Nichts ist älter als die Uraufführung von gestern Abend

von Moritz Rinke

Berlin, 10. Oktober 2009. Mein Vater ist Goldschmied und sitzt Ewigkeiten hinter seinem Werktisch mitten im Moor und modelliert. Die Fingerkuppen streichen über das blaue Wachs, Formen entstehen, werden oft zusammengedrückt und wieder auf's Neue ausprobiert – und im Licht der Lampe besehen, sieht man sogar im Wachs die Oberfläche seiner Fingerkuppen.

Ich habe oft neben ihm gesessen – als Kind – und zugeschaut, das war so eine Art Trance: immer auf die geduldigen Finger meines Vaters schauen, der das Wachs in Formen streicht. Oft bin ich dabei auch eingeschlafen und hin und wieder durch einen Schrei, einen Fluch aufgewacht. Der Schrei war der Fluch meines Vaters nach dem Guss.

Die verlorene Form

Das modellierte Wachs, die ersonnene Form, wird ja, um es genau zu erklären, in Gips eingebettet und dann in einem Ofen ausgebrannt. Die Wachsform wird auf 800 Grad erhitzt, danach mit der Zentrifugalschleuder aus dem Gips geschleudert und gleichzeitig das flüssige Gold oder Silber in die ausgebrannte Form hineingegossen. Dann wird der Guss ins Wasser geworfen. Es zischt, und bald kann man sehen, ob alles gut ist, oder ob die Form im Ofen platzte, bzw. ob es grauenhafte Poren gibt. Der ganze Vorgang wird in der Goldschmiedekunst als "verlorene Form" bezeichnet, das heißt, wenn der Guss misslungen ist, ist auch die Form weg ist und man kann wieder von vorne anfangen. Deshalb auch manchmal der Fluch meines Vaters und mein abruptes Erwachen.

Im Grunde geht es mir auch mit dem Schreiben für das Theater so. Das Modellieren im Moor am Werktisch mit Lampe, das ist eine sehr friedfertige Phase, aber dann kommt der Guss. Der Guss, der 800 Grad heiße Ofen, die Zentrifugalschleuder – das ist das Theater. Da muss man rein, wenn am Ende Schmuck in Metall, vielleicht sogar in Gold dabei herauskommen soll.

Manchmal hat ein Theaterautor nach dem Ofen und dem Schleudergang das Gefühl der "verlorenen Form". Die Uraufführung, die Veröffentlichung und die letztendliche Bewertung entsprechen gar nicht dem Ergebnis seiner ersten, friedfertigen Phase und nicht das zuerst Geschriebene, sondern das zuletzt Inszenierte und das Gesehene bestimmt das Schicksal seines Stückes.

Nach dem ersten Schleudergang

Wenn mein Vater eine Form verfehlt, dann flucht er zwar, aber er setzt sich wieder hin und modelliert noch einmal. Wieder folgt er seiner Idee, seinem Thema, seiner Form. Aber was macht der Theaterautor nach der "verlorenen Form"? Geht er wieder an den Werktisch und schreibt das verlorene Stück noch einmal? Natürlich nicht, er wartet auf ein weiteres Guss und Schleuderverfahren, und damit sind wir, liebe Theater- und Dramenfreunde, sind wir bei Ihrem heutigen Thema.

Einer meiner häufigsten Gespräche mit Intendanten zwischen 1997 und 2005 lief in etwa so ab:

"Glückwunsch zur Uraufführung! Gutes Stück."

"Oh, danke... "

"Hätten Sie Lust, für uns etwas Neues zu schreiben?"

"Ja, aber wissen Sie, das Stück, das gerade uraufgeführt wurde, das ist eigentlich neu."

"Ja, ja, aber ich meine nun etwas ganz Neues, etwas Aktuelles!"

"Mein Stück ist aktuell, das Thema vor allem, das ist mir gerade ganz wichtig, das ist bei der Uraufführung vielleicht noch nicht so ganz ... "

"Es gibt doch genug Themen! Es wimmelt doch nur so von Themen! Schreiben Sie doch etwas Neues zu einem anderen Thema? Außerdem, das Thema, das ist ja auch nicht so wichtig, nicht überbewerten, das Thema!"

"Schon möglich, aber ich habe gerade meine ganze Energie und meine Sicht auf die Welt eigentlich in das neue Stück gesteckt ..."

"Ah, Sie haben schon ein neues Stück?!"

