Die magische Hand der Zeit

von Christian Rakow

Berlin | Online, 20. Juni 2020. Ich denke, ich lege mal los. Es ist weit nach Mitternacht an diesem längsten Tag der Nordhalbkugel, und Gob Squad wollen noch bis in die Morgenstunden Mitsommer feiern. Aber die Klänge aus "Good Night" von den Beatles, die an diesem Abend zu jeder vollen Stunde erklingen, locken immer sirenenhafter in die Kissen.

Loops und Stagnations-Choreographien

Die Online-Performance begann um 18 Uhr mit Hindernissen: der Ton wackelig, der Stream stürzte nach wenigen Minuten ab, die eigens eingerichtete HAU-Website war nicht mehr erreichbar (man hatte erstmals Tickets für eine Onlineproduktion verkauft) – und nirgendwo Support in Sicht. Solidarisch verabschiedete sich dann auch noch mein eigenes Internet, sodass ich schließlich gute 40 Minuten nach dem Start eintraf, als Sharon Smith daheim in Süd-England gerade Brotteig zubereitete, während Sean Patten in Treptow über Berliner Mauer räsonierte und Berit Stumpf wie eine Stadt-Guerillera durch den Prenzlauer Berg cruiste, um in Gedanken die Skulptur eines fitten weißen Mannes vom Sockel vorm Planetarium zu stoßen.

ScreenshotxGobSquad8Sean Patten am Piano, es geht auf schon Mitternacht zu – im Berliner HAU und vor den Monitoren daheim.  Bild: Screenshot

Alles halb so schlimm. In den zwölf Stunden, auf die Gob Squads Livestream-Städtetrip "Show Me A Good Time" angelegt ist, hat man reichlich Zeit, in den tiefenentspannten Rhythmus zu finden, der hier gepflegt wird. Wie in einem endlosen Loop scheinen sie gefangen: Wir sehen zentral im großen Saal des Hebbel-Theaters (HAU1) eingangs Simon Will als Künstler in der Corona-Einsamkeit: vor leerem Parkett, gefilmt durch eine portable Kamera, gierig nach Berührung, nach einer Welt dort draußen, nach Publikum. Und diese Welt und das Publikum beschaffen ihm die Mitspieler*innen an den vielen Orten, von denen aus sie zugeschaltet sind: die meisten aus Berlin (wo der Livestream produziert wird); Sarah Thom sendet aus Sheffield und singt dort einmal zum emotionalen Höhepunkt des Abends ganz leise und gebrochen "You'll never walk alone" am Stadion der Hillsborough-Katastrophe.

Die Berliner Performer*innen wechseln ihre Orte und Rollen, aber ihre Stunden bleiben ritualhaft gleich gebaut: Kleine Loops oder Stagnations-Choreographien zur viertel Stunde – kollektives, zunehmend sardonisches Lachen zur halben Stunde – Tableaux vivants mit Bücherlektüre um Dreiviertel – und kurz vor der vollen Stunde müssen ein Motiv, ein Stücktitel und ein*e Zuschauer*in gefunden werden, die den verzweifelten Performer*innen auf der HAU-Bühne Inhalt und Rückenstärkung für eine improvisierte zweiminütige Tanz- oder Musikeinlage geben.

Die großen Fragen

Klingt alles furchtbar undramatisch, aber es entwickelt den eigentümlichen Reiz, den Gob Squad in ihren größten Abenden (und in ähnlich gelagerten Vorgängerarbeiten wie "Super Night Shot") erzielten. "Show Me A Good Time" zelebriert die hohe Kunst, so lange die leere, verregnete Alltäglichkeit zu bespiegeln und sie dabei langsam mit pathetischen Motiven anzureichern, bis man vor den großen Fragen nach Zukunft, Wandel, Vergänglichkeit steht und die besonderen Momente (die "good time") erkennbar werden.

"Vielleicht ist es die Zeit für naive Gesten?", fragt Bastian Trost, als er durch den Wedding läuft, um eine seiner Balkonblumen in den Stadtraum zu verpflanzen. Wie stets treten Gob Squad in der Rolle der traurigen Clowns auf, die sich nicht scheuen, die eigene Unzulänglichkeit auszustellen. Wenn sie sich verheben, kriegen sie das das Gewicht der Welt zu spüren. Laura Tonke hat sich ihre Mutter hinzugeholt, um sich als unkreative Tochter mit Mutterkomplex zu inszenieren – und entwirft mit ihr herrliche skulpturierte Bilder mit Fladenbrot vor dem Gesicht. Später reist sie mit leisen Anklängen an das "Blair Witch Projekt" in den nächtlichen Treptower Park.

