Eines langen Tages Reise in die Nacht - Staatsschauspiel Dresden
Vor den Schlünden ihrer Existenz
30. November 2024. Keine Theaterfamilie zerfällt schneller: An nur einem Tag führt Eugene O'Neill seine Tyrones in den Abgrund aus Drogensucht, Krankheit und Scheitern. Perfekter Stoff für das Nacht-Theater von Sebastian Hartmann und seine Ausnahmespieler – an einem geschichtsträchtigen Abend.
Von Christian Rakow
"Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Staatsschauspiel Dresden © Sebastian Hoppe
30. November 2024. Die Geschichte dieses Abends beginnt vor ziemlich genau fünfzehn Jahren. Es war die Zeit, als wir regelmäßig von Berlin nach Leipzig reisten, wo Sebastian Hartmann mit dem städtischen Centraltheater seine Vision eines kompromisslosen, radikalen Künstlerhauses verwirklichte: Spielwütig und spektakulär sperrig ging es dort zu. Die Politik lief Sturm, das Publikum auch.
In die Aufruhr hinein streckte Hartmann mit Eugene O'Neills Familienhöllenstück "Eines langen Tages Reise in die Nacht" die Hand aus, wurde stiller und sensibler, bot weiter Spieltheater vom Feinsten, aber psychologisch unmittelbarer: Einen Spiegel desolater Bürgerlichkeit hielt er uns vor, mit düsteren, kenntlichen Gesichtern. In all dem praktizierte sein Ensemble einen spontanen Schauspielstil, der jeden Abend zu unterschiedlichen, extrem situativen Szenen führte, was bald unter dem Label "Leipziger Handschrift" die Runde machte. Unvergesslich. Wie kann man einen solchen Meilenstein des Theaters beiseite rollen und noch einmal neu beginnen?
Spaziergänger im Nebel
Wir sind wieder nach Sachsen gefahren, dieses Mal ans Staatsschauspiel Dresden, wo Sebastian Hartmann als Regisseur eine andere Heimstatt gefunden hat, mit wiederum exzeptionellen Spielern. Mit ihnen setzt er "Eines langen Tages Reise in die Nacht" frisch auf. O'Neills autobiographisch grundiertes Stück zeichnet in grellen Farben die Verfallsansicht der Schauspielerfamilie Tyrone: Vater James, ein alternder Grande, ist mit einem künstlerisch mittelmäßigen Tourneetheaterstück zu Geld gekommen und hält es nun geizig zusammen. Seine Söhne leiden an ihm und an der morphiumsüchtigen Mutter Mary: Jamie, der nach dem Vater kommt, versäuft sein Talent; Edmund liest Nietzsche und laboriert an "Schwindsucht". Seinen bevorstehenden Tod sucht man, so gut es geht, vor der labilen Mutter zu verheimlichen.
Unheilvoll verbunden: Cordelia Wege, Torsten Ranft, Simon Werdelis © Sebastian Hoppe
Wenn das Stück seinerzeit in Leipzig als Vollkontakttheater auf die Bühne kam, so ist die Dresdner Version das ganze Gegenteil. Hartmanns Theater ist introspektiver geworden, die Familienkämpfe verwandelt er in eine Erkundung des Unterbewussten. Wie Spaziergänger im Nebel kommen die Spieler heran, Live-Musik von Samuel Wiese am Piano im Hintergrund der weitgehend leeren Bühne wird minimalistisch über die Szenerie getupft. "Vergiss die Vergangenheit!", bekniet Torsten Ranft als James Tyrone seine Frau. Aber Mary kann nicht vergessen, kann sich nicht losmachen. Wie Geister hängen die Lebenden und die Toten einander im Gedankengespinst.
Hartmann hat O'Neills Stück in eine Folge von Einzelporträts aufgelöst. Die unvergleichliche Cordelia Wege eröffnet als Mary auf einem retroschicken Ledersessel, etwas lasziv, etwas mit galligem Resthumor und voller Überdruss an sich und an den Männern ihres Hauses. "Die Nacht ist dunkel, und hier ist es schrecklich nebelig. Und alle verlassen mich", sagt Mary einmal, während die Anderen ihr als anwesend abwesende Betrachter beiwohnen, mitunter kleine Intermezzos bereiten, Sätze einstreuen – alles gespensterhaft, als würden sie nurmehr wie Schemen und ferne Stimmen durch Marys Kopf hallen.
