"Es kann nur eine geben"

von Nicole Bolz

Wuppertal, 22. August 2019. Die Kündigung ist unwirksam. Das hat, ein gutes Jahr nach der fristlosen Entlassung der Intendantin des Wuppertaler Tanztheaters Adolphe Binder, am Dienstag das Landesarbeitsgericht Düsseldorf entschieden. Es schloss sich damit dem erstinstanzlichen Urteil des Arbeitsgerichts Wuppertal von Dezember an und wies damit die Berufung des Tanztheaters (TTW) zurück. Revision ausgeschlossen. Somit besteht das Arbeitsverhältnis zwischen Binder und dem Tanztheater Wuppertal weiter fort – der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die symptomatisch zeigt, was passiert, wenn Kulturpolitik kopflos handelt.

Verschwendung und Verantwortung

8. August 2019. Die Klimakrise ist ein Fakt. Auch fürs Theater. Nicht nur als Thema, sondern auch als Herausforderung für seine Praxis: Muss die Darstellende Kunst jetzt zurück zu ihren Anfängen, zu Freilichtaufführungen und Vorstellungen bei Kerzenlicht? Wie kann Theater in globalen Koproduktionszusammenhängen klimaschonend hergestellt werden?

Räume hacken, aber welche?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 8. Juli 2019. Es brechen der Stadt die Orte weg, an denen die Gesellschaft sich selbst öffentlich verhandeln kann. Das sagt der Stadtsoziologe Andrej Holm. Neben ihm sitzt auf dem abendlichen Panel im Berliner Club "Mensch Meier" eine Aktivistin, die genau um so einen Ort kämpft. Sie erzählt von einer Brache in Neukölln, die sie mit anderen zusammen erschlossen hat als Biotop einer diversen Stadtgesellschaft. Die Brache habe sofort Verständigungsprobleme produziert: Die eine will feiern, der andere in Ruhe im Garten abhängen. Wenn der Verhandlungs-Ort erhalten werden soll, muss seine mikrokosmische Gesellschaft sich dort selbst verhandeln – und klare Kompromisse finden.

"Die Praxis ist die Message"

von Christian Rakow

Berlin, 12. Juni 2019. "Als der Wind ihnen die Brillen vom Gesicht fegte, wurde es vielerorten unscharf." Es gibt nicht viele Menschen, die solche Sätze schreiben können. So voller Witz und Schärfe und Rätsel. Jakob van Hoddis konnte es: "Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut." René Pollesch kann es auch. Egal ob in seinen inzwischen irgendwas bei einhundert Theaterstücken oder wie in diesem Falle auf Twitter, wo Pollesch, anders als viele andere Theaterschaffende, eigentlich nie seine Kunst fallen lässt zugunsten von Meinungsbildung, zugunsten von Selbstvermarktung. Pollesch ist Künstler durch und durch, einer, der Texte freistellt, der in seinen Ent-Äußerungen blitzartig aufscheint und verschwindet, einer der wenigen von Rang in der Welt des zeitgenössischen Theaters. Seit heute ist er nun auch offiziell designierter Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz von 2021 bis 2026.

Avantgardisten der Nutzlosigkeit

von Thomas Rothschild

3. Juli 2019. Die liebste Frage von Radiomoderatoren, wenn sie mit Theaterleuten reden, lautet: "Kann das Theater die Welt verändern?" Kein Mensch fragt: "Kann ein gutes Essen die Welt verändern?" oder "Kann Fußball die Welt verändern?" Hinter der Frage verbirgt sich eine Prämisse. Wenn Theater die Welt nicht verändern kann, dann hat es keine Existenzberechtigung, zumindest keinen Anspruch auf Steuergelder. Es ist dann, ganz im Sinne der russischen Utilitaristen des 19. Jahrhunderts, überflüssig.

Neues aus der Wirklichkeit

7. Juni 2019. Mehr Frauen ans Theater? Das letzte Jahr hat im Theaterbetrieb einen Bewusstseinswandel bewirkt: Beim Theatertreffen wird es für zwei Jahre eine Quote geben; mindestens die Hälfte der zehn als bemerkenswertest ausgewählten Theaterarbeiten muss dann von Regisseurinnen stammen. In Dortmund tritt die heute 34-jährige Julia Wissert 2020 als jüngste Intendantin ihre Intendanz am Schauspiel an. Um diese Entscheidungen und den aktuellen Stand in puncto Geschlechtergerechtigkeit geht es in der Juni-Ausgabe von "Der Theaterpodcast". Außerdem sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp über Bürgerbühnen und partizipatives Theater.

