Gegen das ehrsame Blinddarmdasein

von Gerhard Preußer

Bochum, 17. September 2021. Immer wieder Hamsun. Woher kommt das? Lange Zeit war er im Bewusstsein nur als Hitler-Verehrer und Nazi-Kollaborateur. Doch seit ein paar Jahren findet man seine Werke immer wieder auf den deutschen Bühnen: Leipzig, Salzburg, Köln, Berlin. Es sind die frühen Romane ("Hunger" 1890, "Mysterien" 1892, "Segen der Erde" 1920), die interessieren, nicht seine Theaterstücke. Ist es nur Hamsuns späte skandalöse politische Orientierung, die ihm postume Prominenz verschafft? Nein, es sind eher seine provokativ widersprüchlichen, sich ungehemmt auslebenden Figuren, die eine Resonanz in der Gegenwart finden.

Kanariengelber Bürgerschreck

Johan Nagel, die ziemlich autobiographische Zentralfigur der "Mysterien", ist so einer: ein lebender Widerspruch, ein hysterisches Nervenbündel, einer, der seine hochgeschraubte Selbstreflexion anderen aufdrängt, allen Regungen sofort bedingungslos nachgeht, ein "Denker, der nicht gelernt hat zu denken". Dieses undisziplinierte, aber hochgradig erregte Denken, diese rasende Egozentrik bei gleichzeitiger hochempfindlicher Offenheit für Menschen und Welt – das macht diesen kanariengelben Bürgerschreck Nagel zu einem für die Gegenwart interessanten Typus.

mysterien 1 560 c marcel urlaub Ein rasender Egozentriker und sein Objekt der Begierde: Steven Scharf und Anne Rietmeijer in "Mysterien" © Marcel Urlaub

Der Grundriss des Romans ist bekannt aus vielen Dramen von Gerhart Hauptmann bis Harold Pinter: Ein Fremder kommt in eine geschlossene Gemeinschaft und bringt alles durcheinander. Aber dramenfern ist Hamsuns Erzähltechnik: wenige Dialoge, endlose Monologe, Träume und Halluzinationen des Helden, eine ununterscheidbare Mischung von Erzählerbericht und Figurenrede. Johan Simons als Regisseur und seine Bearbeiterin Angela Obst wissen, wie man mit so etwas inszenatorisch umgeht: leere Bühne, wenige Requisiten, Auflockerung der Zuordnungen von Text und Figur, kommentierende, aber nicht abbildende Bewegungsformen für jede Figur.

Eindrucksvoller Eindringling

Nagel kommt also aus dem Publikum auf die Bühne, die nun weit und schwarz gähnt, aber eine norwegische Kleinstadt an der Küste bedeutet. Dort trifft er die schöne Pastorentocher Dagny (Anne Rietmeijer) am Tag ihrer Verlobung mit einem Leutnant zur See. Doch sein vergebliches Werben um sie füllt den ganzen Abend. Kaum hat er sie getroffen, wird es dunkel und man hört Musik (Komposition: Carl Oesterheld): Streicherklänge wie aus Schönbergs "Verklärter Nacht".

Die Mitglieder der Bochumer Symphoniker sieht man in Clownskostümen auf Projektionen auf allen Wänden des Zuschauerraums und der Bühne. Der Clown Nagel im gelben Anzug auf der Bühne gibt den großzügigen Menschenfreund, indem er den verachteten, behinderten Kohlenträger Minute vor den derben Scherzen der Honoratioren der Stadt schützt. Später drängt er einer älteren Frau Geld für einen wertlosen alten Stuhl auf und macht ihr dann einen Heiratsantrag. Alles aus einer Mischung von spontaner Eingebung und raffinierter Intrige. Steven Scharf ist ein eindrucksvoller Eindringling. Er grimassiert, gestikuliert, springt herum, verkörpert den überlegenen Selbstdarsteller, der allen immer einen Satz und eine Gedankenwindung voraus ist.

Mysterien 6 Marcel Urlaub uSieht (nicht) zu, wenn Minute Unrecht geschicht: Nagel (Steven Scharf, mit William Cooper und Guy Clemens, v. li.) © Marcel Urlaub 

Was die Bühnenfassung von Nagels langwieriger Radotage gegen das "Steuerzahler-Dasein", gegen Ibsen, Tolstoi und Gladstone, gegen die Liberalen und die Sozialisten übrig gelassen hat, wird aufgelockert und sequenziert durch Musik- und Tanzeinlagen und kleine Scherze. Wenn Nagel einen Espresso aus einer Tasse schlürft, zeigt er uns vorher, dass sie leer ist: eine typische Theatertasse als Beispiel für die "Kraft der Imagination". Als Antiquitätensammler taxiert er den Liebhaberwert der wackligen 50er-Jahre-Lampen im Zuschauerraum. Der größte Scherz kommt nach der Pause. Nagel hat Dagnys Hund vergiftet, weil der immer so viel bellte, wenn er nachts unter ihrem Fenster stand. Dieser Hund liegt nun als zwei Meter hohe Plastikpuppe auf Nagels Bett. Lustige Effekte gibt es, wenn Nagel nun die Luft aus dieser Riesenviehattrappe herauslässt.

