Blutkörper als Spielbälle

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 14. Dezember 2018. Ein Königsdrama. Im doppelten Sinn, nicht allein mit Blick auf sein Figuren-Kabinett, auch als Gütesiegel. Würde man einen Konstruktionsplan dieses gewaltigen Stücks – ja, Weltgebäudes – zeichnen, würde sich ein so klar gegliedertes wie komplex gefügtes Gesamtbild ergeben. Ein Bild und eine Innenbeschau, über die der Autor präzise Auskunft zu geben wusste. Denn es gab Nachfragen. Friedrich Schiller beantwortete sie 1788 in zwölf Briefen. Ein Werkstattbericht aus seiner Gedankenfabrik: planvoll durchdacht, selbstkritisch, überlegen, kühn, jedes Argument und jede Gegenrede im Voraus erwogen. Man kann neidisch werden. Man muss bewundern.

Innere Zerrüttungen

Wenn "Don Karlos" nicht ungekürzt über die Bühne gehen soll, gilt es zu entscheiden, bestimmte Beziehungslinien zu ziehen, andere Fäden zu kappen. Sollen die Korridore der Macht in Philipps Spanien oder die Herzkammer des Gefühls ausgeleuchtet werden, stehen der Vater-Sohn-Konflikt, die Krise der Freundschaft, der Leidensdruck unerfüllbarer Liebe, das Drama von Verrat, Treue, Misstrauen im Zentrum dieser Wort-Oper?

Im Düsseldorfer Schauspielhaus deutet sich das Werk vom Ende her: als finsteres Spiel mit Menschen – mit ihren Blutkörpern. Lange zwei Stunden hat es gebraucht, bis erst nach der Pause und dem behäbig-braven Anlauf das Durchdrehen der Schraube passiert, bis aus Kostümköpfen, die ihre Verse striegeln, scharfkantige Charaktere sich schälen und aneinander sich wund reiben.

DonKarlos 4 560 ThomasRabsch uEin Staat und seine Wesen: André Kaczmarczyk als Marquis de Posa,  Jonas Friedrich Leonhard als Kronprinz Karlos © Thomas Rabsch

Zwischen Gittern eine Welt: Die schräge Rampe der ersten Akte ist auf der Central-Bühne nun zum Drehkreuz gevierteilt. Ein Tower, zuvor randständig, beherrscht jetzt die Mitte. Von dieser höheren Warte aus betrachtet Marquis Posa (André Kaczmarczyk) den Staat und seine Wesen, überlegen, alles überblickend oder darüber hinweg schauend. Was er sieht, ist sein Jugendfreund (Jonas Friedrich Leonhardi), bockig, mit geschminktem Kussmund und bloßen Beinen unterm Wams, der auf den Schoß möchte, unter die Röcke seiner Stiefmutter kriecht und weinerlich winselt: Karlos, ein Bubenstück.

Der Träumer der Freiheit

Das kann der Weltbürger und "Abgeordnete der ganzen Menschheit", wie später die Königin Elisabeth dem Posa aufgebracht entgegenschleudert, als sei sein hohes Sinnen nur Eitelsinn gewesen, nicht dulden noch ertragen. Er muss den Prinzen in seinem Eigennutz zur Besinnung bringen: für die höhere Sache, für Flandern und die Niederlande. Im Zwiegespräch mit Philipp ist Posa bei André Kaczmarczyk, wenn er still bei sich "Gedankenfreiheit" fordert, mehr Naturgeschöpf, träumerischer Kleist-Held und reine Unschuld als intellektueller Republikaner. Das Komplott zur Rettung Karlos', die Brief-Intrige, sie wird ihm jedoch entgleiten.

DonKarlos 5 560 ThomasRabsch uVon oben auf die Welt geschaut. Und die liegt anfangs wie hinter Gittern in Daniel Wollenzins Bühnenbild. © Thomas Rabsch

Dass die Zerstörungskräfte im Guten wie Bösen im Innern der Figuren Verheerungen anrichten, lässt sich in Alexander Eisenachs Inszenierung hier noch nicht erkennen. Noch ist alles Konvention und Schlimmeres: Albernes, Kindereien, Dummheiten, so wenn Philipp verräterische Briefe aus einem Zettelkasten mit Klassiker-Zitaten schüttelt, um diese zu verhöhnen. Noch auch bleibt das Sprach-Theater ebenso rhetorisch wie das Körper-Theater, ob die Darsteller dabei einander nahe kommen oder räumlich Distanzen aufziehen.

Kettensprengende Lebendigkeit

Dann aber gerät die reliefartige Aufführung in die Rotation. Es ist, als würden Posa, Karlos, Philipp, Elisabeth und die Eboli ihr Korsett sprengen und, indem sie die Façon verlieren, lebendig sind im Überschwang. Sie werden zu Anderen – oder werden sie selbst. "come as you are" steht, mit einem Song von Nirvana, an der Rückwand.