Unter Vaters Regie
Die Ansichten der Söhne folgen: Simon Werdelis als Jamie und Marin Blülle als Edmund. Vaters Regieanweisungen treiben sie an, während sie sich an der Rampe den Schlünden ihrer Existenz öffnen. Ein morbider Witz liegt über allem. Simon Werdelis strafft sich wieder und wieder das Gesicht, um eine Grimasse der Lebensfreude hervorzubringen. Und es misslingt. Berückend. Selten erlebt man solche Intensität, so viel Abgrund in kleinsten Gesten, so einen Purismus der Schauspielkunst.
Als Bindeglied zwischen den Porträts etabliert Hartmann die Figur des verstorbenen dritten Sohnes der Familie: Eugene. Rônni Maciel tanzt fast wie durchsichtig diese geisterhafte Rolle, umgarnt schattig die Übrigen. Er lässt sie in ihren Delirien, in ihrem gebremst trunken Torkeln in seine Arme fallen, bettet sie, richtet sie. "Du musst immer Gespenster an die Wand malen", sagt Jamie einmal zu Edmund. Aber er muss es gar nicht. Sie sind schon da. Die Gespenster, das sind die Anderen. Alle füreinander.
Abgründe in anzitierter Wohnlandschaft: Ensemble im Bühnenbild von Regisseur Sebastian Hartmann © Sebastian Hoppe
Die zweite Hälfte nach einem sagenhaften ersten Teil ist Ambiente-Theater pur. Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki zaubert den Spielern weiter stummfilmexpressionistische Dresses auf die schlanken Glieder. Rauchschwaden ziehen, alle streunen, alle kreuzen hierhin, dorthin. Seltsam, im Nebel zu wandern! Jeder ist allein. Vom Bühnenhimmel her bäumt sich ein riesiges Flügelpaar auf, gemahnt bald an eine Lunge, bald an ein Schiffssegel. Für eine Reise wohin? In die Nacht? Aus der Nacht heraus? Wo kann das Dunkel enden?
Das karge Erbe des Patriarchen
Sebastian Hartmann will sich nicht ins Vage verabschieden. Er bietet das Porträt des Vaters auf, um das Geisterspiel zu erden: Torsten Ranft skizziert in einem sehr direkten Solo an der Rampe James Tyrones Lebensweg – und rechnet dessen karges Erbe auf: die Familie unrettbar. Der kommerzielle Erfolg um die Preisgabe des eigenen Lebenstraumes errungen: Ein Shakespeare-Mime wollte Tyrone sein, am wahren Wort der wahren Dichtung nippen. Und ward doch nur ein gut entlohnter Boulevard-Star. Sein Geld, was ist es wert? In unseren Tagen, da auch wir, die Heutigen, die existenziellen Bürden im Erbe vorheriger Generationen erkennen, nimmt sich Tyrons Bilanz überaus sinnfällig aus.
Marin Blülle wird diesem Schauspielerbildnis des Vaters noch einen kleinen theatergeschichtlichen Exkurs hinterherschicken und den aufklärerischen Verrat der Bühnenkunst kritisieren. Als sich die Schauspielerei vom rituellen Ausdruck trennte und auf realistische Nachahmung verfiel (im Dienste pädagogischer Ideen), da war's um sie geschehen, so Blülle.
Und na klar, Nachahmung und Pädagogik sind bei Hartmann und den Seinen nun wirklich nicht Programm. Nicht runde Geschichten, nicht Handlung suchen sie, sondern Zustände, Stimmungen, Seelengewirr, Todesnähe, durchdringende Lebendigkeit. Und ja, sie haben sie gefunden. An diesem Abend in Dresden.
Eines langen Tages Reise in die Nacht
von Eugene O’Neill
Deutsch von Michael Walter
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Samuel Wiese, Choreografie: Rônni Maciel, Lichtdesign: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Jörg Bochow.
Mit: Torsten Ranft, Cordelia Wege, Simon Werdelis, Marin Blülle, Rônni Maciel, Live-Musik: Samuel Wiese.
