Versuch über DAS NACKTE LEBEN ...oder... BEI LEBENDIGEM LEIBE

von Paul M. Waschkau

16. Juli 2011. WENN EINER EINEN SCHREI AUSSTÖSST IST DAS OFT NUR EIN SCHÖNER BRATEN FÜR DIE ÖFFENTLICHE UNENDLICHKEIT DIE DIESEN AUFSCHREI AUSSCHLACHTET ZUM NACHTEIL DES SCHREIENDEN DER OFT NUR WISPERT UND FLÜSTERT.

I. Die philosophische Reflexion und die dramatische Bewältigung eines monströsen Themas wie das NACKTE LEBEN ...oder... BEI LEBENDIGEM LEIBE muss zwangsläufig in der Beschreibung eines unbeschreiblichen Martyriums enden.

Das 20. Jahrhundert und seine Völkermorde. Die Massaker von Srebrenica, Katyn, Ruanda und die Vergasung von 6 Millionen Menschen in deutschen Konzentrationslagern, KZs, Lager der Konzentration. Stammheim Guantanamo Abu Ghraib. All die Geheimgefängnisse und exterritorialen Verhörzentren in Syrien, Libyen, Saudi-Arabien, China, dem Iran oder in den südamerikanischen Diktaturen. Und die Gefängnisse in Ländern, von denen wir nichts wissen. Die sowjetischen Gulags, die Gefangenen- und die Flüchtlingslager in allen Teilen dieser Welt. Die Abschiebezentren und Sicherheitszonen der Ausgeschlossenen. Oder die Eingeschlossenen in kriegs/krisenumkämpften Schutzzonen, die in Lagern der Hoffnungslosigkeit – hoffend auf ein erträgliches Leben – bar allen Schutzes vor sich hinvegetieren, verhungern, verdursten ... DORT KANN MAN DIE SEHEN DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN ... Nicht zu vergessen die blinden Hinrichtungen in Zeiten der Unruhe, in Zeiten des Aufstands und der Revolte gegen die Mechanismen der Unterdrückung. Nicht zu vergessen all die ungenannten Reservate des Verbrechens unserer Tage. Nicht zu vergessen die Jahrhunderte der Sklaverei und die moderne Sklaverei in kalten kapitalistischen Strukturen.

Und obwohl all diese ungeheuerlichen Dinge geschehen, sitzen wir ruhig hier. Von falschen Gesängen getrieben, von alten Liedern verführt. Wir sehen den Geschehnissen ruhig zu. Bis dass die Augen flackern. Bis die Knochen sich verbiegen. Bis das zarte Fühlen hart erstarrt. Bis die Blutströme in den Schlafadern nur so rauschen. Denn, so Bataille: "Es kommt vor, daß die Grausamkeit des Dschungels sich als das Gesetz erweist, das uns beherrscht."

 

luca_signorelli_die verdammten
Luca Signorelli "Die Verdammten" aus den Fresken zum Jüngsten Gericht im Dom zu Orvieto (1499-1505)

II. DAS NACKTE LEBEN – wie der italienische Philosoph Giorgio Agamben es in seinem Buch HOMO SACER (1) auf politisch brisante Weise theoretisiert und skizziert – ist nicht auf ein Land, eine Region, einen Kontinent, eine Staatsform, eine Kultur oder eine vergangene Zeit einzugrenzen. Die moderne radikale Entrechtung des Menschen hat wie der Himmel der Folter keine Nation. Das NACKTE LEBEN wuchert weltweit in sog. rechtsfreien Zonen, in Zonen des Ausnahmezustandes, d.h. in Zonen, in denen die juristisch-technische Umdefinierung von Staatenlosen zu Illegalen, von Feinden und Aufständischen zu "unlawful combatants" (2) und ihre gezielte Ausgrenzung aus dem humanitären Völkerrecht sich auf höchst bedenkliche Weise zu einer politischen Praxis der Moderne entwickelt. Denn der Ausnahmezustand wird mehr und mehr als Regelzustand manifestiert, der die Existenz der Institutionen eher zu verteidigen bereit ist, als die Würde des Menschen. In ihnen wird der Mensch, weil aus den Zonen staatlichen Rechts ausgeschlossen und damit aus dem Konzept der Menschlichkeit ausgestoßen, radikal entrechtet zum HOMO SACER – d.h. heilig wie verflucht – und zur Be-Nutzung frei gegeben. Er darf zwar nicht geopfert aber getötet werden, ohne dass der Tötende des Mordes angeklagt wird. (3)

Und machen wir uns nichts vor. Selbst wenn es für uns, die wir im Rechtsraum der BRD gerade "IN SICHERHEIT LEBEN", fatalistisch klingt: Es kann von einer Sekunde auf die andere Sekunde jeden treffen. Der Mensch, wenn er Pech hat, landet in Zonen der Grausamkeit, wo er vor Entsetzen erstarrt. Man muss sich nur zur falschen Zeit am falschen Ort befinden. Dein Nachbar von heute kann dein Richter von morgen sein, der auf dein Recht ebenso scheißt wie auf dein Menschsein. Das alles natürlich auch in der EU, also Europa. Und wer sich das nicht vorzustellen vermag, der möge nur einmal 3 Tage allein bei Wasser und Brot nackt leben und schlafen in seinem eigenen nasskalten Keller.

