2020 – Odyssee im Theaterweltraum

von Karin E. Yeşilada

Paderborn, 28. Juni 2020. Endlich wieder eine Uraufführung der Westfälischen Kammerspiele! Wie aber wird das Aufeinandertreffen von Theaterleuten und ihrem Publikum nach wochenlanger Zwangstrennung ausfallen? Überraschend. Denn Katharina Kreuzhages Uraufführung der Erzählung "Bericht über eine unbekannte Raumstation" von James Graham Ballard, zunächst als Online-Produktion geplant und nach Aufhebung des Lockdowns blitzschnell zur Live-Produktion umgearbeitet, wird zu einer Wiederbegegnung der dritten Art, in der Schauspieler und Publikum elliptisch umeinanderkreisen und schließlich als Supernova miteinander verschmelzen. Ein Abend, der nicht nur emotional bewegt.

Lageberichte aus dem Corona-Universum

Orientierungslosigkeit im dystopischen Raum, eines der Kernthemen im Werk des britischen Science-Fiction-Kultautors James Graham Ballard (1930-2009), bestimmt auch die Short Story "Report on an Unidentified Space Station" von 1982 (ein Jahr später erschien sie auf Deutsch). Darin trifft die Mannschaft eines havarierten Raumschiffs auf eine verlassene Raumstation, verirrt sich dort auf der Suche nach Leben und strandet. Mannschaftskameraden verschwinden in sich immer neu auftuenden Räumen und Transitdecks, die Raumstation wächst ins Gigantische, und die verbliebenen Spuren tausender Reisender, die diese ausgestorbene Transitstation einst bevölkert haben müssen, klingen unheimlich in der Leere des Raums nach. Der Versuch, mit Messgeräten und Lageberichten dagegen anzukommen, schlägt fehl, und die Astronauten verlieren sich in den schier unendlichen, sie umschließenden Weiten einer Raumstation, die das Weltall zu sein scheint. Oder ist sie gar das Theater, diese "Station längst vergessener Besucherströme"?

RAUMSTATION 560 TobiasKreftFremdheitserfahrung im Bekannten: Gang durch die Raumstation Theater © Tobias Kreft

Der Vergleich liegt nahe. Ihn machen sich Regisseurin Kreuzhage und ihr Team auf ganz besondere Weise zunutze. In ihrer Inszenierung wird das Theater zur verlassenen Dystopie, in der sich alle verirren und wiederfinden. Das Publikum sitzt nicht, sondern bewegt sich ebenso wie die Darsteller durch den Raum. Dazu werden die Corona-bedingt handverlesenen fünf Zuschauer*innen im Eingangsfoyer zunächst an einzelne Tische gestellt, wo sie nach brav hinterlegter Teilnahmedokumentation eine nummerierte Warnweste anziehen müssen. Statt (Ver-)Kleidung für‘s Theater also Verkleidung im Theater – aus Zuschauer*innen werden Zuschauernaut*innen. Bald folgen sie den in metallisch-knisternde Overalls gehüllten "stummen Kollegen" auf die Space Odyssee, immer schön im Sicherheitsabstand und mit Mundschutz. An insgesamt neun Stationen bestimmen nummerierte Flächen ihre jeweiligen Sitz- oder Stehpositionen.

Der Theaterraum wird vermessen

Die Expedition führt aus dem Theatereingang hinaus nach draußen, an erstaunten Passanten vorbei und zum Lieferanteneingang wieder hinein. Aus dem dort parkenden Transporter (Raumschiff) entsteigt Alexander Wilß im weißen Astronautenanzug mit Schläuchen und Sauerstofftank, Astronautenbrille und grell-orangefarbenem Mundschutz; angedeuteter Moonwalk in Turnschuh-Moonboots. Vernebelte Atmosphäre und sphärische Klänge machen die Illusion für das verdutzte Publikum in der Lieferantengarage perfekt. Postiert auf orange-leuchtenden Positionsfeldern und fast auf Tuchfühlung mit dem Astronauten werden wir gleichermaßen verunsichert wie Teil des Ganzen.

Mit der Stirnlampe umherblendend, berichtet der Astronaut von der Havarie, stellt abstrakte Messungen und Vermutungen an, verschwindet durch die Tür. Schrecksekunde: Und wir? Da gibt der stumme Kollege schon Zeichen zum Aufbruch. Aufregendes Kribbeln: Wohin geht es nun wohl?

"Wir können atmen!"

