... oder kann das weg?

13. November 2024. Am Mittwoch wurde in Berlin gegen die angekündigten Kürzungen in der Kultur demonstriert. Zehn Prozent sollen gespart werden, über alle Kunstformen und Institutionen hinweg. Gute Idee? Ein Kommentar.

Von Janis El-Bira

Protestaktion des Bündnisses #BerlinIstKultur © cie. toula limnaios

12. November 2024. Das Sparen hat in Berlin keine Tradition. Natürlich: Immer mal wieder gab es schmerzliche Einschnitte, Schließungen und abgebrochene Projekte. Kulturorte verschwanden, fusionierten mit anderen oder wurden so umstrukturiert, dass ihr Ursprüngliches kaum mehr zu erkennen war. Insgesamt jedoch lebt die Kunst in der Hauptstadt gewohnheitsmäßig auf sehr großem Fuß. Rund eine Milliarde Euro lässt man sich die öffentliche Kultur hier aktuell kosten. Zum Vergleich: Im schicken Hamburg sind es nach einer saftigen Erhöhung rund 460 Millionen und in Wien, beides wahrlich keine Städte mit kultureller Unterversorgung, lag der Etat 2023 bei knapp 300 Millionen Euro. Berlin, das legen diese Zahlen nahe, spielt in Sachen Kulturausgaben nicht bloß in der Champions League, sondern ist quasi deren Real Madrid – einfach galaktisch.

Nach dem Rasenmäherprinzip

Selbstverständlich hat das auch historische Gründe. Eine Stadt, die einst zweigeteilt war, bringt zwangsläufig in der Kulturlandschaft Dopplungen hervor. Alles – die Opernhäuser, Theater, Museen, Sinfonieorchester, öffentlich geförderte Kinos, Festivals, die unzähligen Orte der Freien Szene und ihre Akteur*innen – gibt es hier mindestens zweimal, dreimal, viermal. Darüber kann man den Kopf schütteln, aber das kolossale Überangebot war immer ein Teil der irren Erfahrung, in dieser Stadt zu leben. Wahnsinn, was hier alles geht. Abend für Abend.

Allerdings wie lange noch, das steht dieser Tage mehr als wohl je zuvor in Frage. Seit Monaten geht das Gespenst eines zehnprozentigen Einspardiktats nach dem „Rasenmäherprinzip“ um. Von möglichen Schließungen ganzer Institutionen ist die Rede, deren operatives Budget in der Regel einem riesigen Berg an Fixkosten gegenübersteht. Wer daran glaubt, dass es wirklich und schon ab 1. Januar 2025 zu den angekündigten Kürzungen kommen wird, müsste bei einer seriösen Personalpolitik streng genommen schon im Oktober die ersten Kündigungen ausgesprochen haben. Ja, es ist so ernst.

An der Nadel privater Geldspritzen

Neben lautem Protest, vor allem aus den Reihen der Kultur, traten praktisch zeitgleich mit Veröffentlichung der Kürzungspläne die ersten hämischen Kommentare mit sozialdarwinistischem Unterton auf den Plan: Jetzt, so behaupten sie, sei also endlich die Zeit gekommen, in der die am Futtertrog der öffentlichen Hand rundgefressene Kultur sich beweisen müsse. Nun werde sich zeigen, ob ihr Programm wirklich zu „den Menschen“ spreche, wenn es mit jeder nicht verkauften Eintrittskarte ums Überleben gehe.

Wohin dieses neoliberale Denken führt, lässt sich leicht an der Situation in anderen Ländern erkennen. Dort, wo die Tickets teuer sind und die Kunst an der Nadel privater Geldspritzen hängt. Wer zahlt, bestimmt auch die Musik. Nicht immer muss das Ergebnis langweilig sein. Mit anderen Nöten, anderem Geld kommen oft genug andere Impulse ins Spiel, die auch unsere Kulturszene dringend nötig hätte. Aber ich würde die Theaterlandschaft Berlins trotzdem nicht tauschen wollen gegen die in London oder New York.

