An der Klagemauer

von Falk Schreiber

Hamburg, 30. April 2015. Die Agora ist schonmal weg. Schrieb zumindest Moritz Schuller am Premierentag im Berliner Tagesspiegel, in einem Abgesang auf den öffentlichen Raum namens "Bühne ohne Volk": "Jene Orte, die traditionell Gemeinschaft schufen, haben diese Funktion verloren", heißt es da. "Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft macht den Raum, den alle gemeinsam haben, kleiner. Selbst das Einkaufen findet nicht mehr auf dem Markt, sondern im Internet statt – ohne soziale Interaktion." Ein Befund, der unbeabsichtigt auch Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" trifft, jene fast ein Vierteljahrhundert alte Szenenfolge von einem namenlosen, belebten Platz in der Großstadt. Wo aber kein Leben mehr stattfindet, haben auch die Plätze keine Bedeutung mehr, wie das Theater: "Die Gesellschaft ist kein Theater mehr, sie hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; umgekehrt ersetzt das Theater die Gemeinschaft nicht mehr."

Was passiert, ist nicht immer leicht zu ertragen

Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper vom estnischen Theater NO99 nahmen sich solchen Schwanengesängen zum Trotz "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" (der Titel bleibt in alter Rechtschreibung, es lebe die Texttreue!) fürs Hamburger Thalia Theater vor. Nur selten wird das Stück heute noch inszeniert, zu personalaufwändig ist das Tableau, zu fragwürdig der Ertrag der textlosen Vorlage, die ausschließlich aus 60 Seiten überaus genauer Regieanweisungen besteht. Vor sechs Jahren gab es eine Theatertreffen-geadelte Inszenierung von Victor Bodó in Graz, vor gerade mal einer Woche eine ebenfalls in Hamburg, von Nico and the Navigators auf Kampnagel (die Arbeit unter dem leicht abgewandelten Titel "Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten" steht in keiner Beziehung zur Thalia-Inszenierung, aber immerhin bekommt man bei Vorlage eines Kampnagel-Tickets ermäßigten Eintritt).

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© Armin Smailovic

Ojasoo und Semper haben sich beim Autor die Erlaubnis eingeholt, die Anfang der Neunziger stehengebliebene Vorlage in die Gegenwart zu erweitern, und der Platz, auf dem ihre Inszenierung abschnurrt, ist trotz sacht aktueller Anspielungen alles andere als verwaist (nimm das, Tagesspiegel!). Immer noch taucht Figur um Figur auf und bringt eine Geschichte mit: das Mädchen, das immer wieder hinfällt (Birte Schnöink, die langsam ein bisschen aufpassen muss, dass sie nicht allzu sehr auf das Rollenprofil "niedlich, aber total lebensunfähig" festgelegt wird). Die Schöne, die sich plötzlich krümmt und dann lauthals lacht (Marina Galic). Die Alte, die an der Wand zusammensackt, bis die Stadtreinigung ihre Reste zusammenfegt (Karin Neuhäuser). Ständig passiert etwas, und was passiert, ist nicht immer leicht zu ertragen.

Rauer, heterogener, migrantischer

Die Welt scheint rauer geworden zu sein in den vergangenen 24 Jahren, härter, nicht zuletzt: heterogener, migrantischer. Auf dem Platz mischen sich nicht nur die Schichten, es mischen sich auch die Ethnien, und wie Ojasoo und Semper diese Durchmischung mit Handke kurzschließen, ist geschickt gelöst. In einer Szene tauchen Sinterklaas und Zwarte Piet auf, und als Pascal Houdus' rassistische Karikatur plötzlich vor den nicht schwarz geschminkten, sondern tatsächlich schwarzen Akteuren Felicia Jackson und Issiaka Moussa steht, brechen Letztere in lautes Lachen aus. Was man entweder als Beitrag zur Blackfacing-Debatte verstehen kann oder als eleganten, aber im Grunde billigen Witz. Das allerdings lässt sich bei Licht betrachtet über die gesamte Inszenierung sagen.

Man will nicht lästern, der Abend hat seine Qualitäten: Das 20-köpfige Ensemble glänzt in einer nicht enden wollenden Abfolge von Kabinettstückchen, begeistert darüber, uneingeschränkt zeigen zu dürfen, was am Thalia für Talente versammelt sind. Die Szenen sind genau gearbeitet, und statt sich von den Szenenübergängen in die Falle problematisch zu lösender Zäsuren locken zu lassen, haben Ojasoo und Semper einen Chor im Publikum verteilt, der Handkes Regieanweisungen herzzerreißend singt, auf dass man sanft von der einen Geschichte in die nächste getragen werde. Zudem zeigt das Regieteam Sinn für Rhythmen, die Massenszenen etwa funktionieren lange Zeit sehr gut durch das Gegenüberstellen unterschiedlicher Geschwindigkeiten: Die einen hetzen über die Bühne, die anderen schlendern, jemand tanzt – und plötzlich bemerkt man Peter Maertens, der mühsam einen Fuß vor den anderen setzt, unendlich langsam, unendlich leidend. Schon hat man den Anfang einer Geschichte. Allerdings: Es bleibt eine Geschichte, ein Diskurs wird von ihr nicht angestoßen, so klug, musikalisch und analytisch sie auch aufgebaut sein mag.

Aggression? Politik?