Premiere am 29. November 2024
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
www.staatsschauspiel-dresden.de
Kritikenrundschau
Ein "Champions-League-Spiel in Dresden" hat Matthias Schmidt für den MDR (1.12.2024) erlebt und berichtet über "ein hochkomplexes Gesamterlebnis aus großen Texten, Bildern und Spielern", wobei Cordelia Wege und Marin Blülle für den Kritiker besonders herausragen. "Sebastian Hartmann geht es vordergründig nicht um das Drama und die Psychologie der Figuren, sondern zugleich darum, wie Schauspieler das Drama spielen. Er will – wie im Grunde immer in seinen Arbeiten – Theater für den Kopf und den Bauch. Er will verzaubern mit seiner teilweise wilden Mischung aus Text-Passagen und Bildern, die er ihnen hinzufügt."
Es sei Hartmann gelungen, "die Dinge kräftig zu durchschütteln, sie vom Kopf auf die Füße und wieder zurück auf den Kopf zu stellen, Fragen aufzuwerfen, zu überraschen", schreibt Torsten Klaus in den Dresdner Neuesten Nachrichten (2.12.2024). Mehreres an dem Stück spiele Hartmann in die Hände: "Die Figuren bei O‘Neill sind oft anklagend, scheinen häufig nicht ganz bei Sinnen. (...) So lässt sich auch das oft sehr laute Sprechen auf der Bühne als eine Art Fehlfunktion des Einzelnen deuten." Und das Wetter im Neuengland-Setting des Stücks: Schließlich habe kaum einer den Bühnennebel auf deutschsprachigen Theaterbühnen so zu einer Art Instanz gemacht wie Sebastian Hartmann. "Nach knapp drei Stunden (inklusive Pause) sind die Besucher schlicht begeistert und danken mit langen Ovationen, im Parkett zum Teil auch im Stehen. Völlig berechtigt", schreibt Klaus und lobt das "restlos überzeugende Ensemble" sowie das "kluge und verständige Publikum, das weiß, was zeitgenössisches Crossover-Theater mit Substanz ist - und es goutiert".
"Faszinierend, wie abwechslungsreich diese fünf Figuren die große Bühne beleben", schreibt Sebastian Thiele in der Sächsischen Zeitung (2.12.2024). "Doch dieser Abend hat auch Schwächen. So großartig das Schauspiel funktioniert, so artifiziell und selbstverliebt erscheint das Ganze. Man fragt sich: Verharrt nicht auf diese Weise anspruchsvolle Theaterkunst in der bildungsbürgerlichen Unterhaltung? Kann man nicht auch von einer verkrachten amerikanischen Künstlerfamilie der 1920er-Jahre relevante Parallelen zu den 2020er-Jahren andeuten? Suchtprobleme und soziale Isolation sind schließlich hierzulande keine Randnotiz." Auch das antiaufklärerische finale "Kurzreferat zur Theatergeschichte" kritisiert Thiele. Dennoch sei der Abend im Ganzen "eine spielerisch explosive, künstlerisch originäre und umjubelte Reise in die Nacht. Mit überreizten Sinnen wird das Publikum in die Bratwurstrealität des Postplatzes entlassen."
"Wie Hartmann dem düsteren Familienabgrund von O'Neill eine ästhetische Utopie abpresst, ist unglaublich", applaudiert Jakob Hayner in der Welt (5.12.2024). "Mit der Rebellion gegen das Realitätsprinzip und die Verselbstständigung unsinniger Regeln hat Hartmann den inhaltlichen Punkt gefunden, der seine ästhetischen Entscheidungen motiviert." In höchster Emphase resümiert der Kritiker: "Wird man in ein paar Jahren fragen, welcher Theaterabend trotz alledem einen kleinen Hauch vom Lebensrausch spürbar gemacht hat, wird man diesen nennen müssen. In Dresden sind die Segel der Kunst jedenfalls schon gespannt, für einen Sturm vom Paradies her."
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Aber zurück zum Abend: andere Inszenierungen vom Team Hartmann waren deutlich stärker. Extrem zahm das Ensemble. Der müde Applaus neben und vor und hinter mir sprach Bände.
noch, deshalb der komplette 2. Rang leer und überall freie Plätze (nach der Pause noch mehr). Das Theater spielt sich leider so leer und verliert die Gunst des Publikums, und „zack“ wird es wegespart und niemand geht auf die Straße — siehe Berlin, wo nur das Theater selbst auf der Straße war.
