Glühend konservativ

von Gabi Hift

Reichenau, 4. Juli 2019. Die Sommersaison bei den Reichenauer Festspielen beginnt heuer mit einem Abschied. Peter Matić ist kaum eine Woche vor der Premiere von Werfels "Eine blassblaue Frauenschrift" plötzlich gestorben. Das Intendantenpaar, Renate und Peter Loidolt, kommt vor den Vorhang und die beiden erinnern sich sichtlich bewegt daran, wie besonders er war, was für ein grandioser, lustiger Schauspieler, was für ein feiner Mensch, über Jahrzehnte die gute Seele von Reichenau. Man spürt, dass alle hier, die Mitarbeiter ebenso wie das Publikum im Saal, Peter Matić geliebt haben.

Reichenau, ein Glaubenssystem

Mehr noch als sonst liegt danach in der Luft, dass in Reichenau nicht einfach gediegenes Sommertheater gezeigt werden soll, sondern dass sich hier eine verschworene Gemeinschaft versammelt, die durch ein gemeinsames Glaubenssystem vereint ist. Das Theater in Reichenau ist glühend konservativ. Hier wird nicht von Fortschritt geträumt, hier soll nicht die Welt verbessert werden, sondern es soll etwas konserviert werden, und dieses etwas ist die österreichische Seele. Hier "Das weite Land" von Arthur Schnitzlers – womit der Autor einerseits die Gegend rund um Reichenau gemeint hat, andererseits das weite Land der Seele.

BlassblaueHandschrift4 560 Festspiele Reichenau uWerfels "Eine blassblaue Frauensschrift": Joseph Lorenz spielt den Ministerialrat Leonidas © Festspiele Reichenau

Diese Seelenlandschaft war aber vielleicht nie mehr als eine Sehnsucht, war auch schon vor dem ersten Weltkrieg verloren, eine melancholisch sich selbst hinterhertrauernde Utopie. Danach soll hier bei den Reichenauer Festspielen gesucht, ja geforscht werden. Dass psychologisches Theater die einzige Form ist, die dabei in Frage kommt, ergibt sich zwingend aus dem Thema: Psychologie ist ja die Wissenschaft von der Seele.

Das Rückwärtsgewandte

Das alles berührt mich auf widersprüchliche Art. Das Rückswärtsgewandte irritiert mich einerseits, andererseits sitzt auch mir, der geborenen Wienerin, die Liebe zur österreichischen Seelen in den Knochen. Schnitzler, Freud, Musil, Werfel und Roth haben auch mir von Kind an vor-geschrieben, wo ich dazugehören möchte. Und ich finde es wert, das wieder und wieder zu verstehen zu versuchen, gerade mit den Mitteln des Theaters, denn es fiele mir ebenso schwer das zu erklären, wie die Grammatik meiner Muttersprache.

Was ich allerdings suspekt finde, ist, dass die Beschäftigung mit dieser Seele hier in Reichenau abrupt vor dem Beginn des zweiten Weltkriegs endet. Der heraufkommende Antisemitismus der Zwischenkriegszeit ist zwar ständig Thema, aber was im Krieg und nach 1945 aus der österreichischen Seele geworden ist, kommt nicht vor. Und das Publikum scheint das ebenso zu genießen wie dass es hier von ästhetischen Experimenten verschont bleibt.

Ich will aber versuchen, die Aufführungen in Reichenau nach dem zu beurteilen, was sie sich selbst vorgenommen haben: die liebevolle wie kritische Erforschung der kakanisch- österreichischen Seele.

Franz Werfels Opportunisten-Novelle "Die blassblaue Frauenschrift"

Der Sektionschef Leonidas aus "Die blassblaue Frauenschrift" von Franz Werfel scheint gleich ein typisches Beispiel für eine solche Seele zu sein: ein liebenswürdiger Charmeur und charakterlicher Schwächling, der auf dem Höhepunkt seines Erfolgs von einer Schweinerei eingeholt wird, die er in seiner Jugend begangen hat. Regie führt Julian Pölsler, der bei der legendären Verfilmung von Axel Corti 1984 Regieassistent war.

