Die Wunde aufstechen, bis sie blubbert

Interview mit Claudia Bauer, Lucia Bihler, Pınar Karabulut, Theresa Thomasberger und Josephine Witt

15. Juli 2021. Im März trat Klaus Dörr als Intendant der Berliner Volksbühne zurück, nachdem mehrere Mitarbeiterinnen Belästigungsvowürfe gegen ihn erhoben hatten. Bald machte das Wort Femwashing die Runde. Der Begriff, bislang vor allem aus der Wirtschaft bekannt, bezeichnet die Strategie, ein pro-feministisches Image zu etablieren, während sich an den Strukturen im Hintergrund wenig ändert. Auch Dörr hatte sich um ein fortschrittliches Außenbild des Hauses bemüht und dezidiert Frauen für die Regie engagiert. Alles nur Fassade? Wie bewerten die Volksbühnen-Regisseurinnen den Skandal? Hat er ihr Selbstverständnis verändert? Simone Kaempf und Jorinde Minna Markert haben mit fünf von ihnen gesprochen.

Claudia Bauer, Lucia Bihler, Pınar Karabulut, Theresa Thomasberger und Josephine Witt: als die Vorwürfe gegen Klaus Dörr öffentlich wurden, hat das die Theaterszene sehr beschäftigt und aufgewühlt. Betrachtet man die eigene Funktion jetzt anders? Gibt es ein vor der Volksbühnenkrise / nach der Volksbühnenkrise?

Claudia Bauer: Meine Erweckung in Bezug auf Geschlechterungerechtigkeit am Theater fand wesentlich früher statt, und die Veröffentlichung der Vorfälle an der Volksbühne hat bei mir nur marginal etwas ausgelöst. Auch habe ich persönlich dort weder derartige Erfahrungen gemacht noch beobachtet. Was nicht heißt, dass ich nicht absolut anerkenne, dass sie stattgefunden haben. Deswegen ist das Ganze für mich vielleicht nur die Spitze des Eisbergs.

Pınar Karabulut: Ich habe in meiner Produktion nichts erlebt, Gott sei Dank, und deswegen kann ich zu den konkreten Vorfällen auch nichts sagen. Vielleicht waren wir als externe Künstlerinnen geschützter. In dem Sinn hat sich auch für mich nichts geändert, aber seit es MeToo ans Theater geschafft hat, wird mehr darüber gesprochen.

Bihler Meike KennLucia Bihler, Jahrgang 1988, gehörte in den vergangenen beiden Jahren als Hausregisseurin zum Leitungsteam der Volksbühne, inszenierte aber auch am Volkstheater München, am Burgtheater Wien und am Schauspiel Köln. 
© Meike Kenn
Lucia Bihler: Für mich hat sich in der Selbstwahrnehmung auch nicht viel verändert, wir arbeiten leider in einem patriarchalen System. Ich habe in den zwei Jahren an der Volksbühne gemerkt, dass keine wirksamen Mechanismen geschaffen wurden und beispielsweise nicht in Fortbildungen investiert wurde, um Räume zu kreieren, in denen Dinge leicht ansprechbar sind. Von daher war ich erleichtert, dass wir zunehmend an den Punkt kommen, an dem nicht mehr alles unter den Teppich gekehrt werden kann. Ich war von Anfang an mit Machtstrukturen konfrontiert, die zu sehr angstbehafteten Räumen führten, in denen eine freie Kommunikation für viele Kolleg:innen nicht möglich war. Während der ganzen Volksbühnenzeit ging es oft darum, sich als Kolleg:innen zu unterstützen, auch in Sitzungen und Besprechungen. Dazu hatte ich im Rahmen meiner Leitungstätigkeit ein paar mehr Gelegenheiten – und dennoch viel zu wenige. Es dauert auch seine Zeit bis das Ausmaß an Vorfällen in Erscheinung tritt und nochmal länger bis sich wirklich Widerstand bildet, der Konsequenzen hat.

Claudia Bauer: Die zwölf Frauen, die sich an Themis gewandt haben, waren vornehmlich keine Schauspieler:innen. Die Räumlichkeiten und Kontexte waren andere als die, in denen wir uns als Regisseurinnen zumeist bewegen. Ich war völlig überrascht. Es hatte sich nichts angekündigt, absolut nichts. Ich möchte auch noch hinzufügen: Wie das gelaufen ist, wie das an die Presse gelangt ist – das sollte man sehr genau beobachten. Das war nicht im Sinne von Themis und nicht im Sinne der Betroffenen.

