Wagner für Millennials

von Melanie Huber

Berlin, 3. Juni 2021. Siegfried (Paul Zichner) rennt. In der rechten Hand hält er das Schwert Nothung, sein Blick ist nach vorne gerichtet, der Lauf wirkt erst entschlossen, dann zunehmend verzweifelt. Nach einer Weile gibt er auf. Mit hängenden Schultern steht er auf einem überdimensionierten Tisch in einer ebenso überdimensionierten Küche, die ausgestattet ist mit einem riesigen Kühlschrank der Marke "SIEG", einem angenehm leuchtenden Ofen, menschenhohen Küchenschränken und knietiefen Kaffeemühlen. Eine extrem breite, nach oben hin abgerundete Stahltür macht aus der – trotz der ungewöhnlichen Größe – seltsam heimelig wirkenden Küche einen bedrohlichen Raum. Dazu gibt es ein Fenster, es ist vergittert. Dahinter ist die Projektion eines dunklen, langen Flures zu erkennen. Siegfried ist auf der Stelle gelaufen. Er wollte in den Kampf ziehen. Sein Schwert aber ist in Wirklichkeit ein Messer, die Küche eine Wahnvorstellung und sein Aufenthaltsort die Psychiatrie.

"Der Ring des Nibelungen" als Krankenhaus-Serie

Was im Titel des Stücks "wagner – der ring des nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood)" schon durch Schreibweise und Typografie angedeutet wird, zeigt sich auch auf der Bühne des ausverkauften Berliner Ensembles mit freudig-diszipliniertem Präsenzpublikum (dank der Teilnahme am Pilotprojekt Testing ist es die erste Premiere seit Februar 2020!): Hier wird im Grunde viereinhalb Stunden lang Wagner zerhackt. Die Verlegung des Settings in die Psychiatrie scheint erst einmal so konsequent wie banal.

Nibelungen 2 560 Birgit Hupfeld uHalligalli in der Nibelungenküche: v.l. Jonas Grunder-Culemann, Wolfgang Michael, Paul Zichner, Nico Holonics © Birgit Hupfeld

Obwohl der Autor des Abends Thomas Köck im Programmheft verkündet, dass er Wagner mit seiner Adaption gecancelt hätte, geht es chronologisch und entsprechend der Story durch die vier Akte des "Rings". Alle handlungstragenden Figuren haben eine entsprechende Rolle in der Köck'schen Anstalt gefunden: So ist Wotan der allmächtige Oberarzt der Psychiatrie und Hagen der erpressende Anstaltsmanager. Das Pflegepersonal stemmen die pfiffigen Rheintöchter sowie die Lohn-klagenden und sich vom System ausgenutzt fühlenden Riesen Fasolt und Fafner (Parallelen zu Arbeitsbedingungen während der Corona-Pandemie sind gewollt, Stichwort: Care-Arbeit). Brünnhilde, Sieglinde und Siegmund sind, neben Siegfried, weitere Patient:innen. Dazu kommen von Siegfried imaginierte Charaktere, wie Alberich und Erda, die Erdgöttin und "babbling corpse".

Eingeliefert wird Siegfried von Mime, seinem Stiefvater, der seinen Schutzbefohlenen in der Vergangenheit wohl missbraucht hat und durch eine von Hagen vorgeschlagene Lobotomie-Behandlung am traumatisierten Jungen der möglichen Aufdeckung seiner Straftat entgehen möchte. Regisseur Ersan Mondtag, der am Berliner Ensemble zuletzt mit einer eindrücklichen Inszenierung von Brechts Baal vertreten war, hat den Text mit der musikalischen Interpretation des Wagner-Epos von Max Andrzejewski gekoppelt. Für die Eigenkomposition, die mit den gängigen Motiven des Stückes spielt und sie mit Soundeffekten und elektronischen Elementen verwebt, wurde sogar ein ganzes Orchester zusammengestellt, in dem Max Andrzejewski selbst an den Drums sitzt.

