Ist doch eigentlich alles gut!

von Steffen Becker

Stuttgart, 16. November 2019. "Idee für einen Konfirmandenspruch: Seine Schäfchen ins Trockene zu bringen, heißt nicht, mit dem Schäferhund befreundet zu sein. Sondern den Stall und das Land zu besitzen." Die Weisheit hätte sich Resi besser früher zu Herzen genommen. Stattdessen hat sie es versäumt, Besitz zu heiraten oder wenigstens anzusparen. In einem Buch macht sie sich dafür über das bornierte Leben ihrer Freunde in deren Baugruppen-Projekt lustig. Die Quittung: Einer der Freunde entlässt sie aus dem Untermietvertrag für die Altbau-Wohnung im Prenzlauer Berg. Ihre sechsköpfige Familie muss nach Ahrensfelde umziehen (für Nicht-Berlin-Kenner: das liegt außerhalb des S-Bahn-Rings, ist in bürgerlichen Augen also Assi-Area). Resi hat es nicht geschafft, ihre titelgebenden "Schäfchen im Trockenen" zu haben. Wütend schreibt sie eine Mischung aus Anklage und Ratgeber an ihre 14-jährige Tochter Bea.

Eine Hauptfigur, vier Schauspieler*innen

Regisseurin Sabine Auf der Heyde und Dramaturgin Carolin Losch haben Anke Stellings Roman, der u.a. mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019 ausgezeichnet wurde, am Schauspiel Stuttgart für die Bühne adaptiert. Und weil Resi sich darauf einschwört, für ihre Umwelt "kein Verständnis, kein Mitleid" mehr aufzubringen, sondern unmittelbar rauszulassen, was sie denkt, sagen wir es auch gleich: Das funktioniert nur so mittel.

Schaefchen Im Trockenen 1 560 BjoernKlein u Sebastian Röhrle, Sylvana Krappatsch, Katharina Hauter, Therese Dörr © Björn Klein

Das Buch ist ein Monolog. Für die Bühne musste der Text ohnehin stark zerlegt werden. Regisseurin Auf der Heyde verteilt die Hauptfigur Resi auf alle vier Schauspieler. Kurz denkt man: Sicher ein Kniff, um mit verschiedenen "Typen" deutlich zu machen, dass Künstlerprekariat und Wohnungsnot gesellschaftliche statt individuelle Probleme sind – schließlich ist der Text auch eine Abrechnung mit dem Mythos Chancengleichheit, der uns Scheitern als persönliches (statt strukturelles) Versagen vorspiegelt. Aber bald zeigt sich: Dieses Splitting ist vor allem dazu da, dass alle Schauspieler etwa gleich viel zu tun haben.

Innerer Widerstreit

Sylvana Krappatsch lärmt sich eindrucksvoll als abgebrüht-wütende Frau durch das Stück. Eine, die die wenige Zeit zwischen Schreiben und Kinder-Anschauzen mit Frust-Ablassen füllt und das auch absolut sinnvoll findet. Katharina Hauter ist dazu der überzeugende Gegenpart – eine unsichere Frau, die sich fragt, ob nicht eigentlich sie das Problem ist. Dieser innere Widerstreit findet sich so auch im Buch. Therese Dörr hingegen ist der Trotzkopf, der aber eher zur (hauptsächlich von ihr verkörperten) Tochter Bea passt. Sebastian Röhrles kann Resi kaum eigene Akzente verleihen, weil er wiederum hauptsächlich die Rollen der Baugruppen-Clique einnimmt – darunter den gequälten Architekten Ulf. Der bringt als einziger Verständnis für Resi auf, was ihre Wut aber nur weiter anfacht.

Schaefchen Im Trockenen 2 560 BjoernKlein u Sylvana Krappatsch, Sebastian Röhrle, Therese Dörr, Katharina Hauter © Björn Klein

Haare in der Suppe

Leider ist Röhrles Ulf die einzige halbwegs differenzierte Nebenfigur. Alle anderen fallen der Geschwindigkeit der Inszenierung zum Opfer. Damit es stets blitzschnell weitergehen kann, ist alles Inventar von Anfang an auf der Bühne greifbar – etwa Nebelmaschine und Megafon, um die 90er-Techno-Ära zu simulieren. Ebenfalls überdeutlich werden die unterschiedlichen Sphären anhand der Tischdeko getrennt. Blumen und Weingläser bei der Prenzlberger Baugruppe. Müll und Mezzomix in Ahrensfelde.

