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Schlag den Speer!

von Steffen Becker

München, 30. Oktober 2011. Die Ankündigung war zweifelsfrei ein Coup. Martin Kušej, neuer Intendant am Münchner Residenztheater, krempelt das Haus radikal um und lädt sich als Sinnbild mit Frank Castorf den bekanntesten deutschen Theaterrevoluzzer ein. Castorf! Inszeniert Horváth! Zum ersten Mal! In München – wo sein erstes Engagement vor 20 Jahren einen Skandal provozierte.

Vorab hatte sich Castorf als Regisseur von "Kasimir und Karoline" bereits zur Fehlbesetzung erklärt. "Ich bin expressiv und gewalttätig, also im Grunde der Falsche für das Stück", sagte er dem Münchner Merkur. Weswegen er in seiner Inszenierung von dem Stoff wenig übrig lässt.

Oktoberfest als Puzzlespiel

Die Handlung – Chauffeur Kasimir wird während der Weltwirtschaftskrise "abgebaut", seine Braut Karoline sucht auf dem Oktoberfest die Nähe zu gut betuchten Herrschaften – dient ihm nicht einmal als roter Faden. Castorf durchbricht die Geschichte wie die Schauspieler die schwarzen Papierabtrennungen der Bühne, wenn sie einen besonders rohen Auftritt oder Abgang hinlegen. Er mischt die Szenen wild durcheinander, so dass sich die Geschichte nicht entfaltet, sondern als Puzzlespiel daherkommt.

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Typus oder Individuum? © Thomas Dashuber

Nach der Pause bleiben dann nur noch Spurenelemente des ursprünglichen Textes über den Oktoberfestreigen, seine vordergründige Gleichmacherei, die Arm und Reich an der Pissrinne zusammenführt, und den Zwiespalt der Figuren zwischen ihren Gefühlen und dem Wunsch nach ökonomischer Sicherheit. Dass Castorf seine Inszenierung trotzdem auf über vier Stunden bringt, liegt an zahlreichen Einschüben, die sich an dem zentralen Begriff Typus abarbeiten – Abhandlungen über den Typus des entindividualisierten Filmschauspielers oder über die Rangordnung des Typus und des Individuums.

Geschrei auf hohem Niveau

Letztere stammt von Ernst Jünger. Seine Texte haben ihren festen Platz bei Castorf, sollen in der Inszenierung den politischen Rahmen der Entstehungszeit des Stückes markieren. Die womöglich angedachte Widersprüchlichkeit zwischen der aggressiven Mobilmachungs-Rhetorik von Jünger und dem eher therapeutisch geprägten Horváth kommt jedoch nicht zum Tragen. Denn die Schauspieler deklamieren diese Texte in ihren Rollen als Kasimir, Karoline etc. Als diese Figuren verlieren sie durch die Einschübe an Konturen. Zugleich strahlt der chargierende Monolog-Duktus auf das gesamte Stück aus. Die Inszenierung erstickt an ihrem Geschrei.

Dank eines hochkarätigen Ensembles mit Bibiana Beglau (Dem Merkl Franz seine Erna, Rosa, Herr Schürzinger) und Nicholas Ofczarek (Kasimir) ist es immerhin Geschrei auf hohem Niveau. Beide zeigen sich als Energiebündel, die es schier zu zerreißen scheint angesichts des Drucks, in nahezu auswegsloser Situation zu Geld und Ansehen zu kommen. Aber auch ihre Kraftanstrengung kann nicht verhindern, dass ihre Figuren der Dekonstruktion zum Opfer fallen, die ihre Entsprechung auch in einer zunehmend verwüsteten Bühne findet.