"Ja ja, Europa Europa. Die­se virtuelle Festung. Monatsblutung im Mondraffer. Lei­chen­schauhaus. Labyrinth aus Schädel­frag­men­ten, Massengrä­bern, Beinhäusern, Staub­stätten. Dieser verlorene Kontinent und sei­ne hässlichen Städte zugepflastert mit Stra­ßen aus Teer für den Motorenver­kehr. Eu­ro­pa, diese monströse Schmerz­land­schaft aus Bürokratien & Industriemu­tationen. Todes­jubelkon­zert. Fol­terhaus. Im­merzu trinken hier die Henker die goldenen Be­cher aus." (4) Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Rücksicht auf das Leben anderer Wesen. Denn das, was wir menschlich nennen, hat bekanntlich nicht nur eine sanfte, freundliche, humane oder gerechte Seite. Menschlich, ja allzu menschlich, ist sowohl seine böse, sadistische, teuflische Seite als auch der Trieb, anderen auf unvorstellbare Weise unermesslichen Schmerz zuzufügen und mit größter Lust zu foltern, zu verstümmeln, zu töten. Die Fratze des Hässlichen und des Monströsen sind keine Karnevalsmasken. Die Fratzen des Bösen sind menschlich, sind menschliche Fratzen.

III. In diese brisante Thematik hinein zielt die dramatische Komposition NACKTES LEBEN ... oder... BEI LEBENDIGEM LEIBE, die in 13 monologischen Fragmenten ein monströses Martyrium menschlichen Daseins umkreist. Eine Komposition aus Poesien, Ein-Satz-Klagen, Zeugenaussagen, Monologen mit konzertanten Gesängen und Filmen aus Worten, die mit grotesker Ironie, scharf gewürzt und sich selbst konterkarierend zwischen Kliniken und Arbeitsagenturen, Lagerstationen in Kriegskrisen und Diktaturen gulagartige Landschaften ungeheuerlicher Geschehnisse und Methoden seziert, in der DER Mensch als fühlendes Wesen – ausgelöscht degradiert ignoriert – zum lebendigen Experimentierfeld vielfältigster Behandlungsformen wird. Allein die auf der Basis von Massentierhaltungen und medizinischen Versuchsanordnungen erschriebene Szenerie OPERATION OPERATION beschreibt als transformiertes Konzentrat den Ausnahmezustand als Regelzustand, in der der Mensch zur frei verfügbaren Biomasse wird. Dabei erweist sich das Lachen der Handelnden im scheinbar normalen Dazwischen von Unerträglichkeiten oft als das eigentliche Grauen, das in der Wirklichkeit dem Martyrium eines bestialischen Höllenkreises ähnelt.

Zugegeben... NACKTES LEBEN ...oder... BEI LEBENDIGEM LEIBE ist harter Stoff. Eine Arie der Schmerzen, die wie ein Requiem die Martyrien der Zeit in transparente Stoffe verwandelt. In Stoffe aus Leben und Tod. In Stoffe mit bedrohlicher Nahtod-Erfahrung, die in die Zonen der Finsternis führen. Sprache der Qual, des Entsetzens, des Schreis, des Fleisches, des Nichts. Und Sprache medizinischer Technik, institutioneller Erhabenheit, Kälte. Ein offenes Wagnis an der Grenze des Sagbaren und des Erfassbaren. Was dort geschieht, geschieht wie in Pasolinis "Salo oder die 120 Tage von Sodom" am Rande der Vorstellbarkeit. Und weil BEI LEBENDIGEM LEIBE mein undramatischster Text ist, der keinerlei Rücksicht darauf nimmt, ob er transformierbar ist, auch eine Zumutung, die Theatermachern und Publikum im Ausloten dieser Grenze eine heroische Haltung abverlangt. Aber das zählt – pardon – zu meinen Spezialitäten: "Das Publikum mit Ungewohntem oder einem unerträglich übertriebenem Maß an Gewohntem, mit Verschärfungen dessen, was ist, zu konfrontieren, ist der Zweck einer Kunst der Zumutungen, die aus dem Mut zur Zuspit­zung und Zerreißung zuletzt aber auch aus dem Mut zur Stille hervorgeht." (5) --------- Als Regieanweisung wäre daher zu lesen: ALLES SOLLTE DAZU FÜHREN, DASS MAN WIEDER SEIN HERZ SCHLAGEN HÖRT. MAN MUSS SEIN HERZ SCHLAGEN HÖREN! UND ZWAR ZU LEBZEITEN, WANN SONST. DAFÜR IST ES WEDER ZU FRÜH NOCH ZU SPÄT.

IV. Dramatisches Schreiben – hängend am Stromnetz der Zeit – gleicht hier, wenn man es ernsthaft und leidenschaftlich betreibt, einer Schlacht der Schreibmaschine gegen den Zeitungsausriss. Einer Schlacht, in der uns Hören und Sehen vergeht. Einer Schlacht, die uns intellektuell einkesselt und emotional fesselt. Einer Schlacht, die zwar Leichen anhäuft, aber nicht tötet und auch keine Gefangenen macht. Einer Schlacht, die auf dem Schlachtfeld des Körpers die Schmerzen des Lebens besingt wie in einem allumfassenden Menschheitsrequiem, dessen Teil wir sind. Denn als Dichter/Dramatiker darf man vor den Ungeheuerlichkeiten der Wirklichkeit und der Phantasie keine Angst haben. Man darf sich nicht fragen, ob man Sze­nerien der Gewalt, Exzesse des Blutes, düstere Phantasien sich und der Welt, die sowieso eine große Schmerzarie ist, zumuten kann. Man darf auf Verluste keine Rücksicht nehmen. Man hat das Recht und die Pflicht sich bis an den Abgrund zu schreiben, auch wenn der Abgrund nur aus dem Abstand zweier Zeilen besteht. WEIL DIE FRAGE ZULETZT NICHT IST, WIE WEIT ICH GEHEN KANN, SONDERN DIE FRAGE IST, WIE WEIT ICH GEHEN MUSS. (4)

