In den Krieg reinfeiern

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 2. Mai 2017. Die Situation ist ungewöhnlich. Die Tribüne, die ansonsten einen beträchtlichen Teil des Raums in der ehemaligen Industriehalle auf dem Gelände König Ludwig 1/2 ausfüllt, wurde abgebaut. Stattdessen gibt es an den Rändern der nun viel größeren Spielfläche einige kleine Tribünen mit jeweils mehreren Holzbänken. Von der im hinteren Drittel des Raums platzierten Bühne, die von drei als Triptychon angeordneten großen Leinwänden begrenzt wird, reicht ein breiterer Steg weit in den Raum hinein. Dessen Seiten sind als Tafel gedeckt, an der zumindest ein Teil des Publikums Platz findet.

Volksmahl auf dem Maidan

Als ich den Raum betrete, lädt mich einer der Performer an die Tafel. Es ist fast wie bei einem großen Familienfest. Die Gastgeber schenken kalten Früchtetee aus, servieren Borscht, eingelegtes Sauerkraut und andere kleine Speisen, die mehr oder weniger typisch für die Ukraine sind. Während alle essen, spielt das aus Toronto stammende Lemon Bucket Orkestra eine ukrainische Volksweise. Aber diese Zusammenkunft ist kein Fest, auch wenn die ausgelassene Stimmung das einem suggeriert. Die Menschen an der Tafel und auf den Tribünen hinter ihnen befinden sich mitten in einem politischen Konflikt, der schon bald eskalieren wird.

Counting Sheep 1 560 c Dime Nechepurenko© Dime Nechepurenko

Mark und Marichka Marczyk drehen mit ihrem Stück die Zeit zurück. Der Bühnenraum wird zum Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, auf dem sich ab dem 21. November 2013 immer mehr Menschen einfanden, um gegen den damaligen ukrainischen Präsidenten Janukowytsch und seine Politik zu demonstrieren. Der hatte zuvor entgegen seiner vorherigen Versprechen ein lange vorbereitetes Assoziationsabkommen mit der EU nicht unterschrieben. Das Bankett für die Zuschauer erinnert daran, dass diese Proteste friedlich begannen. Vor allem junge Ukrainer kamen zusammen und machten sich für eine Öffnung ihres Landes in Richtung Westen stark.

Die Tafel wird zur Barrikade

Die Stimmung kippt schnell, in "Countig Sheep" wie seinerzeit auf dem Maidan. Auf dem Steg tritt ein Polizist in Kampfausrüstung einer Sängerin entgegen. Und Schrifttafeln informieren über brutale Aktionen der Berkut, einer Spezialeinheit der ukrainischen Polizei, die direkt dem Innenministerium unterstellt war. Das Bankett löst sich schnell auf. Die Zuschauer, die nun zum Teil wie die Darsteller der Demonstranten weiße (Schafs)Masken tragen, verteilen sich im Raum. Währenddessen wird der Steg abgebaut. Man braucht das Material für eine Barrikade.

Counting Sheep 2 560 c Dime Nechepurenko© Dime NechepurenkoRegisseur Kevin Newbury und die Mitglieder des Lemon Bucket Orkesta, dieser Balkan-Klezmer-Gyspy-Supergroup, setzen ganz auf Unmittelbarkeit. Das Publikum wird von Anfang an konsequent in die Ereignisse hineingezogen und dann immer weiter mitgerissen. Im Prinzip weiß man gar nicht, wie einem geschieht. Wie man zunächst zum Essen aufgefordert wird, so wird man später dazu angestachelt, beim Bau der Barrikade mitzuwirken oder Steine zu werfen. Der Einzelne geht im Sog der Masse unter. Das ist eine faszinierende, aber auch erschreckende Erfahrung. Allerdings lässt die Inszenierung erst einmal kaum Zeit, diese Widersprüche zu reflektieren.