Schläge für Albert Speer

© Matthias Horn
Pragmatisch naiv: Birgit Minichmayr als Karoline © Matthias Horn

Zwischen einem riesigen rollenden Bierfass, verschmutzten Toiletten-Anlagen und Standarten mit dreiköpfigem Fischmotiv kommt einem allenfalls Birgit Minichmayr etwas näher. Ihre Karoline ist von einer hinreißenden pragmatischen Naivität. Mit einer perfekt auf die Figur abgestimmten, leicht rauchig-prolligen Stimme lotet sie bei den Herren ihre Möglichkeiten aus – hier ein Eis essen mit dem Zuschneider, da ein bisschen Schäkern mit dem Kommerzienrat. Einfach mal gucken und leben – da muss man doch nicht gleich ein Drama draus machen. Leider verschwindet sie zeitweise komplett aus der Inszenierung.

Diese widmet sich in der Endphase einer quälend langen Nazi-Assoziationskette. Albert Speer liegt röchelnd auf einer Matratze und wird von einer asiatischen Prostituierten geschlagen. In einem Schilffeld wird das von KZ-Häftlingen erfundene Lied "Die Moorsoldaten" gesungen, eine Partei-Uniform landet im Klo, ihr Träger bekommt den Hintern versohlt und hat homosexuelle Anwandlungen.

Was als Sampling-Technik bei René Pollesch vielleicht ein rasant geschnittener, cooler Videoclip geworden wäre, hinterlässt bei Castorf das gleiche Gefühl wie Herumzappen in einem Abendprogramm, dessen Werbepausen mit den Nazi-Dokus von Time Life bestückt ist: Erschöpfung und Leere.

 

Kasimir und Karoline
von Ödön von Horváth
Regie: Frank Castorf, Bühne: Hartmut Meyer, Kostüme: Jana Findeklee und Joki Tewes.
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Mai-Thy Hoang, Shenja Lacher, Tatjana Lindl, Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek, Jürgen Stössinger.

www.residenztheater.de

 

Vom Auftakt der Intendanz Martin Kušejs am Residenztheater berichtete nachtkritik.de ausführlich: Das weite Land, Halali und Eyjafjallajökull-Tam-Tam.


Kritikenrundschau

Nach dem braven Start der Kušej-Intendanz soll es nun also "Frank Castorf, der skandalreiche Horroronkel und Altmeister unter den inszenierenden Knochenbrechern, richten", beobachtet Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (2.11.2011). Und ist nur mäßig begeistert: "auf schier endlose Passagen, in denen die Aufführung auf assoziativen Nebenstrecken kreist, folgen grandiose Sabotageakte, in denen sie aufs tollste entgleist. Aber so war es immer bei Castorf: Vor dem Gipfelsturm liegen die Mühen der Ebene - eine Viertelstunde genial, vier eine Qual -, und plötzlich öffnet sich das Spiel, gibt es die schlagende Bildfindung, das evidente Bühnenzeichen." Für die Hauptfiguren lasse Castorfs Furor allerdings lange nur Minijobs übrig. Dennoch seien es die Schauspieler, die selbst aus mäßig inspirierten Impro-Einlagen Funken schlügen. Castorfs Münchner Pandämonium funktioniere "wie gehabt nach dem Prinzip der Überproduktionskrise: Erst die völlige Verausgabung macht aus Theater ein wildes Verschwendungsfest. Und dazu gehört eben auch der großzügige Verbrauch von Zuschauer-Lebenszeit. Den U-Bahn-Plan hatten Revoluzzer noch nie im Kopf."

