In Katastrophen so nah

von Simone Kaempf

Hannover, 12. Oktober 2007. Wenn das der deutsche Wald sein soll, dann hat er auch keine besseren Ausflügler verdient. Die Waldlichtung ist ein Bühnenalptraum aus einer dunkelgrünen Plastiklandschaft im soft-edge-Design. Auf zwei riesigen Flatscreens wechseln bunte Bilder von Blättern, Blumen, Sonnenuntergang, bis dann der Mond optisch aufgemotzt aufgeht. Loungeartiges Wummern klingt aus den Lautsprechern. Da kommen die Sonntagsausflügler auch schon: aufgebrezelt wie für den Discogang, die Frauen stelzen auf High-heels. Einer hat die Kopfhörer um den Hals, als wolle er auflegen im Wald, den man tatsächlich für einen Club halten könnte, würde nicht angelegentlich ein verwüstender Waldbrand ausbrechen.

Einbruch des Todes

Club oder Wald – im Grunde ist es egal, wo die Brandkatastrophe die sechs Städter ereilt. Denn in Anja Hillings neuem Stück geht es vielmehr darum, dass Verlust und Tod mit einer Gewalt ins Leben einbrechen, mit der niemand gerechnet hat, auch in den schlimmsten Träumen nicht. Und darum, dass das Leben hinterher nicht mehr dasselbe sein kann.

Atmosphärisch ist in Hillings Text von Anfang an zu spüren, dass etwas passieren wird in diesem fragilen Beziehungsgeflecht lauter spaßbesessener Wohlstandsegos. Bei Ingo Berk, der das Stück im Ballhof, der Nebenspielstätte des Schauspiels Hannover, uraufgeführt hat, passiert tatsächlich etwas: Grillzeit. Man zündet die Kohlen an, breitet die Decke aus, ruckzuck sind die Koteletts fertig – eine irritierende Beschäftigungstherapie in ausstattungsfreudiger Theaterhaftigkeit.

Brandbeschreibungen

Wahrscheinlich ist diese Künstlichkeit als Mittel der Distanzwahrung gemeint, um nicht in Abbildungskitsch zu verfallen, aber sie gibt die Figuren von Anfang an der künstlichen Beliebigkeit preis, von der sie sich kaum noch erholen werden. Zum harten Tobak, der Distanz benötigt, wird Hillings Stück erst im mittleren Teil: Es gibt das Leben vor der Katastrophe, das Nachher und den Einbruch der Katastrophe, der an diesem Abend, wie viel zu oft im Theater, in Material-Exzessen gesteigert wird.

Wenn der Wald brennt, verschleiert Kunstnebel düster die Plastikwaldlichtung, die Schauspieler schmieren sich mit Dreck, Kunstblut und schwarzer Farbe ein. Dass sich die folgenden Szenen dennoch zu den mit Abstand stärksten entwickeln, liegt an Hillings Text, der die Waldbrandbeschreibung aus beobachtender Perspektive erzählt: ohne Rollenzuweisung, mehr wie karge Prosa, die von Auslassungen wie von kamerahaften Beschreibungen der Verwüstung lebt. Die Bäume des Waldes sind verbrannt, und auch Jennifers verbrannte Kopfhaut wird kahl bleiben, Vieh liegt tot im Gebüsch und Mirandas Baby stirbt in den Flammen. Die Schauspieler erzählen davon mehr, als dass sie spielen. Auch wenn sie der Regisseur blutverschmiert über die Bühne stolpern lässt.

Katastrophe als Gefühlsverstärker

"Meine Sinne sind noch nie so nah zusammengerückt, ganz dicht zu mir gekrochen. Ich war die ganze Zeit dabei", sagt Miranda (Picco von Groote), die ihr totes Baby durch den Wald getragen hat. Die Katastrophe ist hier ein Gefühlsverstärker, ein Zustand gesteigerter Wachheit, der im normalen Leben nicht möglich scheint. Wobei am Ende kein reinigender Neuanfang steht. Miranda wird sich umbringen. Jennifer hängt sich in die Liebe zu ihrem Ex-Mann Paul, dem Vater des toten Babys, Martin verliebt sich in Flynn. Flynn, der anfangs der tölpelige Außenseiter war, entwickelt sich zum Katastrophengewinner: Er wird als Sänger entdeckt, als er auf Pauls Hochzeit Kate Bush nachsingt. Und nicht genug, dass Oskars Freund Martin sich in Flynn verliebt hat, auch Oskars Arm wird amputiert.

Unausgeschöpfte Abgründe

Körper und Seele sind gleichermaßen verletzt, so lautet der Befund. Aber dass alle im dritten Teil in weißer Krankenhauskleidung auftreten, ist mehr ein dekorativer Gag. Bühnenbildner Damian Hitz hat für diese Szenen eine klinisch weiße Scheibe mit einem Geländer darauf verzapft. Abwechselnd treten sie darauf ans Mikrofon, sprechen zu den anderen, aber reden im Grunde mit sich selbst. Die Sprechstunde wird von Clubbeats untermalt. Das Leid wird dadurch auch nicht kurzweiliger. Und so viele Emotionszeichen hier auch gesetzt sind, es zeigt sich doch, dass Berk für die Verstrickung der Figuren untereinander kein gutes Händchen hat. "Schwarzes Tier Traurigkeit" hat Hilling als Auftragswerk für das Schauspiel Hannover geschrieben. Aber mit Berks Uraufführung sind die Abgründe, die darin stecken, längst noch nicht ausgeschöpft.

 

Schwarzes Tier Traurigkeit, UA
von Anja Hilling
Regie: Ingo Berk, Bühne: Damian Hitz, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik: Patrick Zeller. Mit: Moritz Dürr, Christian Erdmann, Bernd Geiling, Picco von Groote, Jana Lissovskaja, Daniel Lommatzsch, Wolf List, Martina Struppek.

www.schauspiel-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Für Christine Dössel (Süddeutsche Zeitung, 23.10.2007) hat man es mit einem "schönen, traurigen, nachtschwarzen Stück" zu tun. Und zudem mit einem aktuellen, "das mit seinem Umweltschmerz und seinen Konnotationen zu den hausgemachten Naturkatastrophen auf ganz leise Weise moralisch ist." Es sei aber auch ein "schwieriger Text, weil er aus drei höchst unterschiedlichen Teilen besteht", an dem sich der junge Regisseur Ingo Berk "die Finger verbrannt" habe: "Das Bühnenbild allein ist schon eine Katastrophe mit seiner geschwungenen Stufentreppe und den stilisierten Dreiecksbäumen, die wie Verkehrsschilder aus dem Kunstrasengrün ragen." Die sechs Freunde fahre Berk "in aller zelebrierten Stadttheater-Künstlichkeit zum Picknick auf" und lasse sie "deklamierend durch Nebelschwaden stocher": Es sind solche "Großstadt-Klischee-Schnösel, dass sie von vornherein nicht zu retten sind. Auch wenn sie am Ende in OP-Kleidung an ihren Traumata herumdoktern: Die Operation ist gründlich misslungen - der Text deshalb aber hoffentlich noch nicht tot."

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