V. THEATER, das gut, ästhetisch anspruchsvoll, kunstvoll und rücksichtslos ist, wird sich die Schlacht der Schreibmaschine zu Nutze machen und sie in eine ARENA, in eine AGORA oder ein TRIBUNAL verwandeln, in der die Schlacht neu verhandelt wird. Da Theater das Böse aber nicht aus der Welt schaffen und nicht einmal Berge – auch keine Müllberge – versetzen kann, muss es wissen, wie es die Ränder des Abgrunds betanzt. Dass das auf des Messers Schneide die vielfältigsten Spiel- und Interpretationsformen annehmen kann, wissen die, die es mit PATHOS KÖNNEN LEIDENSCHAFT betreiben. Im besten Falle wird es sich zum LABOR für LEBENS-ARBEIT-TRAUM-FORSCHUNG verwandeln. Denn verstanden als ein Randgebiet von Politik, Geschichte, Kunst & Kult ist Theater KRISENKOMPRESSOR, Traum Transzendenz Gegenwelt, ANTI.KÖRPER DER MACHT, also der Ort, wo sich in komprimierter Form alles überlagert, alles verhandelt werden kann und alles entlädt. Manchmal ist der Streit in der Kantine wichtiger als der auf der Bühne.

VI. THEATER MUSS ALSO MEHR SEIN ALS DER KLECKS EINER VORSTELLUNG EINES TEXTES VOR PUBLIKUM. Mehr als die performative Darstellung von Körper oder Sprechkunst. Mehr als das Unterhaltungsprogramm einer Gemeinde, die sich damit legitimiert doch nur die Zeit tot schlägt. Theater darf sich nicht einlullen lassen von den Praktiken einer Medienindustrie, wo jedes Ereignis zu einer verkaufbaren Nachricht und in Hyperformen des Realen bis zur Bedeutungslosigkeit ausgesaugt wird, bis uns das Ereignis nicht mehr interessiert. Theater sollte sich aus seinen Perversionen, existentiellen Spannungen und gesellschaftlichen Explosionen konstituieren. Spätestens seit Heiner Müller wissen wir: DIE MEISTERWERKE SIND KOMPLIZEN DER MACHT.  (6) Hier beginnt der Spagat. Wer sich zu bequem auf sicherem Terrain bewegt, zerstört das Theater. Als Treibhaus für Visionen und Poesien müsste es die hässliche Wirklichkeit versuchsweise unmöglich machen, um dem MORAST DES FAKTISCHEN zu entkommen, den wir eh gezwungen sind, tagtäglich zu fressen. Darüber hinaus sollte man – wie mir Marguerite Duras aus HIROSHIMA MON AMOUR schreibt – "vermeiden, immer nur an die Schwierigkeiten im Leben zu denken. Wie könnte man sonst noch atmen in dieser Welt."

NACKTES LEBEN als Thema hat mehr verdient als eine Überschrift für einen Tag oder die Anregung für einen Dramatikerpreis zu sein. Wie uns Agamben zeigt, ist es ein Thema unserer Zeit mit monströsen Dimensionen, das uns verbietet, sich in Bequemlichkeiten einzunisten. ---- Da NACKTES LEBEN mit dem "Gewinnerstück" BEI LEBENDIGEM LEIBE offiziell auf dem Plan der nächsten Spielzeit steht, rege ich an, es in seiner ganzen Weite um ein HOMO SACER-SYMPOSIUM oder FRANK-FOUCAULT-TRIBUNAL zu erweitern, wo der TERROR DER ZEIT über alle Instanzen hinweg frei verhandelt wird. An dieser Stelle Energien freizusetzen und Impulse zu fördern, wäre eine Investition in die Zukunft des Theaters.

WENN ALSO EIN DICHTER/DRAMATIKER EINEN SCHREI AUSSTÖßT SOLL DAS EIN BRATEN SEIN DER GESCHMORT WERDEN MUSS. AUF DEM FEST DER SCHAKALE. IM BLUTRAUSCH DES HAIS. MIT EINER PRISE ARSEN. Und das darf auch mit schwarzem Humor, einer konterkarierenden Körperlichkeit oder in einer watteartigen Leisigkeit geschehen, die bestenfalls die Tür ins Labyrinth visionärer Poesie öffnet und spüren lässt, was DER HAUCH DES EVENTUELLEN sein könnte. Denn dass ein Fest allein aus Huri-Schreien bestehen müsse, ist ein uralter Irrtum, der ins Niemandsland führt.(7)

VII. Meine Damen und Herren! Verehrte Jury! Liebe KollegInnen!

Kommen wir zum Schluss, irgendwann muss Schluss sein. Ich habe Philosophie und Staatswissenschaften studiert, aber an keiner Hochschule oder Werkstatt für dramatisches Schreiben gelernt, wie man das BETRIEBSSYSTEM THEATER am besten bedient. Und da ich auch nicht mehr zu den jungen Autoren zähle und wegen Altersdiskriminierung diverser renommierter Institutionen – MACHT ENDLICH SCHLUSS DAMIT! – 90% aller Ausschreibungen für mich nicht in Frage kommen, für mich NIE in Frage kamen, empfinde ich den Leonhard-Frank-Dramatiker-Preis mit der philosophisch-politischen Thematik NACKTES LEBEN als ganz besondere Auszeichnung. Zumal der thematische Ansatz NACKTES LEBEN im Sinne Agambens mich gefordert hat, weiterhin reizt und mein literarisch/dramatisches Werk wie eine Blutspur durchkriecht. NACKTES LEBEN blitzt nicht nur auf in dem Martyrium BEI LEBENDIGEM LEIBE sondern wuchert in Schauerfeldfragmenten, Hetz-Traum-Dramen oder Präludien für ein apokalyptisches Theater wie TRAKT, GALEERE DER KALTBLÜTER, KOMA EUROPA oder dem FEST DER SCHAKALE. Es blüht weiter in fortlaufenden Beschäftigungen mit solch PARTISANEN DER POESIE wie Pasolini, RD Brinkmann, Rimbaud, Danielle Sarréra oder Antonin Artaud, die mir alle nicht erlauben, mich in den Wonnen der Gewöhnlichkeit zu sonnen. Und vergessen wir zuletzt nicht: Noch immer sind es die AutorInnen, die das Theater mit ihren Stoffen beleben. Und ohne die Stoffe der Autor­Innen wären die meisten Theater und ihre Macher – NICHTS. Dass Leonhard Frank an diesem Abend seltener zu Wort kam, möge er verzeihen. Er befindet sich in bester Gesellschaft und als Initiator aktuell wichtiger Themen bleibt er der über Würzburg hinaus strahlende Faktor. Vielen Dank.