"Nein, ich meine das alte Stück! Also, ich weiß gar nicht, wie ich die Energie und die ganze Weltsicht und auch Welthaltigkeit momentan wieder neu in etwas anderes ... Könnten Sie nicht erst mal das – alte Stück aufführen, und danach mache ich dann ..."

"Ein altes Stück?! Wir sollen Ihr altes Stück aufführen, wo wir Sie gerade gebeten haben, ein neues zu schreiben?"

"Nein, doch, ja, aber ich habe es ja gerade erst neu geschrieben ... Es ist wirklich neu, höchstens alt-neu, aber nicht alt!"

"Aber es hat ja schon bei der Uraufführung nicht funktioniert, wie man überall lesen konnte."

"Ja, eben, ich dachte, man könnte es jetzt vielleicht auch mal etwas anders ausprobieren? Wissen Sie, mein Vater ist Goldschmied, der modelliert auch manchmal Monate und dann kommt sein Stück in den Ofen, Zentrifugalschleudergussverfahren nennt man das. Manchmal klappt's, manchmal nicht, aber wenn's nicht klappt, schleudert er noch mal, verstehen Sie? Man muss nicht jede schöne Form und jedes Stück verlieren, nur weil es bei ersten Mal verloren gegangen ist. Sie haben doch gesagt, Sie fänden das Stück gut? - Sind Sie noch dran?"

"Ja, ich musste gerade nur etwas mit einem Journalisten klären, der sitzt gerade in meinem Büro."

"Ach so. Also, um es kurz zu machen: Wie wäre es, wenn Sie das – ich sag' jetzt mal – alt-neue Stück noch ein zweites Mal szenisch ausprobierten, das kennt bestimmt kein Mensch bei Ihnen in der Stadt, und in der Zwischenzeit, da schreibe ich ein neu-neues Stück."

"Ein Neu-Neues Stück ist gar nicht nötig, schreiben Sie einfach ein NEUES, das ist mein Angebot, viel kann ich nicht zahlen, aber immerhin. Melden Sie sich doch in der Dramaturgie nächste Woche. Wiederhören."

Genau an diesem Punkt muss ein Theaterautor vermutlich irgendwann entscheiden, ob er so etwas weiter mitmachen will, oder nicht.

Literaturdramatiker, Betriebsdramatiker ...

Theaterautoren sind oft seltsame, traurige, dann wieder träumende, hin und wieder begeisterte Zwitterwesen. Sie leben mit einer Hälfte in der Literatur, wollen auch mit den Maßstäben des Literarischen bewertet werden, aber wenn es gezischt und geschleudert hat nach dem Guss, dann merken sie oft, dass sie ganz anders betrachtet werden und dass sie sich einsam dahinverteidigen, wenn sie sich auf die Zeit vor dem Schleuderguss berufen.

Viele halten das nicht aus, und geben auf. Andere machen weiter. Und vielleicht kann man so unterscheiden: die Literaturdramatiker geben eher auf, und die Betriebsdramatiker machen eher weiter - vielleicht, weil sie mit einem ihrer Zwitterbeine mehr im Theater stecken und wissen, welch Wunder das Theater manchmal bewirken kann. Dass es nicht nur zerstören, nein, dass es auch zaubern kann. Dass es die Buchstaben fliegen und leben lassen kann! - in vollkommen andere Richtungen manchmal als auf dem Papier, und ich selbst habe diese Zaubermomente im Theater erlebt.

Ein Freund, Kollege nannte das den Bern-Effekt. Als Ungarn 1954 gegen Deutschland im Berner Wankdorfstadion spielte – wie sah das auf der Papierform aus, und was ist dabei herausgekommen? Ein Wunder. Wenn der Bern-Effekt eintritt, dann schwebt der Autor dahin wie Helmut Rahn. Oder Nils Holgersson auf der Wildgans ...

... oder Dramasseur?

Natürlich gibt es bei einigen Kollegen Mutmaßungen, wie einem das denn öfters zuteil werden könnte. Selber inszenieren? (Machen ja einige schon munter, da entsteht wohl gerade eine ganz neue Form, so eine Art "Dramaseur".) Oder so schreiben, dass es möglichst wenig Drama ist, und der Regisseur, der vielleicht auch manchmal gern ein Dramasseur wäre, Lust bekommt, das Stück möglichst toll zu machen? (Figurenlose Texteflächen anbieten! Drehbücher! Oder Romane, jetzt gerade Romane!)