Sehen wir hin!

von Thomas Bockelmann

27. Juni 2019. Hallo Zusammen, schön, dass sie alle da sind! Zunächst ein paar persönliche Sätze zu Walter Lübcke: Er war ein großer, zugewandter, bodenständiger, humorvoller Mann mit Zivilcourage. Und dass diese ihm wohl das Leben gekostet hat, möge dafür sorgen, dass wir alle nur noch couragierter werden! Walter Lübcke war wie ein Baum. Und es ist ein merkwürdiger Zufall, dass ziemlich zeitnah zu seiner Ermordung auf dem Weg hinter dem Regierungspräsidium, den ich jeden Morgen mit dem Rad zum Theater fahre, eine große Eiche einem Sturm zum Opfer fiel. Daran denke ich jetzt jeden Tag, wenn ich vorbeifahre. Es ist eine Schande, wie er ums Leben gekommen ist. Und es ist eine Schande, wie vorher und hinterher gegen ihn in rechten Netzwerken gehetzt worden ist. Aber irgendjemand hat mal gesagt: "Solange wir in Sympathie und Hochachtung an einen Verstorbenen denken, lebt er in gewisser Weise weiter." Also lassen Sie uns alle noch sehr lange an Walter Lübcke denken.

Hallo Wien, gibt's hier WLAN?

von Martin Thomas Pesl

Wien, 7. Juni 2019. Einmal passierte der Versprecher tatsächlich, und Kay Voges sagte "Volksbühne". Nachdem der 47-jährige angekündigt hatte, seine Intendanz am Schauspiel Dortmund über das Jahr 2020 hinaus nicht zu verlängern, weil er nach einer größeren Stadt, einem größeren Haus strebe, hatten ihn die deutschen Feuilletons eher dort avisiert, in Berlin an der Volksbühne.

Fünfzehnter Brief

"Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen. Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." (Friedrich Schiller)

Der spielende Mensch

von Olga Grjasnowa

29. Juni 2019. Was ist ein spielender Mensch? Im Prinzip ist er unser Zeitgenosse. Ein Hipster. Ein RTL2-Zuschauer. Einer von der Latte-Macchiato-Fraktion, wie es sie nur noch in der Provinz gibt. Viele Mutmaßungen über ihn und sie stehen im Raum. In Zeiten der Selbstoptimierung, in denen selbst das Aufräumen zu einem Event mit therapeutischer Wirkung erhoben wird, hat das Spiel etwas zutiefst archaisches und zugleich zeitgenössisches. Es handelt sich um verschwendete, nicht genutzte Zeit. Einer der wenigen verbliebenen Freiräume. Das Spiel ist heute allgegenwärtig: Candy-Crush-Saga auf den Handys, Brettspiele für Erwachsene, Instagram, die Kommentarspalten der Zeitungen – und dennoch haben diese Spiele nichts mit "Schönheit" zu tun. Eigentlich auch nichts mit dem Spiel, zumindest mit dem intellektuellen. Die Schönheit geht uns verloren. Vielleicht nehmen wir sie nicht ernst genug. Womöglich haben wir sie einfach verspielt.

Man kennt sich

von Andreas Klaeui

Zürich, 5. Juni 2019. "Die Idee ist, Menschen zusammenzubringen, die sehr unterschiedlicher Herkunft sind, vor allen Dingen auch unterschiedlich in ihrer künstlerischen Herkunft", sagt Nicolas Stemann. Und Benjamin von Blomberg fügt an: "Was wir ermöglichen wollen, ist, dass jeder hier unter den besten Bedingungen arbeiten und seine Kunst verfolgen kann – was wir gleichzeitig einfordern, ist, dass Menschen sich zu diesem Ort bekennen." Starke künstlerische Handschriften im Rahmen des Stadttheaters zusammendenken: Das ist das Bekenntnis.

Vier normale, deutsche Sekunden

von Marina Davydova

26. Juni 2019. Das deutsche Theatersystem gilt in Russland, ja überall in der Welt, als vorbildlich. Wie effektiv es ist, kann man an den Ergebnissen ablesen. Man braucht sich lediglich das Programm eines beliebigen internationalen Festivals anzuschauen, um zu verstehen: Im internen Ranking belegt das deutsche Theater nach wie vor die vordersten Positionen.

Streit am Main

von Esther Slevogt

Frankfurt/Main, 30. Mai 2019. "Was ist los am Frank­fur­ter Schau­spiel?" Mit diesen Worten begann ein am 8. Mai 2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschiener Artikel von Simon Strauß, der antrat, "Krach hinter den Kulissen" des seit zwei Spielzeiten von Anselm Weber geleiteten Theaters nachzugehen. Der Artikel wurde zum Auslöser einer mit großer Schärfe öffentlich geführten Debatte um Leitungsstruktur am Haus einerseits und um Machtverteilung in der konkreten Inszenierungsarbeit andererseits. Eine Debatte voller Widersprüche und Ungereimtheiten auch, denen hier einmal nachgegangen werden soll.

Theater und Politik

von Falk Richter

Hamburg 20. Juni 2019. Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Lehrende, liebe Studierende, was kann Theater? Was soll Theater bewirken? Und wie politisch kann und soll Theater sein?

