Aus den Rollen treten

von Michael Laages

26. August 2017. Wem die Jungfrau gehört? Den Franzosen natürlich. Schon Friedrich Schiller hatte sie den Nachbarn ja kunstvoll entwendet und seinen Landsleuten zugänglich gemacht – damit sie wenigstens auf der Bühne wahrnehmen konnten, was das ist: ein Mythos der Freiheit. Ihr eigener Cherusker Herrmann taugte dafür nur bedingt, was bald darauf Kollege Kleist belegte. Eine Sehnsuchtsfigur wie das zwischen Berufung und eigenem Selbst zerrissene Bauernmädchen Jeanne lebt aber auch in der kollektiven Erinnerung Afghanistans; "Malalai" heißt sie, und in der Schlacht gegen die englischen Kolonialherren 1880 bei Maiwand führte diese Sanitäterin (so erzählt es jedenfalls die Legende) die bereits zu Aufgabe, Flucht und Unterwerfung bereiten Befreiungskrieger gegen jede Vernunft zum Sieg. Die transnationale Begegnung der Jungfrauen ist der Ausgangspunkt des Theaterprojekts, das jetzt beim "Kunstfest" in Weimar Premiere hat.

Nach dramatischen Vorgeschichten – denn schon im Vorjahr gab es den Plan für diese Produktion. Aber das "Azdar"-Ensemble aus Afghanistan durfte nicht anreisen. Jetzt bürgten Weimarer Bürgerinnen und Bürger dafür, dass die sechs Darsteller auch zurück kehren werden; und doch durften die Männer auch diesmal nur ohne ihre Frauen reisen. Ganz in Weiß in bodenlangen Kostümen sind sie in der Aufführung die fremde Gemeinschaft, die den Echoraum bildet für die europäische Perspektive. Dieses Echo oszilliert in der Spielfassung des Schiller-Stoffes von Julie Paucker und Regisseur Robert Schuster zwischen immer wieder neuem Widerspruch und Bestätigung.

Die doofen Deutschen

Tatsächlich können Schiller-Kenner "ihren" Klassiker umstandslos wieder erkennen. Paucker und Schuster bleiben eng an der Fabel. Zugleich wird sie aber beständig zum Kern der Debatte – bis ins Detail. Die Männer vom "Azdar"-Ensemble haben zu Beginn T-Shirts zur Hand – die trugen sie, als sich im Dezember 2014 ein Selbstmord-Attentäter in einer ihrer Premieren in die Luft sprengte. Seither dürfen sie nicht mehr spielen daheim … und die schlichten Hemden sind ihnen jetzt Freiheitsbeschwörung genug. Nur der arg lärmige deutsche Vertreter im Spiel-Ensemble muss neunmalklug und "werktreu" darauf beharren, dass die "echte" Johanna doch einen Helm in die Hand und auf den Kopf gedrückt bekam am Beginn der Berufung und der Reise in die Unsterblichkeit.

Überhaupt zeichnen Paucker und Schuster speziell die deutschen Stimmen (aus dem Ensemble des Nationaltheaters in Weimar) besonders laut und schwach und ignorant dem Mythos gegenüber; als solle mit ihnen das alte Europa einen derben Tritt in den Hintern bekommen angesichts des afghanischen Dramas. Die Franzosen kommen deutlich besser weg, schon der zwei von insgesamt drei Johannen wegen (die dritte kommt aus Israel), die als fein gebrochene Lichtgestalten die Geschichte durchziehen. Auch die Dreierbesetzung passt zu Afghanistan – außer der historischen Malalai wird auf zwei weitere gleichnamige Visionärinnen von dort Bezug genommen: Malala Yousafzai, die Schülerin, die von Taliban eine Kugel in den Kopf geschossen bekam, überlebte und (weil sie zur Vergebung bereit war) den Friedensnobelpreis erhielt; und Malalai Joya, eine junge Politikerin, die den männlichen Alt-Eliten das Bild des neuen, jungen und freieren Afghanistan vorhält.

Malalai 560 annette hauschild uHoman Wesa (Bote), Gulab Jan Bamik (Karl VII.), Thais Lamothe (Jeanne d'Arc), Ahmad Nasir Formuli
(Agnes Sorel), Céline Martin-Sisteron (JEanne d'Arc), Sulaiman Sohrab Salem (Dunois), Hadar Dimand
(Jeanne d'Arc), Said Edris Fakhri (Du Chatel) © Annette Hauschild

Wann immer sich der afghanische Echoraum öffnet, gewinnt Schusters Inszenierung deutlich an Kraft. Besonders kurz vor der Pause, als alle Ensemblemitglieder aus den Rollen treten und aus afghanischem, französischem, israelischem und deutschem Blickwinkel über Kraft und Chance zur Vergebung diskutieren. Geht das? Nach so unermesslich vielen Opfern? Einer der Azdar-Männer nimmt die Rolle des Attentäters vom Dezember 2014 auf sich – wird ihm vergeben werden können, weil er ja in aller mörderischen Verblendung ein Mensch war? Hier gewinnt die Aufführung eine Tiefe wie sonst nirgends. Sie berührt ein Tabu. Was, wenn auch die Killer nicht nur Monstren sind? Bei dieser Frage verschwimmen die Nationalitäten.