Die Rollen rotieren so schnell, dass es eindeutige Signale braucht, wer gerade wer ist. Eine Hornbrille hier, eine Nerd-Perücke da. Zur noch besseren Unterscheidbarkeit müssen die Schauspieler dicke Striche aus dem Klischee-Malkasten auflegen. Hier der schwäbische Akzent der Prenzlberg-Upper Class, dort betont zur Schau gestellte Herablassung. Im Ergebnis sind die von Resis Wutrede angegriffenen Figuren auf der Stuttgarter Bühne nur noch Karikaturen. Die (gehobene) Mittelschicht im Publikum kann die Kritik an der Verlogenheit eines nach außen offenem Bürgertum, das seine Privilegien nach unten hart verteidigt, bequem weglachen.

In einer Abschiedsmail wirft Resis beste Freundin ihr vor, dass sie ihre Art, überall Haare in der Suppe zu suchen, nicht mehr ertrage – wo doch eigentlich alles gut sei. Natürlich wird sie auch gefragt, warum sie es nicht einfach gut sein lässt. Man kann sich schon in Resis Haltung  einfühlen. Die Inszenierung funktioniert als Comedy auf eine Berlin-Community, die sich von Kurt Cobain zu Baugruppe K23 verspießert hat. Aber ausgehend vom Potential des Textes hätte sie auch eine fein beobachtete Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen sein können, die sich durchlässig geben, aber nach oben verknöchert sind wie eh und je. Und alternative, nicht-materielle Lebensansätze zum naiven Traum verurteilen.

 

Schäfchen im Trockenen
von Anke Stelling
Uraufführung
Bühnenfassung von Sabine Auf der Heyde und Carolin Losch
Inszenierung und Bühne: Sabine Auf der Heyde, Kostüme: Teresa Heiß, Musik: Jacob Suske, Licht: Stefan Schmidt, Dramaturgie: Carolin Losch.
Mit: Therese Dörr, Katharina Hauter, Sylvana Krappatsch, Sebastian Röhrle.
1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

Die Bühnenfassung destilliere klug die Kernelemente des Romans: "Wut, Desillusionierung und die Erkenntnis, dass das System – was auch immer das System gerade ist – einem stets einen Schritt voraus ist", schreibt Sabine Fischer in der Stuttgarter Zeitung (18.11.2019). "Hier wird verhandelt, wie sich jemand ins Aus spielt, der eigentlich nur den Finger in die Wunde einer krankenden Gesellschaft legen wollte."

 "'Schäfchen im Trockenen' ist eine sehr lebendige Inszenierung, und dennoch zu lang geraten. Denn Resi ist keinesfalls eine sympathische Heldin. Am Ende dreht sie in ihrer selbstzerstörerischen, sich selbst zerfleischenden Art ein paar Runden zu viel. Man hat da schon längst verstanden, worum es geht", so Karin Gramling vom SWR (18.11.2019).

"Dass Stellings Roman mehr ist als eine Milieustudie des gentrifizierten Berlin, zeigt die Uraufführung ebenso überzeugend wie vergnüglich", schreibt Elisabeth Maier von der Eßlinger Zeitung (18.11.2019). "Das flammende Plädoyer der Autorin gegen eine Gesellschaft, die Gleichheit nur vorspiegelt, kommt stark zum Tragen. Dass Stelling sich und ihre Mitmenschen dabei nicht ganz so ernst nimmt, zeigt Auf der Heyde mit dem Ensemble in mitreißenden Spielszenen, die dem politischen Diskurs auch das letzte bisschen Verbissenheit nehmen."

"Regisseurin Sabine auf der Heyde hat 'Schäfchen im Trockenen' grandios auf die Bühne gebracht und damit bewiesen: Romanadaptionen können gelegentlich doch gelingen", schreibt Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (29.11.2019). "Bewundernswert, wie Therese Dörr, Katharina Hauter, Sylvana Krappatsch und Sebastian Röhrle die Textmassen stemmen und die enormen Tempiwechsel meistern." Die Inszenierung sei "rasant und dicht und serviert quicklebendiges Theater, das sich kongenial mit Stellings scharfzüngigem Bombardement verbindet."

 
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