Der schrecklichste der Schrecken

von Peter Schneeberger

Wien, 12. Mai 2008. Aus diesem Krieg ist die Luft raus. Seit Jahren lagern Agamemnon, Menelaus, Achilles, Ajax und all die anderen hochfahrenden griechischen Helden vor Troja, doch die dicken Mauern der gut befestigten Stadt wollen trotz aller geballten Waffenkraft nicht fallen. Das zermürbte Heer weiß selber schon nicht mehr so genau, warum es eigentlich in den Krieg gezogen ist: Einst hat Paris, der Trojanische Königssohn, Menelaus’ Gattin Helena entführt. Mit wildem Furor zogen die Griechen übers Meer, um sich die schönste aller Frauen zurück zu holen. Doch der edle Eifer ist verpufft. Aus dem Krieg ist bleierne Normalität geworden.

Panoptikum männlicher Eitelkeiten

William Shakespeare steigt mit seiner Erzählung im siebten Kriegsjahr ein: "Troilus und Cressida", wegen seiner abenteuerlichen Mischung aus Tragödie, Komödie, Historie und Parodie weithin als "Problemstück" verschrien und eher selten auf deutschen Spielplänen zu finden, ist keine idealisierte Chronik antiker Heldentaten. Der englische Nationaldichter entwirft in seinem Drama ein Panoptikum männlicher Eitelkeiten und gibt Homers edle Protagonisten mit leichter Hand der Lächerlichkeit preis.

Der Vorhang im Theater an der Wien fährt hurtig nach oben, das Licht im Saal geht aus - und der Zuschauer blickt auf eine müde Heldentruppe. Nebel liegt über dem Griechenheer, durchs Zeltdach tropft unaufhörlich der Regen und auf der Bühne stehen dutzende kleine Schüsseln, um das Wasser notdürftig aufzufangen. Niemand denkt daran, auch nur einen Finger zu krümmen. Menelaus hat seinen Kopf in den Händen vergraben, Odysseus starrt auf ein Blatt Papier, Oberführer Agamemnon stiert in die Luft. Die berühmten Herren biegen sich vor Langeweile.

So beginnt Luk Perceval seine Bearbeitung von Shakespeares Fünfakter: in Zeitlupe. "Troilus und Cressida" ist die erste einer ganzen Reihe von Shakespeare-Inszenierungen, die bei den diesjährigen Wiener Festwochen zu sehen sein werden. Barbara Weber wird den Stoff von "König Lear" ("Die Lears") bearbeiten, während Ivo van Hove mit seiner Schauspielinstallation "Römische Tragödien" zu Gast sein wird. Das Burgtheater steuert Ende Mai noch "Die Rosenkriege" als Tour de Force durch "Heinrich VI" und "Richard III" in der Inszenierung von Stephan Kimmig bei: So viel Shakespeare war nie.

Wirkungsvoll gerafft

Mit "Troilus und Cressida", einer Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen, ist Luk Perceval ein erster, leuchtender Höhepunkt des Shakespeare-Schwerpunktes geglückt. Dabei hält sich der 50jährige Belgier nur lose an die Vorlage: Figuren werden kurzerhand gestrichen (etwa Cressidas Onkel Pandarus), Szenen radikal gekürzt (fast der ganze vierte Akt fällt dem Rotstift zum Opfer) und Dialoge arg verknappt. Doch hat Dramaturg Matthias Günther formidable Arbeit geleistet. Er hat das Stück nicht verstümmelt. Er hat es wirkungsvoll gerafft.

Die erste Regung des Abends ist eine Geste der Verzweiflung: Schauspieler Oliver Mallison reißt sich sein Hemd vom Leib. Er brennt vor Liebe, reckt seinen Kopf nach oben und flüstert seine Sehnsucht nach Cressida in eines der zahlreichen Mikrophone, die vom Himmel hängen: "Wie quält ihr mich, ihr Götter". Noch weiß er nicht, dass Cressida ihn schon bald erhören wird. Noch weiß er aber auch nicht, dass er am Ende des Abends aus Verzweiflung über Cressidas Untreue wie ein kleines Kind wimmern wird.