Wenn man das erste Mal bewusst Geschlechterungerechtigkeit im Theater wahrnimmt, ändert sich dann das Selbstverständnis?

Claudia Bauer: Ich habe mit Anfang, Mitte dreißig durch viele kleine Ereignisse bemerkt, dass ich im Theater als Frau wahrgenommen werde und dass das für mich nicht unbedingt von Vorteil ist – ich habe mich als Regisseurin immer vor allem als Mensch gesehen. Bis dahin hatte ich gedacht, wir sind doch alles Künstler, wir sind doch so kritisch, so bewusst.

Pınar Karabulut: Ich kann total zustimmen. Sexismus erlebe ich mehr oder minder täglich auf der Straße und auch im Beruf. Bei mir kommt ja noch ein sogenannter Migrationshintergrund dazu. Das Erste, was ich immer mache, ist, wenn Intendant:innen mir ein Angebot machen, dass ich sie bitte zu beschreiben, warum sie wollen, dass ich mit meiner Arbeit bei ihnen auftauche. Das heißt, es muss immer um die Kunst gehen. Wir müssen als Frauen aufpassen, dass wir nicht auf unser Geschlecht reduziert werden. Bei Männern passiert das nicht. Ein Mann würde niemals denken, oh, ich hab jetzt den Job gekriegt, weil ich ein Mann bin. Als Frau will ich das auch nicht denken und wehre mich dagegen.

Theresa Thomasberger und Josephine Witt, Sie haben in einem Interview mit der taz gesagt, dass Sie die Volksbühne unter Klaus Dörr als einen unangenehmen Ort wahrgenommen haben. Auf welche Arbeitsatmosphäre sind Sie gestoßen?

Theresa Thomasberger: Es fehlte an Interesse an unserer künstlerischen Arbeit. Wir wurden nicht als künstlerische Positionen wahrgenommen, sondern als Identitäten, wir sind eben ein weiblich gelesenes diverses Kollektiv. In den Leitungs-Runden, in denen wir dann aufgefordert wurden, unsere Konzepte vorzustellen, wurden wir im Vortrag unterbrochen und durften nicht ausreden. Wir sind als Regie-Studierende natürlich an einem anderen Punkt in unserem Leben als ihr anderen. Wir haben unsere Verträge und Produktionsbedingungen nicht selber verhandelt. Wir waren die Kooperationspartnerinnen der Ernst Busch und Volksbühne und sollten uns mit dem zufrieden geben, was für uns übrigblieb. Das war schwierig, weil wir auch Verantwortung für unsere Mitarbeiterinnen und unsere Teams hatten und versucht haben, Bedingungen zu schaffen, in denen sie gut arbeiten können.

Josephine Witt: Es dämmerte uns, dass wir als als junges Regie-Kollektiv engagiert wurden, um die Auslage ein bisschen bunter zu gestalten. Das geht Hand in Hand damit, junge Künstlerinnen oder Bipoc-Künstlerinnen aus Imagegründen an Häuser zu holen und viel schlechter zu bezahlen als etablierte Regisseur:innen.

hfs Ultras 560Josephine Witt (links), Theresa Thomasberger (Mitte vorne), und Eunsoon Jung, Carolina de Araújo Cesconetto, Lena Katzer und Sarah Claire Wray studieren zusammen an der Ernst Busch. Sie bilden zusammen den ersten Regie-Jahrgang der Berliner Hochschule für Schauspielkunst, der nur aus weiblich gelesenen Personen besteht. Als "hfs Ultras" treten sie als Kollektiv auf. Der Name verweist auf ein Zitat Frank Castorfs, Frauen würden weniger gut Fußball spielen und beim Regieführen sei es ähnlich. In der Debatte um die Volksbühne unter Klaus Dörr, kritisierten sie, nur aus Image-Gründen für einen Showcase an die Volksbühne engagiert worden zu sein. Dass es Interesse an dem gab, wofür sie stünden, aber nicht an ihrer eigentlichen Arbeit.

