Was auf dem Spiel steht

22. September 2018. Der Kölner Professor für Theaterwissenschaft Peter W. Marx beschäftigt sich in der taz (22.8.2018) mit der Absage der beiden Produktionen "SLĀV" und "Kanata" des kanadischen Regisseurs Robert Lepage. Die Produktionen waren kritisiert worden, weil sie zwar von Sklaverei bzw. der Unterdrückung indigener Bevölkerung handelten, aber nur oder fast nur von Weißen gespielt würden, wodurch die Produktion die Marginalisierung der indigenen Künstler*innen fortsetze.

Konflikt

Marx berichtet von einer ergebnislosen Diskussion zwischen Lepage sowie der mitveranstaltenden Ariane Mnouchkine und ihren Kritikerinnen: "Aufseiten der indigenen Künstler*innen die Klage, wieder einmal werde die eigene Geschichte von anderen erzählt." Dem gegenüber Lepage und Mnouchkine, die betont hätten, "in die Rolle eines/r anderen zu schlüpfen", sei ein theatrales Grundprinzip.

Marx setzt diese Auseinandersetzung in den historischen Kontext. Schon 1985 sei Peter Brooks Inszenierung "Mahabharata" vom westlichen Publikum als "Meilenstein des interkulturellen Theaters und als Utopie der Kulturverständigung" gefeiert, vom indischen Intellektuellen Rustom Bharucha aber als "kolonial" kritisiert worden.

Der Konflikt um Lepage sei nun aber nicht einfach ein nur ein Wiedergänger dieses früheren Konflikts, sondern in einem Kontext verankert, der die Spannung erhöhe.

Dokumentartheater

Das postdramatische Gegenwartstheater mit seiner "Begeisterung für das Dokumentarische habe etwa mit den "Experten des Alltags" eine "ästhetische Form" geschaffen, in der die Erzählung biografisch durch die Darsteller*innen verbürgt sei.

Nun gäbe man aber ein wichtiges Moment von Kunst preis, wenn Künstler*innen die "nur" noch über sich reden dürften und das "Sprechen über Nichterlebtes" unter "Generalverdacht" gestellt werde.

Gleichzeitig gelte aber auch: "In der Stimme eines/r anderen zu sprechen, ist immer ein Akt der Überschreitung."

Deutlich werde dies im Falle von Peter Weiss' "Die Ermittlung", für die der Autor dokumentarisches Material benutzt habe, "weil es undenkbar schien, sich der historischen Erfahrung der Schoah mit den Mitteln schauspielerischer Identifikation annähern zu wollen". Es sei aber wichtig gewesen, "den Opfern eine Stimme zu geben" – "ohne sie sich naiv einzuverleiben".

Wo aber "Historisches nicht mehr als persönlich Erlebtes geschildert werden kann", trete "ästhetische und mediale Modellierung notwendigerweise an die Stelle".

Es gibt kein einfaches Erzählen

Die Gegenwart indes zeige, dass es kein "einfaches" Erzählen geben könne. "Eine naive Aneignung im Sinne bloßen Rollenspiels metaphorisiert historische Leiderfahrung und macht sie zu einem vagen, allgemeinen Gefühl." Wer aber "das Wagnis" unternehme, "in einer/s anderen Stimme zu sprechen, der müsse sich auch in Frage stellen lassen. Auszuhalten, dass "das eigene Sprechen nicht ohne Antwort und auch nicht ohne Widerworte" bleibe, sei eine Grundbedingung pluralistischer Gesellschaften.

In der Auseinandersetzung um Lepage zeige sich aber auch, dass die Idee des öffentlichen Raumes, insbesondere auch des Theaters als Ort symbolischer Auseinandersetzung auf dem Spiel stehe. Hinter der Unversöhnlichkeit, mit der sich im Falle Lepages die Positionen gegenüberstehen, werde erkennbar, "wie kostbar und prekär der Raum symbolischer Auseinandersetzung" von Kunst und Theater sei: "Im Benennen der Widersprüche vollzieht sich offen und sichtbar das Ringen um die Fülle von Geschichte(n), die unsere Gegenwart ausmachen."

jnm

 

 

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