Angebote für friedliche Koexistenz

Ja, Kultur ist teuer. In einer Stadt wie Berlin sogar verdammt teuer. Aber man leistet sie sich nicht umsonst. Wo sonst ließen sich in unserer Gesellschaft noch vergleichbare, friedliche Erfahrungen von Alterität sammeln? Nicht deshalb, weil hier gegebenenfalls kulturell wie sozial sehr unterschiedlich aufgestellte Menschen im Publikum zusammenkommen (daran, tatsächlich, besteht noch immer erheblicher Nachholbedarf), sondern weil wir in einer ohne Eigeninteresse finanzierten Kultur konfrontiert werden mit der Pluralität des Lebens und dem Reichtum künstlerischer Formen. Mit Experimenten, Zumutungen, mit dem Zwang zum Selbstdenken und ruhig auch mal mit dummem Zeug. Nur hier ist Scheitern nicht existenzgefährdend, nur hier gilt noch die Absprache, dass wir miteinander nicht einverstanden sein, uns aber sehr wohl aushalten müssen. In der Kunst lernen wir als Gesellschaft, einander zu ertragen. Dahin fließt das Geld.

Niemand würde erwarten, dass die allgemeinen Sparzwänge an der Kultur vorbeigingen. Das wäre schlicht nicht gerecht. Aber man sollte sich das Wieviel und vor allem das Wie schon sehr genau überlegen. Wer Kulturorte jetzt planlos ins Aus treibt, sagt nicht allein Ausstellungen, Konzerte oder den x-ten „Hamlet“ ab, sondern schließt Schulen menschlicher Ausdifferenzierung. Selten gab es dafür einen schlechteren Zeitpunkt.

Kommentare  
Kommentar Kultur-Kürzungen: London und New York
Mich verwundert in dem Artikel ein wenig die Überheblichkeit gegenüber der Theater- und Kulturszene in London und New York. Wie viele Jahre hat der Autor denn in den jeweiligen Städten gelebt oder im dortigen Kulturbereich gearbeitet, um sich dieses pauschale Urteil erlauben zu können?
Mir erschließt sich auch nicht ganz die Argumentation, dass eben die Historie einen mehr als doppelt so hohen Betrag (im Vergleich zu Hamburg) oder dreimal so hohen (im Vergleich zu Wien) rechtfertigt. Das beschreibt einen historischen Ist-Zustand, begründet aber nicht ein Weiterbestehen in der Gegenwart oder eine Notwenigkeit für die Zukunft. Die Wiedervereinigung erfolgte nun mittlerweile vor fast 35 Jahren. Wahrlich genügend Zeit für eine dringend notwendige Veränderung der Strukturen und ein Überdenken der zahlreichen Doppelungen.
Oder polemisch formuliert: friedliche Erfahrungen der Alterität und der menschlichen Ausdifferenzierung lassen sich vermutlich auch in anderen deutschsprachigen Städten und sogar in anderen Ländern sammeln, wahrscheinlich sogar in London und New York. Nur eben nicht zu einem so irre hohen Preis wie in Berlin. In meiner zwar begrenzten Erfahrung sind weder Hamburg (habe 4 Jahre dort gelebt), noch Wien (3 Jahre), noch London (8 Jahre), noch New York (hier allerdings nur zwei Mal je 10 Tage zu Besuch gewesen) kulturelle Wüsten, in denen eine Konfrontation mit der Pluralität des Lebens und das Erleben des Reichtums künstlerischer Formen unmöglich wäre.
Kommentar Kulturkürzungen: Überlegungen und Fragen
Aus dem Kommentar

a) "Das Sparen in Berlin hat keine Tradition": Auch mit Menschen aus der Freien Szene - oder dem Kultursektor überhaupt - über die Jahre 1995 - 2005 gesprochen? Wir waren da ja noch jung und haben Siebenstein geschaut ... Also ich habe einiges von harten Kämpfen ums Überleben gehört, aber womöglich liegt das an meinen Gesprächspartner*innen? ...

b) "Insgesamt jedoch lebt die Kunst in der Hauptstadt gewohnheitsmäßig auf sehr großem Fuß."