 

BILDET ANTI.KÖRPER! BILDET ANTI.KÖRPER! BILDET ANTI.KÖRPER! BILDET ANTI.KÖRPER!

 

Paul M Waschkau, 1963 geboren, ist Dramatiker und Regisseur und lebt in Berlin.
Am 16. Juni 2011 wurde ihm im Rahmen der AutorenTheatertage des Mainfrankentheaters Würzburg der Leonhard-Frank-Dramatikerpreis 2011 für noch nicht uraufgeführte Dramatik verliehen. Das Motto der Ausschreibung lautete nach Giorgio Agamben: "Nacktes Leben".

www.theaterwuerzburg.de

 

Fußnoten

0 = PAUL M WASCHKAUs NACH/REDE zur Verleihung des Leonhard-Frank-Dramatikerpreises 2011 "Versuch über DAS NACKTE LEBEN ...oder... BEI LEBENDIGEM LEIBE" ist zuerst erschienen im MAGAZIN von www.INVASOR.org.
1 = Giorgio Agamben // Homo sacer/Die souveräne Macht und das nackte Leben; edition Suhrkamp 2068; Frankfurt am Main 2002
2 = Als "unrechtmäßige Kämpfer" wurden die Guantanamo-Inhaftierten von der Bush-Administration deklassifiziert, damit sie nicht unter die Genfer Konvention für Kriegsgefangene fallen.
3 = Agamben//Homo sacer 18 ff
4 = pmwaschkau// Hyänenherz/Traum eines Kamikazefliegers; Terror/Killer-Monolog; edition PathosTransport; Berlin 2000/2004 inkl. Satzzitat aus Poem "Früher Mittag" von Ingeborg Bachmann
5 = Wolfram Hasch in "DIE KUNST DER ZUMUTUNGEN" über paul m waschkau. Zuerst erschienen in MATERIALHEFT zur Uraufführung von pmw's Killer/Terrordrama HYÄNENHERZ /TRAUM EINES KAMIKAZEFLIEGERS; Berlin 2003; nachlesbar: www.invasor.org/pmw/Material/Zumutung.htm
6 = Heiner Müller bezieht sich hier auf Artaud in: HM,  Material; Reclam S.20; Leipzig 1990
7 = pmw// FÜR EIN ARTAUD-TRIBUNAL; aus PROLOG zum ARTAUD-KONGRESS 2009 in theaterkapelle 10245 Berlin; nachlesbar: www.invasor.org/MAGazin/artaudTRIBUNAL1.htm

Kommentare

Kommentare  
#1 Paul M. Waschkaus Rede: ein mitreißender Texterotische Versalien 2011-07-18 21:52
Was für ein mitreissender Text! Diese unübersehbar offensive Lust am Schreiben. Bewirkt eine Lust am Lesen. Hier zeigt sich die politische und ethische Dimension einer Verantwortung der Form, welche dazu verführt, ebenso kreativ Widerstand zu leisten. Das bürgerliche Bewusstsein zu dekomponieren bzw. aufzulösen wie ein Stück Zucker, welches im tiefschwarzen Kaffee versenkt wird und diesen zugleich versüßt. "BILDET ANTI.KÖRPER!" Dieses ansteckende (Sprach-)Bild lebt!
#2 Paul M. Waschkaus Rede: Theorie und Praxisgwendolin 2011-07-19 15:54
sommerloch...
wer hat waschkau gesehen? live auf der bühne??
ich schon.
und -
leider - ist und zeigt sich waschkau in eigeninszenierung meiner erfahrung nach auf der bühne öde und das genaue gegenteil dessen, was er hier proklamiert. aber vielleicht ist er in der theorie besser als in der praxis. sehr wahrscheinlich.
#3 Paul M. Waschkaus Rede: mehr übers Außerhalb der Rede erotische Versalien 2011-07-19 16:48
@ gwendolin: Wär schade, wenn's so wär. Wenn's wieder nur einer dieser theoretisierenden Anarcho-Individualisten wär. Das Ausserhalb des Textes kann ich nicht beurteilen, habe noch nichts von Waschkau gesehen. Welche Inszenierung haben Sie denn gesehen? Und inwiefern fiel die Organisation des sinnlichen Materials im Kontrast zu diesem Text ab? Inwiefern ist das hier also möglicherweise nur nette Kontextproduktion? Würde mich interessieren, trotz oder besser: gerade wegen des Sommerlochs.
#4 Paul M. Waschkaus Rede: mit Herzblut an die Wunden der Zeit eugen kahn 2011-07-19 19:16
Echt, ziemlich krasse Rede. Mindestens so krass, wie seine letzte Lesung in der Volksbühne. Und endlich wieder einer, der sich nicht mit fliegenhaften Leichtigkeiten zufrieden gibt und in den Wunden der Zeit gräbt. Ein Dramatiker, der mit Herzblut schreibt. Mehr davon!