Niemand will hören

Hier ist nichts mehr gut. So radikal wie in kaum einem seiner anderen Stücke zerstört Shakespeare in "Troilus und Cressida" jeden Funken Hoffnung. Die Kriegshelden liegen faul, eitel und selbstverliebt in ihren Betten, "die ganze Geschichte dreht sich um einen Hahnrei und eine Hure", resümiert Shakespeares Thersites Homers "Ilias" bitter. "Weint, Troer, weint!", ruft die Seherin Cassandra ihren Landsleuten zu. "Troja wird fallen! Wir alle werden Hundefraß, zu Staub und Asche." Doch niemand will hören. Begossen wie ein nasser Pudel steht Schauspielerin Annette Paulmann als hysterisch hellsichtige Cassandra in einer der Regenschüsseln, schwenkt die langen Ärmel ihrer Zwangsjacke, tobt und weint und schreit sich vergebens die Seele aus dem Leib.

Immer wieder gelingen Luk Perceval im Verlauf des nur zweistündigen Abends Bilder von ähnlich hoher Suggestionskraft und emotionaler Wucht: Wenn Troilus und Cressida einander zum ersten Mal küssen, schüchtern verdeckt unter einem gelben Wollpullover, scheint im Theater an der Wien die Zeit still zu stehen. Wenn am Ende das große Gemetzel beginnt und Achilles dem wehrlosen Hektor eine schwere Eisenstange über den Schädel zieht, steigert Perceval die Szene zum grauenvollen Totentanz. "Der schrecklichste der Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn", sagt Agamemnon. Luk Perceval hat dem Wahn freien Lauf gelassen.

 

Troilus und Cressida
von William Shakespeare
übersetzt und bearbeitet von Paul Brodowsky
Koproduktioin der Wiener Festwochen mit den Münchner Kammerspielen  
Regie und Raum: Luk Perceval, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Licht: Max Keller, Ton: Wolfram Schild, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Barbara Nüsse, Hans Kremer, Bernd Grawert, Oliver Mallison, Annette Paulmann, Julia Jentsch, Christoph Luser, Peter Brombacher, Wolfgang Pregler, Stefan Merki, Frederik Tidén, Joel Harmsen.

www.festwochen.at
www.muenchner-kammerspiele.de

Kritikenrundschau

"Jeder echte Mann ist ein bisschen merkwürdig", sinniere Bernd Grawert als Menelaos an einer Stelle der Aufführung und treffe damit "die etwas unentschlossene Einstellung von Regisseur Luk Perceval gegenüber seinen männlichen Protagonisten", schreibt Petra Rathhammer in der Wiener Zeitung (13.5.2008). In der ersten Hälfte des zweistündigen Abends entfalte "der flämische Theaterpoet" seine ganze Bühnenkunst: Die Textbearbeitung von Brodowsky verwebe in einem "wunderbar flapsigen Textgerüst" gekonnt die Homer’sche Vorlage mit Shakespeare-Passagen und "historisch-kritischen Kommentaren zum Mythos". Der Spielstil erzeuge wenigstens momentweise mit "geringen Mitteln enorme Dichte". Wenn etwa die Cressida der Julia Jentsch den Geliebten (Oliver Mallison) unter ihren gelben Kopfschleier schlüpfen lasse. "Die Körper umarmen sich, sichtbar für das Publikum, während die Köpfe und das Tun der Lippen verdeckt bleiben: Diese Annäherung zählt wohl zu den zartesten des Gegenwartstheaters". Nach Cressidas Auslieferung an die Griechen ändere sich die Spielweise in "seelenloses Toben, Kreischen, Brüllen und Spritzen mit Theaterblut".