BlassblaueHandschrift1 560 Festspiele Reichenau uIn Not wegen des unehelichen Nachwuchses: Joseph Lorenz als Leonidas © Festspiele Reichenau

Die Handlung der Novelle spielt an einem einzigen Tag: 1936, am Morgen seines 50. Geburtstags, erhält der auf dem Gipfel des Erfolgs stehende Ministerialrat Leonidas (Joseph Lorenz) den Brief einer ehemaligen Geliebten (Stephanie Dvorak), die ihn um Hilfe für einen jungen Mann bittet, der als Jude in Deutschland nicht mehr am Gymnasium bleiben darf. Leonidas rechnet zurück: 17 Jahre, der Junge muss sein Sohn sein. Nun beginnt sein Abstieg in die Hölle. Als im Ministerium die Berufung eines Juden zum Dekan der medizinischen Fakultät verhandelt wird, fühlt Leonidas sich plötzlich aufgerufen, sich dem Antisemitismus zu widersetzen – und bringt seine eigene Karriere in Gefahr. Zudem glaubt er, er müsse seiner Frau, einer schönen Millionenerbin, durch die er gesellschaftlich soweit gekommen ist, alles gestehen.

Charme als Karrieretechnik

Nikolaus Hagg ist es gelungen, eine sehr praktikable Theaterfassung der Novelle zu erstellen, obwohl die zu einem großen Teil aus Erinnerungen und inneren Monologen besteht. Die Mittel sind zwar teils altmodisch (Figuren, an die der Protagonist denkt, erscheinen leibhaftig hinter einem Gazeschleier), funktionieren aber ausgezeichnet. Nur die Szenen zwischen den jugendlichen Liebenden sieht man leider nicht, und die Leidenschaft, die in Werfels Text aus ihnen spricht, fehlt der Aufführung ein wenig.

BlassblaueHandschrift6 560 Festspiele Reichenau uHinter dem Gazeschleier der Erinnerung: Stefanie Dvorak © Festspiele Reichenau

Joseph Lorenz, der Reichenauer Liebling der Damen, brilliert in der Rolle des Ministerialrats. Wenn man ihn in früheren Rollen oft wegen seiner Selbstverliebtheit und seines allzu bewusst eingesetzten Charmes kritisieren konnte, so passt dies hier perfekt zur Figur und lässt sie geradezu sprühen vor Leben. Und indem er sich nicht um Haaresbreit von der Figur distanziert – einem Opportunisten, von dem gesagt wird, dass er seine Karriere nur seiner Musikalität, seinem wunderbaren tänzerischen Talent und seinem fehlenden Rückgrat verdankt –, gelingt es ihm, sie zu transzendieren und eine Analyse der Tiefenschichten der Oberflächlichkeit zu zeigen. Er wird sozusagen zum Popstar.

Der ewige Mangel

Fanny Stavjanic ist als seine millionenschwere Gattin eine ihm ebenbürtige Figur. Sie spielt ganz leicht und direkt die halbemanzipierte Frau, die sich dank ihres Vermögens einen Mann aussuchen konnte, der ihr gefällt, von dem sie aber spürt, dass er ihr nie ganz gehören wird. Deshalb hält sie ein Leben lang Diät, weil er zerbrechliche Frauen mag und beklagt sich nie. Stavjanic lässt alle Gelegenheiten, sich als Leidende zu zeigen, mit Nonchalance vorübergehen. Wenn sie sagt: "Wie kann man frei sein, wenn man liebt?", tut sie es heiter und in tadelloser Haltung. Und gerade dadurch spürt man, was ihr fehlt, und auch, dass vielleicht genauso ein ewiger Mangel eine Seele herausbildet.

BlassblaueHandschrift2 560 Festspiele Reichenau uKonversation in gehobenen Kreisen: Alexander Rossi und Fanny Stavjanik © Festspiele Reichenau

Thomas Kamper hat kurzfristig die Rolle des Ministers übernommen. Wie er in seiner jovialen Art als running gag immer sagt: Ich bin ja nur ein Bauer, während der Sitzung einschläft, dann aber blitzschnell aufwacht, wenn es darum geht, Juden aus der Fakultät zu drängen, hat etwas beeindruckend Diabolisches.

