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Im Lauf der Zeit

von Andreas Wilink

Köln, 18. Juni 2011. Solche Sätze haben es in sich. "Die Wolldecke in dem Laufställchen war durcheinander geraten, so daß an den Seiten die gelbliche Schaumgummiunterlage zu sehen war, ein mit Wollflusen besetztes lappiges Stück, und undeutlich, dafür um so eindringlicher empfand er wieder, zugeschnürt zu sein von den Dingen, die sich um ihn herum angesammelt hatten, abhängig von seiner Frau, von ihr, dem Kind und der Wohnung, dem, was einfach notwendig durch sie und das Kind mehr geworden war im Lauf der Zeit und sich nun häufte, einerseits belangloses Zeug, unwichtig genug, es nicht täglich zu beachten, hier, an dieser Stelle, dort, überall, in den Kisten, den Schränken, Schubladen, gedankenlos weggelegt, aber andererseits immer wieder etwas, das benutzt werden mußte, ob er wollte oder nicht, und das ihm durch die anderen, zuerst vage durch Gerald und jetzt noch mehr durch Rainer, der bei ihnen wohnte, immer wieder von neuem aufgezwungen wurde, wenn er sich mit ihnen unterhielt."

Nicht nur, dass sie ein Leben beschreiben, dessen Geruch einen sogleich anweht, ihre unendliche Melodie schafft einen eigenen Sound. Nein, diesem "Anfang", wie das erste von 21 kurzen Abschnitten der Kölner Rolf-Dieter-Brinkmann-Ballade heißt, wohnt kein Zauber inne. Er ist schon Schnee von Gestern, denn "feine weiße Partikelchen" fallen nieder und decken alles zu.

Angewidert von den Kulissen der Gegenwart

"Wörter Sex Schnitt" hieß mal eine Ausstellung in Bremen über den ersten deutschen Pop-Autor, dem Stefan Nagel seine ähnlich montierte Uraufführung entlang des Romans "Keiner weiß mehr" widmet. Das Buch erschien in dem Jahr, das einer Epoche und Generation den Namen gab: 1968. Der 28-jährige Brinkmann notiert darin, sieben Jahre vor seinem Tod, den "Terror im Gehirn" als analytisches müdes Wüten gegen biologische Routine, das moralisch Etablierte, sozial Verantwortungsvolle. Ein Krisenreport in scharf gestellten Nahaufnahmen.

Es ist die Rebellion eines sensiblen Antihelden, wie sein literarisches Pendant ("Er") ein Intellektueller, angewidert von der Kulisse der Gegenwart, leidend an der Unzulänglichkeit. Zuhause in Köln führt er die eigene Niederlage herbei, wächst hinein in die Erstarrung und flüchtet hinaus in die Phantasie des Möglichen.

Lammzarter Wolf am Schreibtisch

Er. Sie. Es. Mann, Frau, Kind (und zwei Kumpel: Rainer und Gerald). Keine heilige Familie, und das im katholischen Köln. Auf der Bühne der Schauspiel-Schlosserei verteilt sich "Keiner weiß mehr" auf drei Stimmen, nicht gleichzusetzen mit drei persönlich umrissenen Figuren. Haltungen statt Handlung.

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Christoph Luser – ein junger lammzarter Wolf – spielt wie mit leicht bitterem Geschmack im Mund ein methodisches 'Sowohl-als-auch': Emotional engagiert, gewissermaßen den "Er" zum Ich machend, zieht er zugleich die Grenze, die den Interpreten von der Identifikation trennt. So sitzt er am Küchen-Arbeits-Ess-Schreibtisch – darauf verteilt ein beigefarbenes Telefon, Kreisel, Zigaretten, eine Dose Nivea und eine Reiseschreibmaschine – doziert sanft, heischt um Verständnis, agiert, arbeitet durch, sinnt nach, performt.

"Klitorisfrauen" und "Vaginafrauen"

Beim Rumsitzen kommen kalte Gedanken, untertemperiert wie in einem OP-Saal, krass wie ein Benn-Gedicht: dass eine Abtreibung möglich gewesen wäre ("Was tut nicht weh schließlich"), dass Liebe auch bloß eine klebrige Lust ist, wie es mit einem anderen Mädchen wäre, dessen Schenkel sich vor ihm spreizen. Erotik, ihre beteiligten Körperregionen ("Mösen", "Dosen", "Löcher", "blühende Penisse", "blumige Fotzen") und die physische Verrichtung kriegt den Beigeschmack von Schalem und Ranzigem.

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"Keiner weiß mehr". © Sandra Then

Der synchrone Bewusstseinsstrom, verunreinigt von klarer Erkenntnis, beschwert mit Bruchstücken des Banalen und an sich belanglosen Vorgängen, enthält konzise Beobachtungen, die das Talent haben, dass "Beschissene" und Negative herauszufiltern, ob bei sich selbst, bei Frauen (unterschieden in "Klitorisfrauen" und "Vaginafrauen"), Freunden, einem alten Paar oder den Hervorbringungen der Kultur.

