Presseschau vom 4. März 2011 - Die sieben Lügen des politischen Theaters nach Georg Diez
Systemstabilisierend
4. März 2011. Georg Diez schreibt heute in seiner wöchentlichen Kolumne auf Spiegel Online über Michael Thalheimers Inszenierung von "Die Weber" im Deutschen Theater: Er findet, nach Betrachtung der Aufführung könne man "weder den Kapitalismus noch unsere Gegenwart besser verstehen". Dafür lerne man "die sieben Lügen des politischen Theaters" kennen.
"Erstens: Der Kapitalismus ist böse"
Die Weber seien ein "Elendsballett" aus "dem Museum", das "nichts mit heute zu tun hat".
"Zweitens: Der Mensch ist gut"
Ausbeutung und Kapitalismus seien kein "System". Es gebe kein "System" jenseits der Menschen (…) Wir sind das Spiel."
"Drittens: Der Mensch ist 'der Mensch' "
Zu sehen seien auf der Bühne Schauspieler, "die mit sich, mit ihrer Rolle identisch" seien. "Echte Subjekte". Wäre dieses Theater wirklich politisch, "müsste es aber diese Konstruktion von 'Mensch' auseinandernehmen".
"Viertens: Das Theater kann die Menschen verstören"
Aber nicht mit einer so "rotplüschigen Abnickveranstaltung", es handele sich da um "Kapitalismuskritik" auf Karnevalniveau "zum Mitschunkeln beim OHWEHOHWEHOHWEH".
"Fünftens: Das Theater kann die Menschen verändern"
Dieser Gedanke sei falsch und mache "selbstgerecht". Die "Weber"-Inszenierung sei getragen von diesem Veränderungspathos.
"Sechstens: Das Theater hat eine gesellschaftliche Bedeutung"
"Falsch und lange vorbei." Man solle nicht so tun, als sei das, was "zwischen Parkett und Bühne verhandelt" werde, "wertvoller" oder "tiefgründiger" als das Dschungelcamp. Dort lerne man mehr über den "heutigen Kapitalismus".
"Siebtens: Das Theater bedeutet automatisch Bildung"
Dann dürfe man es sich nicht zu leicht machen. Zur Zeit der Weber sei es um Ausbeutung gegangen heute darum, dass Arbeit verschwinde. Wer mit einem veralteten Begriff von Arbeit operiere, lande bei "systemstabilisierenden Reformvortäuschungen".
Interessant ist auch die Diskussion,die im S.P.O.N.-Forum zu diesem Artikel stattfindet.
Presseschau vom 27. Februar 2011 - Eckhard Fuhr schreibt in der Welt am Sonntag über das deutsche Stadttheater und seine Zukunft
Multitasking eines Zwitterwesens
27. Februar 2011. Nach Chemnitz, Freiburg und Wuppertal ist Eckhard Fuhr gefahren, um zu erfahren, wie es den deutschen Stadttheatern geht. "Nirgendwo auf der Welt gibt es eine derart dichte Bühnenlandschaft wie in Deutschland. Die Angst vor dem Kahlschlag ist groß", schreibt er in der Welt am Sonntag, "aber bei Theaterleuten herrscht Aufbruchstimmung."
Presseschau vom 24. Februar 2011 - Die Generalintendanz in Köln findet nicht statt
Zur Sicherheit mit Anwalt
In der causa Karin Beier, Köln, der Klüngel und das Kölner Schauspiel schreibt Welt Online (24.2.2011, 6:57 Uhr) Karin Beier lasse sich nicht aus dem Amt drängen, das habe sie dem Oberbürgermeister und dem Kulturdezernenten "unmissverständlich" klar gemacht. Das Modell Generalintendanz sei vom Tisch, Beier bliebe bis 2013, am Dienstag werde entschieden, wo genau Oper und Schauspiel in der Zeit der Renovierung der Theaterhäuser unterkämen. Die "Forderungen der Politiker" in dieser Sache, das heißt in Sachen Geld, seien "eindeutig", die Kosten für die Zeit in den Ausweichspielstätten "müssen gesenkt werden". In der Vorlage stehe folgender Vorschlag: Die Oper miete den Musical Dome als Ausweichquartier an, das Schauspiel nutze für zwei Produktionen pro Spielzeit ebenfalls den Musical Dome, die Halle Kalk werde technisch aufgerüstet und als ständige Spielstätte für das Schauspiel eingerichtet. Zur Spielzeit 2013/14, wenn Karin Beier Köln in Richtung Hamburg verlässt, soll ein neuer Schauspiel-Intendant in Köln anfangen.