Einwohner*innenzahl 2023 Wien: 1.982.097
Einwohner*innenzahl 2023 Hamburg: 1.892.122
Einwohner*innenzahl 2023 Berlin: 3.782.202

1 Milliarde € : 3.782.202 = 264,40 € pro Person (B)
460 Millionen € : 1.892.122 = 243,12 € pro Person (HH)
300 Millionen € : 1.982.097 = 151,36 € pro Person (W)

Mir fehlen jetzt Zahlen zu Real Madrid und anderen Fußballvereinen (seltsames Vergleichsfeld) ... aber irgendwie erscheint mir der Abstandsvergleich nicht adequat und tatsächlich nicht sonderlich groß - 20 € mehr pro Person bedeutet, dass ein*e Berliner*in sich ein Taschenbuch mehr kaufen konnte als ein*r Hamburger*in ... Als nächstes hätte ich dann gern noch eine Statistik, die die freischaffenden und auch die fest angestellten Kulturschaffenden aller dieser Städte dazu befragt, wie groß ihre Füße sich so anfühlen und wie viel jeden Monat so übrig bleibt. Wie viel Planungssicherheit ihr Konto so vermittelt. ...

c) "Niemand würde erwarten, dass die allgemeinen Sparzwänge an der Kultur vorbeigingen."
Also mir fällt mindestens eine Person sofort ein ... es ist die gleiche, die fragt, ob man in vielen anderen Bereichen - nicht nur monetärer Art - nicht viel effizienter, sinnvoller und vor allem deutlich weniger demokratiegefährdend sparen könnte.

Aus dem Kommentar zum Kommentar:

d)"Mich verwundert in dem Artikel ein wenig die Überheblichkeit gegenüber der Theater- und Kulturszene in London und New York. [...] In meiner zwar begrenzten Erfahrung sind weder Hamburg [...] noch London [...] noch New York [...] kulturelle Wüsten, in denen eine Konfrontation mit der Pluralität des Lebens und das Erleben des Reichtums künstlerischer Formen unmöglich wäre."
Ähhhm ... wo genau schreibt Janis El-Bira nochmal genau von "kulturellen Wüsten!?" und ... ähhhm ... was genau verstehen Sie denn unter "überheblich" ?

Und dann noch aus der beschriebenen Veranstaltung selbst:

e) Joe Chialo auf dem Redenspult: "Jede*r muss seinen Beitrag leisten" (obwohl, ehrlicher Weise wurde glaube ich kein Sternchen gesprochen...oder!? Ich erinnere mich nicht mehr so gut.) - in Ordnung. Können wir es dann bitte so angehen, dass in allen Bereichen und auf jedem geführten Konto einfach der gleiche Prozentsatz an Sparmaßnahmen angewandt wird? - Was für verrückt utopische Ideen da schon wieder in meinem Kopf herumspinnen. Als könnte man Äpfel mit Birnen vergleichen ... jaja ...