Am Ende löst sich für Leonidas alles in Wohlgefallen auf, während das Land in den Abgrund schlittert: Das Kind ist gar nicht das der ehemaligen Geliebten sondern das einer Freundin und sie selbst ist auf dem Sprung in die Emigration – ihm kann also nichts mehr geschehen, woraufhin er seiner Frau nichts erzählt und die Angelegenheit des jüdischen Primars fallen lässt wie eine heiße Kartoffel. Wenn am Ende die Stimme seines Gewissen zu ihm spricht und sagt: "Heute ist ein Angebot zur Rettung an dich ergangen. Du bist daran gescheitert", lehnt er sich auf höchst attraktive Weise auf der Chaiselongue zurück und seufzt glücklich entspannt: "Ich weiß".

Hermann Beil zeigt Turgenjews "Ein Monat auf dem Lande" ruckelig

Um ein Karussell der Lebenslügen, das sich nach schweren Erschütterungen letztlich einfach weiterdreht, geht es auch in Turgenjews "Ein Monat auf dem Lande". Die russische Seelenlandschaft scheint der österreichischen tief verwandt, insbesondere in der Sommerfrische, nur ein paar Birkenstämme verweisen auf den anderen Ort (Bühne wie bei allen drei Stücken: Peter Loidolt).

MonataufdemLande2 560 Festspiele Reichenau u In schwebender Dreierbeziehung: Julia Stemberger als Natalja und Günter Franzmeier als Hausfreund © Festspiele Reichenau

Auch hier spielen sich unter einer Oberfläche von milder Langeweile schreckliche Liebesdramen ab. Im Zentrum steht eine sich seit Jahren in der Schwebe haltende Dreierbeziehung zwischen der schönen Natalja (Julia Stemberger), ihrem Ehemann (Dirk Nocker) und dem sanften Hausfreund (Günther Franzmeier). Damit kannte sich Turgenjew aus, er war selbst viele Jahre der sich nobel zurückhaltende Dritte in einem solchen Arrangement.

In dieses labile Gleichgewicht schlägt ein junger, hübscher Hauslehrer ein wie eine Bombe, nicht nur Natalja, sondern auch ihre gerade erblühende Ziehtochter (Maria Schuchter) und das bezaubernd ruppige Dienstmädchen (Louise Knof) verfallen dem Ahnungslosen. Aber das filigrane Netz aus Sehnsüchten, das all diese "nutzlosen Menschen" verbindet und das der eigentliche Hauptdarsteller sein müsste, entsteht in dieser groben, ruckeligen Aufführung (Regie: Hermann Beil) erst gar nicht.

Brüllen wie auf dem Kasernenhof

Auf der Arenabühne im neuen Raum, auf der die Schauspieler*innen immer nach allen Seiten hin spielen müssen, brüllen alle wie auf dem Kasernenhof, die Schluss-T's knallen wie Pistolenschüsse. Julia Stemberger springt mit kreischender Hysterie auf jede einzelne Silbe als wär's ein Trampolin. Sie ist seit vielen Jahren der Publikumsliebling, das weibliche Pendant zu Joseph Lorenz, und so werden ihre Fans ihr wohl auch in dieser Rolle treu bleiben, leicht macht sie es ihnen diesmal aber nicht.

MonataufdemLande1 560 Festspiele Reichenau uIm Netz der Sehnsüchte: Julia Stemberger als Natalja und Maria Schuchter als ihre Ziehtochter © Festspiele Reichenau

Auch Maria Schuchter übertreibt es arg mit ihrer süßen Backfischigkeit. Alle setzen sich einzeln in Szene, vom Regisseur offenbar kaum gebändigt, dem Hauslehrer kann man es nicht verdenken, dass er die Flucht ergreift. Einzig Nicolaus Haggs dummer Bauer, der ungeschickt um die Stieftochter wirbt, bringt einen zum Lachen und geht ein wenig zu Herzen, aber die Seele, die sich hier nicht im Drama einer Einzelnen zeigen dürfte, sondern das weite Land sein müsste, in dem alle verloren herumirren, lässt sich nirgends blicken.

Arthur Schnitzlers Reise in die Kolportage: "Der Ruf des Lebens"

Zum Schluss wird der Lokalmatador der Seelenkunde, Arthur Schnitzler, mit einem unbekannten Stück ins Rennen geschickt: "Der Ruf des Lebens". Seine großen, genialen Stücke wurden in dreißig Jahren Reichenauer Festspiele natürlich schon rauf und runter gespielt, und unter dem Motto "Auch im schwächsten Schnitzler steckt noch viel Interessantes" werden nun die selten aufgeführten ausgegraben, aber diese Kriminalschmonzette hätte man besser in der Versenkung lassen sollen.