Und hier ein gerade mit großem Erstaunen und Entzücken entdeckter Trailer zu seinem Artaudprojekt mit Invasor: www.youtube.com/INVASORorg
#5 Paul M. Waschkaus Rede: Extrem-Versorgung saba t torro 2011-07-19 19:33
Gruss an gwen dolin!
Genau, was hast du gesehen?
Waschkaus Kamikazestück „Hyänenherz“ von Kroesinger mit Schmieder im toten Berliner Orph inszeniert war kontroverse Extraklasse. Fakt ist, Waschkaus Stücke werden selten gespielt. Bei solch textueller Verve frage ich mich allerdings: Warum nicht? Wem fehlt hier der Mut? Theaterverlagen oder Regisseuren, die sich allzu oft für leichte junge Dramatik engagieren lassen oder sich allein mit Klassikern an die Öffentlichkeit wagen.

Der Autor ist schließlich nicht verpflichtet, seine Stücke auch umzusetzen. Seine Aufgabe ist es, uns wohlstandsgelangweilte Konsumenten mit Extremen zu versorgen, die eine periphere Nervenbahn streifen und wenigstens einige wach halten.
#6 Paul M. Waschkaus Rede: peinlich berührtgwendolin 2011-07-20 01:44
der trailer ist ja noch übertrieben spannend...aber live...!!
ödeöde...
eine art von performance, aber ohne jegliche praxiserfahrung, oder - umsetzung, ohne geschmack,fast kitschig oft, zusammengestückelte, völlig überdramatisierte, künstliche bis kunsthandwerkliche einfälle..., -- er ist ein kluger kopf und wenn er liest, ist er wunderbar, wenn auch manchmal etwas ausschweifend und nicht zu stoppen..aber das inzenieren sollte er bitte, bitte!! - anderen überlassen...--
es waren einige der wenigen male am theater, wo ich mich - richtig geschockt ob des mangels an regie-umsetzfähigen wissens!! -- peinlich berührt nach hause grußlos nach hause geschlichen habe, wirklich, ehrlich...und ich habe es mehrere male wieder versucht, in guter hoffnung, eine veränderung zu sehen..

ja, praktische umsetzung und theoretischer anspruch klaffen hier meines erachtens weit auseinander..- aber vielleicht ist das ja auch gut so...- vielleicht muß ein autor nicht alles können...-

ich habe fast alle invasor-performance-auftritte, ich rede lieber nicht von inszenierungen!, sowie einige lesungen der letzten jahre gesehen...
mehr möchte ich nicht schreiben, denn ich möchte nicht erkannt werden, auch wenn es feige ist.
auf nachfrage würde ich es ihm auch selbst sagen. aber eben nicht hier.
#7 Paul M. Waschkaus Rede: Blick in den Abgrunderotische Versalien 2011-07-20 02:35
Vom Trailer her gesehen, bleibe ich zunächst mal beim Text. Was mir daran gefällt, ist der Blick in den Abgrund JEDES Menschen mit dem zärtlichen Hinweis, dabei das Schlagen des eigenen Herzens nicht zu vergessen. Wohl wahr. In der totalen Negativität eigener und fremder Leidenserfahrungen aufzugehen, das geht nicht gut aus:

"Wo Fälschung und Lüge sich zur höchsten Wahrheit ernannt hatten, war die einzige Handlung, die sich als wahr bezeichnen ließe, der Selbstmord."
(Karin Boye in Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands")

"Il ne faudrait pas ex-aspérer, il faudrait es-pérer. L'exaspération est un déni de l'espoir. Elle est compréhensible, je dirais presque qu'elle est naturelle, mais pour autant elle n'est pas acceptable."
(Stéphane Hessel, "Indignez vous!")
#8 Paul M. Waschkaus Rede: zu hoher Pathoslevel ödön 2011-07-21 20:58
@saba t orro: (...) "Seine (des autors) Aufgabe ist es, uns wohlstandsgelangweilte Konsumenten mit Extremen zu versorgen, die eine periphere Nervenbahn streifen und wenigstens einige wach halten."

ich finde das einen problematischen versorgungsanspruch an dramatik. bei aufwachproblemen würde ich den wecker wechseln. mein problem mit dem waschkaufuror ist: ich bin ja schon wach, aber da hört und hört etwas nicht auf zu rütteln. und rüttelt auch dinge durcheinander, die wenig oder nichts miteinander zu tun haben. bei zu hohem pathosspeed bleibt eben einiges auf der strecke. - dennoch: ehrlichen glückwunsch zum preis!
#9 Paul M. Waschkaus Rede: herausgeschriebene Extasemarterhorn 2011-07-21 21:52
Spannender Text! Die Debatte zielt aber weit am Thema vorbei.

Gönnen wir gwendoline ihre „peinliche Berührtheiten“. Wer sich jahrelange Besuche antut, und den Mut nicht aufbringt, Kritik zu äußern oder zu Hause zu bleiben, wird auch Genuss daraus gezogen haben. Auf ihre persönlichen Befindlichkeiten weiter einzugehen, wäre Kraftverschwendung.

Vielleicht liest und inszeniert der Autor Waschkau ja tatsächlich schlecht. Kann ich nicht beurteilen; geschenkt.

Die Rede ist allerdings ein Rausch, der einem Autor nicht zufällig aus dem Ärmel fällt. Das ist „bei lebendigem Leibe“ herausgeschriebene Ekstase, die in höchstem Maße anregt, sich mit dem Thema „Nacktes Leben“ und Waschkaus Texten intensiver zu beschäftigen. Packen wirs an!
#10 Paul M. Waschkaus Rede: herausgeschriebene Extase IImarterhorn 2011-07-21 21:53
Zurück auf Anfang.
Halten wir fest, dass der Autor und sein dramatischer Text „Bei lebendigem Leibe“ ausgezeichnet wurde und zur Diskussion eine theoretisch-poetische Rede steht, die hier sicher nicht ganz grundlos publiziert wird.

Waschkaus Rede über das „Nackte Leben“ in Anspielung auf Giorgio Agambens Buch „Homo Sacer“ zeichnet sich nicht allein durch kenntnisreiche Theorie aus sondern auch durch Stil und literarische Klasse. Lange nicht mehr solch engagierten Text von einem Dramatiker gelesen.

