Schwergewichtsschmetterling

11. Dezember 2021. Am Berliner Maxim Gorki Theater legte Anta Helena Recke mit der Adaption des Romans vor, nun ist "1000 Serpentinen Angst" von Olivia Wenzel in Hannover zu sehen. Regisseurin Miriam Ibrahim lässt die Wunden des Textes leuchten.

Von Jan Fischer

11. Dezember 2021. Einer der schönsten Sätze in Olivia Wenzels Roman "1000 Serpentinen Angst" ist: "In New York gehe ich die Fifth Avenue entlang und esse unbefangen eine Banane." Für eine dunkelhäutige Frau aus Ostdeutschland – die Erzählerin - stecken darin gleich drei ungewollte Stereotype, die sie versucht, in dieser Unbefangenheit aufzulösen. Es klappt: "Das war eben ein kleiner Moment, den andere Freiheit nennen", heißt es danach.

Das unnachgiebige Über-Ich

In der Inszenierung des Buches von Miriam Ibrahim in Hannover wird dieser Bananenmoment von Sabrina Ceesay ebenfalls sehr explizit zelebriert. Es ist ein schöner Moment, weil er die Leck-mich-am-Arsch-Attitüde, die den Roman und die Inszenierung als Unterströmung durchziehen, auf den Punkt kondensiert.
Wenzels Roman ist ein Buch, in dem es um Rassismus geht, nicht diesen großen, brutalen, gewalttätigen Rassismus, der mit erhobenem Arm in den Straßen herumbrüllt, sondern den mit den 1000 kleinen Nadelstichen, die Sorte, bei dem immer nur fast irgendetwas Lautes, Großes passiert, der aber doch schmerzt. Das ist das Eine.

Das Andere ist, dass die Erzählerin die Privilegien, die sie als Deutsche hat, gleich mitreflektiert, dass sie, die Unterdrückte, eben auch von der Unterdrückung profitiert, sogar nicht darauf verzichten will: Sie reist durch die Welt, sicher begleitet von ihrem deutschen Pass, zwischen Marokko, New York, Vietnam. Sie ist nicht ganz Opfer, nicht ganz Täterin, aber irgendwie beides, und außerdem hat sie eine Angststörung, ist schwanger und ihr Zwillingsbruder ist, da war sie noch jünger, unvermittelt vor einen Zug gesprungen. Von der Spannung in dieser Figur, die irgendwie alles ist, aber nichts so richtig – siehe: das dreifache Bananenproblem – lebt der Text, in dem die Protagonistin ständig Dialoge mit einer Art unnachgiebig nachbohrendem Über-Ich führt.

Fantasien vom Verkaufsautomaten

Auf die Bühne übersetzt sich das in drei Figuren: Sabrina Ceesay übernimmt hauptsächlich den Part der Protagonistin, Minh Duc Pham hauptsächlich den ihrer unglücklichen Liebe Kim, Nicolas Matthews alles andere: Mal den Bruder, mal einen besten Freund. Aber zwischendrin wird auch gerne mal durchgewechselt, mal chorisch gesprochen, die oft uneindeutige Form der Romanvorlage bietet das an. Dazwischen gibt es eingesprochene Romanpassagen, Erinnerungen und Fantasien über Bahnhöfe und Verkaufsautomaten, vor dem auf einen schrägen Vorhang anprojizierten Hintergrund eines von Abwanderung zerfressenen ostdeutschen Dorfes. Hin und wieder brezeln dann noch Missy Elliott oder System of a Down aufs Publikum nieder, und zwischendrin wird auch gerne mal Klapprad über den weißen, Skate-Park-artigen Weg auf der Bühne gefahren.