Überlebt bis heute

Bei Hamsun rüttelt der Fremde aber nicht die Gemeinschaft, in die er eindringt, auf, sondern er geht an ihr und an sich zu Grunde. Er bilanziert selbst zwar: "Ich habe meine Aufgabe gut gemacht. Ich habe eine Szene nach der anderen in eurer ehrsames Blinddarmdasein gepflanzt." Aber er muss auch zugestehen: "Es ist schlecht ausgegangen; ich habe die Aufgabe nicht gemeistert. Sie haben gewonnen."

So inszeniert er am Ende ausführlich seinen Selbstmord. Eine Art Glassarg wird hereingeschoben, Nagel entkleidet sich, legt sich in den Schaukasten, trinkt aus dem Gläschen mit Blausäure, das er immer bei sich hat und – stirbt doch nicht, weil der gute Mensch Minute die Füllung gegen Wasser ausgetauscht hat. Guy Clemens als Minute vollführt einen wilden Tanz quer über die Bühne, als das entdeckt wird. Der im Roman dann folgende definitive Selbstmord Nagels – er stürzt sich vom Kai ins Meer – ist in Bochum gestrichen. Zurück bleibt ein Philanthrop aus Berechnung, ein empfindsamer Egomane mit Verfolgungswahn. "Etwas ist hinter mir her, ein Schuppentier." Der Typus Nagel-Hamsun hat überlebt, bis heute.

 

Mysterien
nach Knut Hamsun
übersetzt von Siegried Weibel
Regie: Johan Simons, Bühne, Kostüm: Anja Rabes, Komposition: Carl Oesterhelt, Sounddesign: Will-Jan Pielage, Lichtdesign: Jan Hördemann, Video: Florian Schaumberger, Dramaturgie und Fassung: Angela Obst, Unter Beteiligung von: Musiker*innen der Bochumer Symphoniker, Dirigentin: Magdalena Klein.
Mit: Steven Scharf, Guy Clemens, Anne Rietmeijer, Karin Moog, Jing Xiang, William Cooper, Sachiko Hara.
Premiere am 17. September 2021
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhausbochum.de



Kritikenrundschau

Fasziniert von der Hauptfigur dieses Abends und Steven Scharfs Darbietung schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.9.2021): "Ein Mann wie ein Lachs: kraftvoll, schillernd, glitschig. Immer stromaufwärts unterwegs." Thematisch fokussiere der Abend den "Außenseiter und die Gesellschaft, die keine Abweichung duldet, die den Individualisten fürchtet, mehr aber noch den unerwünschten Erlöser, den sie gnadenlos ans Kreuz ihrer bigotten Konventionen schlägt." Neben Scharf werde Guy Clemens zum "Ereignis des Abends", wenn er etwa im Finale als "Gottesnarr tanzt".

Ein "herausragendes Schauspielertheater" hat Jens Dirksen von der WAZ (20.9.2021) gesehen, in dem die "wundervolle Kammermusik von Carl Oesterhelt" zum Leitmotiv werde. Johan Simons' überzeugend destillierte Romanadaption passe, "wenn auch mit Längen hier und dort", gut auf die Bühne, das Spiel müsse man "mit allen Sinnen spüren".

"Dieser Roman ist das ausschweifende Konstrukt eines geistigen Zustands. Seine Handlung beansprucht mehr Kopf als Welt", schreibt Andreas Wilink für kultur.west (20.9.2021). "Johan Simons räumt mit lässiger Hand die Bühne von Anja Rabes auf, so dass die sechs Darsteller wie Figurinen auf einer De Chirico-Piazza zu stehen scheinen, lässt sie gestische Zeichenrätsel sein, pantomimisch, tänzelnd, neurasthenisch sich gebärden, lässt sie Sprach-Akrobaten sein, die als reale Phantome ihren Text wie eine Partitur oder Kommentare vortragen. Sie sehen aus wie ausgeschnitten für ein künftiges Bilderalbum des Expressionismus. Herb und schroff, zwanghaft getrieben, grausam, glücklos und von bitterer Erkenntnis – so geht es zu bei diesen menschlichen Denk-Maschinen."

Ein "Gesamtkunstwerk" aus Bühnenbild, "großer Schauspielkunst" und Originalmusik hat Max Florian Kühlem für die Ruhr Nachrichten (20.9.2021) in Bochum erlebt. "Sinnstiftung" finde mit Bedacht hier nicht statt, sodass man "dem Geschehen schwer logisch folgen kann". Steven Scharfs Hauptfigur schaffe es, "das Publikum mit seinen endlosen, überspannten, verrückten Monologen gleichzeitig zu nerven und zu faszinieren: Sind wir nicht selbst in einer postmodernen, pandemischen Welt ein stückweit zu solchen verlorenen Existenzen geworden?"

Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (21.9.21) sah eine "goße, schwarz grundierte Komödie mit einigen Anflügen von Peer Gynt und Faust und Godot." Steven Scharfs Performance der charismatischen Figur "Nagel" sei hinreißend und irritierend in ihrer Ungreifbarkeit. "Um den famosen Helden gruppiert Simons einige absurde Typen, die präzise die Reibung schaffen für die immer neuen Schwünge Nagels." "Undurchsichtigkeit und Unberechenbarkeit" verbinde dieser Abend mit "abgründigem Witz und unaufdringlichem existenziellen Pathos". "Man sollte diese eigenwillige Erfahrung nicht verpassen.", rät der Kritiker abschließend.

 

 

 
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