Die Asche unseres Vaters

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 15. Mai 2016. Schlichter kann ein Theaterabend nicht sein. Das karge Bühnenbild im Kleinen Haus der Ruhrfestspiele zeigt ein paar Stühle vor einer Wand, eine Vase mit Gladiolen, einen Tisch, auf dem eine Urne steht: ein Beerdigungsinstitut. Nur zwei Schauspielerinnen werden auftreten: Adriana Altaras und Daniela Morozzi. Sie spielen die Töchter von Agatino Rossi, der 1958 aus der Toskana nach Deutschland kam, um hier zu arbeiten, zunächst in Hamburg, dann in Wolfsburg bei VW. Carla, etwa fünfzig, hager und dunkelhaarig, ist eine Deutsche. Maria Grazia, zehn Jahre jünger, blond und füllig (es steht ihr gut), ist Italienerin. Sie streiten um die Urne, in der sich die Asche ihres Vaters befindet. Sie haben nichts voneinander gewusst.

Krass zündender Humor

Als Agatino aus San Gusmè, einem Dorf bei Siena, nach Deutschland emigrierte, weil es den Deutschen gut ging und weil alle Deutschen Volkswagen brauchten, die von Italienern gebaut wurden, denen es bei sich zu Hause weniger gut ging, da wusste er nicht so genau, was ihn in der Fremde erwartete. Außer, dass die Deutschen seine Arbeitskraft erwarteten. Die Deutschen passten sich anscheinend schneller an italienische Gepflogenheiten an als umgekehrt. Während die Deutschen überraschend schnell Spaghetti essen lernten und sogar zur Kenntnis nahmen, dass man dazu keinen Löffel benötigt, taten die italienischen Migranten, die man damals Gastarbeiter nannte, sich mit den Umgangsformen ihrer Gastgeber überraschend schwer. Allzu oft standen sie in ihrer Freizeit in Bahnhofshallen herum, rauchten und blieben unter sich.

amara terra mia1 560 c florian driessen uAdriana Altaras und Daniela Morozzi © Florian Driessen

Man erfährt dergleichen aus verschiedenen eingeblendeten Dokumentarfilmen, meist vom WDR produziert anlässlich des fünfzigjährigen Gastarbeiter-Jubiläums in Deutschland. Der unfreiwillig satirische Humor, der in den historischen Fernsehbeiträgen zutage tritt, zündet meist schneller und krasser als derjenige der für dieses Theaterprojekt neu geschriebenen Dialoge, an denen immerhin nicht weniger als drei Autoren beteiligt waren (Matteo Marsan, Dania Hohmann, Ulrich Waller). Nicht dass die Fabel des kurzen Stücks zu konstruiert wäre: So etwas hat es sicher hin und wieder gegeben. Agatino verliebt sich in Deutschland, gründet eine Familie, geht dann in sein Heimatdorf zurück, gründet eine zweite Familie, geht später, da er sich eigentlich heimatlos fühlt, wiederum nach Deutschland – und beide Ehefrauen und Kinder erfahren nichts voneinander. Man trifft sich irgendwann am Grab bzw. an der Urne. Und in dieser weißen Urne (die am Ende natürlich zerbricht) liegt die Asche nicht eines "Arschlochs", sondern eines Fremdlings, eines heimatlos Gebliebenen.

Es fehlt die Bitterkeit

Doch die szenischen Mittel dieser Koproduktion mit vier beteiligten Partnern sind allzu bieder und hausbacken. Es sind die des armen Theaters, sicher. Altaras und Morozzi spielen mittels schneller Verwandlungen alle Rollen. Morozzi gibt also neben Tochter Maria Grazia auch den vermeintlich lässigen Verführer, der in der Diskothek seine spätere Frau Irene anbaggert. Altaras ist nicht nur die impulsive Carla, die sich von der sanfteren Maria Grazia antagonistisch unterscheidet, sondern beispielsweise auch ein dümmlicher Moderator, der Agostino als tausendsten Gastarbeiter "ehrt" und, nach einem kleinen Eklat, zu dem Schluss kommt, man hätte eben "die Falschen geholt".  Solche Wechsel funktionieren reibungslos, vielleicht sogar zu reibungslos. Es fehlen die Widerhaken, die dem Abend ein schärferes Profil, eine rauere Form geben könnten.