Angetan zeigt sich Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.11.2011) von weiten Strekcen dieses Abends, der "geradezu derart textverliebt in Horváths Volksstück" sei. Besonders Nicholas Ofczarek rage als Kasimir heraus, denn er "spielt die Rolle wie aus Horváths Musterbuch: nach außen hart, stilisiert und cholerisch, in den Untiefen seiner rot-weißen Stricklatz-Zwangshose aber weich, ängstlich und manisch panisch." Castorf gelinge es, "Horváths Absicht", durch "Ernst und Ironie das Bewusstsein zu demaskieren", adäquat umzusetzen: "Natürlich reagiert, wo bei Horváth 'Stille' gefordert wird, bei Castorf der horror vacui. Doch er inszeniert den Lärm um Horváths 'Stille' herum – das wirkt in diesem Fall genauso gut." Erst in der zweiten Hälfte wird dieses "Volksstück für und wider das Volk" in den Augen der Kritikerin zunehmend diffus: "Vielleicht ist Castorf aufgefallen, wie gut er zu Horváth passt: launisch, kantig, wandelbar (…). Vielleicht stolpert er deswegen im zweiten Teil auf und davon, während er kichernd lange Textpassagen von Ernst Jünger 'über die Gestalt des Arbeiters und den Typus des Schauspielers' vortragen lässt und sich nach einer Weile gar nicht mehr umblickt, um zu sehen, ob die Zuschauer ihm noch folgen."

Hin und her gerissen zeigt sich auch Anke Dürr auf Spiegel online (31.10.2011): Ein "Fest intelligenter Schauspielkunst" hat sie erlebt; diese "Horváth-Überschreibung ist ein echter Castorf geworden". Castorf "assoziiert wild, provoziert, nervt, überfordert und schafft große Momente". Dennoch fällt das Fazit zwiespältig aus: "Das alles ergibt in seinen fast viereinhalb Stunden keine gelungene Inszenierung, auch in Castorfschen Kategorien nicht, dafür rennt er zu viele offene Türen ein und lässt zu lang dozieren. Das Verhältnis von großartigen Passagen zu nervigen fiel früher, in den goldenen Neunzigern, günstiger aus bei ihm. Aber die Energie, die er an den Spitzen freisetzt und die man so viel zu selten erlebt im Theater, entschädigt bei "Kasimir und Karoline" für die Mühen der großen Text-Ebenen."

Mit einem schönen Merksatz zum Castorf'schen Dekonstruktionsprinzip wartet Silvia Stammen in der Neuen Zürcher Zeitung (1.11.2011) auf: "Gelingt der Zugriff, dann kann die Castorfsche Theatermaschine wie eine Dampfwalze mit Ferrari-Motor durch ein Stück rollen und beim Zersplittern gewohnter Sinnzusammenhänge eine Wolke wüster Wahrheiten zum Aufleuchten bringen." Leider bleibe in München "nach vier streckenweise zäh dümpelnden Stunden nur ein Haufen rostiger Ideologieschrott übrig". Der erste Teil des Abends beleuchte das "durch und durch verkommene Unterschicht-Milieu". Wie schon früher bei Castorf "verbringt man viel Zeit auf dem Klo als universalem Bedürfnisort, wo sich Klassen- und Gesinnungsunterschiede im braunen Dreck verwischen und die Sehnsucht nach Höherem mit heruntergelassenen Hosen zu sich selbst findet". In der zweiten Hälfte werde die zur "Dauereskalation nötige Spielwut" nurmehr "punktuell" aufgebracht. Aus dem Ensemble rage Bibiana Beglau als "heimliche Queen des Abends" heraus, während Nicholas Ofczarek als "Berserker und beinahe autistischer Alleinunterhalter, der mit Grandezza und Geifer die Szenerie beherrscht", die Kritikerin weniger überzeugt.

In der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio (30.10.2011) sagt Sven Ricklefs: Horváths Stück sei bei Castorf "ein trashiges Szenenpotpourri, schrill überzeichnet, verschnitten mit herbei assoziierten Texten und eigenen Szenen, manchmal gnadenlos verkalauert, manchmal gnadenlos ausfransend und nur ganz selten auch so anrührend wie Horvath dieser Salon-Revolutionär das wohl tatsächlich gedacht hatte." Dieser ausfransende Umgang mit Horváth würde "den Abend passagenweise brillant komisch machen".