Als Kooperationsprojekt der Ernst-Busch und der Volksbühne wurden die einzelnen Arbeiten nicht bezahlt. Aber es hieß auch, dass die Direktion Steine in den Weg gelegt hat. Was bedeutet das konkret?

Josephine Witt: Mittels juicy details nachzutreten bringt uns hier im Gespräch nicht weiter. Nur soviel: Versprechen oder Absprachen, die gemacht worden sind, wurden nach Salamischeiben-Taktik wieder abgebaut. Das sind Strategien, die junge Regisseurinnen andauernd erleben, es wird viel gesagt, und am Ende wird es dann leider viel weniger und ist auch viel komplizierter.

Claudia Bauer: Das ist kein frauenspezifisches Grundproblem, sondern das Grundproblem von Anfänger:innen, vor allem der Regie-Studierenden.

Josephine Witt: Aber gleichzeitig geht es Personen, die nicht als deutsch gelesen werden auch nochmal anders. Oder beispielsweise Menschen mit Behinderung, die inszenieren wollen. Ich finde schon, dass man das intersektional zusammendenken muss.

Theresa Thomasberger: Es gibt inzwischen ja einige Studien dazu, in welchen Positionen welche Gender arbeiten. Das Phänomen der Regie-Assistentinnen ist gegendert, sie leisten zeitintensive Arbeit und sind innerhalb des Systems ausgesetzter.

Claudia Bauer: Ich glaube, dass das eigentlich eine viel größere Diskussion ist: Wie geht man mit Hospitant:innen um, wie geht man mit Assistent:innen um? Am Anfang gibt es ja immer wenig Geld. Klar. Aber wie man mit jungen Leuten am Theater umgeht, um sie nicht nur auszubeuten, das ist eine größere Frage, die man von der Geschlechter-Diskussion abtrennen sollte.

Josephine Witt: Wir sind ja nicht die einzigen, die mit dem Feminismusbegriff um uns geworfen haben an der Volksbühne. Sondern es kam ja auch von der Leitung selber, was die Theaterwelt auch ins Schmunzeln gebracht hat. Klaus Dörr hat Feminismus zu einem seiner Steckenpferde dieser Spielzeit gemacht hat. Der Ball kam quasi von ihm.

Vor dem Hintergrund wurde im März der Vorwurf des Femwashing laut. Die Aktivist:innen von "Staub zu Glitzer" waren die Ersten, die das ausgesprochen haben …

Theresa Thomasberger: Ich weiß auch nicht, ob da der Begriff Femwashing wirklich greift. Aber man kann darunter subsumieren, dass mehr nach Identität gecastet wird und nach Image anstatt nach künstlerischer Position.

Claudia Bauer: Ich würde mich auch gegen den Begriff wehren.

Claudia Bauer 280Claudia Bauer, Jahrgang 1966, leitete von 1999 bis 2004 das Theaterhaus Jena. Sie arbeitet als freie Regisseurin und seit sechs Jahren als Hausregisseurin am Schauspiel Leipzig. Ihre Arbeiten waren bisher dreimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Pınar Karabulut: Ich tue mich auch schwer, mich nervt das. Seit 34 Jahren lebe ich in diesem Land, seit 34 Jahren muss ich argumentieren, dass ich Teil dieser Bevölkerung bin. Irgendwann muss man diese Entscheidung treffen, sich das nicht mehr zu fragen. Ich frage mich nicht, wenn ich nächste Spielzeit "Richard III." inszeniere, ob ich diesen Platz bekommen habe, weil ich eine Frau bin oder nicht. Es mag sein, dass Intendanten das benutzen. Aber ich sehe mich nicht in diesem Kontext.

Claudia Bauer, warum wehren Sie sich gegen den Begriff Femwashing?

Claudia Bauer: Weil es eigentlich egal ist, warum man engagiert wird. Natürlich überlegen sich die Theater verschiedenste Gründe, warum sie eine:n bestimmten: Regisseur:in engagieren. Natürlich entwirft ein Haus auch sein Image. Ich finde das überhaupt nicht schlimm. Wichtig ist, dass die Personen, die engagiert werden, ob jung, alt, Frau, Mann, divers, eine reelle Chance bekommen, wirklich zu arbeiten, sich künstlerisch zu artikulieren.