Waschkaus Text-Schlachten mögen also bitte Theater und Regisseure ähnlichen Kalibers umsetzen!
#11 Paul M. Waschkaus Rede: fundierte Regie war das nichtgwendolin 2011-07-22 00:33
lieber herr marterhorn,
das sind keine persönlichen befindlichkeiten.
ich rede von professionellen ansprüchen in einer theatralischen inszenierung, die es nicht gab. und die mich als professionellen theaterbesucher zutiefst geschockt haben. aufgrund des hohen anspruches im programmheft, des textes und der unglaublich -- ja unglaublich!! -- laienhaften umsetzung...mit aller mißachtung jeglicher künstlerischer umsetzung...weder in bezug auf performance-kunst, noch auf den anspruch einer inszenierung bestrachtet.....
ich hatte die aufführungen nicht aus persönlichen gründen besucht, es gab berufliche gründe dafür. wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich schon nach der ersten performance weg geblieben.

herr waschkau liest nicht nur, er inszeniert , oder versucht es, seine eigenen texte auf die bühne zu bringen. diese aufführungen habe ich angesprochen, nicht seine texte, filme oder lesungen.

ich bitte sie, lieber herr marterhorn, in zukunft nicht derart oberflächlich über andere meinungen hinweg zu bügeln. oder stand ihnen iohr eigenes kopfgebirge dabei im weg?

aber auch ich gönne seinen texten fundierte regisseure.
wenn sich jemand findet.
#12 Paul M Waschkau: intensiver kümmernsaba t torro 2011-07-23 18:50
@ an ödon + marterhorn + erotische Versalien ---- Bin euch und anderen dankbar, dass sich hier viele dem Thema widmen.

Gebe Ödön gerne Recht, dass die Preisrede mit „hohem pathosspeed“ daher kommt. Bei dem Tempo und der Komplexität bleibt zwangsläufig einiges auf der Strecke. Aber werden wir nicht oft erst von „anregenden Ekstasen“ betört?

Ich glaube schon, dass die meisten sehr wach sind. Nur sollte man die eigene Wachheit von Zeit zu Zeit einem Stresstest aussetzen. Meine Erfahrung ist, dass sich im Theaterbereich viele bereits extrem politisch fühlen, allein weil sie Stücke von Brecht, Büchner oder Müller zur Aufführung bringen oder darin mitspielen. Das ist zu wenig. Darum hat mir der folgende Satz sehr gefallen:

„THEATER MUSS MEHR SEIN ALS DER KLECKS EINER
VORSTELLUNG EINES TEXTES VOR PUBLIKUM.“

Das heißt auch: Der Autor gibt sich nicht zufrieden damit, dass er ein politisches Stück zum Thema „Nacktes Leben“ geschrieben hat, das ausgezeichnet auf dem Spielplan eines Theaters steht.

Nein. Er sagt und mahnt: Das ist nicht genug!
Unsere Sicherheit ist eine Scheinsicherheit.
Wir müssen uns mit unseren bescheidenen Möglichkeiten intensiver kümmern.
Und zwar so, dass wir unser Herz schlagen hören.

Bildet Antikörper! -oder- Empört euch!
Da, wo es menschlich, gesellschaftlich oder politisch schmerzt.
#13 Paul M. Waschkaus Rede: ein Appell, den die Theater selbst verhindernmartha hari 2011-07-28 22:58
Waschkaus visionärer Appell, für ein Theater, das die Schlacht der Schreibmaschine in eine Arena, eine Agora oder ein Tribunal verwandeln möge, ist wie ein kalter Stich ins warme Nest der Stadttheater.

Solch Apell stört nur den Spielplan, den reibungslosen Ablauf und die Ruhe im Haus. Es erfordert Engagement, Studium von Theorien, und schwierigen Transformationsaufwand fürs Publikum. Macht also Arbeit.

Dramaturgen werden das gekonnt zu verhindern wissen. Sei es durch Intrige oder Passivität.
#14 Paul M. Waschkaus Rede: Schluss mit der Altersdiskriminierung kurz 2011-07-29 14:58
Diesen Faden nicht vergessen!

Schluss mit der Altersdiskriminierung im Betriebssystem Kunst & Kultur. Die Diskussion, die Waschkau hier anschlägt, muss unbedingt geführt werden.

Es ist empörend, wie große Kulturämter dieses Landes unter der Etikette von Nachwuchsförderung Generationen von Künstlern ignorieren, nur weil sie älter als 35 sind. Die Kulturlandschaft ist reich gesegnet mit Stipendien für junge Literatur oder Kunst.

Für Themenwettbewerbe, wo es um wichtige politische gesellschaftliche Belange geht, sollte es keine Altersgrenzen geben dürfen.

Daher Lob für die Auslober des Leonhard-Frank-Preises zum Thema "Nacktes Leben" und Lob, dass sie einen so erfrischenden engagierten 47jährigen Dramatiker ausgezeichnet hat!
#15 Paul M. Waschkaus Rede: so schwarzweiß sind die Theater nichtödön 2011-07-29 19:42
@14: warme stadttheaternester, an denen nicht gearbeitet wird und ruhe herrscht, verhindernde dramaturgen, etc. etc. - ist das denn so? habe ich anders erlebt. lebendig, bunt, selbstausbeuterisch. aber schwarzweiß scheint die welt natürlich schön einfach. ist sie aber nicht.
#16 Waschkau-Rede: das Darüberhinausmartha hari 2011-08-02 23:35
@ ödon14

Es geht hier ja nicht allein um Theater und Inszenierungen sondern um das Darüberhinaus.

Die meisten Stadttheater sind große Tanker,
die sich nur schwer manövrieren lassen.
#17 Waschkau-Rede: im Garten der Poesiemartha hari 2011-08-02 23:36
Habe mich mal kundig gemacht. So berühmt ist der Typ ja nicht.
Auf Invasor.org finden sich jedoch Schätze, die alles andere denn wüst aussehen.