Dabei beginnt es mit einer brisanten, ganz heutigen Situation: Ein todkranker, alter Mann (Toni Slama) macht seiner Tochter (Johanna Prosl), die ihn aufopferungsvoll pflegt, das Leben zur Hölle. Er will sie keine Sekunde fort lassen, beschuldigt sie, sie würde immer nur an seinen Tod denken, wolle nur hinaus, um es endlich mit irgendwelchen Männern zu treiben. Als der Arzt, dem die junge Frau leid tut, eine Pflegerin besorgen will, weigert sich der Mann: eine fremde Person kommt ihm nicht ins Haus!

RufdesLebens1 560 Festspiele Reichenau uKurz vor dem Gifmord: Toni Slamka als Vater umringt von der Jugend, Dominik Raneburger und Johanna Prosl © Festspiele Reichenau

Die Dialoge sind am Anfang noch ganz wunderbar, schmerzhaft heutig – was für ein beklemmendes Drama hätte Schnitzler, der geniale Psychologe, daraus entwickeln können. Weiß der Teufel was ihn geritten hat, in eine für ihn völlig untypische Richtung abzubiegen, in eine fette Kolportage: Unter dem Fenster des Krankenzimmers marschieren Soldaten in einen nicht näher definierten Krieg. Marie erfährt, dass ein bestimmtes Bataillon, die "Blauen Kürassiere", absichtlich in den sicheren Tod gehen soll, um eine dreißig Jahre alte Ehrenschuld zu begleichen.

Ein Ehrenmann sucht den Tod

Wie der Zufall so will, hat Marie vor Monaten mit einem Offizier dieses Bataillons getanzt und sich rasend in ihn verliebt, ihn aber nie wiedergesehen, weil ihr Vater sie nicht weggelassen hat. Nun wird er also nur noch eine Nacht in der Stadt sein. Die bis dahin hochanständige junge Frau vergiftet daraufhin kurzerhand den Vater, lässt ihn am Boden verröcheln und eilt zum Quartier des Offiziers. Der ist aber nicht allein. Marie muss hinter einem Paravent versteckt mitansehen, wie seine Geliebte, die Ehefrau seines Vorgesetzten, ihn überreden will, mit ihr zu fliehen. Er aber – ganz Ehrenmann – will lieber in den Tod gehen. Da bricht der gehörnte Ehemann durchs Fenster, erschießt seine Frau, trägt dem Offizier auf, die Schuld auf sich zu nehmen, bevor sie beide am nächsten Tag Seit an Seit in den Tod ziehen werden.

RufdesLebens3 560 Festspiele Reichenau uSchnitzlers Räuberpistole im Offiziersmilieu: René Peckl und David Jakob spielen in "Der Ruf des Lebens" © Festspiele Reichenau

Marie, die frischgebackene Vatermörderin, kommt hinter dem Paravent hervor und gibt sich direkt neben der Leiche dem Offizier hin. Im letzten Akt sind dann alle Soldaten tot, auch die schwindsüchtige Cousine stirbt, nur Marie und der Arzt bleiben über, und er schlägt ihr vor, sich dem Militär anzuschließen, weil man dort so schön seine Schuld sühnen kann, worauf ihrer beider Gesichter in güldenes Licht getaucht werden. Vorhang.

Als psychologisches Theater ist dieses monströse Gebilde völlig unspielbar, denn logisch ist in den Psychen der Figuren nach der ersten Szene absolut nichts mehr. Unter der Regie von Helmut Wiesner stürzen sich die Schauspieler*innen dennoch tapfer ins Gefecht. Thomas Kamper als mörderischer Oberst und Alina Fritsch als an Tbc und verschmähter Liebe opheliesk zu Grunde gehende Cousine legen für sich genommen interessante Szenen aufs Parkett. Aber niemand entkommt der unfreiwilligen Komik, weil jede einzelne Situation so himmelschreiend unwahrscheinlich und absurd melodramatisch ist.