Werner Thuswaldner
moniert in den Salzburger Nachrichten (14.5.2008) die Textfassung der Inszenierung: "Es gibt darin viele Formulierungen, die die bekannte Art von Lustigkeit ergeben, wenn klassische Texte in die Alltagssprache von heute übertragen werden." Nach "viel leerer Kriegsrhetorik und Langeweile" fahre der Regisseur das Ganze zuletzt "zu großem Getöse hoch". Das "Witzeln hat ein Ende, der Kampf ist unausweichlich, und wer will, kann die Botschaft vernehmen: Krieg, vor allem wenn er sich hinzieht, ist schlecht." Perceval vermittele "das Gefühl des Überdrusses, so als könne er sich nur noch mit Zynismen über die Runden helfen". Von "seiner einstigen Pranke sei wenig zu spüren". Statt Charakteren biete er "Karikaturen", und verzichte auf das Potenzial vieler guter Schauspieler.

Ronald Pohl erlebte, er beschreibt es im Standard (14.5.2008) die erste halbe Stunde der verzweifelt-zynischen Inszenierung als einen "der betörenden, der unschlagbaren Königsmomente des FestwochenTheaters". Diese halbe Stunde handele vom "Kollaps, vom schleichenden Niedergang des menschlichen Wollens". Sie sei, "politisch wie ästhetisch gesehen", eine glänzende Bestätigung des Regietheaters, das die "schonungslose Analyse der Gegenwart mit den Sinnangeboten der Klassiker" schmerzlich verrechne. Auf der anderen Seite würden jene Momente, die Shakespeare der Liebe zugedacht habe, trostlos heruntergekürzt – das "beabsichtigte Elend dieser momentweise so beklemmenden wie großartigen Unternehmung". Die "Dummheit, durch die sich die Kriegsparteien reichlich auszeichnen", verweigere dem Publikum "die Anteilnahme" und den Schauspielern "die ausschlaggebende Innigkeit, die ein Nummernkabarett der Kriegskanzlisten zum wahrhaften Welttheater erhöbe".

Zur "reinen Männersache" erklärt Norbert Mayer in der Presse (14.5.2008)  Percevals "Bruchstücke", die in "belgischer Feuchte" spielten. Es gebe "aufregende Bilder", daneben seien die "ganz stillen und die ganz lauten Passagen" die Stärken "des Flamen". Es werde "viel gebrüllt und geschwiegen in dieser Aufführung". Die Darsteller des Liebespaares überzeugten in ihrer "Tragik, in ihrem fast heiligen Ernst und auch der ohnmächtigen Wut", aber sie bildeten nur den Rahmen. "Zentral ist der Krieg, ist menschliches Versagen". Und die Schauspieler der Griechenhelfden setzten den Untergang "köstlich in Szene. Was für dumme Mannsbilder München hervorbringen könne".

Christopher Schmidt hat Percevals Version von "Troilus und Cressida" nicht gefallen. Er begründet das in seiner lesenswerten Rezension in der Süddeutschen Zeitung (14.5.2008) ausführlich. Die Mühe der neuen Übersetzung durch Paul Brodowsky hätte man sich sparen können. Wo der Übersetzer die Figur des Thersites streicht, hole Perceval diese zurück und streiche dafür Pandarus. Der Text, mit populären Klassiker-Zitaten, modischen Reizwörtern und "obszönen Nebenbedeutungen" durchsetzt, werde zum Gegenstand der "Unterwerfungsphantasien" des Regisseurs, gerade so wie die weiblichen Figuren, die Perceval einer "Merkwürdigkeit des Gegenwartstheaters" folgend, mit Vorliebe in Unterwäsche zeige oder, wie die Cressida der Julia Jentsch, gleich gesichtslos, in einem über den Kopf gestülptem Minikleid. "Zwanghafte Herabsetzung" der Frauen, diagnostiziert Schmidt, dadurch noch einmal verdoppelt, dass Perceval seine halb ausgezogenen oder gesichtslosen jungen Frauen als "Opfer männlicher Gewalt" vorführe. Cressida etwa, die als vermummtes, anonymes Lustobjekt ihrem Liebsten zugeführt, in die "Folter-Ikonographie von Abu Ghraib" eingepasst, einer "angedeuteten Massenvergewaltigung" zum Opfer falle. Zum Ausgleich inszeniere Perceval eine "edel-tragische Liebesgeschichte, von der kein Wort bei Shakespeare steht." Für Schmidt ist Perceval Inszenierung verglichen mit Shakespeares Originaltext eine "kleinbürgerliche Verharmlosung", die zwischen den "Kitschpfützen politischer Korrektheit" spiele. Ein letztes Beispiel: selbst wenn Perceval dunkelhäutiger Thersites eine unterdrückt Minderheit vertrete, "darf er darum noch lange nicht mehr als drei Sätze sagen. Bloß nicht übertreiben mit der Integration."