Und dann - auch wenn es hier nicht so richtig dazu gehört - oder eben irgendwie überall immerzu dazugehört: Ich zitiere die Antidiskriminierungsstelle des Bundes: "Und auch die Vereinten Nationen geben an, dass bis zu 1,7 Prozent der Bevölkerung mit intergeschlechtlichen Merkmalen zur Welt kommt." Das macht bei 84 669 000 Personen, die 2023 in Deutschland lebten 1.439.373 Personen, die - auf rein biologischer, physischer Ebene - nicht binär sind. ... Fehlen noch 400 000 und wir haben ein Hamburg voller nicht binärer Menschen ... so konkret kann das manchmal aussehen mit den "Befindlichkeiten" ... Ist übrigens bekannt, dass es mindestens bis in die 1980er Jahre hinein Usus war, uneindeutigen Geschlechts geborenen Säuglingen eine Neovagina 'hinzuoperieren', die dann bis ins Erwachsenenalter regelmäßig mit immer größer werdenden Metallstäben penetriert wurde, damit der Hautlappen - meist vollkommen gefühllos (was man ja sogar hoffen muss!!!) - mitwachsen konnte um später Penissen zur Penetration dienen zu können? ...
Entschuldigt, aber ich finde soetwas muss möglichst oft Erwähnung finden, damit mehr Menschen darum wissen.
Kommentar Kulturkürzungen: Andreas Kilb
Den mit Abstand besten Kommentar zu den Sparbeschlüssen der Kommunen im Kulturbereich stammt von Andreas Kilb heute in der FAZ. (...)
Kommentar Kulturkürzungen: New York/London
Zum ersten Kommentar:
natürlich sind jeweilige Städte keine KulturWüsten.
Es geht offensichtlich darum, dass in Deutschland alle Theaterhäuser großzügig subventioniert werden und es in vielen Bundesländern sogar kostenlose Theatertickets für Student*innen gibt und in vielen Städten kostet Theater unter 10 Euro für Studis. Es gibt Rabatte für u30-Menschen.
Am Broadway gehts los bei 70 Dollar mit Sichteinschränkung bis hin zu 300 $, es gibt keine Ermäßigungen für niemand. Ich finde das sehr bezeichnend. auch bei Onkel Vanya mit Andrew Scott gehts los bei 300$. Wir können zB am DT Berlin sehr berühmte Schauspieler*innen auf der Bühne bewundern für sehr wenig Geld. Da werden ja nicht die Preise hochgezogen, nur weil jemand berühmt ist.
Auch in London gibts keinen Rabatt für Student*innen. Überhaupt kosten Theatertickets in den jeweiligen Städten viel viel mehr Geld als in Deutschland. Auch für den Normalbürger gibt es oft in der billigsten Kategorie Tickets für unter 20 Euro im deutschsprachigen Raum. Das ist großartig!
Kommentar Kulturkürzungen: Zahlen verstehen
Hier steht, Wien hätte einen Kulturetat von 300 Mio. Das unterschlägt, dass in Österreich Kultur etwa zur Hälfte von den Ländern (wie eben Wien) und zur andern Hälfte vom Bund gefördert wird (der Schlüssel ist in Wirklichkeit komplexer als fifty-fifty: Bundestheater und Bundesmuseen, die meisten in Wien angesiedelt, werden bspw. ausschließlich vom Bund finanziert). Man muss die Summe ungefähr verdoppeln, damit Wien mit deutschen Städten vergleichbar wird - Berlin wird also bei der Pro-Kopf-Kultursubvention weit übertroffen.

Eine andere Verständnisfrage gilt der am 19.11. veröffentlichten "Sparliste" des Berliner Senats: Wissen alle, die sich dazu äußern, dass es sich um einen Doppelhaushalt handelt? Die aufgelisteten Zuschüsse wären also durch 2 dividieren, damit sie mit jenen in anderen Städten vergleichbar wären - und vergleichbar sind sie dann sehr wohl!

Solche Undeutlichkeiten können leider dazu führen, eine Überfinanzierung der Berliner Kultur belegen zu sollen bzw. geschieht das ja bereits - siehe Kommentare.
Kommentar Kulturkürzungen: Dank
Vielen Dank für den Beitrag!
Kommentar Kulturkürzungen: Beachte
Im Wiener Kulturetat sind die größten "Brocken" gar nicht enthalten.

Die Bundestheater (Staatsoper, Volksoper, Burgtheater) und die sieben Bundesmuseen, allesamt die größten Einrichtungen ihrer Art in Österreich, befinden sich allesamt in Wien und werden ausschließlich vom Bund getragen.

Die Basisabgeltung der Bundestheater beträgt rund 200 Mio EUR während die Basisabgeltung der Bundesmuseen inkl. Investitionsmittel rund 150 Mio beträgt.

Zu den 300 Mio sind daher 350 für die in Wien befindlichen Bundeseinrichtungen hinzuzuzählen.

Zusätzlich zahlt der Bund in gemeinsame Einrichtungen in Wien noch 50% sein. Macht noch mal 100 Mion (Weiß ich aber nicht so genau)

Wir kommen daher etwa auf eine Vergleichbare Zahl von rund 750 Mio öffentliche Kulturausgaben für bzw. in Wien.
Kommentar schreiben