Wenn das Theater Würzburg Mut hätte, sollte es den Theoretiker und Theatermacher Waschkau sein Stück „Bei Lebendigem Leibe“ selbst inszenieren lassen und/oder ihn als Künstlerischen Leiter eines Frank-Foucault-Tribunals engagieren.

Er scheint einige kunstvolle Schrägheiten auf Lager zu haben und kümmert sich um Ränder, wo Überlebensstoffe und seltene Anpflanzungen wachsen, nämlich in den Gärten der Poesie.
#18 Waschkau-Rede: Wunschgwendolin 2011-08-03 21:02
@martha hari
oh, bitte nicht selbst inszenieren lassen!! gerne eine inszenierung seiner texte..aber mit hilfe eines profi-regisseurs!!! bitte!!! sonst legt er sich selbst ein ei...glaubt mir...
#19 Waschkau-Rede: Überwachung?stroganoff 2011-08-09 13:48
Eigentlich sollte es hier ja um die Beschäftigung mit dem brisanten politischen Thema "Nacktes Leben" gehen, wie es der Autor Waschkau in seiner Rede so exzellent umkreist, dass man nur staunen kann.

Es wird aber immer Leute wie diesen gwendolin geben, denen so etwas völlig am Arsch vorbei geht.
Er ist weder in der Lage, zu Waschkaus Theaterarbeiten noch zur Debatte "Nacktes Leben" einen klugen Satz zu schreiben. Seine Kommentare geben Befindlichkeiten wieder, die öder geschrieben kaum sein könnten.

Natürlich kann man etwas schlecht finden, d’accord. Man soll das auch sagen dürfen. Wer aber im primitiven Dauergequengel behauptet, alle Theaterarbeiten vom Regisseur Waschkau wären dermaßen öde und schlecht, der sollte nachvollziehbare Argumente darlegen können, die Stück, Ort, Jahr benennen. Das darf man als Forumsleser wohl verlangen, gerade dann, wenn man wie gwendolin berufsbedingter Zwangsbesucher war. Warum eigentlich? Kritiker kann er mit seiner Schreibe unmöglich sein?

Mir drängt sich der Eindruck auf, hier gwendolin zieht unter dem Vorwand beruflicher Notwendigkeit und Kennerschaft eine private Fehde durch. Er scheint dieses Forum wie ein IM zu "überwachen". Und da kommt mir gelinde gesagt gerade dieser Tage die ganze Ostsoße wieder hoch.
#20 Waschkau-Rede: Menschenrechte weiterdenkenerotische Versalien 2011-08-09 18:01
Wichtig: Agambens Begriff des "nackten Lebens" ist nicht wörtlich zu verstehen, sondern vielmehr als Metapher. Das wörtliche Verständnis würde wohl eher der Vulgärinterpretation irgendwelcher Vollidioten entsprechen. Aber: Es geht um mehr. Es geht um die Frage der universalen Menschenrechte, um die Frage der unantastbaren Menschenwürde, welche für alle Menschen gleichermaßen gelten sollte, auch im Falle des sogenannten Ausnahmezustands.

Vor diesem Hintergrund könnte man zum Beispiel fragen, warum einerseits ein Kindermörder (Magnus Gäfgen) allein aufgrund der Androhung von Folter durch die Polizei 3000,- € Entschädigung erhält, warum andererseits aber Gefangene/mögliche Terroristen im Gefangenenlager Guantanamo und im Gefängnis Abu Graib tatsächlich gefoltert werden, ohne dass sie einer rechtsstaatlichen Behandlung zugeführt werden. Damit soll keineswegs die Schwere der Terroranschläge vom 11. September 2001 geleugnet, sondern vielmehr ein Weiterdenken angeregt werden, wie Politik funktionieren oder eben nicht funktionieren sollte: auf der Basis reflexhafter Freund-Feind-Schemata oder nicht doch lieber etwas ausdifferenzierter.
#21 Waschkau-Rede: erlaubte Kritikgwendolin 2011-08-09 18:46
@stroganoff
IM, ostsoße, überwachen?
wer bringt hier verschwörungstheorien ins feld??
private beleidigungen, während ich, aus rücksichts- und pietätsgründen neutral, beruflich und professionell geblieben war?
ich habe nichts gegen herrn waschkau persömlich. und schon gar nichts gegen seine texte. doch, ich komme aus der literarischen, theaterprofi- vielleicht auch, obwohl eher weniger...hmhm... kritiker-ecke..aber ich mu0 hier nicht meine professionelle schreibe heraushängen lassen - warum auch? -- es ging mir, ehrlich gesagt, nur darum, zu konstatieren, daß hier literarischer anspruch, die proklamatorischen texte...und umsetzerisches können in der praxis sehr sehr weit auseinanderklaffen...-- ist ja auch nicht schlimm...- das bricht seinen texten nicht den königlichen zacken ab....-- wer hätte gedacht, daß sofort seine (privaten??-!!!) leibwächter- und schießhunde sich berufen fühlen, für ihn verteidigend in die bresche zu springen..jaja..wer hätte DAS gedacht?? -- als ob er sich nicht selbst verteidigen könnte....-- was ich übrigens nicht glaube.... - im gegensatz zu den kommentatoren hier, habe ich seine werke wertgeschätzt und einfach -- berechtigterweise und hier auch erlaubterweise (heißt es doch nacht.KRITIK) - eben - kritisiert....
#22 Waschkau-Rede: Konzept und Erlebnisder baader 2011-08-12 18:10
Als Besucher, der im Theater neue Stoffe liebt und ungewöhnliche Darstellungsformen, muss ich hier mal ne Lanze für den Regisseur Waschkau brechen.