Überaus verärgert zeigt sich Cornelie Ueding in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (31.10.2011) von diesem "eitel-beliebigen" Castorf-Abend: "Mit langen Zitaten aus einer der perfidesten faschistoiden Hetzschriften, Ernst Jüngers 'Arbeiter', hat er den Text durchsetzt, die Figuren lässt er ein buntes Potpourri aus Naziliedern, kokett mit dem Publikum verbandelt, herausgrölen – tja, wenn's drum geht, die Leut zum Lachen zu bringen, ist der künftige Ring-Regisseur um keinen launigen Einfall verlegen." Dabei bestätige Castorf mit seinem "Bemühen, ganze Systeme zu erfassen und zu attackieren", Jünger "auf höchst bedenkliche Weise", denn in diesem Ansatz "spielen einzelne Menschen, ihr Leben, ihre Gefühle, nur noch eine ganz und gar untergeordnete Rolle."

Weniger von der Regie als von den Schauspielern ist Jan Küveler von der Welt (1.11.2011) begeistert: "allen voran Ofczarek und die bezaubernden Krawall-Barbies Minichmayr und Bibiana Beglau". Zum Konzept gibt's so viel: "Horváth strickte seine Welt aus Melancholie und Milde. Bei Castorf brüllt man: 'Krieg ist ein Naturgesetz.' Da kann man nur als genmanipulierter Supermann bestehen", weshalb lang aus Ernst Jüngers "Der Arbeiter", einem "futuristischen Manifest", zitiert werde.

Ein "Grenzen sprengendes Theaterfest" hat Uwe Mattheiss für die Tageszeitung (31.10.2011) erlebt: Zu Anfang werde der "Abort als Hort des falschen Bewusstseins" gezeigt, ehe das Drama des gekündigten Chauffeurs Kasimir beginnt: "Der Körper, der sich bislang nur in der Symbiose mit der Maschine wahrnehmen konnte, die seinen Kräften in der Arbeit Form und Richtung gab, greift sich nunmehr selbst an. (…) Nicholas Ofczarek trägt diesen Übergang von der Ökonomie in den Stoffwechsel bis in jede Körperzelle aus. Sein Spiel der Überidentifikation sprengt das, was man gemeinhin unter Figur versteht, und führt das Zerbrochene in die Überhöhung." Auch die zweite Hälfte deutet der Kritiker konsequent materialistisch, mit ökonomietheoretischem Einschlag: "Die Überproduktion an Waren und Menschen wird hierin dem Schlachtfeld überantwortet." So gebe es in diesen "viereinhalb Stunden Theater in seiner ganzen Fülle. Das Geschenk bleibt am Ende der einzig mögliche subversive Akt in der Ökonomie wie in der Kunst. Es setzt in beiden Sphären das Gesetz des Tauschs außer Kraft. Abonnenten bekommen mehr, als sie erwarten, auch das irritiert."

Einen "bunten, opulent selbstreferenziellen Abend" habe Castorf aus Horváths Oktoberfeststück gemacht, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (03.11.2011). Es gehe in Kasimir und Karoline ja ums Sich-verkaufen-Müssen – also auch ums Theater. Deshalb wimmele es in dieser Inszenierung von Theaterwitzen, schlechten Witzen natürlich: "Castorf ist in der Phase der Verbeugung vor sich selbst angekommen, er grüßt mit Kalauern die heimische, von ihm geleitete Volksbühne, das liebe Berlin, und verschwenderisch zitiert er das eigene, ruhmreiche Schaffen." So kriege er auch Horváth klein. Kasimir und Karoline, das sei in München "ein endloser Abend der Brüche und Assoziationssprünge." Man sehe "die Fluchtbewegungen eines Mannes, dem im Theater auf paradoxe Weise alles gleichzeitig zu lang dauert (er hält keine Spannung und bricht jeden "psychologischen Vorgang" ab) und zu schnell geht (seine Aufführungen finden, von Beginn an, kein Ende)." In Abwandlung des Woody-Allen-Spruchs "Komödie ist Tragödie plus Zeit" lasse sich in München sagen: Castorf ist Horváth plus Zeit. "Man ahnt also schon, wie es sein wird, wenn Castorf in Bayreuth den Ring inszeniert."

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