ScreenshotxGobSquad3Tatiana Saphir auf der leeren Bühne des Hebbel-Theaters und im World Wide Web. © David Baltzer

"Ihr fehlt die Resonanz" äußern die Kolleg*innen einmal über Berit Stumpf, die am Klavier im HAU einsam "Pour Adeline" von Richard Clayderman spielt. Das Gefühl kennen Theaterfreunde in diesen Tagen. Auch mich befällt gegen 22 Uhr ein tiefes Gefühl von Verlassenheit und ich schicke einen ersten Tweet ins Netz. Und merke, dass da noch andere wie ich vor ihren Bildschirmen hocken (auch in San Diego, dessen La Jolla Playhouse die Arbeit koproduziert hat). Ein Kanal für diese Gleichgesinnten wäre schön gewesen, ein Hashtag, auf dem man sich zuwinken kann. Immerhin durfte man sich an manchen Stellen in das Skript dieses Abends einschreiben, mal eine SMS senden oder per Anruf Titelvorschläge für die finale Performance unterbreiten.

Ein Sommernachts-Netztheater-Traum

Jetzt ist es kurz vor sechs Uhr. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich das Morgengrauen mitmachen würde. Aber die Arbeit hat ihren Sog entwickelt. Die Veränderungen der Stadt über die Dauer, mit ihren verstreuten Nachteulen, die sich stets auf den letzten Drücker für zwei Minuten Livestream-Theater gewinnen ließen, die vielen beiläufig schönen Wendungen – "Das ist die magische Hand der Zeit: Die Haare werden grau und ich kann mir keine Texte mehr merken." – das alles hat Poesie. Fürs Finale wurde die Struktur noch einmal auf ihre Sollbruchstellen getestet. Es gab Tränen statt Lachen, es wurde kollektiv gepinkelt, das Timing ging kalkuliert den Bach runter, und schließlich fanden sie zu einer "Berührung", die sie sich von der ersten Minute an ersehnt hatten.

Es waren zwölf mitsommerliche Netztheater-Stunden, und eine wirklich gute Zeit.

 

Show Me A Good Time
von Gob Squad
Production, Concept and Direction: Gob Squad, Video Design: Noam Gorbat, Miles Chalcraft, Sound Design: Sebastian Bark, Jeff McGrory und Catalina Fernandez, Costume Realisation: Emma Cattell, Lighting Design und Technical Management: Max Wegner, Dramaturgy und Production Management: Christina Runge, Set Assistant: Amina Nouns, Artistic Assistant: Mat Hand.

Mit: Sean Patten, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will, Tatiana Saphir, Laura Tonke, Sharon Smith.
Premiere online: 20. Juni 2020

Dauer: 12 Stunden, keine Pause

hebbel-am-ufer.de

lajollaplayhouse.org
schlachthaus.ch
kampnagel.de
mousonturm.de
gobsquad.com

 


Kritikenrundschau

Von einer außergewöhnlichen Ausdauerleistung ("extraordinary feat of endurance"), die das Banale und Absurde verbinde ("(b)lending the banal and the absurd"), berichtete Kate Wyver im Guardian (22.6.2020). "Gob Squad haben den Lockdown genutzt, um eine Fieber-Traumzeit-Kapsel zu schaffen. Sowohl ernsthaft als auch spielerisch stellt die Show die Frage, wie das Theater nach einer Pandemie aussehen wird. Nach 12 Stunden werden wir mit großen Augen ausgespuckt, schweißgebadet und nicht klüger; aber wenn es nur halb so abenteuerlustig und ehrgeizig ist wie dieses, dann steht uns eine gute Zeit bevor." (engl. "Gob Squad have used lockdown to create a fever-dream time capsule. Both seriously and playfully, the show asks what theatre will look like post-pandemic. After 12 hours, we’re spat out wide-eyed, sweat-sheened, and none the wiser; but if it has half the sense of adventure and ambition as this, we’re in for a good time.")

Pam Kragen von The San Diego Union-Tribune (26.6.2020) gibt in einer Kurzkritik zu Protokoll: "Obwohl vom Konzept her ehrgeizig, war es alles andere als eine gute Zeit. Ich habe mir mehr als drei Stunden der Veranstaltung angesehen und fand sie langweilig. (...) Die undefinierte, sich langsam bewegende Ziellosigkeit der Inszenierung machte sie zu einer lästigen Pflicht (engl. "While aspirational in concept, it was anything but a good time. I watched more than three hours of the event and found it tedious. (...) the undefined, slow-moving aimlessness of the production made it a chore to watch."

"Zwölf Stunden, intim, schön, klug und manchmal auch ein bisschen lang", so erlebte Falk Schreiber (€) die Online-Premiere im Juni. Für das Hamburger Abendblatt (22.8.2020, hinter Paywall) hat sich der Kritiker auch die auf vier dreistündige Abende verteilte Echt-Life-Produktion von "Show Me A Good Time" auf Kampnagel angeschaut und findet sie "live ganz ähnlich aufgebaut wie im Netz – wer das Projekt schon im Internet verfolgt hat, erfährt wenig Neues". Der Abend sei "erwartbar charmant, und handwerklich macht der Gruppe ohnehin niemand etwas vor – die Mischung aus Live-Film und Performance funktioniert auch auf Kampnagel perfekt. Es ist allerdings auch ein wenig harmlos."

 

 
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