Es fehlt, könnte man auch sagen, an Bitterkeit. "Amara terra mia" – Titel eines Chansons von Domenico Modugno – heißt "Mein bitteres Land". Süß ist es und bitter zugleich. Deutschland dagegen: hart und kalt. Von der Süße und Bitternis, von der Härte und Kälte, von diesen Gegensätzen und von der Einsamkeit der darin befangenen Menschen hätte man mehr erfahren wollen, als es die lakonischen Dialoge eines schnell, wie nebenbei konsumierbaren Theaterabends möglich machen. An den beiden Schauspielerinnen liegt es nicht. Die sind ganz fabelhaft, präsentieren generös die Bandbreite ihres Könnens und man sieht ihnen gern zu.

 

Amara terra mia / Mein bitteres Land. Ein Theaterprojekt über Migranten
von Matteo Marsan, Dania Hohmann, Ulrich Waller.
Regie: Matteo Marsan, Dania Hohmann, Ulrich Waller, Bühne: Georg & Paul, Kostüme: Bettina Proske, Musikberatung: Wolfgang Böhmer, Licht: Dorle Reisse.
Mit: Adriana Altaras und Daniela Morozzi.
Dauer: 1 Stunde, 15 Minuten, keine Pause.

www.st-pauli-theater.de
www.teatrovittoriolfieri.com
www.theatres.lu
www.ruhrfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

Von einem großen Wurf schreibt Kai-Uwe Brinkmann in den Ruhrnachrichten (17.5.2016). In 80 Minuten umreiße das Regie- und Autorentrio das Leben eines Zuwanderers, erzähle von seiner Zerrissenheit zwischen Deutschland und Italien, fange das Klima der 60er-Jahre ein, schlage den Bogen in die Gegenwart. "Ausgehend von einer (fiktiven) Biografie entrollt sich ein großes, ehrliches Panorama von Migration und Heimatlosigkeit". Die beiden Schauspielerinnen Adriana Altaras und Daniela Morozzi "sprechen Deutsch und Italienisch, radebrechen mit Akzent, spielen umwerfend gut. Donnernder Applaus."

Bernd Aulich schreibt in der Recklinghäuser Zeitung (17.5.2016): die Inszenierung sei der "Glücksfall eines zeitkritischen Theaters, das sinnlich, gar anrührend ... Fragen über Fragen aufwirft, statt voreilige Antworten zu geben." Die "nötige Dichte" gewinne der Abend durch "kunstvolle Symmetrien", die "zur Chiffre eines doppelbödigen Lebens" würden sowie durch "authentische Filmaufnahmen" aus den 50er und 60er Jahren.

Die Reportage-Aufnahmen machen die Aktualität der internationalen Koproduktion aus, so Alexander Kohlmann auf dradio Fazit Kultur (16.5.2016). Auf der Bühne setze das Regie-Team leider vollends auf tragische Komik - und die beiden hinreißenden Schauspielerinnen Adriana Altaras und Daniela Morozzi, die auch ihre eigene Biografie in diesem Abend verarbeiten. Wie sie da über der Urne des Vaters miteinander ringen und gestikulieren sei sehr unterhaltsam, "aber der Wunsch nach einem offensiven Einbruch der Gegenwart bleibt". Fazit: "So scheint dieser Abend wie der Auftakt für eine große Auseinandersetzung mit deutschen Bildern von Fremdheit, der urplötzlich nach nur 75 Minuten schon wieder vorbei ist." Andererseits mache die Tatsache, dass diese Produktionen mit dem St. Pauli-Theater von einer privaten Bühne gestemmt werde, auch Hoffnung darauf, dass Theater auch ohne Millionen-Subventionen ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung sein kann.

 

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