Mythos-Mantra

Mondtag bleibt stets nah an der Innenwelt von Siegfried, die stark filmisch geprägt ist. So wird in einem Stream of Consciousness, im Stil des Intros der Star-Wars-Saga, eine zunehmend wirrer werdende Zusammenfassung der einzelnen Akte gegeben. Alberich (Peter Moltzen) tritt wie ein abgeklärter Jack Torrance aus "Shining" auf, und Hagen (Nico Holonics) ist eine ziemlich attraktive Mischung aus dem Horror-Clown It und Klaus Kinski. Die Kombination aus ansehlichen Siebziger-Jahre-Kostümen (Josa Marx), Licht (Rainer Caspar), Effekten, Musik und Bühne ist sehr stimmig und wirkt einnehmend atmosphärisch.

Nibelungen 1 560 Birgit Hupfeld uCare-Arbeiter*innen im Nibelungen-Hort: Peter Luppa, Peter Moltzen, Philine Schmölzer © Birgit Hupfeld

Kann man alles machen, ist jetzt aber auch nichts genuin Neues. Der frisch gebackene Wiener Volkstheater-Direktor Kay Voges etwa bedient sich der "Shining"-Symbolik und -Ästhetik schon seit Jahren (siehe Borderline Prozession, Schauspiel Dortmund, und Die Parallelwelt, Berliner Ensemble). Anstrengend wird nach einer Weile auch der Text. Dabei sind es nicht die englischsprachigen Allerweltsweisheiten, die vor allem Erda (Wolfgang Michael) wunderbar leiernd-lakonisch raushaut, sondern bestimmte Buzzwords, die bis zu ihrer vollständigen Sinnentleerung immer wieder aufs Neue und von allen Charakteren wie ein Mantra aufgesagt werden: Mythos, Schuld, Verträge und Daddy.

Da hat wohl jemand mit einem Welt- und Gesellschaftsbild Probleme, das an vermeintlich deutschen Traditionen und Altherkömmlichem rigoros festhält – und bei nachfolgenden Generationen versucht, diesen eben jenes Weltbild aufzupfropfen. Dabei passt denen diese Welt schon lange nicht mehr (siehe: übergroße Küche – bei der man an auch an die Installation "Narrow House" des Künstlers Erwin Wurm denken könnte, die das Gegenteilige zeigt, aber das Gleiche auszusagen scheint). Und auch, was unter "Mythos" eigentlich konkret verstanden wird, wird nicht so klar. Mal zeigt Hagen vieldeutend auf eine Kaffeemühle, mal wird der "deutsche Wald" thematisiert. Mal steht Alberich bibbernd vorm "SIEG"-Kühlschrank und sagt: "Kalt ist es in Deutschland", häufiger wird über den Kapitalismus an sich, die Märkte und das "scheiß Geld" geflucht.

Brünnhilde for Future

Im Gesamten wird ziemlich viel "Scheiße" gesagt (muss der Kinski-Vibe von Hagen sein). Allerdings wird gar nicht thematisiert, was es in diesem Kontext heißt, nicht weiß oder nicht deutsch zu sein. Der gebieterische Wotan (Corinna Kirchhoff) wird von Erda wiederholt neckend "old white dude" genannt. Die Darstellenden sind aber alle weiß – und unterschiedlich alt. Da stellt sich schon die Frage, welchen Stellenwert eine zeitgenössische (und provokante) Auslegung des Wagnerschen Stoffes in einer superdiversen Stadtgesellschaft wie Berlin eigentlich haben kann. Oder sollen sowieso nur bestimmte Menschen mit entsprechenden Hintergründen mit diesem Stück angesprochen werden?

Auf der Bühne entsteht eine verzweifelte kollektive Wut, die sich auf eine nicht näher genannte Gruppe konzentriert, von der man aber ausgehen kann, dass die beinharte "Boomer"-Generation gemeint ist. Darunter fallen hier Wotan, Hagen und Alberich. Auf der anderen Seite stehen Siegfried und Brünnhilde, als Vertreter:innen einer neuen Generation, die an der bestehenden Welt mit ihren Regeln und Verträgen nicht nur zu verzweifeln, sondern auch zu erkranken und zerbrechen drohen. Die Wehr- und Hoffnungslosigkeit ist teilweise so immanent, dass man sie als Zuschauende selbst fühlt – vor allem bei und mit Stefanie Reinsperger als Brünnhilde.

