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Tanz den Tankstutzen-Mambo

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 4. Mai 2011. Wie lebt es sich in Autostädten? Wie geht es den Menschen in Benz-Town Stuttgart und Seat-City Barcelona wirklich? Zwei neue Stücke tasten sich an das Thema heran und wagen den schwierigen Eiertanz ums Auto. Denn das Kaa-Eff-Zett ist vieles: Umweltgift und Arbeitsplatzgarant, Benzinschlucker und Spaßgerät, abwrackprämiengestütztes Auslaufmodell und ökologischer Spätzünder. Eine heikle Sache, denn im Südwesten, wo der 125. Geburtstag des Automobils besonders innig gefeiert wird, genießt des Schwaben "heilix Blechle" oberste Priorität. Da wundert es nicht, dass der designierte Grünen-Ministerpräsident wegen seines Plädoyers für "weniger Autos" jüngst von der Kfz-Lobby rüde abgekanzelt wurde und formulierungstechnisch zur Förderung "zukunftsfähiger Autos" zurückrudern musste.

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"Car Wash"                            © Cecilia Gläsker

Unter dem Dachslogan "Menschen, Autos und das Öl" und als Koproduktion zwischen dem Staatsschauspiel Stuttgart und dem Teatre Romea Barcelona feierten die beiden neuen Stücke – "Car Wash" von Marc Rosich und "Das Gestell" von Soeren Voima – nun Uraufführung. Und das auch noch in einem ehemaligen Daimler-Autohaus, wo Stuttgarts Schauspiel bis Herbst 2011 Ausweichquartier bezogen hat. Aber gleich vorweg: Ein Eiertanz mit allzu artigen Verbeugungen vor allfälligen Sponsoren ist es glücklicherweise nicht geworden, statt dessen ein schräger, in den besten Momenten unterhaltsamer, nicht allzu tief schürfender Stücke-Doppelpack, der im Juni dann, gefördert vom "Wanderlust"-Fonds, zum Fácyl-Festival nach Barcelona weiterreist.

Tankstelle als erotischer Erlebnisparcours

"Car Wash" – Autor ist Marc Rosich, ein ständiger Mitarbeiter des Teatre-Romea-Chefs Calixto Bieito – wirkt wie eine farbenreiche Sozialskizze, die von Regisseurin Annette Pullen mit kräftigen Akzenten immer wieder ins poppig-schrill-bunte Genre getrieben wird. Wir blicken in eine irre, bis unters Dach vollgerümpelte Lagerhalle mit knallroter Zapfsäule und Unmengen von aufeinander getürmten Kühlschränken, Waschmaschinen und Spielautomaten (Bühne: Rebecca Ringst). In diesem Gebirge kraxeln trostlos zwei zu Zeiten der Finanzkrise gefeuerte Seat-Lohnempfänger herum, der treue Damián (Oriol Genís) und seine ehedem gewerkschaftlich-anarchistisch aktive Tochter Ingrid (Carme Poll). Denn "wenn die Seat niest, kriegt das ganze Land 'ne Erkältung".

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Ingrid träumt mit der stellungslosen Irene (Cristina Gámiz) davon, die alte Tankstelle wieder flottzumachen. Da aber kein Auto vorbeikommt, versuchen sie es mit "aggressivem Marketing" und preisen die Waschanlage als erotischen Erlebnisparcours an. Der autovernarrte Gelegenheitsjobber Luis (Jordi Andújar), seine puppige Freundin Sira (Mirèia Pàmies) und die rätselhafte Immobilienmaklerin Aurora (Mercè Aránega) geistern auch noch herum. So kämpft dieses Häuflein Entwurzelter unentwegt weiter, zelebriert verbal den Zapfsäulen-Blues und tanzt einen optimistischen Tankstutzen-Mambo. Eine quietschfidel aufgedrehte, dabei höchst melancholische Studie über Übriggebliebene in einem veränderten Land.

Weltretter mit Sündenfall

Rosich nimmt den Blick von unten ein und erzählt von liebevoll chaotischen, tragikomisch hoffnungsbeflügelten Krisen-Verlierern in der Seat-Stadt Barcelona. Dagegen beschreibt Soeren Voima in seinem Stück "Das Gestell" (ein Begriff aus der Technik-Kritik des Philosophen und temporären Nazi-Sympathisanten Martin Heidegger) in fast exemplarisch-schematischer Manier den Aufstieg und Fall eines erfolgreichen Paars im Stuttgarter Autobusiness.