Femwashing bedeutet, dass aus Imagegründen eine Kulisse aufgebaut wird, aber hinter den Kulissen ändert sich an den Strukturen nichts. Hat der Begriff nicht doch seine Berechtigung und Gültigkeit?

Pınar Karabulut: Aber der Begriff ist unfassbar anti-feministisch, weil das ist das, was Männer machen. Männer schieben mich in eine Schublade. Männer kategorisieren mich. Ich als Frau will so nicht über andere Frauen* denken.

Josephine Witt: Ganz genau, und ich schärfe das jetzt noch einmal: darunter ist affirmativ gemeint, dass man in ein Kunst-feindliches Gewässer geschubst wird, einfach nur aufgrund seiner Identität. Die mag weiblich gelesen sein, kann aber auch eine BIPoC sein. Es wird nicht künstlerisch ausgewählt, sondern nur nach einem Prinzip, die Oberfläche zu diversifizieren.

Lucia Bihler:  Wichtig ist für mich, mich immer wieder zu fragen: wie sind eigentlich die Strukturen, in denen ich arbeite? So verstehe ich das auch von Josephine und Theresa. Es ist erst einmal die Aufforderung zu gucken, inwieweit Gleichstellung und Diversität umgesetzt werden an einem Haus.

PinarKarabulut 560 c Julia Sang NguyenPınar Karabulut, Jahrgang 1988, inszenierte erstmals im Mai 2019 an der Berliner Volksbühne und beschäftigt sich in ihren Arbeiten schon länger damit, Texten einen feministischen Zugang zu geben © Julia Sang NguyenTheresa Thomasberger: Es ist natürlich viel einfacher, aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus, wie Josi es eben schon sagte, die Oberflächen zu diversifizieren, anstatt die Tiefenstruktur von einem komplexen, wild und patriarchal gewachsenen Gebilde tatsächlich zu hinterfragen und anzugreifen. Der ganze Macht-kritische Diskurs, der in den letzten Monaten aufgekommen ist, hat das Gott sei Dank gezeigt. Wieso hat denn der Betrieb ein Interesse daran, sich zu restrukturieren? Wenn dafür eben die Macht, wie sie ist, hinterfragt werden müsste?

Pınar Karabulut: Wenn man ehrlich ist, schreibt sich jedes verdammte Haus plötzlich Feminismus vorne drauf. In der Geflüchteten-Krise war es "Leave no-one behind", das sich die Theater draufgeschrieben haben. Das ist Bullshit, natürlich, aber auf der anderen Seite denke ich mir, wenn ich eingeladen werde, um meine Kunst zu machen, dann mache ich sie.

Das Ensemble der Volksbühne hat sich, nachdem die Belästigungsvorwürfe öffentlich wurden, mit den betroffenen Frauen solidarisiert. Es gab eine Erklärung und die Information, dass eine interne Aufarbeitung stattfinde. Hätten Sie sich im Nachgang eine noch klarere Positionierung und mehr Erklärungen des Hauses gewünscht?

Lucia Bihler:  Das Ensemble hat innerhalb von zwei Tagen in einem kollektiven Prozess eine Erklärung abgegeben, das war eine klare Positionierung. Eine der wichtigsten internen Fragen für alle war: wer ist denn die Volksbühne? Für mich war es zum Beispiel wichtig, dass sobald wie möglich eine Mediation, die sich mit genau diesen Themen auskennt, eingeschaltet wird. In so einer Krise braucht es strukturelle Tools, damit kein Schweige-Vakuum entsteht und das Haus intern in Verbindung bleibt.

Warum dauert es oft so so lange, bis Betroffene an die Öffentlichkeit gehen oder Fehltritte publik werden? Claudia Bauer hat ja vorhin auch gesagt, dass es eventuell nur die Spitze eines Eisbergs war.

Pınar Karabulut: Es ist erst mal ein langer Weg, überhaupt zu erkennen, was ein Übergriff ist. Als Assistentin musste ich mir einmal vom Chefdramaturgen anhören, mach dich schon mal Oberkörper-frei. Das war für mich damals normal, heute würde ich anders damit umgehen. Wenn etwas passiert, ist es mit Scham behaftet. Wir werden groß in einer Gesellschaft, in der es heißt: She was asking for it. Wir Frauen sind noch nicht gestärkt genug und lernen gerade erst, uns miteinander auszutauschen.

