Die Kippe kommt mit in die Gruft

von Ralph Gambihler

Leipzig, 23. Oktober 2008. Weltuntergänge können dauern. Dieser hier dauert zweieinhalb Stunden. So viel Zeit nimmt man sich in Leipzig, um ein altes Stück zu beerdigen und die Menschheit gleich dazu. Wir sind also in einem abendfüllenden Endspiel. Letzte und allerletzte Dinge werden darin verhandelt, bevor es für die Titelfigur krachend in die Grube geht. Obwohl man nun sagen muss, dass auf Weltuntergänge auch kein Verlass mehr ist. Zumal wenn ein musizierender Herrenclub, der in seinen besten Zeiten jedes Hotelzimmer versaute, im Stücktitel herum geistert und irgendwie seine Finger im Spiel haben muss, warum auch immer.

Brechts Wagen, Kafkas Käfer, Jesus' Kreuz

Die Bühne von Volker Hintermeier schwelgt in Memento-mori-Düsternis. Sie zeigt ein entweihtes Kirchenschiff und darin eine Art Resterampe der abendländischen Kultur. Vom biblischen Baum der sündigen Erkenntnis (verdammt viele Äpfel) und dem Schmerzensmann Jesus (vom Kreuze befreit) über einen gewiss vormodernen Foliantenberg (sehr staubig) und ein kopernikanisches Miniplanetarium (mit Handkurbel) bis hin zu Kafkas Käfer (riesengroß) und Brechts Marketenderwagen (sehr klein) wird allerhand herbei zitiert, was die Welt womöglich doch nicht zu retten vermag.

Oben drüber schwebt, geisterhaft auf Gaze hingehaucht, ein Totenschädel mit Hut und Kippe im Gebiss. So könnte ein Label für Vergänglichkeit und Verderben aussehen. Gruft, wir kommen! Die Frage von Anarchie und Verführung wird unter diesen Umständen nicht wirklich gestellt. Sie hat sich ganz einfach erledigt. Don Juan ist schon auf den ersten Blick ein Schatten seiner selbst, ein kauernder Typ mit eingezogenen Schultern, die Halbglatze unter einer Parodie von Perücke versteckt. Den klassischen Frauenverbraucher stellt man sich jedenfalls anders vor. Und auch seine ersten Worte, die da lauten: "Aspirin! --- Ähm." Er stammelt. Starrt. Spielt Stottern.

Letztes Stündlein des Nihilismus

Dieser Don Juan ist ein mehr Anti-Don Juan, ein Aufreißer a. D., den sein Darsteller Hagen Oechel in ein Rudiment von Rocker-Coolness steckt. Keine Welt und kein Weib können diesen Mann locken. Wenn ihn überhaupt noch etwas interessiert, dann das ironische Klingenkreuzen mit "Blondie", seinem keineswegs untertänigen Diener Sganarelle, die nächste Zigarette und für die heftigen Momente eine Spritze voll Aitsch.

Beim Schichtl, dem legendären Oktoberfest-Schausteller, heißt es seit ewigen Zeiten: Heute Hinrichtung! Bei Regisseur Jürgen Kruse im Leipziger Centraltheater muss nichts hingerichtet werden; alles ist schon hin: die Wörter, die Werte, sogar der Spaß am Nihilismus. In diesem garstigen Spektakel hat das letzte Stündlein der Zivilisation geschlagen. Kruses Molière-Verdunkelung legt sogar den Kulturpessimismus ad acta, dem sie entspringt. Der ist nicht mehr formulierbar in dieser regressiven Leere, in der jeder Witz eine Attrappe ist und jedes Spiel eine Farce.

Höflichkeit der Alt-Erotomanen

Aber könnte das nicht reizvoll sein? Ein Don Juan, der das Fleischliche flieht und seinem Diener den Vortritt lässt? Ein Voyeur und Zyniker von hohen Gnaden? Ein Alt-Erotomane zwischen Mick Jagger und Rainer Langhans? Womöglich hätte die Regie einen solchen Weg finden können. Auf der Suche nach dem großen Rundumschlag gefällt sie sich aber in einem Geklimper aus Anspielungen und allegorischen Aufladungen wie das biblische "In ictu oculi" (im Augenblick), das in ziemlich großen Buchstaben über der Bühne geschrieben steht. Die Mythos-Demontage gerät darunter zur Petitesse.

Hagen Oechel geht mit seiner Figur ehrenwert unter. Zum tragischen Kern kann er nicht vordringen, denn der hat sich unter den Händen der Regie in Rauchwolken aufgelöst wie die vielen Glimmstengel, die an diesem Abend angezündet werden. Oechel gibt das gleichgültige Wrack, das sich die sexuellen Attacken von den Bauernmädchen ebenso gefallen lässt wie die Beschimpfung als "Flatterfotzenwichser".