Man kann natürlich auch weiterhin neu-neue Stücke schreiben, die wie ein richtiges Drama aussehen und dabei hoffen, dass es Regisseure gibt, deren Lust und Liebe darin liegt, zu verlebendigen, was ja schon schwer genug ist: Figuren aus der Phantasie zum Bühnenleben zu erwecken, Schwächen aufzufangen und Holgersson, Nils in die Luft zu heben. Stärken, Inhalte auszubauen, Bilder für die vorausgegangenen literarischen Erfindungen zu finden.

Die Fingerkuppen des Autors auf dem Wachs

Das muss ja kein Nachplappern sein, im Gegenteil: Die Theaterautoren, die noch keine Dramaseure sind, das sind ja keine Pedanten, die mit Lesebrille auf der Probe den Konjunktiv einfordern, nein, wir merken schon, wenn man uns aus einer anderen Richtung und mit einer eigenen Erfindungsgabe über sieben Umwege die Hand reicht!

Natürlich gibt es auch Theaterstücke, die gut sind, und die genauso inszeniert werden, wie sie geschrieben wurden und alles ist trotzdem total langweilig. Da fehlte dann eindeutig der Schmelz- und Schleudervorgang, die Einverleibung der vorgegebenen Form in etwas Eigenes, Neues, verwandelt Verwandtes, oder, so Gott will, Kongeniales – mit der Ahnung jener einstigen Form, die noch die Fingerkuppen des Autors auf dem Wachs erleben lässt.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr merke ich, dass das Theater entweder das Berner Wankdorfstadion ist, eine Wildgans oder ein Schleuderofen. Und dass wir alten, neu-alten oder neu-neuen Theaterautoren da rein müssen, wie die Wachsmodelle meines Vaters. Und man nie weiss, wie sie nach der Glut, dem Zischen und Schleudern aussehen.

Ob es einen Schrei um die verlorene Form gibt, von dem ich erwache. Oder ob ich auf dem Werktisch meines Vaters weiterträumen kann.

 

Der Text des Dramatikers Moritz Rinke (hier können Sie den Vortrag im Originalton hören: {mmp3}rinke.mp3{/mmp3}) ist für das Symposion Schleudergang Neue Dramatik entstanden, das von den Berliner Festspielen im Kooperation mit dem Theatertreffen und dem Deutschen Bühnenverein vom 9.-11. Oktober 2009 im Haus der Berliner Festspiele veranstaltet wird. Moritz Rinke las seinen Text am 10. Oktober 2009 als Impulsreferat zur Situation der zeitgenössischen Dramatik. Rinke, 1968 in Worpswede geboren, studierte an der Universität Giessen bei Andrzej Wirth Angewandte Theaterwissenschaften. Sein erstes Stück Der graue Engel wurde 1996 am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt. Die letzte Uraufführung eines Moritz-Rinke-Stücks fand 2005 am Schauspielhaus Düsseldorf statt, wo Burkhard C. Kosminski Café Umberto inszenierte. Schon im Mai 2009 hatte Rinke bei einem Expertentisch des Theatertreffen-Stückemarktes ein Plädoyer fürs Dramenlesen gehalten.

www.berlinerfestspiele.de

www.buehnenverein.de


 

Kommentare

Kommentare  
#1 Moritz Rinke beim Schleudergang: schon wieder der VaterLuzie Englisch 2009-10-11 00:28
Schon wieder der Vater! Haben diese Schriftsteller denn keine Mütter gehabt? Aber im Gegensatz zu Kehlmann, geht es hier wohl um des Seniors und des Juniors Marginalisierung.
#2 Moritz Rinke beim Schleudergang: ein seltsamer Betriebautorin 2009-10-11 01:11
hier gehts doch nicht um marginalisierung sondern um ein einfaches und schönes bild. ich finde das ganz richtig, was rinke hier schreibt. und ich mag auch, dass es keinen wirklichen ausweg gibt. denn so empfinde ich mich auch in diesem betrieb. mal drinnen, mal draußen, mal traurig, mal euphorisch, mal verzweifelt, mal voller neuer ideen. ich empfehle nur den abstand. ich empfehle allen autoren nicht zu dicht am theater dran zu sein. ich meine nicht textlich, sondern persönlich, denn das ist ein seltsamer betrieb und ich kenne kaum kollegen, die es dort wirklich lang aushalten. ich kenne auch solche, aber wie gesagt für mich ist das nicht praktizierbar. ich gehe gern hin, ich schreibe gern dafür, aber das theater ist nicht mein einziger kunstraum und dann bin ich mir sicher, gibt es eben immer beides: die positiven und die negativen momente.
#3 Moritz Rinke beim Schleudergang: EmpfindungenLuzie Englisch 2009-10-11 01:56
Schön, daß du uns über deine Empfindungen Auskunft gibst. Du solltest Beziehungsratgeber verfassen. Oder vielleicht hast du einfach auch nur zuviele gelesen.
#4 Moritz Rinke beim Schleudergang: dabeikunststopferintochter 2009-10-11 04:04
oh gott. zum glück bin ich nicht dabei gewesen.
#5 Moritz Rinke beim Schleudergang: eine Tragödie sogarrigoberta 2009-10-11 14:08
luzie, liebe, was zickst du hier so herum? das ist ein text von geradezu tragischer schönheit. auch, weil er seine tragik in diesen bieder-biedermeierlichen zwischentönen versteckt.