Auf der Webseite des Kölner Stadt-Anzeigers (24.2.2011, 9:43 Uhr) ergänzen Christian Bos und Martin Oehlen, beim Treffen von Beier mit OB Roters und Kulturdezernent Quander am Mittwoch sei auch Beiers Anwalt dabei gewesen. Uwe Eric Laufenberg habe inzwischen aus Barcelona sein Bedauern "über den Gang der Dinge" geäußert. Beier nicht einzubeziehen, sei "natürlich indiskutabel", er habe sich schriftlich bei ihr "entschuldigt." Allerdings erleichtere die Dreieckskonstellation in der Leitungsstruktur der Bühnen - Opernintendant, Schauspielintendantin, Geschäftsführender Direktor - nicht gerade "das Planen für die Zeit des sehr komplizierten Interims". Auch Kulturdezernent Georg Quander habe versichert, "dass ihn das Scheitern der Generalintendanz nicht schmerze. Im Gegenteil". Beiers Theater sei "ein internationales Aushängeschild der Stadt." Auf jeden Fall werde Beier das Schauspiel 2012/13 ins Interim führen, habe der OB bestätigt. Möglicherweise stehe Beier, so heiße es in einer Mitteilung, schreibt der Stadt-Anzeiger, trotz der Hamburger Verpflichtung für die Spielzeit 2013/14 ganz oder teilweise zur Verfügung. Darüber solle zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.2.) resümiert Andreas Rossmann die Misere: Mehr als drei Jahre währe schon "das Hoch" des Kölner Schauspiels, seit Jürgen Flimm 1985 seine Heimatstadt verließ, habe das Theater hier "keine so aufregende und glückliche Zeit mehr erlebt". Doch Oberbürgermeister Roters wolle "offenkundig" die "erfolgreiche und unbequeme Intendantin loswerden". Das Szenario dafür "hatte sein Büro bereits ausgeheckt", die Pressekonferenz, auf der der "scheinbar perfekte Coup vorgestellt werden sollte", sei bereits "anberaumt" gewesen, nur Karin Beier sei zu den im "internen Hauruckverfahren" entwickelten Pläne einer Generalintendanz nicht gefragt worden. So sei sie, als sie von dem fait accompli erfuhr, aus allen Wolken gefallen. "Dass die Schauspielchefin sich gegenüber ihren Mitarbeitern, Zuschauern und den eigenen künstlerischen Ansprüchen in der Pflicht sieht, das Theater noch durch das erste Sanierungsjahr zu boxen, interessierte schon gar nicht mehr oder überstieg schlicht das hier waltende Vorstellungsvermögen." Wie Köln der Intendantin, die dem Theater "wieder Ansehen und Angebote zur Auseinandersetzung beschert hat", seine "Wertschätzung" bekunde, dürfe als "Lehrstück für eine sozialdemokratische, von technokratischem Denken bestimmte Kulturpolitik" gelten.
In der Frankfurter Rundschau (24.2.2011) schreibt Peter Michalzik in einer Glosse: "Und wenn schon der Politik die Zukunft Kölns egal ist, die in diesem Fall an einem anziehenden Theater hängt, dann schlägt die Stunde des Dezernenten. Er [Georg Quander] ist der Anwalt der Kunst in der Stadt. Und der wird jetzt - zum Wohle der Stadt - gebraucht. Quander sagt, [...] Köln habe nun auch einen Ruf zu verspielen. Der Mann scheint verstanden zu haben, worum es geht. [...] Er war es, der einst Beier geholt hat. Er sollte dafür kämpfen, dass er sich wieder auf die Suche machen kann.
Und Stefan Keim schreibt in der Tageszeitung Die Welt: Seit Karin Beiers Weigerung, Ihren Vertrag vorzeitig aufzulösen, "herrscht Karneval in der Kölner Kulturpolitik. Gerüchte machen die Runde. Geht Karin Beier doch nicht nach Hamburg? Will sie selber Generalin werden? Beier dementiert. [...] Es gab in den vergangenen Wochen die seltsamsten Kooperations- und Fusionsideen mit Bonn. Völlig unausgegorene, selbstverständlich. Hinter den Kulissen brodelt es, alles scheint möglich, nichts ist sicher. Nur eins: Köln setzt wieder einmal Maßstäbe für kulturpolitischen Dilettantismus."
Presseschau vom 23. Februar 2011 - Der Kölner Stadtanzeiger geht den Plänen zur Generalintendanz Laufenberg nach
Ring frei für die Verteilungskämpfe
Köln, 23. Februar 2011. Gestern erschienen die ersten Meldungen zu Plänen der Kölner Kulturpolitik, die Leitung von Oper und Schauspiel während der Sanierungsphase bis 2015 in einer Generalintendanz unter Uwe Eric Laufenberg zusammenzulegen. Heute geht der Kölner Stadt-Anzeiger (23.2.2011) der Causa nach.
Presseschau vom 23.-25. Februar 2011 - Süddeutsche, Die Zeit und taz porträtieren das Ballhaus Naunynstraße und seine Leiterin Shermin Langhoff
Das Labor Ballhaus
Berlin, 23./24. Februar 2011. Anlässlich des Kairos-Preises für Shermin Langhoff und der Einladung von Nurkan Erpulats Inszenierung Verrücktes Blut (in Ko-Produktion mit der Ruhrtriennale) zum diesjährigen Berliner Theatertreffen, porträtieren die Süddeutsche Zeitung und die Wochenzeitung Die Zeit das Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg und seine Leiterin Shermin Langhoff:
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