, auch Selbstironie, mit klarem Blick auf die Gegenwart - und viel Amore", sagt Andreas Klaeui im SRF (24.2.2025). "In diesem Romeo und Julia spiegelt sich eine Gesellschaft, die das Argumentieren verlernt hat und die zwischen Fake News und Fakten nicht mehr unterscheidet." 

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