ja, die väter, deren schreie die söhne wecken, weil sie es nicht wagen, von ihren eigenen schreien zu erwachen. zum beispiel weil sie einmal als die kronprinzen des deutschen dramas gehandelt wurden, aber dann wie prinz charles in den startlöchern irgendwie vermodert sind. an irgendwelchen telefonleitungen, an deren anderem ende irgendwelche intendantenärsche hingen, versteinerten. verzweifelten an leuten, die keinen sinn für die zarte poesie ihrer stücke hatten, und sie sich dann eine etwas gröbere welthaltigkeit verordneten, woran die poesie zu grunde ging. ich meine, daß moritz rinkes eigenes dramatikerschicksal, daß er hier so heldenhaft spaßig zwischen den zeilen zum besten gegeben hat, (weil ja alle, die ihn einst liebten und dann verrieten, im saal anwesend waren (darunter ja auch er selbst) und er aber immer noch weiter geliebt werden will) - daß also dieses schicksal ein schlimmes schicksal ist, ein büchnerverhinderndes sozusagen. weil ja nicht alle der weltliteratur den gefallen tun können, früh zu versterben. weil sie leben wollen und dann auch essen müssen. und dann, weil sie immer flach und flacher werden, sich selber gewalt antun und schrumpfen, damit sie, die einst riesen waren, doch eines tages noch auf augenhöhe mit dem markt ankommen, wo die fleischtöpfe stehen. das ist doch etwas, worüber man weinen kann, wenn man rinkes eigenem launigen vortrag hier zuhört. aber wahrscheinlich hat das keiner von den eitlen schwadroneuren gemerkt, die ja in berlin eigentlich bloß sich selber und ihre deutungshoheit feiern, meinnungsmonopol inklusive. ja, ein drama, eine tragödie sogar.
#6 Moritz Rinke beim Schleudergang: viel Bekanntesautorin 2009-10-11 14:41
danke rigoberta, ich weiß auch nicht, warum sich viele hier immer für was besseres halten in diesem forum anstatt über inhalte zu diskutieren, vielleicht sieht luzie ja alles anders und sagt, nee so ist der betrieb gar nicht und das, was rinke beschreibt würde mir nie passieren. ich finds gut beschrieben, weil viel bekanntes vorkommt aber er die schuld nicht wirklich irgendwem unterschiebt.

