Radikal körperlich

19. November 2025. Simon Werdelis ist einer der herausragenden Schauspieler am Staatsschauspiel Dresden. Und startet auch als Regisseur durch.

Von Vincent Koch

Schauspieler und Regisseur Simon Werdelis © Sebastian Hoppe

19. November 2025. Wenn man an Simon Werdelis denkt, dann denkt man als erstes an seine Lulu. In Daniela Löffners Inszenierung, die im September 2023 am Staatsschauspiel Dresden Premiere feierte, spielte Werdelis diese polarisierende Figur splitterfasernackt. Frei von klischierten Geschlechterbildern schuf er in über dreieinhalb Stunden eine flirrende Stimmung, die den Schmerz einer Person beschreibt, die zum Objekt der sexuellen Begierde degradiert wird.

Seine Spielweise, wie er zuletzt eindrucksvoll als zuckender James Tyrone in Sebastian Hartmanns Eugene O'Neill-Abend "Eines langen Tages Reise in die Nacht" zeigte, entspringt einer radikalen Körperlichkeit. Werdelis' Figuren entstehen organisch von innen, und ihre Sätze veräußern sich unmittelbar physisch – von einem minimalen Tippeln am Finger bis hin zu einer Verrenkung ins Ekstatische. Nominierungen zum Schauspieler des Jahres hat er bereits mehrfach eingeheimst.

Inzwischen startet Werdelis auch als Regisseur durch. 2020 suchte Dresden kurzfristig Projekte, die unter Corona-Auflagen realisierbar waren. Werdelis schlug ein 1:1-Format vor, bei dem man unterschiedlichen Figuren aus "Medea.Stimmen" von Christa Wolf in einem Parcours begegnet.

Dem Haus gefiel sein Debüt. Prompt beauftragten sie Werdelis mit der Uraufführung von Caren Jeß' Monolog "Die Katze Eleonore". Eine Immobilienmaklerin verwandelt sich darin aus Überdruss an der Welt in eine Katze. Gemeinsam mit der Schauspielerin Karina Plachetka hat Werdelis eine Möglichkeit gefunden, dieses Tier im nahezu schleichenden – oder besser schnurrenden – Übergang aus ihr hervortreten zu lassen, ohne dass es einen Moment albern wirkt. Das Stück wurde 2023 sowohl zum Heidelberger Stückemarkt als auch zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen (wo es den Dramatikpreis gewann).

Auch als Regisseur denkt Werdelis seine Figuren aus ihrer Körperlichkeit heraus. Seine größte Inspiration: Kolleg*innen beobachten, die er im Fall von Dresden seit Jahren kennt, und eine spielerische Fantasie für sie entwickeln. Werdelis hat seine Regiehandschrift mehrfach mit Schauspielstudierenden weiterentwickelt. Shakespeares queere Verwechslungskomödie "Was ihr wollt" ist genauso dabei wie der erschütternde Jelinek-Abend "Das schweigende Mädchen". Letzterer am Mozarteum Salzburg, der Schule, an der Werdelis auch selbst studierte.

Diese Jelinek-Inszenierung über den NSU-Prozess ist von einer ganz eigenen, haptischen Materialität getragen. Auf der Bühne klebt zu Beginn nur eine unübersehbar große Blutlache. Später kippt jemand Erde auf die Bühne, schmiert sich damit ein, Stühle werden umgekippt. Derweil sich die Diskussionen zu faschistischer Gewalt hochschaukeln, wird das Setting immer chaotischer. Der Prozess läuft, die Fragen bleiben offen.

Während andere junge Regisseur*innen ihren Stoff gern mal hinter poppigem Formwillen verstecken, entwickelt Werdelis die Formen von den Spielenden und ihrem Text her. Exemplarisch in seiner jüngsten Inszenierung, "Blutbuch" nach Kim de l'Horizon. Werdelis gibt diesen Text über körperliche, geschlechtliche und sexuelle Identitäten zwei Spieler*innen, für die er brennt: Nihan Kirmanoğlu und Jonas Holupirek. Die beiden winden sich in einem übergroßen, rosafarbenen Tuch und bilden die unauflöslichen Pole des Lyrischen Ichs, das hier auf Erkundungstour geht. Das körperliche Motiv des Windens zieht sich durch den gesamten Abend. Zunehmend entfesseln sich die zwei, ringen miteinander und kehren so den inneren Konflikt nach außen. Mehr noch: Sie machen ihn zum Erlebnis. Simon Werdelis setzt damit auf etwas, das rar geworden ist: pures Spiel, Sinnlichkeit und Reibung.

Unsere Reihe "durchgestartet" stellt in Kurzporträts jüngere Theatermenschen vor, die aufhorchen lassen. Zuletzt wurden die Schauspielerin Amelie Willberg, die neue Nürnberger Schauspieldirektorin Lene Grösch und die Kostümbildnerin Leonie Falke präsentiert.

Kommentare  
Simon Werdelis: In guter Erinnerung
Vielen Dank für dieses schöne Porträt und den Hinweis auf "Blutbuch".

Als "Lulu" und aus der Hartmann-Inszenierung habe ich Simon Werdelis auch in guter Erinnerung. Zwei lohnende Ausflüge nach Dresden. Zum ersten Mal fiel er mir in Sebastian Hartmanns "Das Buch der Unruhe"-Livestream im Juni 2021 mit einem halbstündigen, nächtlichen Albtraum-Solo auf.
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