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Die sanfte Wortgewalt von Willensmenschen

von Rainer Petto

Saarbrücken, 26. März 2011. Das Saarländische Staatstheater hat - wegen seiner Grenzlage dem französischen  Theater besonders verpflichtet - ein Stück herausgebracht, das andere deutsche Bühnen meiden und von dem auf dem Buchmarkt zur Zeit keine deutsche Übersetzung zu haben ist: Pierre Corneilles "Horace". Und wem schon als Pennäler der "Cid" nicht nahe kommen wollte und wer dann mit Lessing und den deutschen Klassikern über die trockene Regelhaftigkeit der französischen Dramatiker des 17. Jahrhunderts die Nase rümpfte – der wird der Aufführung mit großer Sorge entgegen sehen. Zumal dieses Stück, 1640 uraufgeführt, noch strenger die Einheit von Ort, Zeit und Handlung beachtet und es Richelieu gewidmet ist, dem Wächter sowohl über die Einhaltung der Theaterregeln wie auch der Staatsräson.

Zwischen Humanität und Staatsgewalt

Und um die geht es in der Episode aus der Frühgeschichte Roms, als es noch nicht um die Weltherrschaft rang, sondern mit der Stadt Alba um die Vorherrschaft in Mittelitalien. Vor der entscheidenden Schlacht entschließt man sich zu einer schonenderen Lösung. Sechs junge Patrizier (von denen der ökonomische Corneille nur zwei auf die Bühne bringt) sollen sich im Kampf Mann gegen Mann gegenübertreten. Die Wahl fällt jeweils auf drei Brüder, die durch Ehe, Liebe, Freundschaft mit dem anderen Lager eng verbunden sind. Der Konflikt zwischen privatem Gefühl und kollektiver Verpflichtung, zwischen Humanität und Staatsräson, das ist das große Thema dieses Dramas. Wer in diesem Kampf tötet, wird den Schwager und Freund töten, wird der eigenen Schwester, Schwägerin, Freundin Leid zufügen.

Redeschlacht im unwirtlichen Rom

Die Personen begegnen sich in einem kahlen Raum zwischen hohen Wänden, der Boden metallisch und zum Zuschauerraum hin schräg abfallend. Die Ausstattung mehr als spartanisch: zwei Sitzmöbel  und ein Wasserbecken. Oben dreht sich bedrohlich ein Ventilator von den Ausmaßen eines Flugzeugpropellers. An diesem Ort hat die Humanität bereits verloren. Doch wir sehen keinen Kampf, keine Waffen, nicht mal eine Mauerschau hat Corneille uns gegönnt. Die Kunde vom Geschehen dringt immer nur verzögert und bruchstückhaft zu den Figuren auf der Bühne.

Die Schlacht, die hier tobt, ist eine reine Redeschlacht. Während irgendwo da draußen der Kampf der Schwerter ausgefochten wird, sehen wir in einer Projektion auf der Rückwand zwei Käfer, die mit ihren Zangen aufeinander losgehen. Mehr Futter fürs Auge wird nicht geboten. Die Männer als Streetfighter in schwarzer Lederkluft mit Kapuze, in antikisierenden langen Gewändern die Frauen. Dezente Wechsel des Bühnenlichts von grell blendend zu etwas weniger kalt.

Konzentration auf kleine Akzentverschiebungen

Das Team Jutta Burkhardt für Bühnenbild und Kostüme und Daniela Kranz für die Inszenierung hat sich bisher, wiederholt auch in Saarbrücken, erfolgreich an Gegenwartsdramatik abgearbeitet. Dem Klassiker begegnen sie behutsam. Obwohl sie Corneilles Lob der Staatsräson – natürlich - nicht folgen, holen sie nicht zur großen Geste der Dekonstruktion aus. Sie üben nicht den spektakulären Eingriff, zelebrieren keine so genannten Regieeinfälle, sondern arbeiten mit kaum merklichen Akzentverschiebungen, indem sie genau untersuchen, wie Corneilles Text heute zu uns spricht. Aber die Sache ist ja klar: Das Glück des Einzelnen ist für uns höchstes Gut.

Die Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens folgt den Alexandrinern des Originals und dem Paarreim. Der Text ist glanzlos, ohne Sinnlichkeit, kommt ohne Bilder aus. Die Übersetzung ist unpathetisch, schlicht, bisweilen trivial: "Hör auf zu weinen jetzt und liebe mich nicht mehr / Sonst setz ich mit Beleidigungen mich zur Wehr." Die Schauspieler kämpfen heroisch gegen den Anklang an Wilhelm Busch, für den Ernst der Sache, gegen die Monotonie von Vers und Reim, für den je eigenen Ton.

Saskia Petzold als Sabine, die angeheiratete Römerin, zerbeißt sarkastisch den Ideologiegehalt der Sprache. Nina Schopka in der Rolle der gebürtigen Römerin Julie artikuliert rau und lässt einen Hang zum Fanatismus ahnen. Georg Mitterstieler ist tapfer und doch sensibel. Klaus Meininger als der alte Horace denunziert mit leierndem Tonfall und hohlem Klang sein Lob des Staates. Derart eingestimmt, springt uns, wohl gegen Corneilles Intention, der Zynismus im Urteilsspruch des Königs (Marcel Bausch) gleich ins Ohr: Der Schwestermord des jungen Horace sei zwar wider die Natur und gegen alles Recht, jedoch verzeihlich, weil dieser Mann mit seinem Kampf dem Staat so viel Nutzen gebracht habe.