p.s.: ich habe weder beziehungsratgeber geschrieben noch habe ich es vor, hab auch noch keine gelesen, aber ich hab auch nichts gegen leute, die beziehungsratgeber schreiben oder lesen. scheint es ja zu geben.
#7 Moritz Rinke beim Schleudergang: Nils Holgersson?Jeanne dArc 2009-10-11 19:50
War Moritz Rinke nicht mal bei Schröder eingeladen? Er wird das sicher nicht gern hören, weil er ja angeblich immer schon grün gewählt hat. Was ich damit sagen will: Es geht hier um die Anbiederung eines Theaterautors an das politische System. Für mich persönlich ist das Kriterium für die Ehrlichkeit eines Autors aber, dass er sich aus dem Politikzirkus heraushält. Denn, Form hin oder her, letztlich geht es um die INHALTE. Sind die gut, ist das quasi wie eine Steilvorlage für den Regisseur, und der muss dann nur noch das Tor reinmachen, wo wir schon mal beim Fussball sind. Und warum Rinke hier plötzlich von Nils Holgersson fantasiert, das wird mir nun überhaupt nicht mehr klar. Träum weiter vom Fliegen, mein Sohn. Mich dagegen interessiert vielmehr die (selbstironische) Auseinandersetzung mit dem politisch-ökonomischen Kontext, in welchem ich lebe(n muss).
#8 Moritz Rinke beim Schleudergang: die Form ist das Neueautorin 2009-10-11 20:45
ich finde ironie ist doch echt was aus den neunzigern. (so und das ist jetzt nur meine meinung, ich will dich nicht angreifen jeanne) ob jemand zu politikern geht oder nicht. warum kann jemand nicht grün wählen und trotzdem auch mal schröder besuchen. wär ja noch schöner, wenn man jetzt so kategorisch sachen nicht mehr darf nur weil irgendwer sagt schröder ist n arsch etc. es haben sich doch schon immer alle mit politikern getroffen. max frisch hat sich z.b. mal mit helmut schmidt getroffen, grad als die landshut entführt war, also max frisch und noch einige andere, weil schmidt eben mal mit autoren und anderen künstlern reden wollte. grass hat sich immer zur spd bekannt und sich mit brandt getroffen. und auch einigen anderen, übrigens auch mit schröder. ich finde um inhalte geht es auch, aber die form ist genauso wichtig: sonst könnte rinke doch journalismus betreiben. warum sollte es in der kunst nicht vorrangig um form gehen? ist es nicht so, dass die form das neue ist und eine neue sicht möglich macht? wie ist das bei müller z.b. dem wird wohl keiner absprechen hoch politisch zu sein und gerade der hat doch die inhalte geschichten etc. immer in neue formen gegossen und so etwas sichtbar gemacht, was vorher nicht da war?
was denkt ihr?
#9 Moritz Rinke beim Schleudergang: Künstlerklischeesheinerle 2009-10-11 21:13
die ganze innerlichkeit des rinke-textes ist auch voll neunziger. das war auf einmal total out, wie auch der ganze feuilletonstil, der damit zutun hatte (benjamin henrichs usw). das war direkt unheimlich, wie das in den orkus versank. mit dem ende der ära kohl übrigens. davon hat sich auch rinkes dramatik nicht mehr erholt. er versucht, in café umberto noch mal, das poltische aufzugreifen und quasi zu "verinnerlichen". aber umsonst. dass er sich mit schröder traf: es ist quatsch und unredlich, ihm das vorzuwerfen. ich glaube auch, er wurde eingeladen, weil schröder sich als zeichen des neuen geistes, den er durchs land blasen wollte, mit künstlern treffen wollte. auch der kulturstaatsminister ist ein produkt dieser zeit. warum soll sich ein dichter nicht mit kanzlern treffen? was als fürstenerziehung richtig war, kann doch auch als kanzlererziehung funktionieren. jeanne, sie können ruhig in ihrem biedermeierlichen dachstübchen voller künstlerklischees sitzen bleiben. ich hoffe, sie arbeiten des korrekten stils halber wenigstens bei kerzenlicht..
#10 Moritz Rinke beim Schleudergang: ironisches PathosJeanne dArc 2009-10-12 03:18
@ autorin: Ich würde nicht sagen, dass Ironie allein ein Phänomen der 90er ist. Sie ist ein sprachliches Mittel, welches auf die Grundwidersprüche und Abgründe der menschlichen Existenz verweist. Also nicht lustige Ironie, sondern vielmehr ironisches Pathos, also eine Ironie voll Trauer. Dazu Heiner Müller in einem seiner Interviews:
"Ja, Ironie ist eine historische Kategorie und auch eine politische, daß man sich selbst gegenüber ironisch ist. Man weiß, daß man auch selber in dieser Bewegung, in diesem Prozeß verschwindet. Ich meine Ironie nicht als Draußenstehen, sondern ironisches Pathos entsteht in einem Prozeß, von dem man selbst ein Teil ist. [...] Man ist betroffen und hat trotzdem einen Abstand dazu. Und darum geht es: um die Einheit von Distanz und Betroffensein."
Zudem ging es mir um den Inhalt im Sinne der Formulierung, das heisst Inhalt und Form eines Textes greifen natürlich immer schon ineinander, das sehe ich ähnlich wie Sie.
@ heinerle: Mir ging es nur darum, auf die meines Erachtens notwendige Differenz zwischen dem klassischen Intellektuellen (im Journalismusbereich) bzw. dem Künstler und der Sphäre der Politik hinzuweisen. Vor allem, wenn es dann nur darum geht, sich mit den vermeintlichen "Repräsentanten des deutschen Geistes" zu schmücken. Und übrigens, noch ist mir der Strom nicht abgestellt worden, aber wenn es soweit kommen sollte, dann schreib ich einfach vor den Scheinwerfern eines Autos weiter.

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