Ojasoo und Semper haben zuletzt mit Fuck your Ego und Hanumans Reise nach Lolland zwei wüste, aggressive, sehr politische Stücke in der Thalia-Nebenspielstätte Gaußstraße inszeniert, "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" ist ihre erste Arbeit auf der großen Bühne. Und das estnische Regieteam meistert diese Aufgabe mit Bravour – wenn man davon absieht, dass von Aggression und Politik kaum noch etwas zu spüren ist.

Manchmal lappen religiöse und kultische Motive in die Inszenierung, da findet die Regie plötzlich verstörende, kontroverse Bilder: Betende vor der Klagemauer, ein Menschenopfer. Aber es sind nur kurze Momentaufnahmen, die gleich wieder fortgeschwemmt werden von einem Theater, das viel zu gut funktioniert, als dass es einen wirklich zum Innehalten zwingen würde. Moritz Schuller im Tagesspiegel hat unrecht: Es gibt ihn immer noch, den öffentlichen Raum. Nur Diskurs findet hier tatsächlich keiner mehr statt, es ereignen sich zwar Geschichten, aber, ach!, es sind Geschichten, kein echtes Leben. Und die Agora ist weg.

 

Die Stunde da wir nichts voneinander wußten
von Peter Handke
Regie & Ausstattung: Tiit Ojasoo, Ene-Liis Semper, Musik: Lars Wittershagen, Körperarbeit: Jüri Nael, Chorleitung: Uschi Krosch, Dramaturgie: Sandra Küpper.
Mit: Alicia Aumüller, Christoph Finger, Marina Galic, Julian Greis, Franziska Hartmann, Pascal Houdus, Felicia Jackson, Matthias Leja, Peter Maertens, Dominik Maringer, Björn Meyer, Issiaka Moussa, Karin Neuhäuser, Jaak Prints, Sebastian Rudolph, Sven Schelker, Birte Schnöink, Joazi da Silva, Rafael Stachowiak, Oda Thormeyer. Sowie: Shiyue Chen, Elvis Ngai Fung Cheung, Jie Huo, Sohyun Jung, Su Jin Kim, Jasmin Luu, Chieu Thao Nguyen, Pumin Sadjiroen, Duc-Nghia Ta, Lin Xiuyong, Fusako Yamamori, Yecheng Ye, Wenyen You. Chor: Uwe Behrmann, Benjamin Boresch, Andreas Bracht, Nico Cornehl, Leonard Dziwisch, Erik Eschweiler, Jonas Graaf, Tobias Hechler, Thomas Hirsch-Hüffell, Norbert Kijak, Günter Kochan, Sebastian Kreuzer, Harald Lieber, Martin Mutschler, Stefan Puchta, Gregor Schuster, Frank Tiedemann, Siegmar Tonk, Jürgen Weiler.
Dauer: 2 Stunden 25 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Werner Theurich schreibt auf Spiegel Online (1.5.2015): Alles sei in dieser "Handke-Afri-Cola" enthalten, sogar ein wenig "seliger Hippie-Schmu". Manches sei im "Ungefähren" geblieben und führe zu "vermeidbaren Längen". Beeindruckend der "hingebungsvolle Einsatz der vielen Akteure". Ergänzt von einem Heer "wunderbar beweglicher und ausdrucksvoller Komparsen". Großartig der Chor, der für kräftige emotionalisierte Akzente gesorgt habe, "kitschig", "effektvoll" und am Schluss gar "quasireligiös" überhöht. In "dieser pathetischen Inszenierung" konsequent.

Ronald Pohl schreibt auf derStandard.at (1.5.2015): Was verblüffe, sei der "Witzzwang", unter dem die Aufführung stehe. Die estnischen Künstler hätten Handkes Stück die "verquere Handke-Poesie" doch "recht gründlich" ausgetrieben. Man freue sich über "nährstoffreiche Ergänzungen des Bildervorrats". Und werde doch den Eindruck nicht los, Ojasoo/Semper hätten "erstbeste Einfälle in stummes Handeln übersetzt". Die "Erweiterung unserer Gesellschaft" sei der entscheidende Zuschuss gegenüber 1992. Unverständlich bleibe es daher, wenn man die "Integrationsschicksale schwarzer Migranten" zum "Zweck der Pointenmaximierung" missbrauche. Ebenso "unpräzise" sei es, die "dringend gebotene Koexistenz der Konfessionen" platt zu bewerben – "wenn zum jüdischen Gebet an der Klagemauer der Ruf des Muezzins erschallt".

Till Briegleb fragt in der Süddeutschen Zeitung (4.5.2015) wie zeitgemäß dieses Handke-Stück sei. Zunächst stellt er fest, dass hier endlich einmal die Kostümbildnerinnen zu ihrem Recht, ihrem "Fastenbrechen" kämen. "Rund 350 stumme Rollen, die sich blitzschnell durch das Äußere erklären müssen, das ist der größte Festtag im Leben dieser Berufsgruppe." Tiit Ojasoo inszeniere diese "Walpurgisnacht des Eklektizismus mit dezenter Ironie". Von Handkes "Hang zum Blasierten und seiner Liebe zum Gefühlskitsch" sei in diesem "sehr kurzweiligen Aufmarsch" nichts mehr übrig. Eine "irgendwie kritische Haltung zur heutigen Lebenswelt" sei jedoch nicht "intendiert". Selbst in den "schrägsten Szenen" dieser "Urbanitätsforschung" gehe es "zuerst ums Wundern".

 

 

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