Reinbeißen und tot umkippen

von Esther Boldt

Frankfurt, 24. Oktober 2008. Schön zerrüttet steht sie da, die gestorbene Grazie. Trotzig und strubbelköpfig reckt sie ihre Faust in die Luft: Schneewittchen is in the house! Dunkel blitzen ihre Augen, weiß strahlt ihr Kleid, silbern ihre Schuh. Sie ist gar keine Prinzessin mehr, sie ist eine Queen of Pop. Und sie ist nicht tot zu kriegen. Wie das Märchen und jeder halbwegs taugliche Mythos. Wie die Romantik und die Popkultur. Ein bisschen wundert sie sich selbst drüber.

Doch dann tänzelt die agile Untote schon weiter, die Elfriede Jelineks "Prinzessinnendramen" entstiegen ist, als parodistisches Pendant zu Shakespeares Königsdramen installiert. Schneewittchen und Dornröschen treten dort auf, Rosamunde und Jackie Onassis. Corinna von Rad hat sie nun im Kleinen Haus des Schauspiels Frankfurt inszeniert, und sich für die Mundhappenvariante entschieden: Mit saftigen Strichen macht sie das sperrige, nach allen Seiten auskragende Textgebilde zur Spielvorlage – ein Kunststück für sich.

Schöpfergöttliche Mannsbilder

Hierfür hat sie sich Schneewittchen und Dornröschen herausgepickt. Die eine fällt eingangs beim Start mit Schuss auf die Bühne: Bang! Tot. Dann liegt sie da als weißer Federbusch mit abgespreizten Gliedern und koboldhafter Mine und weiß nicht, wie ihr geschieht. Nicola Gründel spielt die Zombie-Prinzessin auf der Suche nach den sieben Zwergen als herrlich bewegliches Gör, das dem Tod über den Weg läuft.

Denn alles, was Mann ist, kommt in den Prinzessinnendramen mächtig daher: Als Tod im Jägergewand, als Prinz, der es schöpfergöttlich in sich walten fühlt (beide: Thomas Douglas). Und ein ums andere Mal hält ihr der Jäger einen rotbackigen Apfel hin, ein ums andere Mal muss Schneewittchen dann einfach hinein beißen und tot umkippen. Weil das Eva-Syndrom nicht totzukriegen ist und Jelineks Prinzessinnen von dem männlichen Blick leben, in dem sie sich erst konstituieren.

Die Prinzessinnendramen sind eine lagenreiche Sprach- und Zitatenschichtung, die von Franz Schuberts Romantik mitsamt Todessehnsucht und Todesfurcht im Baumarkt landen, bei Roland Barthes und beim Facelifting. Alles, was aufklärerisch und selbstbewusst ist, wird ausradiert: Subjekt, Narration, Geschichtsschreibung und der ganze andere gradlinige Kram.

Sportliches Gerangel der Geschlechter

Aus diesen monologischen Brocken hat Corinna von Rad mundgerechte, dialogfähige Satzteile herausgeschnitzt. Sie erinnern nur noch rudimentär an die "Prinzessinnendramen", sind aber recht vergnüglich. Eine abgeklärte Unmöglichkeitsveranstaltung, der die Regisseurin ein bisschen Resttrostpflaster abtrotzt. Wir sind hier schließlich im Märchen!

So wird die Bühne in traumgleich-weiches Licht getaucht, und, von Vereinigungssehnsucht geplagt, fahren Schneewittchen und ihr Jäger einen herzzerreißenden Paareislauf. Bei körperlichem Volleinsatz erfinden die Schauspieler Bilder zu den ausgedünnten Texten. Auf der schiefen Dielenebene, die sich dem Publikum entgegenkippt, kommt es zum sportlichen Gerangel der Geschlechter, das auch Machtverhältnisse nur noch zum Spaß durchspielt, ach was, durchturnt als lebhafte Wiedergänger-Brigade, die man zwischenzeitlich anherrschen möchte: Mein lieber Herr Turnverein, genug gehüpft!

Und doch, im besten Fall erzählt sich vieles über die Körper. Sie vereinsamen so vor sich hin und tasten zwischenzeitlich ihre Umgebung ab, ob da noch ein anderer sei, mit dem es sich gemeinsam vereinsamen lasse. Der einem genauso fremd ist wie man sich selbst, denn dann wäre die Welt doch in Ordnung.