Die lammfromme, gymnasial wirkende Elisabeth (Lea Ruckpaul) schlägt sich willentlich die Stirn blutig und entdeckt souverän den Furor. Prinzessin Eboli (Lou Strenger) zersetzt ihren Liebeswahn im eigenen seelischen Säurebad. Alba orakelt als rot gefiederter Todesengel von "Selbstermächtigung". Philipp, den Wolfgang Michalek als sauber glattrasierte Maske zeigte, schmiert nach Posas Tod sein rohes Fleisch weiß ein zum monströs gefärbten Trauerkloß: ein Gespenst der Unfreiheit, mehr bei Francis Bacon als bei Francisco Goya.

DonKarlos 3 560 ThomasRabsch uAuch Elisabeth (Lea Ruckpaul) entdeckt für sich noch den Furor. © Thomas Rabsch

Posa, der große Vabanque-Spieler, outet sich bei André Kaczmarczyk zum elegant graziösen Nachtschattengewächs, ganz gespannt auf seine Nervenstränge und wie mit sich selbst in Zwietracht. In zeremoniöser Ich-Ekstase richtet er sein eigenes Blutbad an – er, ein mythisch Zerrissener.

Gespenster der Vernunft

Zeit für den Inquisitor Kardinal und seinen Spruch. Als salopper Alltagsmensch, undämonisch im Pulli, ist Karin Pfammatter eine pragmatische Ideologin der Vernichtung. Ein Gespenst der Vernunft. Lächelnd leise nimmt sie sich Karlos. Für einige Zeilen aus Schillers "Ästhetischer Erziehung des Menschen" versammelt sich das Achter-Ensemble zum Epilog, währenddessen es mit niedergeprasselten kleinen roten Bällen spielt. Fast selbstversunken. So zärtlich ist die Nacht. Und so tödlich. Der Mensch, ein Spielball.

Don Karlos
von Friedrich Schiller
Regie: Alexander Eisenach, Bühne: Daniel Wollenzin, Kostüm: Lena Schmid, Musik: Sven Michelson, Licht: Matthias Märker, Dramaturgie: Frederik Tidén.
Mit: André Kaczmarczyk, Jonas Friedrich Leonhardi, Alexej Lochmann, Wolfgang Michalek, Karin Pfammatter, Lea Ruckpaul, Lou Strenger, Sebastian Tessenow.
Premiere: 14. Dezember 2018
Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.dhaus.de

 

Mehr zu Don Karlos-Inszenierungen der jüngeren Zeit: in München inszenierte Martin Kušej das Drama im Mai 2018 dunkel verschatttet. Maik Priebe inszenierte es vor zwei Jahren am DT Göttingen.

 

Kritikenrundschau

Eisenach verbeuge sich voller Ehrfurcht vor der Sprache Schillers, kürze kaum eine Silbe, füge stattdessen Einschübe und Gimmicks hinzu. "Das Ergebnis: Ein Vierstunden-Abend, der im ersten Teil die Stärken der Darsteller ausreizt und große Theater-Momente bietet, im zweiten Teil aber ganz schön bleiern wirkt", schreibt Michael Georg Müller in der Westdeutschen Zeitung (17.12.2018). In erster Linie getragen werde der Theaterabend von einem starken Bühnenbild. Auch das Ensemble erntet Lob.

"Großes Theater", sah Bertram Müller von der Rheinischen Post (16.12.2018). "Eisenach tat gut daran, das breit angelegte Stück nicht auf diesen Aspekt einzuengen, sondern Schillers Charakteren und dem famosen Düsseldorfer Ensemble Raum zu geben. Denn Freiheitsträume und Intrigen, Vater-Sohn-Konflikt und Verrat, unglückliche Liebe und Machtbesessenheit vermischen sich in diesem wortgewaltigen Stück zu einem Handlungsgeflecht, das den Zuschauern viel zumutet, sie aber auch reich beschenkt."

"Diese mehr als dreieinhalb Stunden legen die patinöse Avantgarde einer völlig unentschiedenen Klassiker-Inszenierung nur selten ab", schreibt Lars von der Gönna von der Westfälischen Rundschau (16.12.2018). "Wie Feigenblättter muten sie an, die Momente, in denen ein bisschen Kurt Cobain (Come as you are) gesungen wird, dort Herzog Alba AfD-Parolen tönt. Dass dieser erzählte Kosmos politisch unendlich brutal ist, dass wir weltgeschichtlichem Machtspiel im 'Karlos' enorm nahe kommen, beleuchtet Eisenach schwach." Der Abend ziehe sich, er sei lang, aber nie groß.

 

 
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