Was bleibt, ist Werfel

Beim Kongress zum Studium der österreichischen Seele bleibt also diesmal nur der Werfel. Und zu dem denkt man zuerst kritisch: Müsste denn die Aufführung nicht viel schärfer den opportunistischen Charakter dieses Leonidas verurteilen? Als die Stimme am Ende zu ihm sagt, er habe ein Angebot zur Rettung erhalten und sei daran gescheitert, stimmt Werfel dem sicher zu – und wir mit ihm: nur das völlige Niederreißen seines auf Lüge beruhenden Lebens hätte zu seiner Menschwerdung führen können.

Aber in Wirklichkeit ist der Tenor der Novelle viel komplizierter und auch versöhnlicher – eine Versöhnlichkeit, für die Werfel ebenso geliebt wurde wie Joseph Lorenz für seine Darstellung. Das Apriorische der Moral, die Werfel behauptet, ist aufgesetzt: Ja, Leonidas hat sich schweinisch benommen, aber seine – österreichische – Fähigkeit, allen zu Gefallen zu sein, von allen geliebt werden zu wollen, macht ihn auch zu einem angenehmen Zeitgenossen. Ob es schlimm ist, dass einer sein Fähnchen nach dem Wind hängt, hängt davon ab, woher der Wind weht. Und – so betont auch Reichenau immer wieder – der Antisemitismus ist hier eine Grenze.

BlassblaueHandschrift7 560 Festspiele Reichenau uSchafft Sympathie für den Opportunisten: Joseph Lorenz als Minsterialrat Leonidas © Festspiele Reichenau

Werfel war ja selbst in seinem Privatleben viel komplizierter, für die Ehe mit der dominanten, antisemitischen Alma Mahler, deren Energie er seine Karriere verdankte, ist er aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten – nur um heimlich vier Wochen später wieder einzutreten. Er war ein glühender Verehrer des Katholizismus, der komplizierten, ewigen, sündigen, katholischen österreichischen Seele. Die Gewissensbisse von Leonidas sind auch die von Werfel, und sein Entsetzen über den Lauf der Geschichte ist wirr und fern von klarem Begreifen und eben deshalb so anrührend.

Dass die Inszenierung so mild geraten ist, dass sie es einem ganzen Pulk von Damen erlaubt, "ihren" Joseph Lorenz in dieser Rolle mehr zu lieben als je zuvor und ihm mit beseligtem Lächeln Blumensträuße auf die Bühne hinaufzureichen, muss nicht heißen, dass sie die Intentionen von Werfel verraten hätte. Die Irritation, die ihre milde Leichtigkeit auslöst, ist auf jeden Fall ein interessanter Beitrag zur Erforschung der österreichischen Seele, falls es eine solche denn je gegeben hat.

 

Stücke von Werfel, Turgenjew, Schnitzler

Eine blassblaue Frauenschrift
nach Franz Werfel
Neue Bühnenfassung von Nicolaus Hagg
Regie: Julian Pölsler, Bühne: Peter Loidolt, Kostüme: Erika Navas, Licht: John Lloyd Davies.
Mit: Joseph Lorenz, Fanny Stavjanik, Stefanie Dvorak, Thomas Kamper, Peter Moucka, Alexander Rossi
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, eine Pause

Ein Monat auf dem Lande
von Iwan Turgenjew
Regie: Hermann Beil, Bühne: Peter Loidolt, Kostüme: Erika Navas, Licht: John Lloyd Davies, Geige: Aliosha Biz.
Mit: Dirk Nocker, Julia Stemberger, Valentin Hagg, Maria Schuchter, Elisabeth Augustin, Chris Pichler, Günter Franzmeier, Tobias Reinthaller, Nicolaus Hagg, David Oberkogler, Philipp Stix, Aliosha Biz, Louise Knof.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

Der Ruf des Lebens
von Arthur Schnitzler
Neue Spielfassung: Renate Loidolt
Regie: Helmut Wiesner, Bühne: Peter Loidolt, Kostüme: Erika Navas, Licht: Lukas Kaltenbäck.
Mit: Toni Slama, Johanna Prosl, Gabriele Schuchter, Alina Fritsch, Dominik Raneburger, Thomas Kamper, Emese Fay, Sascha O. Weis, David Jakob, René Peckl
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.festspiele-reichenau.com

 