1000 serpentinen 2 Isabel Machado Rios Dialoge mit den Ichs: © Isabel Machado Rios 

Wenzels Roman ist vor allem durch seine Figur außergewöhnlich, die sich stereotypen Rollen vehement verweigert und deshalb in der Position ist, über ihre vielen Einflüsse ausgiebig nachzudenken, ohne in einseitigen Aktivismus abzudriften. Er ist auch ungewöhnlich, weil die Sprache sich auch nicht so ganz entscheiden kann: Es gibt Passagen, da ist sie schlicht ein Schlag in die Fresse, es gibt Passagen, da tauchen unvermittelt sensible, fast zerbrechliche Beobachtungen auf. Das Buch zu lesen, fühlt sich an wie ein Boxmatch mit einem Schwergewichtsschmetterling.

Stehen: Publikum und Tränen

Daran ändert die Bühnenfassung – bis auf ein paar Kürzungen und kleinere Umschnitte – wenig. Tatsächlich unterstützt sie das noch: Gerade Ceesay zeigt mal ein steinernes, hartes Gesicht, mal ein fast kaum vorhandenes Lächeln, dann wieder reißt sie sich zu "Chop Suey" die Kleider vom Leib. Die Inszenierung versucht, dem Roman ausreichend Platz zu geben und im Grunde kaum mehr als textunterstützend zu arbeiten, auch wenn die Kürzungen den gesellschaftspolitischen Aspekt des Buches noch etwas stärker herauskehren. Das tut ihr gut: Nicht nur wird einem Nadelstich um Nadelstich um die Ohren gehauen. Am Ende gibt steht das Publikum klatschend auf – und auf der Bühne stehen Rührungstränen in den Augen der Darsteller:innen.

 

1000 Serpentinen Angst
von Olivia Wenzel
Regie: Miriam Ibrahim, Bühne und Kostüme: Nicole Marianna Wytyczak, Video: Amon Ritz, Dramaturgie: Friederike Schubert.
Mit: Sabrina Ceesay, Nicolas Matthews, Minh Duc Pham.
Premiere am 10. Dezember 2021
Dauuer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

Mehr dazu: Zum ersten Mal hat Anta Helena Recke im August 2021 den Stoff für das Berliner MaximGorki Theater adaptiert.

 

Kritikenrundschau

In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (13.12.2021) nimmt Ronald Meyer-Arlt eine Aussage der Regisseurin Miriam Ibrahim aus dem Programmheft zum Anlass, zu spekulieren: "Was würde eine BiPoc-Theaterkritikerin zu diesem Abend sagen?" Vielleicht etwas über "die Längen, den Leerlauf und die Wiederholungen in der Inszenierung"? Oder über das Ende, "wie die Zuschauerinnen und Zuschauer begeistert applaudieren", "wie da ein großes Gefühl von Verständnis Publikum und Ensemble verbindet"? Ja, "vielleicht würde sie das tun". Aber das "würde ein alter, weißer Theaterkritiker wohl auch schreiben", so der Rezensent.

Regisseurin Miriam Ibrahim und Dramaturgin Friederike Schubert hätten Olivia Wenzels Romans "ins Wesentliche destilliert", so Stefan Gohlisch in der Neuen Presse (13.12.2021), der die Inszenierung in ihrer "Verdreifachung" durch "Projektionen und Off-Stimmen" mithin "oft illustrativ" findet. Gleichzeitig entstünden gerade hierdurch die "stärksten Bilder". Dass die meisten Kritiken zu diesem Abend von "bestenfalls mittelalten, weißen Männern" geschrieben würden, sage indes "von Produktion bis Rezeption" viel über das "System Theater" aus.

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Kommentare

Kommentare  
#1 1000 Serpentinen Angst, Hannover: zu TränenBesucherin 2021-12-11 16:52
Ich war gestern bei der Premiere dabei - und mich hat die Inszenierung direkt ins Herz getroffen. Als BPoC, die in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, finden nur selten Erzählungen auf der Bühne statt, die anschlussfähig an mein Leben, meine Erfahrungen, meine Verletzungen ist. Diese Inszenierung war eine der wenigen im letzten Jahr, die mich wirklich berührt haben. Wir standen danach noch zu mehreren draußen und es liefen so einige Tränen.

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