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"Das Gestell"                           © Cecilia Gläsker

Torben und Imme beginnen als glühend verliebte Attac-Anhänger; doch als Torben einen Job als Öko-Auto-Entwickler annimmt, reiben sich die beiden bald im betuchten Kleinfamilien-Alltag mit Kind auf. Ein Kühlschrank, ein Autositz und ein Fitnessgerät auf weiter Bühnenflur (Rebecca Ringst) vermitteln nun eher gähnende Leere. Regisseur Josep Galindo erzählt Voimas Studie als quirlige Szenenfolge, wobei die zunehmende Unentspanntheit des Paars in kabarettistischen Spotlights beschrieben wird. Torben (Christian Schmidt), der eben noch kapitalismuskritische Parolen ins Megaphon tönt, findet als schnellangepasster Top-Angestellter einen 16-Stunden-Tag alsbald "völlig normal". Derweil wird seine Frau Imme, bei Nadja Stübiger eine literarisch ambitionierte, sächselnde Dorfschönheit, von Torbens wenig experimentierfreudigen Eltern (Michael Stiller, Marietta Meguid) als "Integrationsverweigerin" beschimpft, weil sie Fahrrad fährt.

Klar, dass der bizarre Heidegger-Wiedergänger Karl (Till Wonka), einst bei Imme abgeblitzt, das Scheitern des Paars schadenfroh ätzend kommentiert. Voimas Stück zum bekannten Thema "es gibt kein richtiges Leben im falschen" wirkt wie eine Realsatire aus Motown Stuttgart. Bald kippt das Ganze vollends ins Groteske. Als das Paar am Ende ist, triumphiert Karl als lachender Dritter: Wie wäre es, fragt er Imme, wenn sie beide  nochmal von vorn beginnen – mit der Rettung der Welt?

 

Car Wash (UA)
von Marc Rosich
Regie: Annette Pullen, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Barbara Drosihn, Dramaturgie: Kekke Schmidt.
Mit: Carme Poll, Cristina Gámiz, Oriol Genís, Jordi Andújar, Mirèia Pàmies, Mercè Aránega.

Das Gestell (UA)
von Soeren Voima
Regie: Josep Galindo, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Irmela Schwengler, Dramaturgie: Christian Holtzhauer.
Mit: Nadja Stübiger, Till Wonka, Christian Schmidt, Jörg Petzold, Marietta Meguid, Michael Stiller.

www.staatstheater.stuttgart.de

 

Mehr dazu: Auch Gesine Danckwart untersuchte in Auto, im Januar 2009 am HAU Berlin entstanden, das in die Krise geratene Fortschrittsvehikel.

 

Kritikenrundschau

Nicht nur Autotüren haben einen Sound, sondern auch Autoren, und "Soeren Voima (mit bürgerlichem Namen Christian Tschirner) bringt im 'Gestell' seinen ganz eigenen Ton wieder herrlich zum Klingen: in rhythmisch schwingenden Sätzen", schwärmt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (6.5.2011). Erhabenes treffe pfeilgenau auf Niedriges, und der Witz dieser komischen Kollisionen führt in der vom Regisseur Josep Galindo filmisch schnell geschnittenen Groteske zu tollen Entlarvungen. "Die Selbsttäuschungen des Daimler-Ingenieurs springen ebenso lachhaft ins Auge wie die bornierte Selbstzufriedenheit des autogerechten Milieus", ein Stuttgart-Bashing, das es in sich habe. Und die Handlung von "Car Wash" klinge nach Tristesse, ja, schon, aber die Regisseurin Annette Pullen ist überhaupt nicht gewillt, es dabei zu belassen. "Sie drückt aufs Gas, steuert auf Kabarett und Satire zu und endet in einem Melodram, in dem es sogar hübsch almodívarhaft wetterleuchtet."

Auch Christian Gampert (Dradio Fazit Kultur vom Tage, 4.5.2011) ist sehr angetan. Vorgaben wie die, ein Stück über die Auto-Industrie zu schreiben, erzeugen normalerweise Belehrungstheater und Langeweile. Hier sei etwas ganz Anderes, Leichtes, Angriffslustiges herausgekommen. "Annette Pullen, sonst eher für psychologische Feinarbeit zuständig, macht aus 'Car Wash' des katalanischen Autors Marc Rosich eine teils aggressive, teils sehr unterhaltsame Trash-Performance." Und im Gegensatz zur sonst eher schwerblütigen Spielweise der Stuttgarter gehe es auch in "Gestell" ironisch, temporeich, punkt- und detailgenau zu. Fazit: "Die Zusammenarbeit mit Barcelona scheint Stuttgart Flügel zu verleihen und umgekehrt, und wenn die Interkultur so viel Energie freisetzt, dann nehmen wir gewissen Plattheiten in der Gesellschaftsanalyse gern in Kauf."

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