Claudia Bauer: Die Frage ist, ob die Öffentlichkeit der richtige Ansatzpunkt war. Themis wurde gegründet, um einen geschützten Raum zu erschaffen. In der Öffentlichkeit entstehen Monstren und Chimären, da spiegelt sich oft nicht wieder, was wirklich stattgefunden hat. Hinter der Veröffentlichung steckten auch Racheabsichten, da wurden die Betroffenen einfach zweimal missbraucht, und das kann ich nicht goutieren. Ich hinterfrage Öffentlichkeit als Problemlösungsmaschine.

Josephine Witt: Dass journalistische Arbeit geleistet wird im Hinblick auf Machtmissbrauch, finde ich schon wichtig. Die Öffentlichkeit hat ein Recht, das zu erfahren. Und es war auch die Entscheidung der Betroffenen selber. Zum anderen sollte es eigentlich Usus sein, sich sofort zu solidarisieren – so kenne ich es aus dem angloamerikanischen Raum. Das war für uns überhaupt keine Frage. Das Kleine Einmaleins des Feminismus, Solidarität mit den Betroffenen. Das könnten wir in Deutschland noch mehr praktizieren.

Claudia Bauer: Die Frage ist nicht, ob die Vorfälle an die Öffentlichkeit gelangen, sondern wie.

Pınar Karabulut: Es müsste auch noch mehr journalistische Aufarbeitung stattfinden. Es gab Interviews, die ich eine Woche später gegeben habe, aber nicht mehr gedruckt wurden, weil die Zeitungen fanden: Das Thema ist jetzt durch, da kommt eh Pollesch an die Volksbühne. Explizit bei dem Thema Volksbühne habe ich lange darüber nachgedacht, ob ich überhaupt in dieses Gespräch gehe. Aus einem simplen Grund: Alle in Berlin haben eine Meinung zur Volksbühne, alle wissen, wie es funktioniert. Ich hatte keine Lust, dass schon wieder so ein "Castorf-ist-der-Beste-und-alle-anderen-sind-scheiße-Moment" entsteht. In Berliner Kreisen kam es mir so vor, als ob sich das schnell etwas vermischt.

iphigenie1 560 Katrin Ribbe uAlles, bloß keine Opfertiere sein: Paulina Alpen, Vanessa Loibl, Susanne Wolff in Lucia Bihlers "Iphigenie", die im September 2020 an der Volksbühne Premiere hatte © Katrin Ribbe

Lucia Bihler:  Absolut. Eine für mich wichtige Frage ist, was man für Strukturen schaffen kann, um solche Vorfälle zu verhindern oder wie wir Räume stärken können, in denen die Betroffenen sich trauen, darüber zu sprechen. Deshalb fand ich es auch schlimm, dass Themis angegriffen wurde – die machen so einen guten Job. Ich frage mich auch: Was kann der Senat eigentlich machen, nicht als Konzeptvorschlag, sondern ganz konkret auf Ebene der Umsetzung? Denn in dem Punkt sind wir uns alle einig: dass die Strukturen umgebaut gehören.

Laut Berichterstattung richteten sich die Übergriffe gezielt gegen vulnerable Positionen und Personen im Haus – Assistentinnen, Praktikantinnen – und eben nicht gegen etablierte Künstlerinnen. Wodurch sich möglicherweise auch Intransparenz und unterschiedliche Wahrnehmungen erklären lassen. Was sind denn Ideen für konkrete Strukturen, die es gebraucht hätte?

Lucia Bihler:  Jedes Haus braucht mindestens eine Position für ein:e Diversity-Beauftragte:n. Diesen beauftragten Personen von Außen brauchen eine starke Position innerhalb des Hauses und müssen eng in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Sonja Baltruschat, die Diversity Agentin am Berliner Theater an der Parkaue, ist da ein positives Beispiel, sie macht meiner Beobachtung nach extrem gute Arbeit. Abgesehen davon sehe ich uns alle auch in der Eigenverantwortung, uns weiterzubilden und mit diesen Themen zu beschäftigen – da wären vom Haus organisierte regelmäßige Workshops und Fortbildungen hilfreich.

