Das Grinsen des falschen Hartz-IV-Empfängers

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 6. Oktober 2010. Draußen wird demonstriert. Die Initiative für das unabhängige Zentrum Dortmund (kurz UZDO) schimpft auf das Institut für urbane Krisenintervention (kurz IfuK). Auf dem roten Teppich hat jemand mit Kreide "Gegen Kulturausverkauf" gekritzelt. Und Theaterchef Kay Voges versucht zu schlichten, lädt ein zur Diskussion nach der Veranstaltung, aber erstmal sollen die Zuschauer bitte in Ruhe ins Theater gehen dürfen. Freie Kunst gegen städtisch subventionierte? Ein Aktivisten-Netzwerk, das im August die leerstehende Kronenbrauerei besetzte und sich als kritischen Kommentar zum Programm der Kulturhauptstadt RUHR.2010 versteht, gegen das Stadttheater, das freiwillig einen Pakt mit dem Teufel freie Wirtschaft eingeht?

Glaubt man zumindest. Es ist der Eröffnungsabend zur Projekt- und Forschungsreihe "Stadt ohne Geld" am Schauspiel Dortmund, so viel ist sicher. Das Theater kooperiert mit dem IfuK und den beiden Künstlergruppen kainkollektiv und sputnic, um die Veränderungen der Stadt und die Potenziale eines Theaters im 21. Jahrhundert zu erforschen. Vier Monate lang geht es um Kunst und Ökonomie und eine mögliche Verbindung der beiden Großbegriffe, in Inszenierungen, Streitgesprächen, Stadtspaziergängen und Filmnächten.

Genug geprobt, rein in die Realität

Ausgangspunkt ist die Krise, und die ist sehr real: Viele deutsche Städte und Kommunen stehen am Rande des finanziellen Ruins. In Dortmund wurde nach der Bürgermeisterwahl 2009 ein Haushaltsloch von 138 Millionen Euro bekannt. Das Theater reagiert als Krisenstab. "'Stadt ohne Geld' ist eine Operation am offenen Herzen unserer krisengeschüttelten Gesellschaft", heißt es im Programmheft.

Beim Eröffnungsabend, dem "Economy Death Match", gibt es erste Vorschläge für ein Theaterkonzept in Zeiten knapper Kassen, frei nach dem Motto "genug geprobt, rein in die Realität". Zum Beispiel mitten in die Nordstadt (dem Neukölln Dortmunds), um im Rahmen einer Makrosupervision live die Konflikte der Straße nachzustellen. Oder rein ins Shoppingzentrum, um neue Werbeallianzen einzugehen. Oder für eine Woche auf die Straße zu den Obdachlosen, um Beuys' Theorie "Jeder Mensch ist ein Künstler" neuen Realwert zu verleihen.

Lacher für den Krisen-Intervenierer

Aber eigentlich geht es an diesem Abend um etwas ganz anderes. Nämlich um die Bloßstellung der Worthülse "Kreativwirtschaft". Mit theatralischen Bandagen wird hier gegen postindustrielle Stilisierung gekämpft. Was zu Beginn noch wie ein ernst zu nehmender Protest linker Künstler gegen die feindliche Übernahme des Theaters durch Wirtschaftswissenschaftler wirkt, stellt sich ziemlich bald als wohl durchdachte, aber erkennbar konstruierte Performance heraus. Die Saal-Stürmung der UZDO-Aktivisten läuft viel zu harmlos ab, als dass man ihnen kampfbereiten Protestwillen abnehmen würde. Dem IfuK-Mitarbeiter Hendrik Feldkamp schallen bereits erste Lacher entgegen, als er sich als "Agent for Cultural and Economic Development" vorstellt.

Spätestens als er sein Glaubensbekenntnis "Kreativität - Die neue Kohle des Reviers" offenbart, sind die Lacher zum Gelächter geworden. Diesem Krisenintervenierer nimmt man die Manager-Suggestivität nicht ab. Und der vermeintliche Hartz IV-Empfänger Uwe Schleifer, dem ein eigener Film, eine eigene GmbH und eine eigene Homepage (www.kickstart-invest.de) gewidmet ist, kann sich live auf der Bühne das Grinsen nicht verkneifen.

Durchtriebene Selbstironie

Um das durch und durch inszenierte Projekt hat das Theater ein großes Geheimnis gemacht, hat sich sogar öffentlich – in Interviews und Blogs – von mancher Aussage der IfuK-Mitarbeiter distanziert, um den Schein noch bis ins Detail zu wahren. Auf der Bühne der Illusionsmaschine Theater sind sie dann aber doch durchschaubar. Und das hat auch etwas Sympathisches. Fabian Lettow, als Mitglied der Gruppe kainkollektiv ein Regisseur des Abends, liefert die theoretische Erklärung. In einem kurzen Statement antwortet er auf die Verdächtigung eines Medienvertreters, IfuK sei bloß Fiktion, alles sei bloß Theater, mit der Gegenfrage: "Hat jemand schon mal eine Finanzblase platzen sehen?" Das Verhältnis von Realität und Virtualität sei gar kein oppositionelles.

Nach dieser Realitäts-Fiktions-Verwindung ist dem Projekt eine durchtriebene Selbstironie nicht mehr abzusprechen. Und es ist dann vor allem amüsant, dem Agent for Cultural and Economic Development bei seiner Auslegung eines überzeugten Postmarxismus zuzuhören ("Ideenlosigkeit wird das einzige Kapitalverbrechen sein"). Oder Kunst-Paule (Christoph Jöde) und Wirtschafts-Willi (Sebastian Graf) beim Schlammschlachten zuzusehen, während ein engagierter Chor das Kunstringen zwischen Ideal und Deal rhythmisch versprachlicht.

Eins ist beruhigend: Auf der Theaterbühne entlarvt sich der Fake immer noch selbst. Aber auch eine inszenierte Aktion kann Bewusstsein schaffen, so viel lässt sich zu Beginn der Reihe festhalten. Auch wenn am Ende vielleicht nicht mehr als eine Blase übrig bleiben wird.

 

Stadt ohne Geld – Economy Death Match
Regie: sputnic und kainkollektiv, wissenschaftliche Leitung: Dr. Mareike Soerensen, Projektmanagement: Hendrik Feldkamp, Kostüm: Theresa Mielich, Produktionsleitung: Kristin Naujokat, Mitarbeit Text und Video: Oliver D. Endreß, René Linke, Kamera: Anna Sewerin.

www.theaterdo.de
www.stadtohnegeld.de



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