Unterschiedliche Spielweisen

Der Schiller-Stoff, die Basis der Produktion, geht weit weniger unter die Haut; auch, weil es schwer ist, ihm wirklich auf der Spur zu bleiben in der durchaus anstrengenden Übertitelung für die fremden Idiome. Vielleicht wirken die deutschen Charaktere (die meist "die Engländer" und also die Besatzer verkörpern) ja auch so banal, weil wir sie wirklich verstehen. Schwer zu sagen, weil die unterschiedlichen Spielweisen generell Verwirrung stiften; außerdem sind die Rollen gelegentlich gegengeschlechtlich besetzt, was nicht zu mehr Klarheit führt. Schon Schillers Original geht ja komplizierte Wege; speziell die spirituellen Verstrickungen der Titelheldin stellen jede moderne, "aufgeklärte" Inszenierung vor beträchtliche Probleme. Das ist in Weimar jetzt nicht anders, zumal im Angesicht sehr viel fundamentaler gedachter und gefühlter Spiritualität etwa in Afghanistan, etwa in Israel.

Vielleicht wäre das Projekt letztlich weiter gekommen mit weniger Bemühen um den Klassiker und das originale Stück. Auf Eva-Maria Ackers karger Bühne, begrenzt von beweglichen Stahlplatten, die auch soundverstärkt beklopft und betrommelt werden können, tut sich die Handlung jedenfalls schwerer als nötig. Aber dann sitzen wir stumm und geschlagen vor den Momenten, in denen die leidvoll-dramatische Wirklichkeit des "Azdar"-Ensembles Schiller Schiller sein lässt; ihn erreicht und überwindet. Mit dieser ausweglosen Wahrheit haben sie alle dort zu leben gelernt. Uns steht das noch bevor.

 

Malalai – die afghanische Jungfrau von Orleans
nach Friedrich Schiller von Julie Paucker und Robert Schuster
Regie: Robert Schuster, Bühne und Kostüme: Eva-Maria van Acker, Choreographie: Martin Gruber, Dramaturgie: Julie Paucker, Licht: Christian Schirmer.
Mit: Hadar Dimand, Thais Lamothe, Celine Martin-Sisteron, Gulab Jan Bamik, Said Edris Fakhri, Ahmad Nasir Formuli, Marcus Horn, Abdul Mahfoz Nejrabi, Sulaiman Sohrab Salem, Jonas Schlagowsky, Romaric Seguin, Homan Wesa.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.kunstfest-weimar.de
www.nationaltheater-weimar.de

 

Kritikenrundschau

Frank Quilitzsch in der Thüringischen Landeszeitung (28.8.2017) sah im Weimarer E-Werk "eine Sternstunde transnationaler Theaterarbeit". Denn die bunt gemischte Truppe spiele "hier nicht nur Schiller, sie spielen auch um ihr Leben": Junge Frauen im Teenager-Look, "die statt des Helms blutige T-Shirts tragen – eine Reminiszenz an die Opfer des Bombenanschlags im Kabuler Theater". Immer wieder erzählten die Afghanen davon und "beschämen uns, die wir ihnen im vergangenen Jahr die Einreise verwehrten". Was komme, fragten sich die "vereinten Jungfrauen zu Weimar", nach dem Hass? Drei Stunden lang bächten Schuster und Paucker Akteure und Zuschauer "immer wieder an ihre Grenzen". Das sei "oft großartig und manchmal überzogen". Zäh werde es, wenn die Schauspieler ihrem eigenen Spiel nicht trauten und meinten, "es kommentieren zu müssen".

"Auf der emotionalen Ebene scheint die Inszenierung bei den meisten Zuschauern anzukommen", beobachtet Michael Plote in der Zeitung Freies Wort (30.8.2017). Sprachlich und intellektuell überfordere sie das Publikum jedoch. Trotzdem: "Ein Theaterabend der anderen Art", der "berührt und irritiert".

Eine "erstaunliche Neuentdeckung" der "Jungfrau von Orleans", eine "verblüffend passgenaue Überblendung, Durchdringung und gegenseitige Beleuchtung von literarischem Stoff und aktueller Realpolitik" sah Peter Laudenbach und schreibt in der Süddeutschen Zeitung (29.8.2017): "Schillers Verse werden von Bildungsgut, das von einem sehr fernen Gewaltkonflikt berichtet, zu denkbar konkreten Sätzen." Aus Jeanne, der "Kitsch-Heiligen und religiös überspannten Schwärmerin", werde "eine Figur politischer und feministischer Selbstbestimmung, das Gegenteil einer Glaubensfundamentalistin".

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