Auf dem Laufband des Lebens

Die beiden anderen (Jennifer Frank, Orlando Klaus) tun es Christoph Luser gleich – stellen aus, vor und nach: Alltagsverrichtungen, Modell-Situationen, viele Kleider- und Positionswechsel auf Jens Kilians Bühne, zugehängt mit Tapetenbahnen, die erwartungsgemäß später heruntergerissen werden. So wie das Laufband (Bild für den Lebens-Lauf) irgendwann dazu dient, das Trio Frank-Klaus-Luser zu hetzen, Textfetzen hervorstoßen und sie nicht vom Fleck kommen zu lassen und atemlos zu machen.

Ganz gewiss ist sich die Inszenierung ihrer Mittel nicht und illustriert die 90 Minuten etwas unspezifisch: mit getakteten Lichtwechseln, Schriftbändern, altem Kölner Dokufilmmaterial, Videoschnipseln von Kate und William und verwackelt "dogmatisierten" Selbstporträts der Darsteller.

Auf der Stelle treten. Das Offene verbaut. Aufgegebenes Studium. Abhängigkeiten, Ansprüche, Missverständnisse. Die Last der Dinge. Befristete Zeit. Momente des Gemeinsamen. Zustandsbeschreibungen: Drei-Zimmer-Alltag hinterm Aachener Weiher. Zu früh für die Bindung, wer weiß, ob nicht zu spät, um wieder allein zu sein. Das letzte Wort heißt: "Guten Tag!!!". Es hallt nach. Auch ohne dreifache Verstärkung.


Keiner weiß mehr (UA)
von Rolf Dieter Brinkmann
Regie: Stefan Nagel, Bühne: Jens Kilian, Kostüme: Sebastian Ellrich, Video: Juliane Kremberg, Musik: Julia Klomfass, Dramaturgie: Lucie Ortmann.
Mit: Jennifer Frank, Orlando Klaus, Christoph Luser.

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr zu Rolf Dieter Brinkmann auf der Bühne? 2007 inszenierte Martin Wuttke in Köln eine Textcollage mit dem Titel Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand.

 

Kritikenrundschau

In der tageszeitung (22.6.2011) lobt Alexander Haas neben dem Schauspieler Christoph Luser vor allem den respektvollen Umgang des Regisseurs mit dem Text, den er darüber hinaus als "durchaus versierten Handwerker" bezeichnet, was nicht nur als Kompliment gemeint ist. Denn Haas findet die Bühnenadaption auch entschärfend, zu grüblerisch und die obszessiven Seiten des Textes (und seines Ptotagonisten) vernachlässigend. So bringt ihm der Abend diese "radikal trostlose" Figur nur teilweise nahe, und Haas spricht auch das böse Wort  "Kunstgewrrbe" aus, was wohl vor allem auf die "ästhetisch und inhaltlich dünnen" Videos gemünzt ist.

"Fast rührend" wirkt es heute auf Brigitte Schmitz-Kunkel von der Kölnischen Rundschau (20.6.2011), wie Brinkmann seinen 1968 erschienenen Roman "zwecks Provokation mit einer Extraportion drastisch-detaillierter Beschreibungen von Sex und Körpersäften aufrüstete". Stefan Nagel hingegen übertreibe nicht und bringe "genau die richtige Dosis Sex in seine Uraufführung (...), um Beliebigkeit und Einsamkeit zu demonstrieren – wie es ihm überhaupt gut gelungen ist, aus der Gedankentextmasse die Essenz herauszufiltern". Der Regisseur verhandele "Leben, Liebe, Sex auf einem Laufband, auf dem die Protagonisten sich immer schneller abhetzen". Bühnenbild und Kostüme verorteten das Geschehen sparsam in den späten Sechzigern, dazu gebe es "sinnvoll eingesetzte Flimmerbilder aus Köln, strukturierende Schriftbänder" und einen "wirkungsvollen Soundtrack" von Julia Klomfass. Eine Weile stoße man sich an Christoph Lusers exaltierter Betonung, im Lauf des Abends bildeten die drei Schauspieler jedoch "eine homogene Kleinfamilie".

Christian Bos schreibt im Kölner Stadt-Anzeiger (20.6.2011): Warum man, anstatt das Buch zu lesen, ins Theater gehen solle, könne der Regisseur nicht recht erzählen, trotz "atmosphärisch dichter Videos, der "willkommenen" Musik-Begleitung und der auf dem Laufband rennend vortragenden Schauspieler, die man vielleicht am besten als "Maschine zur Erzeugung Binkmann'scher Intensitäten" begreife. Regisseur Nagel streiche die Zeitkritik und konzentriere sich auf die Eheszenen, die Brinkmann als Chauvi zeigten. Nagel bewege sich im "Einklang mit Brinkmanns bewundernswertem Programm den Autor als Ekel des Alltags zu zeigen,- und dem Ekel Literatur abzutrotzen." Diese herausfordernde Geste, die Brinkmanns Schreiben zu Grunde läge, vermittele Christoph Luser meisterlich. Allein "ob" des Vortrags sei der Abend ein "Vergnügen". Brinkmanns Schonungslosigkeit, seine Kompromisslosigkeit könne der Abend dagegen nur bedingt vermitteln. Dazu hätte sich der Regisseur von seiner Vorlage stärker lösen müssen.

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