Wir in Dresden stehen vor riesigen Sparproblemen, da kam so eine Selbstbeweihräucherung der Theaterbläschen-Sekte vor halb vollem Haus wie gestern zur totalen Unzeit.
Verwundert frag ich mich abschließend noch, warum der Kritiker Ch. Rakow als bekennender Hartmann-Fan und Theatertreffen-Lobbiest aus Berlin für Sebastian Hartmann anreisen muss und wieder die nachtkritik Besprechung schreibt. Gibts in Dresden keine Kritiker:innen?
Meine Meinung:
Ensemble um C. Wege: herausragend
Bühnenbild: beeindruckend, man sieht, wo das Geld eingesetzt wird, das wird sich Berlin in Zukunft nicht mehr leisten können
1. Hälfte: intensiv und ebenso herausragend, nach der Pause trat alles auf der Stelle und Langeweile breitete sich aus
Rolle Eugene: Diese erinnerte mich an Pina Bausch oder Sequenzen aus 007-Leben und sterben lassen und nervte im Laufe des Stückes
Schlussapplaus: Fand ich nicht zurückhaltend, einige Standing Ovations im Parkett
Am nervigsten war jedoch das über die 3 langen Stunden gehende Hustkonzert im Parkett. Und das nicht wegen der Langeweile, sondern wegen mangelnder Disziplin. Wenig wertschätzend hinsichtlich der Leistungen auf der Bühne
Dass Kritiker gelegentlich Mühen auf sich nehmen und Kunst, von der sie sich etwas versprechen, nachreisen, ist nicht so ungewöhnlich. Eine ganze Reihe Kolleginnen und Kollegen waren da. Entgegen anders lautender Gerüchte sehen auch Kritiker lieber Abende von fähigen Leuten als solche, die für Verrisse taugen. Die Stücke von Sebastian Hartmann in Dresden wurden auf nachtkritik.de von den unterschiedlichsten Kollegen besprochen: Janis El-Bira (kommt auch aus Berlin), Matthias Schmidt (reist aus Leuna an), Sascha Westphal (aus NRW), Tobias Prüwer (aus Leipzig). Und jetzt halt auch der Rakow, der übrigens Hartmann für nachtkritik.de in Berlin genau 2x rezensierte (einmal eher negativ), aus einem guten Dutzend Berliner Hartmann-Abenden.
Es gibt in den Inszenierungen von Sebastian Hartmann wie im Leben oder auch der Mathematik Konstanten und Variablen. Konstanten sind in den Inszenierungen bspw. eine Salt´n´Pepper-Optik des Bühnenraums (mit dem Bühnenbild und den Spielenden), live gespielte elektronische Musik, Kulissenschieberei auf der Bühne, ein eher theorielastiger Monolog als Kontrapunkt zum Stück, das als Aufhänger für die Inszenierung dient.
Die aktuelle Inszenierung lässt sich in einen intensiven, konzentrierten Teil vor der Pause und einen ruhigeren, kontemplativeren Teil nach der Pause gliedern. Das Ringen der einzelnen Familienmitglieder (James, Mary, Jamie, Edmund) um Anerkennung, Gehört-Werden, Verständnis ... und das Scheitern an der Unfähigkeit der Anderen wird vor der Pause vordergründig ausgeführt. Es geht dabei auch um das gute Theaterspiel, die rechte Präsentation der eigenen Figur. Eine These zur Deutung der Inszenierung könnte sein, dass die innerfamiliären Konflikte auf Schauspiel beruhen, das um den Preis der Selbstverleugnung gefällig wirken möchte. Im Teil nach der Pause erhalten die Figur des Vaters und das gestorbene Kind (Eugene) eigene "Chapter", bevor ein theorielastiger Schlussmonolog einsetzt.
Ich fühlte mich in der Aufführung am 20.12. (einem der Tage mit den längsten Nächten im Jahr) an eine (konkrete) Supervision erinnert, in der es u. a. wie in dem Stück um unerfüllte Erwartungen und die daraus entstehenden Frustrationen ging. Mir half das Publikumsgespräch im Anschluss an die Aufführung einen produktiveren Zugang zur Inszenierung zu finden.
