Wenn gar nichts mehr hilft

von Valeria Heintges

Luzern, 24. November 2016. Katja Brunner buchstabiert die Schweiz durch. Von A bis Z. Von A wie kein Adolf Hitler über K wie klein aber fein und R wie Roger Federer bis Z wie Zwingli. Oder lieber so: Von A wie Anna Göldi über D wie Dagobert Duck wäre in diesem Land ein Durchschnittsbürger über P wie Puff, U wie Untersuchungshaft, X wie Xenophobie entsteht doch nur, weil es hier so klein ist und gut bis Z wie Zwang.

Genau sezierte Urteile

Katja Brunner stört vieles in der Schweiz: Das Heidiklischee in den Bergen, Anna Göldi, die noch 1782 als Hexe verbrannt wurde, die Einigelung des Landes in Europa, Fremdenfeindlichkeit, Sattheit und Selbstgenügsamkeit im eigenen Reichtum. Man muss das so platt formulieren, denn in "Man bleibt wo man hingehört, und wer nicht bleiben kann, gehört halt nirgends hin oder Eine arglose Beisetzung" schreckt auch Katja Brunner vor mancher Plattheit nicht zurück. Gescheit formulierte Kritik kommt da von der Bühne herab, manches genau seziertes Urteil wird in überzeugende Bilder verpackt.

Manbleibt3 560 David Roethlisberger uEin Schweiz-Begräbnis dritter Klasse: Verena Lercher, Adrian Furrer, Sofia Elena Borsani
© David Röthlisberger

Manches aber auch, allzu vieles leider, ist erwartbar. Das Bild vom Heidi vorneweg, ohne das ja auch die gescholtene Tourismusindustrie nicht auskommt. Auch von Anna Göldi ist hierzulande sehr oft die Rede. Ebenso von der Haltung im Zweiten Weltkrieg, als man mit Stillehalten glücklich davonkam – mit allerlei Schätzen zudem, die nur sehr gezwungenermassen den Weg zurück zu den Enteigneten fanden. Sie hat ja Recht, die 25-jährige Zürcherin Katja Brunner, die mit ihrem Missbrauchsdrama Von den Beinen zu kurz 2013 den Mülheimer Dramatikerpreis gewann und seither immer wieder unangenehme Themen anpackt, etwa die unästhetischen Seiten des Alterns in Geister sind auch nur Menschen oder die nicht minder unästhetischen Seiten des Todes in Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt die Trauerränder weg? Auch die letzten beiden wurden am Luzerner Theater uraufgeführt.

Das Heidi quiekst und quietscht

Doch leider gelingt es Christina Rast bei ihrer Uraufführung des Textes in der hölzernen Box des Luzerner Theaters nicht, den Text von seinem hohen "Ich weiß es"-Katheder herunterzuholen und seinen zynisch-vorhersehbaren Teilen einen doppelten Boden oder mindestens ein wenig Humor einzuimpfen. Viel zu sehr müssen die Schauspieler agitierend auf das Publikum einsprechen, viel zu selten dürfen sie ihren Körper dabei einsetzen, viel zu oft müssen sie einfach Betroffenheit spielen und dürfen dabei gerade mal den ins Publikum ragenden Steg entlanglaufen.

Sie machen das gut, keine Frage. Etwa Verena Lercher, die sich als "ältester Igel Europas" verausgabt, bis man meint, die Stachel an ihrem Rücken sehen zu können, so intensiv spielt sie das. Oder Sofia Elena Borsani, die als Heidi quiekst und quietscht und sich schmollmündig fremdschämt. Herzallerliebst und überaus überzeugend. Aber schon bei Adrian Furrer, dem dritten im Trio, fehlen diese Momente, die hängen bleiben. Zu oft spricht er einfach ins Publikum und darf sich gerade mal ein wenig die Haare raufen oder im Monolog mit anderen die Sätze aufteilen. Und das ABC der Schweiz, das sprechen sie – Pfiff! - sogar ganz wörtlich am Katheder.

Mit den Zähnen knirschen

Ausstatterin Franziska Rast (die Schwester) hat noch versucht, die Störmomente zu betonen, zieht Verena Lercher die Edelweiss-Hosenträger zum burschikosen Look an, lässt das Heidi zum weiten Röckli und Blümlein im Haar in schwere Stiefel steigen. Und stellt ausgestopfte Viecher in die Ecke. Aber da bleiben sie auch stehen – und spielen weiter keine Rolle. Verschenkt. Trixa Arnold bemüht sich redlich an den Plattentellern, schiebt herzigen Kinderchören asiatische Gesänge unter und lässt "You and your Spanish Eyes" ironisch eiern und scheppern.Manbleibt1 560 David Roethlisberger uDie Schweizer Idylle auf dem Kopf: Sofia Elena Borsani als das Heidi © David Röthlisberger

Aber Christina Rasts Regie nimmt die angebotenen Fäden nicht auf, lässt sogar eigene Motive in der Luft verkümmern, etwa wenn die Schauspieler mit "Lasst mich rein!"-Schildern vor den Fenstern erscheinen, sich Zugang zur Bühne verschaffen – und fertig. Spätestens wenn Borsani völlig ironiefrei Sätze sagt wie "Schämt euch eurer Lügen und vor allem schämt euch, dass ihr in Selbstgerechtigkeit watet, halstief", dann fragt man sich, ob das Theater nicht mehr sein muss als eine Wahlveranstaltung, in der die einen zustimmend nicken dürfen und die anderen wütend mit den Zähnen knirschen. Und jeder sich in seiner Meinung bestätigt sieht. Ach ja, am Ende gibt es noch eine Beerdigung. Gestorben ist die Angst, auf die wir alle doch so gut verzichten könnten. Und die Zuschauer werden aufgefordert, sich resigniert die Zeit zu vertreiben, indem sie Flüchtlinge auf Lampedusa zählen oder Namen von abgewiesenen Asylanten auswendig lernen. Wenn gar nichts mehr hilft, hilft auch kein Zynismus.

 

Man bleibt wo man hingehört, und wer nicht bleiben kann, gehört halt nirgends hin oder Eine arglose Beisetzung (UA)
von Katja Brunner
Inszenierung: Christina Rast, Bühne und Kostüme: Franziska Rast, Musik: Trixa Arnold, Dramaturgie: Julia Reichert.
Mit: Sofia Elena Borsani, Verena Lercher, Adrian Furrer.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.luzernertheater.ch

 

Kritikenrundschau

Julia Stephan von der Luzerner Zeitung (26.11.2016) schreibt, Brunners Text wirke wie ein alter Flickenteppich aus Schweiz-Klischees. "Um Brunners ausufernden Sprachteppich, der durchaus die eine oder andere brillante Pointe bereithält, nach etwas aussehen zu lassen, hätte die Regie Brunners Text auch mal in die Schranken verweisen müssen." Leider glücke Christina Rast das nicht so recht. "Sie lässt diesen Textflickenteppich in einer Skihüttenatmosphäre – ausgestopfte Tiere und Gardinen inklusive von drei Schauspielern schultern, die ins Publikum dozieren."

Hier Brunners auf- und abschwellender Heimatgesang, da in der Regie seine postdramatische Überzeichnung im Comic-Style, schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (29.11.2016). "'Wir haben Hornhaut auf der Netzhaut', konstatiert eine der Stimmen gegen Ende. Die Regie hat sie nicht recht abschmirgeln wollen."

 

 

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