Kritikenrundschau

Wie ein verspieltes Kätzchen hüpfe die Reichenauer Aufführung in Werfels Text vor und zurück, schreibt Ronald Pohl im Standard (2.7.2019) über "Eine blassblaue Frauenschrift": "Das eine Mal wähnt man sich in einen heiteren Ehekrieg involviert. Das andere Mal erscheint die verflossene Geliebte wie eine Spukgestalt hinter den Spiegeln." Und weil Nicolaus Hagg in seiner Bühnenfassung der Frau von Leonidas einen Bruder hinzugedichtet habe, ließen sich "bequem notwendige Erklärungen in gähnend langweilige Frühstücksdialoge zerlegen", so Pohl. "Ein Witz, ein Brüller: 'Du hast mit dem Bundeskanzler gesprochen?' – 'Ja. Kurz.'"

"Filmisch gelungen, dramaturgisch aber unbeholfen" wirke die Werfel-Aufführung im "vergilbten Prunk und ruppigen Funktionalismus ausstrahlenden Bühnenbild von Peter Loidolt", bemerkt Barbara Petsch in der Presse (2.7.2019). Nach dem etwas papierenen Beginn entwickle sich das Geschehen allerdings in großer Dichte, lobt Petsch vor allem die Schauspieler*innen, Joseph Lorenz, Stefanie Dvorak und Fanny Stavjanik. Nicolaus Haggs Version der Novelle allerdings präge "das Wissen, um nicht zu sagen die Obergescheitheit der Nachgeborenen": "Werfel agierte da, trotz Grimm, mit deutlich mehr Tiefenschärfe", so die Kritikerin. "Alles in allem dennoch: eine feine Eröffnung."

"Fest umhüllt von Aspik" seien bei Hermann Beil die Figuren in Iwan Turgenjews "Ein Monat auf dem Lande", schreibt Michael Wurmitzer im Standard (3.7.2019) – "luftdicht vor uns, jeder ästhetischen und sozialen Gegenwart abgeschlossen". Ihre zum Ausgleich überakzentuierten Regungen "schimmern stumpf wie altes Plastik", kurz: "Es sind zweieinhalb dröge Stunden im Festspieltheater".

Anfangs schrill und unausgegoren, biete die Turgenjew-Aufführung laut Barbara Petsch von der Presse (3.7.2019) "Diskussionsstoff": Vielleicht wollte Regisseur Beil die Verstörtheit der Figuren hautnah erlebbar machen? Selbst Julia Stemberger könne "diesmal nicht allen gefallen", denn ihre Natalja "bellt, keift, kommandiert und manipuliert, was einerseits nervend, andererseits aber imposant wirkt". Trotz mancher Irritation runde sich der Turgenjew "zu einer spannenden Aufführung, in der viel drin ist, viel anklingt", findet Petsch.

Schwer zu sagen, warum man in Reichenau Schnitzlers "Der Ruf des Lebens" ausgegraben habe, ein Stück "wie auf dem Reißbrett entstanden, die Charaktere schablonenhaft", bemerkt Stephan Hilpold im Standard (4.7.2019): "Von den fein ziselierten Schnitzlerschen Charakterstudien fehlt jede Spur, die Kritik am Militarismus geht heute ins Leere." Und Regisseur Helmut Wiesner tue alles dafür, "dass sich in den über zweistündigen Abend kein heutiger Ton mischt – und kein Jahrhundertwende-Klischee übersehen wird".

Mit Schnitzlers populären Stücken hätten die Festspiele Reichenau bislang "auch dank starker Besetzungen regelmäßig schöne Erfolge eingefahren", schreibt "PJ" im Kurier (4.7.2019). Umso verdienstvoller sei es, dass auf der Rax seit einiger Zeit auch Raritäten zur Diskussion gestellt würden wie etwa "Der Ruf des Lebens“. Dieses Drama habe Schwächen, bleibe "Stückwerk", teils dicht, teils "seltsam banal"; dass Regisseur Helmut Wiesner dem keine Idee überstülpe, sondern die Geschichte solide nacherzähle, sei "absolut eine Möglichkeit": "Denn in Reichenau stehen ohnehin die Schauspieler im Zentrum", Toni Slama, Johanna Prosl oder Alina Fritsch.

 

 
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