Wesen aus unterschiedlichen Welten

Höhepunkt dieses zweistündigen Theaterabends, der anfangs seine Längen hat, ist die Rückkehr des siegreichen Horace aus der Schlacht. In seinem Siegesrausch trifft er auf seine Schwester Camille, deren Geliebten er getötet hat. Wie zwei Wesen aus verschiedenen Welten treffen ein körperlich ungemein präsenter Pit-Jan Lößer und eine ganz klein und zerbrechlich wirkende Christiane Motter aufeinander. Als Camille sich in Hasstiraden auf Rom ergeht, bringt Horace sie, anders als von Corneille unter dem Diktat der Schicklichkeit vorgesehen, auf offener Bühne um, allerdings während eines Sekunden-Blackouts des Bühnenlichts.

So sehr sich die Regie bis dahin aller aktualisierenden Anspielungen enthalten hat – gegen Ende misstraut sie doch der Assoziationsfähigkeit der Zuschauer und zeigt uns zu dröhnender Musik Fotos berühmter Zeitgenossen aus Politik, Sport und Showbusiness in Siegerpose. Ein Foto fehlt dabei: das der Regisseurin. Heroisch hat sie sich diesem Stück, dieser Sprache gestellt, hat hart und fair gekämpft - und hat doch den Kampf um die Bereicherung des deutschen Bühnenrepertoires nicht gewinnen können.


Horace
von Pierre Corneille
Regie: Daniela Kranz, Bühnenbild und Kostüme: Jutta Burkhardt, Dramaturgie: Holger Schröder.
Mit: Marcel Bausch, Klaus Meininger, Pit-Jan Lößer, Georg Mitterstieler, Benjamin Bieber, Saskia Petzold, Christiane Motter, Nina Schopka, Ron Zimmering.

www.theater-saarbruecken.de

 

Mehr zu Daniela Kranz: wir besprachen zuletzt Der große Blöff/Entfernte Kusinen von Felicia Zeller, das Kranz im Mai 2010 in Saarbrücken inszeniert hat.

 

Kritikenrundschau

"Kranz und Burkhardt beginnen mit einem starken Bild. Wie zum Familienfoto posieren alle zehn Akteure (...) Aus diesem Bild löst sich Sabine, bricht zusammen. Noch oft dürfen sie und Camille so vor Schmerz zu Boden gehen", womit man auch schon bei der Crux wäre, so Silvia Buss in der Saarbrücker Zeitung (28.3.2011). Denn das Stück biete kaum Handlung, gerungen wird nur sprachlich. "Redlich müht sich Kranz, die Figuren aus ihrem Vortrag zu befreien." Mit einer Bilderflut heutiger Heroen soll man am Ende zum Nachdenken gezwungen werden. Fazit: es hätte bessere Stoffe dafür gegeben. 

Grau und Schwarz, die Farben kühler Staatsräson beherrschen alles, es ist die Sprache Corneilles, die Leben in die erstarrte Szenerie bringe, findet Jochen Erdmenger auf SR 3 Saarwelle. "Hier hat sie Raum zum Wirken, Dialoge wie Duelle - jedes Wort präzise, messerscharf." Sie erzählen vom Für und Wider von Leidenschaft und Vernunft, sie offenbaren die Blindheit eines übersteigerten Ehrbegriffs. Eine sehenswerte Inszenierung, die die bunte Bilderflut des Endes nicht gebraucht hätte, so der Radio-Kritiker.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Horace, Saarbrücken: Wieso sollte Horace das Repertoire nicht bereichern?Anirahtak 2011-03-31 15:35
Die "bunte Bilderflut" hätte es tatsächlich nicht gebraucht und auch über das plakative Lied kann man streiten. Aber wieso soll der "Kampf um die Bereicherung des deutschen Bühnenrepertoires" verloren sein? Klar, solche Dramen, in denen Handlung sich fast ausschließlich in der Sprache vollzieht, sind wir kaum noch gewohnt. Immer muss irgendwas passieren. Manch anderer Regisseur hätte vielleicht eine Materialschlacht veranstaltet, Fremdtexte eingebaut und mit Kunstblut nur so um sich geworfen. Dann hätten sich wieder viele Stimmen gerührt, die die Verschandelung eines Textes beklagt hätten. Daniela Kranz vertraut auf den Text und gibt ihm Raum, auf einer klaren Bühne mit minimalistischem aber intelligentem Lichteinsatz. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber vielleicht liegt genau da auch die Aufgabe des Theaterzuschauers: sich einzulassen. Ich halte die Inszenierung jedenfalls für sehr sehenswert, auch wenn es kein einfacher Abend ist, der nicht nur den Schauspielern viel Kraft abverlangt.

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