Nibelungen 3 560 Birgit Hupfeld uSiegfried und Brünnhilde als aufbegehrende Millennials: Paul Zichner, Stefanie Reinsperger © Birgit Hupfeld

Sie spielt die sich frei kämpfende, lebens- und liebesgeschundene Großstadt-Millennial-Powerfrau so körperintensiv und eindrücklich, dass man am liebsten mit ihr gemeinsam auf Social-Distancing-Dates schimpfen, die Bau- und Wohnungspolitik in Berlin verteufeln und Siegfried für seine Naivität schütteln möchte. Dass sie am Ende übrig bleibt, ist im Sinne des Stücks nur konsequent. Auch, wenn dieses Ende in unangenehm rührseliger Weise etwas vom Anfang von Döblins "Berlin Alexanderplatz" hat. Brünnhilde wird nämlich aus der Psychiatrie entlassen – und gleich wieder schutzlos in die Welt mit ihren alten Regeln ausgesetzt.

wagner – der ring des nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood)
Recomposed by Thomas Köck mit Musik von Max Andrzejewski
Regie/Bühne: Ersan Mondtag, Kostüme: Josa Marx, Musik: Max Andrzejewski, Mitarbeit Sounddesign: Gerrit Netzlaff, Licht: Rainer Caspar, Video: Bahadir Hamdemir, Dramaturgie: Clara Topic-Matutin.
Mit: Jonas Grundner-Culemann, Jonathan Kempf/Nico Holonics, Corinna Kirchhoff, Peter Luppa, Wolfgang Michael, Peter Moltzen, Stefanie Reinsperger, Philine Schmölzer, Emma Lotta Wegner, Paul Zichner, Orchester: Moritz Ter-Nedden (Violine), Grégoire Simon (Violine), Friedemann Slenczka (Viola), Ragnar Jonsson (Violoncello), James Banner (Kontrabass), Laure Mourot (Flöte), Miguel Perez Inesta (Klarinette), Isaac Shaw (Horn), Maria Schneider (Vibraphon), Arne Braun (Gitarre), Jörg Hochapfel (Keyboards, Pinao), Max Andrzejewski (Drumset).
Dauer: 4 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

Vom Clash zwischen Text und Inszenierung berichtet Eberhard Spreng bei Deutschlandfunk Kultur (3.6.2021): Das Stück wolle Wahnsinn, die Inszenierung Fantasy. Ersan Mondtag zeige "Freaks, zusammengepixelt aus dem Hororfilmgenre, aus Popversatzstücken und dem Märchentheaterfundus. Der Ausdruck: expressionistisch, die Pose: krass". Nicht zu erfahren sei, wie aus dem Rheingold Kapitalismus inklusive Antisemitismus und Umweltzerstörung erwachse, wie aus dem Mythos ein Verbrechen, wie das mit Missbrauch und dem Geschlechterverhältnis zusammenhänge und aus dem Traum vom Naturzustand ein toxische Nationalideologie werde. "Ein nicht endender Diskursbrei quillt von der Bühne", der nach viereinhalb Stunden nicht weiter sei als am Anfang. In einer heimelig-unheimlichen Küche wie in der bürgerlichen Tragödie, die zehn Nummern zu groß für die Menschen sei, entfalte Mondtag einen "schrill-komischen Bilderzauber", der sich auf die Leitmetapher von Psychiatrie und auf Köcks Stück gar nicht einlassen wolle.