Als Neukölln vor 3-4 Jahren noch nicht so hipp war, und das Schauspiel Neukölln eine ausgeleierte Bühne, war ich Dauergast und heimlicher Fan einer vom Autor/Regisseur Waschkau geleiteten Serie "Stücke vom Rande der Welt". Einige Inszenierungen waren leicht, andere schwerer zugänglich, was natürlich auch an der Stücken lag. Mittels einer gewissen Strenge und Purheit waren die Inszenierungen alle sehr eigen, von sprachlicher Schärfe und gestalterischer Intensität, selbst dann, wenn er neue fremde Stücke in – sagen wir mal – szenischen Versuchsanordnungen – vorstellte und große Passagen nur gelesen wurden. Dahinter steckte ein klares ästhetisches Konzept. Öde oder gar langweilig war es im Ganzen nie, für den Zuschauer eher eine spannende Herausforderung.

In den Publikumsgesprächen nahm sich das Leitungsteam weitgehend zurücknahm, so daß richtige Streitgespräche unter Zuschauern zustande kamen, die oft so lange dauerten wie die Vorstellung. Einmal wäre es unter Zuschauern im Meinungsdisput fast zu einer Schlägerei gekommen. Ein echtes Erlebnis!
#23 Waschkau Rede: metaphorisch offenzett 2011-08-13 15:32
@ 7 erotische versalien

Könnten Sie die beiden Zitate bitte interpretieren?
Ich kann sie im Kontext nicht einordnen und das Französische verstehe ich nicht wirklich.

Die Suche nach einer „Ästhetik des Widerstandes“ – ganz frei und metaphorisch offen - halte ich an sich für notwendiger, als die kleine Widerstandsformel „Empört euch“ von Hessel.

Ein Suchen und Finden einer „Ästhetik des Widerstandes“ hat den Vorteil, daß sie die persönliche Lebensweise als existentielle im Ganzen im Blick hat.

So verstünde ich auch die Formel „Bildet Antikörper“, die als Lebensweise auf dem Weg ist, sich aus den Vernetzungen der Machtstrukturen soweit als möglich zurückzuziehen.
#24 Waschkau-Rede: Theater muss als neue Instanz Urteile verkündenzett 2011-08-13 15:34
Agamben benutzt die Formel „Nacktes Leben“ als eine Art „terminus technicus“ im historischen Kontext philosophischer Begriffe. In diesem Sinne hatten schon immer Gruppen, die die Macht hatten, Rechte, die anderen vorenthalten oder gar genommen wurden. Im extremsten aller Fälle – dem „Nackten Leben“ – werden sie aus der Rechtsordnung herausgelöst und sind damit in verschiedenen Stufen der Abgrenzung rechtloser bis völlig rechtlos.

Das trifft i.S. Agambens auch zu für die Guantanamo-Gefangenen, denen zunächst nur „Überlebensrechte“ zugebilligt werden sollten, aber weder Rechte für Gefangene nach der Genfer Konvention (Folterverbot) noch Rechte nach der amerikanischen Rechtsordnung. Die sollen jedem „Menschen“ zustehen, der sich auf amerikanischem Hoheitsgebiet befindet. In diesem Sinne waren/sind die Guantanamo-Gefangenen für die amerikanische Machtelite „keine Menschen“.

Vermutlich geht Waschkau über diesen Begriff metaphorisch hinaus, weil es einem Dramatiker literarisch und bildnerisch größere Denk- bzw. Spielräume schafft. Jedenfalls muss er sich an die philosophischen Begriffsabgrenzungen nicht halten.

Beide Formen der Auseinandersetzung, die theoretische wie die literarische, sind Formen der Klage bzw. der Anklage. Die Forderung, das Theater nicht nur als reine Spielstätte zu nutzen, sondern mehr denn je als gesellschaftspolitischen „Krisenkompressor“ , wo zu den brennenden Themen der Zeit TRIBUNALE abgehalten werden, ist schon darum ein interessanter Ansatz. Das Betriebssystem Theater und all seine Macher (von der Intendanz bis zum Schauspieler) können sich dann nicht nur hinter Kunst oder Kunsthandwerk verstecken, sondern müssten Theaterkunst und dramatische Texte mit Theorien, Gesellschaft und Politik verbinden, um zuletzt als neue Instanz „URTEILE“ zu verkünden.
#25 Waschkau-Rede: Frauenfiguren in der Ästhetik des Widerstandserotische Versalien 2011-08-15 21:05
@ zett: Mit den beiden - tatsächlich etwas aus dem Kontext gerissenen - Zitaten wollte ich auf folgendes hinaus:

Peter Weiss hat seine "Ästhetik des Widerstands" in den Kontext der europäischen Arbeiterbewegung im Widerstand gegen die faschistische Diktatur gestellt. Er beschreibt darin u.a. zwei Frauenfiguren, welche mit der Wahrnehmung des nackten Lebens in den Konzentrationslagern jeweils unterschiedlich umgehen.

Auf der einen Seite steht eine Frauenfigur, Karin Boye, welche vom Schmerz des Unsagbaren überwältigt wird. Sie gräbt sich tief und unerbittlich in das Leid der Toten hinein, sie kann und will inmitten des ideologischen Verblendungszusammenhangs nicht mehr leben und sieht folglich allein im Selbstmord den Ausweg aus der Nacht des unendlich Möglichen (des rechtlich ungeschützen nackten Lebens).
Auf der anderen Seite steht eine Frauenfigur, Lotte Bischoff, welche im (Auf-)Schreiben des Erfahrenen den schöpferisch-gestalterischen Ausweg sucht, den Traum nach vorn, das Prinzip Hoffnung (deshalb das Hessel-Zitat). Diese Frauenfigur nutzt ihren individuellen Handungsspielraum innerhalb der heillosen Vernunft des faschistischen Totalitarismus.

Kommentar schreiben