"Das ganze Unglück kommt von den Fremden"

von Andreas Wicke

Göttingen, 4. Juni 2016. "Polen. Russen. Rumänen. Es werden täglich mehr. Die wollen unser Deutschland zerstören. Die wollen uns Deutschland wegnehmen. Wenn wir nicht aufpassen." Die Ideologie der Figuren in Klaus Pohls "Die schöne Fremde" passt auf einen Bierdeckel, ist parolenhaft und stammtischkompatibel. Schnell ist man sich einig in jenem Kleinstadthotel in irgendeinem Provinznest. Die Männer, die sich hier betrinken, sind hasserfüllt, gewaltbereit und dauergeil, solange es nicht um die eigene Frau geht. Die Brüder Maul nennen die Hundezucht ihr Hobby, können "das Wort sozial nicht mehr hören" und kümmern sich darum, dass Falschparker getötet werden, zumindest wenn sie den eigenen Wagen zuparken und aus Polen stammen.

In diese miefig-piefige Trostlosigkeit bricht das Andere unerwartet herein: die schöne Fremde, eine Amerikanerin, deren Zug im Schnee stecken geblieben ist und die nun eine Nacht in diesem Hotel verbringen muss. Sie hat schwarze Haare, einen schwarzen Mantel, hochhackige schwarze Schuhe und einen schwarzen Trolley. Die anwesenden Gäste projizieren sofort ihre widerlichen Fantasien, ihre Mischung aus Hass und Begehren in diese Frau, die – ganz klar! – nur eine Hure sein kann, die hier ihrem zweifelhaften Gewerbe nachgeht. Warum sonst ist sie so schön? Warum sonst ist sie schick gekleidet? Warum sonst hätte sie, wie die Hotelwirtin zu berichten weiß, Dessous im Gepäck?

Fremde2 560 Laura Nickel xWillkommen in der höllischen Provinz: Angelika Fornell, Gerd Zinck, Nadine Nollau, Paul Wenning, Andreas Jeßing © Laura Nickel

Wie viel Jetzt gehört auf die Bühne?

Die Parolen des Hasses und der Fremdenfeindlichkeit sind erschreckend aktuell, obwohl Pohls Stück aus dem Jahr 1991 stammt. Aber was die Figuren kurz nach der Wende in der Abgeschiedenheit einer kleinen Bahnhofsstadt sowie unter massivem Alkoholeinfluss in einer Kneipe palavern, "wird heute auf dem Dresdener Marktplatz laut verkündet", sagt Regisseur Elias Perrig in einem Interview zu seiner Göttinger Inszenierung. Mit dieser Einsicht sind entscheidende Fragen für die Regie verbunden: Wie viel Jetzt holt man auf die Bühne? Wie stark soll, darf oder muss das Stück aktualisiert werden? Wie zeitlos ist der Text? Die Entscheidung, die Elias Perrig und sein Team treffen, ist eher unentschieden. Ein Kubus auf der leeren Bühne wird gedreht, je nachdem, ob an der Bar oder im Hotelzimmer gespielt wird. Ein Wählscheibentelefon weist deutlich darauf hin, dass wir nicht im Hier und Heute sind. Zu einer Überzeichnung des ohnedies plakativen Stückes kommt es im Deutschen Theater Göttingen nicht.

Auch das Ensemble verfolgt keine konzise Entwicklung. Während der Text seine Grausamkeiten immer weiter steigert, bevor der große Showdown kommt, treten die Schauspielerinnen und Schauspieler wiederholt aus ihren Rollen heraus und sprechen ins Publikum. Dabei wird auch mit klammotigen Witzeleien nicht gespart, etwa wenn Angelika Fornell als Wirtin Mielke etwas Volkstheatercharme auf die Bühne zitiert. Gerd Zinck und Paul Wenning geben die Brüder Maul als fiese Lüstlinge, die die bürgerliche Gesellschaft jener Kleinstadt intrigant dominieren. Ihr Handlanger Lutter, gespielt von Andreas Jeßing, wirkt zum Teil wie ferngesteuert, wenn er auf Befehl der Brüder einen Polen tötet oder die fremde Frau sexuell bedroht.

Fremde3 560 Laura Nickel xFelicitas Madl (knieend) in der Rolle der tickenden Zeitbombe © Laura Nickel

Die Theke brennt!

Die schöne Fremde selbst ist als tickende Bombe angelegt, aber Felicitas Madl tickt und bombt nur gelegentlich. Während die Vergewaltigungsszene im Hotelzimmer dichte und bedrohende Momente hat, auch weil jeder Atemzug, jedes ängstliche Keuchen per Mikrofon verstärkt wird, bietet das Ende kaum Verdichtung und Entwicklung. Stattdessen wird auf Äußerlichkeiten gesetzt, wenn die Titelfigur als Lara Croft-Domina zurückkehrt und die Szene per Mikrofon überschreit. Am Schluss fließt viel Blut, die Theke brennt und der Plan, den die schöne Fremde geschmiedet hat, um den Albtraum von Hass und Gewalt, von Xenophobie und Sexismus, den sie in jener Nacht im Hotel erlebt hat, zu rächen, scheint aufgegangen. Mit einem Gesinnungswechsel ist freilich nicht zu rechnen. "Das ganze Unglück kommt von den Fremden", sagt die Wirtin als letzten Satz des Stückes.

Die Bedrohung durch dümmlich-rechte Parolen und die Hilflosigkeit angesichts einer Gesellschaft, die keine Courage fordert, sind zwar auf der Bühne omnipräsent, aber diese Bedrängnis überträgt sich kaum auf das Publikum. Die "Finsterlinge" aus "Schauerland" sind zwar ekelhaft, doch nicht unerträglich. Wenn aber diese Figuren nicht radikalisiert werden, wenn es zwischendurch Momente der Entspannung gibt, wenn die Wirklichkeit nicht gnadenlos in dieses Horrorszenario einbricht, bleibt das Stück am Ende harmlos. Und nur weil ein paar Takte "Atemlos" gefischert werden, ist man noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen.

 

Die schöne Fremde
von Klaus Pohl
Regie: Elias Perrig, Dramaturgie: Matthias Heid, Bühne: Beate Faßnacht, Kostüme: Sara Kittelmann, Musik: Michael Frei.
Mit: Florian Eppinger, Angelika Fornell, Andreas Jeßing, Benjamin Kempf, Felicitas Madl, Nadine Nollau, Paul Wenning, Gerd Zinck.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 

Kritikenrundschau

Sicherlich habe das Stück angesichts von ausländerfeindlichen Übergriffen und dem Salonfähigwerden von ethisch jenseitigen und gesellschaftlich spalterischen Parolen neue Aktualität gewonnen. "Das gibt der recht oberflächlich bleibenden Textvorlage aber nicht mehr Analysekraft", schreibt Bettina Fraschke in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (6.6.2016). Anfangs zucke man noch zusammen bei all den Fick- und Überfremdungssprüchen. "Das nutzt sich aber schnell ab." Es gelinge in der groben Überzeichnung eben nicht, das bildungsbürgerliche Theaterpublikum "bei seinen eigenen ideologischen Unsauberkeiten, bei seinen vielleicht tief verborgenen Vorurteilen zu packen".

"Wirkungsvoll inszeniert, überzeugend gespielt, grandios ausgestattet", schreibt Jorid Engler im Göttinger Tageblatt (5.6.2016), "das Ensemble des Deutschen Theaters hat alles richtig gemacht. Und doch bleibt Pohls Textgrundlage, die polarisiert". 

 

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