Unterwegs zu den weiteren acht Stationen folgt die Zuschauernaut*innen-Truppe einem in Orange ausgelegten Streifen auf dem Boden, über Stufen (die Vorstellung ist dadurch nicht barrierefrei), an Wänden vorbei, auf denen kryptische Nachrichten stehen ("Ist hier jemand?", "Absturz"), durch Metallfolien-verhangene Treppenhäuser, Vorräume, vom Bühnenunterraum bis hinauf in die Zuschauerbrücke. Die gelungene, minimalistisch-futuristische Ausstattung (Tobias Kreft), das effektvoll sirrende, dumpf dröhnende oder beunruhigend puckernde Sounddesign (Alexander Wilß) und die jeweils stationsspezifische, stets leicht unheimliche wirkende Ausleuchtung (Hermenegild Fietz) machen aus der Theaterhausführung eine wahrhafte Odyssee durch die unbekannte Raumstation am Theaterplatz Paderborn.

Raumschiff 560 KarinYesilada uAus dem parkenden Transporter-Raumschiff entsteigt ein Astronaut © Karin Yesilada

Einzigartig, wie sich physischer Theaterweltraum und Textsemantik durchdringen! Alexander Wilß und David Lukowczyk stehen zwischen abmontierten Zuschauersesseln, während sie als Astronauten von den Spuren riesiger "Wartesäle" berichten, in denen "tausende Reisende gesessen haben müssen". Gekichere unter den Zuschauernaut*innen, als es heißt, diese "bequemen, weichen Sessel" lüden zur Schläfrigkeit ein. Erschrecktes Zusammenzucken, als sich zur bedrohlichen Nachricht, dass die vermissten "Mannschaftskameraden" womöglich in eine tiefere Ebene abgestürzt seien, plötzlich unter lautem Getöse der Boden unter den Sitzen vibriert und absenkt! Großartiger Effekt, wenn die Astronauten nun von oben herab in die Gruft zu den Zuschauernaut*innen sprechen! Oder wenn es ausgerechnet im Lastenfahrstuhl (ausgelegt für fünf nummerierte Sitzplätze plus Positionsfläche des stummen Kollegen) über Lautsprecher heißt, die Messungen hätten eine ausreichende Menge Sauerstoff freigegeben: "Wir können atmen!"

Das Theater ist das Ziel

Es scheint, als hauchte die unmittelbare Begegnung von Darstellern und Followern (Dramanauten) der verlassenen Theaterraumstation wieder Leben ein. Und wie die durch Messungen sich stets weiter ausdehnende Transitstation im Weltall dehnt sich auch die Theaterweltraumstation über mehrere Stockwerke, Bühnen- und Abstellräume, Gänge und Winkel quasi ins Unermessliche aus.

Das alles ist großartig, fühlt sich länger als die kurzen 35 Minuten und ungeheuer lebendig, aufregend und spannend an! Da wirken die beiden Darsteller in ihrem Spiel bisweilen fast noch zu verhalten. Der emotionale Überschwang erfolgt zum Schluss, als sich die Odyssee der Dramanauten auf der Bühne des Großen Saals wiederfindet. Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf den Zuschauerraum, wo die Astronauten zu Chorälen von Hoffnung und Erkenntnis sprechen: Der Weg ist das Ziel, lautet die Botschaft von Ballard – das Theater ist auferstanden die von Intendantin Kreuzhage. Warm erhellt von zahlreichen Leuchtkugeln wird der Große Saal der Westfälischen Kammerspiele Paderborn zum sakralen Raum, in dem die heilige Verschmelzung von Theater und Publikum gefeiert wird. Zögern zum Schluss: Applaus für die Darsteller im Zuschauerraum? Von der Bühne aus? Der stumme Kollege geleitet uns hinaus. Begeistertes Klatschen im Galeriegang vor dem Theatersaal. Völlig losgelöst.

 

Bericht über eine unbekannte Raumstation
von James Graham Ballard, Deutsch von Herbert Mühlbauer
Uraufführung
Regie: Katharina Kreuzhage, Ausstattung: Tobias Kreft, Dramaturgie: Daniel Thierjung, Beleuchtungsmeister: Hermenegild Fietz, Ton & Video: Tim Kloepper & Till Herrlich-Petry, Sounddesign: Alexander Wilß.
Mit: Alexander Wilß, David Lukowczyk (sowie Statist*innen).
Dauer: 35 Minuten, keine Pause
Premiere am 28. Juni 2020

www.theater-paderborn.de

 

Kritikenrundschau

Stefan Keim berichtet im Deutschlandfunk (29.6.2020) von einer "beeindruckenden Aufführung, die fragt, ob der Mensch irgendetwas im Griff hat, oder sich das nur einbildet, während er durch eine Welt taumelt, die er nicht ansatzweise begreift". Die Texte seien eher nüchtern, zu denen Katharina Kreuzhage aber opulente Bilder schaffe.

"Der Intendantin und Regisseurin des 30-minütigen Stücks, Katharina Kreuzhage, sowie dem Dramaturgen Daniel Thierjung gebührt für ihr Können und ihre Kreativität ein großes Lob", findet

 

 
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