Mitreißend mitgerissen

In einer frühen Szene illustriert das Ehepaar Marczyk auf sinnfällige Weise die schnell unübersichtlich werdenden Verhältnisse. Über die Leinwände flimmernde Fernseh- und Found-Footage-Aufnahmen zeigen gewaltbereite Demonstranten, die mit einem gestohlenen Baggers die Situation anheizen. Parallel dazu treffen auf dem Steg drei verschiedene Gruppierungen zusammen. Aggressive Randalierer, die mit einem großen Schneeschaber gerüstet sind, friedfertige Demonstranten, die sich den Angreifern in den Weg legen, und Polizisten, die sogar von den Liegenden bejubelt werden. Die Fronten sind völlig unklar, und können von einer Minute auf die andere neu gezogen werden. Genau diese unklare Situation, die im Lauf der Maidan-Bewegung aus Demonstranten Revolutionäre gemacht hat, fängt "Counting Sheep" geschickt ein. Immer wieder wechselt die Stimmung. In einem Moment wird eine Hochzeit gefeiert, im nächsten wird gekämpft. Und das Publikum ist immer beteiligt.

Agitprop

Aber das Direkte, Mitreißende der Inszenierung, die durch die extrem energiegeladenen Interpretationen ukrainischer Lieder im Fluss gehalten wird, hat auch etwas Manipulatives. Über die genaueren politischen Zusammenhänge, die einzelnen teilweise widerstreitenden Fraktionen auf dem Maidan erfährt das Publikum praktisch nichts. Es handelt einfach ohne Plan oder tiefere Einsichten. Das mag als Ausdruck der Dynamik revolutionärer Prozesse legitim sein. Man erfährt am eigenen Körper wie Revolutionen in Bewegung kommen.

Am Ende überschreiten Mark und Marichka Marczyk aber eine Grenze. Nach ergreifenden Trauerszenen, in denen die Toten des Maidan beklagt und gefeiert werden, geht es hinter die Leinwände. Dort hat Bühnenbildner Matthew Cherkas eine Art militärischen Unterstand gebaut. Die Demonstranten sind zu Kämpfern in der Ostukraine mutiert. Und wieder ist das Publikum direkt dabei und lässt sich zumindest in Teilen von dem kriegerischen Furor anstecken. "Der Krieg ist noch nicht zu Ende", heißt es in der letzten Texteinblendung des Abends. Und wenn es nach den Marczyks geht, wird sich daran in näherer Zukunft wohl auch kaum etwas ändern.

 

Counting Sheep - Eine Guerilla-Folk-Oper
von Mark Marczyk und Marichka Marczyk
in Zusammenarbeit mit Hot Fet Canada Ltd. und Selfconscious Theatre
Regie: Kevin Newbury; Musikalische Leitung: Marichka Marczyk, Mark Marczyk; Musik: Lemon Bucket Orkestra; Bühne: Matthew Cherkas; Choreographie: Chloe Treat; Video: Pedro Bonatto de Castro
Mit: Volodymyr Bedzvin, Eli Camilo, Nathan Dell-Vandenberg, Tamar Ilana, Kris Joseph, Michael Louis Johnson, Oskar Lambarri, Mark Marczyk, Marichka Marczyk, Jaash Singh, Ian Tulloch, Stephania Woloshyn, u.a.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Das Faszinierende an 'Counting Sheep' ist weniger das Spiel des Straßentheaters als vielmehr die Musik mit den vielen überragend gesungenen und arrangierten ukrainischen Volksliedern", schreibt Alfred Pfeffer in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (5.5.2017). Intensiv und packend werde das Spiel der Akteure, als am Ende die Revolution mit erbarmungsloser Gewalt niedergeschlagen wird. "Zum Schluss noch ein Appell, der sagen will: Vergesst uns, die Ukraine, nicht. Denn auf der Krim und in der Ost-Ukraine sterben weiterhin Menschen in den Konflikten mit Russland."

 
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