Ganz anders die Frankfurter Allgemeine Zeitung (15.5.2008). Die Aufführung wäre ganz lustig, sollte es aber doch unterlassen, sich als ein Stück von Shakespeare zu verkaufen", ätzt Martin Lhotzky nämlich eher enerviert. Bereits die Eile, mit der man als Zuschauer in neunzig  das Stück gejagt wird, mißfällt dem Kritiker sehr. Auch Paul Brodowskys Übertragung reißt ihn mit ihrer Lakonie nicht vom Hocker. Richtig ärgerlich macht ihn, dass oft gleich mehrere Figuren von ein und dem selben Darsteller verkörpert werden. "In einer Theaterphase, in der man offenkundig gar keine Geschichten mehr erzählen will, kann man vortrefflich am Personal sparen", bringt er das Vorgehen für sich auf den Punkt. Aber auch die Interpretation der Cressida als Mezze geht ihm gegen den Strich und Julia Jentsch, die sie verkörpern muß, gehört sein Mitgefühl. Schließlich sei es soweit: "Die ganze Bühne steht unter Wasser. Die meisten Schauspieler sind bereits mehrmals deswegen ausgerutscht oder haben einander volle Behälter aufgesetzt. Jetzt wird es Zeit für den obligaten grellgelben Lichtblitz, und das Gemetzel kann beginnen." Aber selbst das findet Lhotzky wenig überzeugend.

Sehr viel positiver ist die Frankfurter Rundschau (15.5.2008) gestimmt, wo Stephan Hipold die Aufführung als eindringlich, wenig gefällig und sehr intensiv beschreibt. Besonders das Bild des steten Tropfens von Wasser in unzählige Schüsseln findet sinnfällig. Aber auch sonst beeindruckt ihn der Zugriff auf das Drama, durch die es aus seiner Sicht ohne platte Aktualisierung etwas zwingend Heutiges erhält: Shakespeares Darstellung eines sinnentleerten Krieges und in die Karikatur getriebener Pantoffelhelden hat für Hipold "mehr mit den Bildern eines George Grosz als mit der Heldenverherrlichung eines Homer zu tun." Dazu kommt für ihn die "aufgeblähte Rhetorik, die Shakespeare in diesem Stück betreibt: Sätze, die ins Unendliche purzeln, Wortdrechseleien, die sich seltsam vom kriegerischen Hintergrund des um 1601, in zeitlicher Nähe zu Hamlet, entstandenen Stückes abheben. Schmuck statt Schmutz." In Wien habe man diesen Ballast kurzerhand entsorgt. Übrig bleibe im fahlen Licht der gähnend frei geräumten Bühne "der dunkle Kern des Dramas. Ein Skelett, dessen klapprige, von Paul Brodowsky mit sehr forschem, heutigem Zugriff übersetzte Teile mit wechselnden Erzählfiguren zusammengehalten werden."

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