Claudia Bauer: Man muss strukturell noch viel grundsätzlicher ansetzen. Ich glaube nicht an diese einsame Macht des einsamen Intendanten oder der Intendantin. Beigestellte Beauftragte, die für bestimmte Problemstellungen hinzugeholt werden, kommen ja oft erst zum Zug, wenn schon etwas passiert ist. Die Strukturen im Theater müssen einfach wesentlich unhierarchischer gestaltet werden. Erst innerhalb eines Machtgefälles wird Belästigung so existenziell.

Pınar Karabulut: Viele Häuser verändern ja gerade aus kosmetischen Gründen ihre Leitungsbesetzung und behalten trotzdem den einen übergestellten Verantwortlichen als Ansprechperson für den Senat, auch weil das für die Politiker:innen einfach schicker ist. Auch die Politik muss sich da flexibler aufstellen.

Claudia Bauer, Sie arbeiten schon viele Jahre an Stadt- und Staatstheatern. Hat sich dabei im Laufe der Zeit neben einer künstlerischen Form auch eine strukturelle gefunden? Bestimmte Arbeitsweisen, wie man zum Beispiel als Gastregisseurin ein Team findet, ein Team mitnimmt?

Claudia Bauer: Je älter ich werde, desto länger wird die Gebrauchsanleitung für meine Arbeit und mich als inszenierende Person. Weil mir klar ist, dass eine neue Generation nachwächst, die ganz andere Begrifflichkeiten und Ansichten hat. Ich glaube wirklich, dass wir einen neuen Codex schreiben müssen, wie wir miteinander auf der Probe frei sein können.

Metamorphosen 3 560 JulianRoeder uVerwandlungsspiele in Claudia Bauers Inszenierung der "Metamorphosen" Februar 2020: die Jagd der Götter auf Frauen und Nymphen, die sich nur mit einer Verwandlung in Pflanzen oder Tiere retten können. © Julian Röder Deshalb versuche ich direkt zu Beginn, einen Moment zu finden, um eine Atmosphäre der gegenseitigen Offenheit zu schaffen, die Karten auf den Tisch zu legen. Weil ich auf der Probe dann letzlich frei sein will – ich will auf der Probe auch mal rumschreien können. Dürfen übrigens alle anderen auch. Es geht mir um einen leidenschaftlichen Probenprozess, und da passieren einfach Dinge, über die man nicht in jedem Moment reflektieren kann. Jeder soll auch jederzeit "Stop, so nicht!" rufen dürfen. Und dann muss genau in diesem Moment gemeinsam eine Lösung gefunden werden. Das sind erfahrungsgemäß die interessantesten Punkte, denn da befindet man sich im Auge des Sturms.

Lucia Bihler: Mir geht es um einen möglichst angstarmen Raum auf der Probe. Alle Beteiligten sollen sich möglichst auf einen guten Umgangston verlassen können, das macht die Proben nicht weniger spannend und inspirierend. Ich finde gut, eine gemeinsame Vereinbarung zu treffen. Wenn die dann stattfindet, gibt es Raum für Freiheit im Spiel und auf der Probe. Es gibt ja immer Vereinbarungen, nur sind sie implizit. In dem Moment, in dem sie explizit gemacht werden, werden sie benenn- und dadurch veränderbar. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: womit ich positive Erfahrungen gemacht habe ist, eine Prozessbegleiterin dazu zu holen, die Nachgespräche extern moderiert.

Pınar Karabulut: Man sieht es Arbeiten auch an, ob die Spieler:innen während der Probe einen freien Kopf hatten. Meine Arbeiten würden sonst auch nicht funktionieren. Was ich parallel zu den Proben in sechs Wochen aber auch mache, ist sozusagen Guerilla-Untergrundkämpfer:innen auszubilden zu einer Art von Awareness, die sie hoffentlich in andere Produktionen weitertragen.

Josephine Witt und Theresa Thomasberger, die hfs Ultras wollen als Kollektiv auch ein Korrektiv füreinander sein. Bezieht sich das neben künstlerischen Inhalten auch auf strukturelle – beispielsweise die eigenen Umgangsweisen als Regieführende auf der Probe?