Sehr blau, sehr still, sehr erleuchtet

Aber "Der Tod und das Mädchen" geben kein Paar von Dauer ab. Und auch nicht der Gott und das Mädchen, die sich im zweiten Prinzessinnendrama begegnen: Da kippt Ruth Marie Kröger im mohnblütenroten Abendkleid auf die Bühne und gähnt zum Steinerweichen. Statt lang zu monologisieren, singt sie lieber oder packt sich dem Prinzen auf dem Rücken, dass er sie durchs Leben trage.

Zur märchenhaften, schwere- und belanglosen Atmosphäre tragen auch drei Musiker bei. Matthias Schmidt, Karsten Süßmilch und Rainer Süßmilch spielen mal im Vorder-, mal im Hintergrund, sie illustrieren mit blasinstrumenten- schwerem Atem und werden auch mal in die Bühnenhandlung eingebunden. Das ist hübsch, die musikalische Jelinek'sche Sprachwurzel sozusagen mit Schubert packend, aber nicht zwingend. Ähnlich verhält es sich mit "Der Wanderer", einem dritten Monolog, den von Rad angehängt hat – um die Schubert-Fährte zu verfolgen.

Da wird es sehr ernst, still und blau erleuchtet, Heiner Stadelmann kauert am Boden und spricht vom nahenden Tod, von gespaltenen Identitäten und verfehlten Begegnungen, sei es mit sich oder mit anderen. Sein langer Lauf führt nicht zu sich selbst, sondern nur in den Tod. "Der Wanderer" fügt sich nicht notwendig an die quirligen Teile zuvor. Aber alles in allem kann man nicht viel haben gegen diesen kurzweiligen, gut gearbeiteten Abend.

 

Prinzessinnendramen – Der Tod und das Mädchen.
Ergänzt um Der Wanderer aus Macht nichts.
von Elfriede Jelinek
Inszenierung: Corinna von Rad, Bühne: Piero Vinciguerra, Kostüme: Katja Strohschneider. Musik: Rainer Süßmilch. Mit: Nicola Gründel, Thomas Douglas, Ruth Marie Kröger, Heiner Stadelmann, Matthais, Schmidt, Karsten Süßmilch, Rainer Süßmilch.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Mehr über Elfriede Jelinek auf nachtkritik.de gibt's im nachtkritik-Lexikon. Nicolas Stemann inszenierte 2007 am Berliner Deutschen Theater die Deutsche Erstaufführung ihres Stücks Über Tiere, das Ruedi Häusermann am Wiener Burgtheater mit zwölf Klavieren uraufführte. Stemann war auch der Regisseur von Jelineks Schiller-Übermalung Ulrike Maria Stuart, die 2006 in Hamburg entstand, und 2007 beim Berliner Theatertreffen zu sehen war.

 

Kritikenrundschau

Andere würden in den "verwunschenen, verletzten, sprachwütigen Märchenmonstern", die Elfriede Jelineks "Prinzessinnendramen" bevölkern, "Zombies sehen, die Regisseurin Corinna von Rad hat diese Figuren in Frankfurt jetzt in eine zart-zierliche Bühnenwelt hineinphantasiert, eine schöne Welt, wo die Zuschauer, wenn mal wieder von irgendwoher ein unerwarteter Ton hervor kriecht, so überrascht wie zufrieden in sich hineinglucksen", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (27.10.2008). Sarkasmus und Härte wüchsen in Corinna von Rads Jelinekwelt "aus dem Naiven. Sie gibt diesen drei Märchen-Stückchen, die Jelinek mit Sprechwut und Dekonstruktionslust in den Geschlechterkrieg der Gegenwart hineinassoziiert, sozusagen das Märchenhafte zurück." Und das sei "wirklich ungewöhnlich".

Für Uwe Ebbinghaus in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (26.10.2008) hat es das nicht mehr ganz taufrische Stück in "dramatischen Zeiten wie diesen" in denen die Medien gerade überlaufen mit frischen Machtverlust-Stoffen, nicht ganz leicht. Trotzdem erstaunt ihn das Ergebnis dieses Abends, der ihn als "geschlossene Ensembleleistung" generell gut und mit der Erkenntnis unterhalten kann: "Man kann Jelinek auch auf Pointe spielen". Sogar ein paar Gedanken zum Verhältnis der Geschlechter zur Macht wurden in ihm provoziert. Allerdings hätte er sich auch ein etwas dringlicheres Drama vorstellen können, wie seine Überlegungen nahelegen.

 
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