"Ein bisschen wie eine Geisel des Abend" fühlt sich Ulrich Seidler in seiner Mischung aus Vorbericht und Besprechung in der Berliner Zeitung (4.6.2021). Aber den Figuren gehe es als Anstaltsinsass*innen nicht anders. Der Nibelungen-Mythos werde in dem übergroßen Setting zur Nervenkrankheit und zur Familienangelegenheit verkleinert. "Schwer in den Griff zu kriegen, diese Deutschen im Wahn. Romantische Syndrome, Angststörungen, Aggressionen, Allmachtsfantasien", so Seidler: Alberich trete als "deutsche Geschichte" auf, von Peter Moltzen als Alte-weiße-Männer-Persiflage angelegt. Brünnhilde, die gegen ihr unfreiwilliges Entfammen in Liebe protestiert, werde an die Pritsche gefesselt. "Diebische Freude" macht dem Rezensenten, wie das alles zur Krankhaftigkeit der Gegenwart passe, auch wenn die Inszenierung manchmal zu kabarettistisch den Bezug zum Heute suche.

"Der fünfstündige Abend schwankt zwischen gaga und todkomisch, Grund dafür ist auch das wie immer monumentale Bühnenbild Ersan Montags", gibt Cora Knoblauch auf rbb online (4.6.2021) zu Protokoll. "Auch wenn dem Fünf-Stunden-Text nicht immer leicht zu folgen ist: Das Ensemble mit seinem Spiel trägt den sitzmüden Zuschauer mit Leichtigkeit durch den Abend."

Die Musik entwickle eine starke Suggestionskraft, "so entfaltet sie in den Ouvertüren eine eigene, von Wagner völlig unabhängige Dramatik und wirkt in den Szenen als beunruhigender Klangteppich", schreibt Katja Kollmann von der taz (7.6.2021). "Köcks Text wiederum wechselt erfrischend die Ebenen. Inhaltlich wie sprachlich. Köcks Sprache ist oft witzig, aber auch aggressiv." Die Inszenierung sei enorm vielschichtig.

"Tagespolitische Ideologie" erkennt Irene Bazinger von der FAZ (7.6.2021) in Thomas Köcks Text. Sein "gedankenarm verkrampftes Stück" gelange nicht über eine "naseweis aktualisierte, mit englischen Floskeln aufgetakelte Nacherzählung von Wagners Musikdramen" hinaus – "und blockiert sogar die ansonsten überbordende szenische Fantasie des Regisseurs Ersan Mondtag".

Mit seiner einfachen Rechnung "Mythos gleich böse" reduziere der Text bereitwillig Komplexität, "um Platz für allerlei politische Aussagen und Anklagen unterzubringen: gegen den Verfassungsschutz, alte weiße Götter, das europäische Grenzregime und überhaupt gegen das ganze 'scheißsystem'", so Michael Wolf im Neuen Deutschland (8.6.2021). "Mit Ersan Mondtag wird Köcks Stück von einem Regisseur inszeniert, der bislang nicht gerade mit Textkompetenz auf sich aufmerksam gemacht hat. Ihm sind große Bilder und prägnante Auftritte mehr wert, was auch zum einen oder anderen Missverständnis führt." Für die Schauspielerführung sei offenbar nicht viel Probenzeit übrig gewesen. Das Ensemble taumele durch die ohnehin verworrene Handlung.

"Bei Mondtag kreist das Theater effektbegeistert um sich selbst – Effekt im Sinne von Karl Kraus, also als Wirkung ohne Ursache", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (10.6.2021) über die beiden Juni-Premieren von Ersan Mondtag (hier der Gorki-Abend). Viereinhalb "zähen Stunden" wohnte der Kritiker im BE bei. "Der Text stammt von Thomas Köck und ist sprachlich nicht ungeschickt, gedanklich aber dünner als ein Blatt Papier und aufgeblasener als der Giftzwerg Alberich: Köck beweist, dass man auch in Jamben plappern kann." Regisseur Ersan Mondtag wiederum "versteht sich auch in seinen konfuseren Inszenierungen auf die Kunst der Atmosphäre, die bekiffte Twilightzone des Albtraums". Beide Inszenierungen aber bewiesen "neben ihrer offensiven Selbstverliebtheit das Komplettdesinteresse am Rest der Gesellschaft, der Außenwelt jenseits des Bühnenausgang".

 
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