Theresa Thomasberger: Ja, wir sind füreinander das beste Korrektiv und profitieren extrem von unseren unterschiedlichen Hintergründen, Ansichten und Erfahrungen und dem Raum, den wir einander geben zu sechst und in erweiterten Gruppen. Weil wir in den Momenten, wo ein Gedankengang noch nicht vollzogen oder eine Erfahrung nicht gemacht ist, einander mitnehmen können. Kollektiv und Kollektivität als Kampfstrategie gegen die Vereinzelung und den Individualismus inner- und außerhalb dieses Betriebs, ist eine politische Agenda, hinter der wir zu hundert Prozent stehen.

Josephine Witt: Und nach wie vor sollten sich die Kernfragen des Theaters um die künstlerischen Inhalte drehen, und dabei sämtlichen Gewerken und Angestellten den Raum geben, sich einzubringen und mitzugestalten, also den Kollektivgedanken auch im Hinblick auf seine Korrekiv-Funktion auf alle Bereiche auszuweiten. Das wäre meine Traumvorstellung von einem Theater, weg von diesen entfremdeten, ausführenden Berufen. Und ich denke auch, dass es dabei hilfreich sein kann, so wenige Ebenen, im Sinne von Etagen, wie möglich zu etablieren und inhaltlich schwerpunktmäßig in Teams zu rotieren.

Welche künstlerische Zukunftsvision lässt sich denn aus all dem spinnen – für Geschlechtlichkeit auf der Bühne, Markierungen oder andere Zugänge?

Die Hand ist ein einsamer Jaeger Vincenzo Laera 2019 uAndere Geschlechterbilder: Karabuluts Inszenierung von "Die Hand ist ein einsamer Jäger" im Mai 2019 © Vincenzo LaeraPinar Karabulut: In meinen Arbeiten gibt es oft eine starke Ausstattung und eine Form, Männlichkeit und Weiblichkeit anders zu lesen. Und sei es Weiblichkeit in einer überweiblichen Form oder Männlichkeit in einer non-binären Form. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass sich durch die MeToo-Bewegung meine Theaterarbeit verändert hat. Vor MeToo war es mir schon wichtig, Texten einen feministischen Zugang zu geben, Frauen in den Mittelpunkt zu stellen und mehr Raum zu geben.

Claudia Bauer: Geschlecht auf der Bühne ist Behauptung. Das praktiziere ich seit langem. Ich kann auf der Bühne alles sein. Das ist der Grund, warum ich überhaupt angefangen habe, Theater zu machen. Und deshalb verteidige ich das Theater als Spielplatz. Ich muss dabei immer an Jonathan Meese denken, der sagt, dass wir im künstlerischen Prozess wie Tierbabys sind. Und Tierbabys machen Fehler – die verbrennen sich die Pfoten und denen wird verziehen, wenn sie auf den Teppich kacken. Und ich finde, das muss auf der Probe möglich sein – auf den Teppich zu kacken. Wir müssen uns das auf der Probe verzeihen können, wenn wir Dinge sagen oder tun, mit denen wir uns eventuell verletzen könnten. Ausserhalb der Probe sieht die Sache anders aus.

Josephine Witt: Auf der Bühne alles sein können – das ist ja ein schöner Anspruch. Aber historisch kann doch nur eine Position unmarkiert vor diesem schwarzen Hintergrund alles sein – und das ist der männlich gelesene Weiße. Ich finde es immer wahnsinnig berührend – und das ist auch ein künstlerischer Anspruch – wenn es auf einer Bühne passiert, dass Menschen, die qua ihrer Leiblichkeit zunächst markiert sind, diese Markierung nach und nach verlieren.

Theresa Thomasberger: Für mich bedeutet Auseinandersetzung mit dem Patriarchat Vollkontakt. Mein eigenes Bedürfnis ist, an diese Wunde ranzugehen und sie aufzustechen, bis sie blubbert. Aber innerhalb unseres Kollektivs waren wir auch schon oft an dem Punkt, das nicht mehr zum Thema machen zu wollen, weil es eh alle mitlesen und wir uns mit anderen Dingen beschäftigen wollen, statt auf unsere gelesene Weiblichkeit reduziert zu werden.

Lucia Bihler: Ich sehe das so wie du, Josephine, dass es Arten gibt, wie unterschiedliche Menschen verschieden gelesen werden. Aber wir können halt damit spielen. Wir können Welten bauen, die uns verführen, den normativen Blick hinter uns zu lassen. Das ist es ja auch, was an Theater so Spaß macht.

 

 

 
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