Viel Rauch um nichts

So stoned hat man Molières Latin Lover wahrscheinlich noch nicht gesehen. Birgit Unterwegers Rolle als Donna Elvira ist so eingedampft worden, dass sie nicht weiter auffällt. Manuel Harder verzichtet als kerniger Sganarelle auf alle Diener-Drolligkeiten und macht auch unschöne Sachen. Er legt sich zum Beispiel eine echte Schlange um den Hals oder vögelt hinter den Kulissen eine Frau, während er sie hörbar abschlachtet.

Im Schlussbild kommt die Flucht aus dem Stück. Die Fahrt in die Grube fällt aus, denn es ist doch "alles ein bisschen unrealistisch" geworden, wie sie nun plötzlich bekennen. Der bilderbuchmäßig kolossale Kontur, vermutlich ein olles Stück aus dem Opern-Fundus, bietet sich nun als friedliches Denkmal dar, das es zu erklimmen und zu liebkosen gilt. Dieser steinerne Gast zieht keinen mehr in den Abgrund. So retten sie sich ins Leben. Die Rolling Stones sind übrigens nicht aufgetreten. Man hat sie nur manchmal gehört.

 

Don Juan oder der steinerne Gast (like a rolling stone)
nach Jean Baptiste Molière und nach der deutschen Übersetzung von Wolf Graf Baudissin
Regie: Jürgen Kruse, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüm: Caritas de Wit.
Mit: Hagen Oechel, Manuel Harder, Birgit Unterweger, Sebastian Grünewald, Artemis Chalkidou, Eva-Maria Hofmann, Matthias Hummitzsch u.a.

www.schauspiel-leipzig.de

 

Mehr zu Jürgen Kruse: Im Dezember 2007 inszenierte er am Schauspiel Köln Beat Generation von Jack Kerouac.

 

Kritikenrundschau

Einen "herrlich verwilderten Symboldschungel" mit Verweisen von Jesus bis Brecht und "reichlich Zitatenunterholz und Musikgestrüpp" beschreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (25.10.). Auch die Schauspieler in Jürgen Kruses Molière-Inszenierung werden sehr gelobt, besonders Don-Juan-Darsteller Hagen Oechel und Manuel Harder, der seinen Diener spielt. Was den Kritiker am Abend ebenfalls einnimmt, ist sein Durchdrungensein von "großgestischem Deutungswillen": denn er setzt Dirk Pilz zufolge noch einmal die Schöpfungsgeschichte samt Sündenfall auf die Tagesordnung, fragt allerdings, was wohl geworden wäre, wenn statt des Apfels eine Birne am Baum der Erkenntnis gehangen hätte und entlockt dieser Fragestellung wohl durchaus utopisches Potenzial.


Bei dieser Bühne sei alles "wie ein Gemälde arrangiert, traumschön, irritierend verführerisch" und "eine biblische Allegorie auf den Tod", so Gisela Hoyer in der Leipziger Volkszeitung (25.10.). Eine "lästerlich romantische Version von Apocalypse now" sieht sie in Kruses Abend, mit einem Don Juan (dessen "Alter Ego"), der "von der einstigen Leidenschaft bloß noch für Momente erwärmt" wird. Ansonste rauche, saufe, kiffe er und rede "mehr oder minder sinnentleertes Zeug. Der kämpferische Außenseiter ist am Ende." Die "eigentliche Zentralfigur" sei in Kruses Deutung "der smarte Macher und respektlose Diener" Sganarelle. Eine "ultimative Veranstaltung", an deren Ende das Publikum "beinahe erleichtert" aufatme, "als Don Juan endlich zur Hölle fährt". Das "schicksalhafte Geschehen" sei dabei "wild und anmutig choreografiert sowie prachtvoll kostümiert".

In der Süddeutschen Zeitung (31.10.) konnte Peter Laudenbach Jürgen Kruses "sehr lässiger Demontage des Klischees vom bezaubernden Verführer und des in seiner Amoral leuchtenden Nihilisten" einiges abgewinnen. Und das, obwohl Kruse aus seiner Sicht das Kunststück fertig gebracht hat, "aus 'Don Juan' eine "vollkommen unerotische Veranstaltung", "einen einzigen, lang gezogenen Kater" zu machen. Das "benebelter Hirn" der Protagonisten leide unter Wortfindungsstörungen, was zur Folge habe, dass "Molières glasklare Satzreihen" zu einer "Stummelsprache" schrumpften: "Als die beiden bei Molière über die Gesetze des Himmels und der Schöpfung parlieren, setzen sich Kruses multitoxisch verstrahlten Kneipenbewohner lieber einen Schuss und brabbeln dann in ihrem Tran wirr vor sich hin." Seltsamerweise schaue man dem Ganzen aber "eher träumend als wach" sehr gerne zu, schreibt Laudenbach, für den die atmosphärische Dichte des Abends, seine Unschuld und Melancholie, diesen "Don Juan" zu einem "traurigen Blues", einem "schönen letzten Abgesang auf das Nachtleben und seine selbstzerstörerischen Veteranen" machen.

 

 
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