Muss der Kanon auf den Müll?

von Sophie Diesselhorst, Ute Frings-Merck, Lilly Merck und Elena Philipp

20. Mai 2019. Das Thema Geschlechterungerechtigkeit am Theater ist eines der meistdiskutierten der vergangenen Saison. Auch das Berliner Theatertreffen stand an seinem abschließenden Wochenende im Zeichen der dreitägigen Konferenz "Burning Issues", die von Nicola Bramkamp (ehemals Schauspieldirektorin in Bonn) und Lisa Jopt (Ensemble-Netzwerk) initiiert wurde und noch einmal die Situation von Frauen im Theaterbetrieb in den Fokus hob.

Ist das Kunst oder echte Gewalt?

von Sarah Heppekausen

Düsseldorf / Mülheim, 17. Juni 2019. Darf man das? Die Frage steht immer wieder im Raum, auf der Bühne und in den Diskussionen, mal vorwurfsvoll, mal selbstkritisch, mal eingeschüchtert, mal wütend. Um diesen Diskurs kommt eine der wichtigsten Plattformen des Freien Theaters, das Impulse Theater Festival, nicht herum. Ein Festival, das unter der Leitung von Haiko Pfost erklärtermaßen nicht nur ein "Best of" der freien Arbeiten im deutschsprachigen Raum ist ("Showcase"), sondern sich auch mit den brennenden Fragen der Zeit an einem bestimmten Ort auseinandersetzt ("Stadtprojekt") und ein Forum für die kritische Reflexion des eigenen Schaffens anbietet ("Akademie").

Frauen im Theater

17. Mai 2019. Lange Zeit war das Ungleichgewicht von Männern und Frauen im Theaterbetrieb kein Thema, das in der breiten Kulturöffentlichkeit diskutiert wurde – trotz krasser Unterrepräsentanz von Frauen in Leitungs- und Regiepositionen, trotz unterschiedlicher Bezahlung von Männern und Frauen in Theaterberufen.

Erfolgreiche Übergangsregierung

von Martin Thomas Pesl

Wien, 16. Juni 2019. Gut is gangen, nix is gschehn. Das sagen Kommentatoren gerne nach Österreichs Song-Contest-Auftritten oder wenn die Nationalmannschaft unentschieden spielt. Man möchte es freundlich auch Christophe Slagmuylder zurufen, der gerade seine erste Festivalausgabe als Intendant der Wiener Festwochen hinter sich gebracht hat. Respekt erntete der belgische Kulturmanager schon im Februar, als er das Programmbuch präsentierte. Obwohl er netto nur vier Monate Zeit gehabt hatte, es zusammenzustellen, war ihm ein vielfältiges, dichtes und zumindest einmal quantitativ reichhaltiges Programm gelungen. Intensiv die Festwochen zu besuchen, das nahm dieses Jahr wieder richtig Zeit in Anspruch.

Der Stoff, aus dem der Osten ist?

25. April 2019. Muss man eigentlich immer in die Großstadt, um was Tolles zu erleben? "Nö", denkt sich Ende der 1980er ein junger Mann in einem Kaff in Südbrandenburg – und macht aus der Dorfkneipe einen Szeneklub. Davon handelt Alexander Kühnes autobiographischer Roman "Düsterbusch City Lights", der kürzlich am Theater Magdeburg auf die Bühne kam. Für Folge 14 des Theaterpodcast sind Susanne Burkhardt und Elena Philipp zur Premiere gefahren.

Theater unter Druck

von Michael Bartsch

Juni 2019. Die sächsische AfD bereitet sich derzeit mit einem Coaching ihrer Spitzenvertreter auf eine Regierungsübernahme nach den Landtagswahlen vom 1. September vor. Siegesgewiss lädt sie die Presse bereits jetzt zur Diskussion ihres Hundert-Tage-Sofortprogramms ein. Beflügelt haben sie offenbar die Europawahlergebnisse, bei denen sie in Sachsen und Brandenburg stärkste Kraft wurde. Noch aber ist es nicht soweit. Welche Kultur- und Medienpolitik und welche Debattenkultur uns im Falle einer Machtergreifung oder auch nur Machtbeteiligung der AfD erwarten, ist aber bereits jetzt absehbar. Ein Kulturkampf wie in Polen oder Ungarn deutet sich nicht nur an, er hat bereits begonnen.

Zeige deine Angst

von Axel Sichrovsky

22. April 2019. Ein Ensemble ergreift das Wort. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch abseits. Es artikuliert seine Vorstellungen von guter Theaterleitung, von dem, wofür man in der Kunst einstehen möchte. Es formuliert sich intern und in öffentlichen Stellungnahmen. Dieser Vorgang war bis vor nicht allzu langer Zeit selten. Jetzt häufen sich die Fälle, so scheint mir. Zuletzt und mit großer Strahlkraft in Schwerin.

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