Sebastian Hartmann möchte, soweit ich ihn begreife, nicht gefällig sein, sondern eine eigene, stimmige Inszenierungsidee mit den beteiligten Künstler:innen und den Gewerken umsetzen. Die Fragen, wie langanhaltend der Schlussapplaus war, welcher Anteil am Publikum vorzeitig die Aufführung verließ, ob der Intendant abgelöst werden sollte, woher die Kritiker anreisen und ähnliche werden m. E. der Inszenierung und den an ihr beteiligten Menschen nicht gerecht.
Ich sehe, dass auf der Bühne die Anzahl männlich gelesener Menschen überwiegt. Ebenso überwiegt die Anzahl männlich gelesener (Auftrags-)Kritiker. Das könnte ein Indiz für eine Einseitigkeit der Inszenierung sein, die dazu beiträgt, ähnliche wie die auf der Bühne anhand der Tyrones dargestellten Konflikte zu reproduzieren.
Da alle Spielenden den ganzen Text des Stücks gelernt haben, ließe sich überlegen, aus welchen Gründen es in der Inszenierung eine konsequente und darüber hinaus auch noch geschlechterkongruente Zuweisung der Figuren (James, Mary, Jamie, Edmund, Eugene) zu Spielenden gibt. Sebastian Hartmann hat in der Frage sich offensichtlich gegen die Freiheit, Textfragmente verschiedener Figuren einem Spielenden anzuvertrauen, entschieden.
Dass das Handeln dem gesprochenen Wort nicht immer vollends entspricht, (Ich gebe den Spielenden Freiheit, beschränke sie aber zugleich mit einer vorgegebenen Struktur. Oder: Ich höre dir zu, fühle zugleich aber akut den Schmerz über den Verlust des eigenen Kindes.) wird in mehreren Momenten der Inszenierung offenkundig.
Die Inszenierung in Hashtags: komplex, anspruchsvoll, herausragend.
Aber überraschend ist, wie klar die Konturen der Figuren an diesem Hartmann-Abend sind. Statt assioziativer Bilder- und Nebelwelten, die von Versatzstücken aus dicken Wälzern wie Thomas Manns „Zauberberg“ oder Fjodor Dostojewskis „Der Idiot“ inspiriert sind, wird der Absturz dieser Familie auf erstaunlich zugängliche Art nacherzählt.
Einen besonderen Kniff erlaubte sich Hartmann aber doch: wie auch schon in früheren Inszenierungen sampelt das Ensemble die einstudierten Szenen jedes Mal neu. Die Reihenfolge ist an jedem Abend anders, folgt nie der Vorlage von O´Neill, der Kern der Probleme und Reibungen zwischen den vier Familienmitgliedern wird auch so sehr deutlich.
Aus dem Ensemble ragt Cordelia Wege, Hartmanns Ehefrau, heraus: wie Chefdramaturg Jörg Bochow zu Beginn ankündigte, plagen sie momentan Rückenschmerzen, so dass ihre Bewegungen langsamer und eingeschränkt sind. Damit wird sie in der Rolle der morphiumsüchtigen Mutter noch stärker zum ruhenden Gegenpol zu den oft rennenden und schreienden Söhnen (Marin Blülle und Simon Werdelis) und dem Vater (Torsten Ranft). Komplett wird der Abend von Samuel Wieses Live-Musik und dem geisterhaft dazwischen schwebenden Tänzer Ronni Maciel, der den als Kleinkind verstorbenen Sohn verkörpert.
Bis zur Pause erleben wir einen hochklassigen Abend der Schauspielkunst, in dem Hartmann neue Wege ausprobiert und seinem vertrauten Stil dennoch treu bleibt. Diese Balance macht den Abend interessant. Die letzte Stunde ist dann nur noch ein fahriger Nachklapp: ein langes Solo von Ranft wird durch viel Nebelschwaden-Theater und assoziativen Leerlauf gerahmt. Hier kopiert sich Hartmann zu sehr selbst bis zur Selbstkarikatur.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/07/05/eines-langen-tages-reise-in-die-nacht-dresden-theater-kritik/