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Amok eines Lehrers

von Charles Linsmayer

Basel, 16. November 2011. 2009 hat Werner Düggelin im Schauspielhaus Basel Eugène Ionescos Die kahle Sängerin inszeniert. In einem englischen Interieur der 1950er Jahre und in einer Spielweise, die aus den absurden Dialogen der Figuren, die laut Ionesco "immer nur reden, ohne etwas zu sagen", die Sprachsubstanz für eine witzig-komische Boulevard-Komödie machte. Zwei Jahre danach hat Düggelin nun, diesmal auf der kleinen Bühne des Theaters, den anderen frühen Ionesco inszeniert: "La leçon", "Die Unterrichtsstunde" – jenes Stück, das zusammen mit "Die kahle Sängerin" seit 1957 ununterbrochen in bisher mehr als 17 000 Aufführungen im Pariser Thèâtre de la Huchette zu sehen ist.

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Kapier's oder stirb!           © Judith Schlosser

Auch diesmal stammt das Bühnenbild von Raimund Bauer – ein modernes Studierzimmer mit einer Drehbühne, hinter der riesengroß ein Studierzimmer abgebildet ist, wie es etwa 1950 ausgesehen haben könnte. Auch die Protagonisten Vincent Leittersdorf (Professor), Marie Jung (Schülerin) und Nikola Weisse (Dienstmädchen) haben alle bereits in der "Kahlen Sängerin" mitgewirkt.

Jean Tardieu zur Einstimmung

Als wolle er erst einmal zeigen, was Nonsens und absurdes Theater eigentlich heißt, lässt Düggelin die drei Mitwirkenden als Prolog Jean Tardieus Kurzstück "Die Sonate und die drei Herren oder Wie man Musik spricht" aufführen: als schwarz befrackte Herren mit Hut vor einer imaginierten Wasserfläche. "Warum gab es nichts zu sehen?", fragen sich die drei mit ernsten Gesichtern. Und finden auch gleich selbst die Antwort: "Weil es nichts zu sehen gab." Der Nonsens feiert Triumphe, und die Freude, die sich verbreitet, als die drei Herren schließlich erkennen, dass sie nicht nur nichts verstehen, sondern dass es gar nichts zu verstehen gibt, versetzt auch das herzlich applaudierende Premierenpublikum in eine frohe Laune.

Ein Schreckensszenario

Das Amüsement setzt sich dann ungebrochen fort, als das Ionesco-Stück beginnt, das Dienstmädchen die neue Schülerin zum Professor ins Zimmer führt und der Unterricht in allen Fakultäten beginnt. Die Gaudi ist groß, als die Schülerin nicht weiß, was vier minus drei gibt, handkehrum aber blitzschnell achtstellige Zahlen miteinander multipliziert. Dann geht es zur Sprachwissenschaft und der Professor entwickelt immer absurdere Thesen und Theorien, denen die Schülerin, die immer lauter über Zahnweh klagt, verzweifelt aber vergeblich zu folgen versucht, so dass der Pädagoge ob ihres Unverstands immer stärker in Rage gerät, je verstiegener und unverständlicher seine Behauptungen werden.

Der Versuch des Dienstmädchens, den Tobsüchtigen zu beruhigen, scheitert, und am Ende zieht er ein langes Messer aus der Schublade und schlitzt, außer sich vor Wut, das Mädchen von unten nach oben auf und liegt wie in einer Liebesszene auf dem toten Körper. Wer glaubt, er habe das bloß gespielt, wird durch sein blutiges Gesicht eines Besseren belehrt. Das Schreckensszenario wird aber erst ganz durchschaubar, als das Dienstmädchen hereinkommt und aus seinen Äußerungen klar wird, dass das eben getötete das vierte Opfer an diesem Tag ist und sechsunddreißig weitere auf ihre Beerdigung warten. Die Leiche wird weggetragen, die Spuren verwischt, und schon klingelt die nächste Schülerin an der Tür.

Was ist absurd?

Obwohl die verkündeten Theorien und natürlich auch der äußere Gang der Handlung vollkommen absurd und surreal sind, entwickelt die Aufführung aus der Figur des Professors heraus dennoch etwas Tragisches, ja Dunkel-Faszinierendes. Wie Vincent Leitersdorf diese allmähliche Verwandlung eines harmlosen Privatlehrers in einen ausser sich geratenden Fanatiker und blutrünstigen Wahnsinnigen – und wieder zurück zu einem über seine Tat erschrockenen großen Jungen! – umsetzt, das ist ein Stück große, imponierende Charakterdarstellung, und Nikola Weisse als vertrottelte, ganz offenbar in den Professor verliebte Komplizin, steht dem, auch wenn sie das nur in wenigen, zumeist pantomimischen Auftritten zeigen kann, in nichts nach.

So, wie er einem da entgegentritt, ist dieser wahnsinnige, sinnlos mordende Professor jedenfalls enger mit Macbeth oder Richard III., als mit Jarrys Ubu verwandt, dem er eigentlich nahestehen sollte. Eine Inszenierung, die aus einer oberflächlichen Lustigkeit heraus ganz langsam und mit virtuos ausgemalten Details und Pointen zu einer Wendung führt, die einem das Lachen im Hals stecken bleiben lässt, macht die Frage, ob das nun absurdes Theater ist oder nicht, ohnehin zu etwas Theoretischem.

Wie man sie auch immer einordnet: Die Inszenierung trägt die Handschrift des Regisseurs Werner Düggelin, seinen Sinn für die Vielschichtigkeit einer Vorlage und seine Fähigkeit, das Beste aus den Schauspielern herauszuholen.

 

Die Unterrichtsstunde
von Eugène Ionesco
Regie: Werner Düggelin, Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Francesca Merz, Dramaturgie: Fadrina Arpagaus.
Mit: Vincent Leittersdorf, Marie Jung, Nikola Weisse.

www.theater-basel.ch



Kritikenrundschau

"Bloss eine Dreiviertelstunde dauert die Zeremonie, und obwohl der Schluss von Anfang an absehbar ist, halten Düggelin und sein exquisites Schauspielertrio die Spannung", so Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (18.11.2011). Ist die Schülerin erst einmal da, provozieren spitzfindige Fragen einen Wulst von wortreichen, oft tautologischen Erklärungsversuchen. "Während der Lehrer sich rudernd verheddert, wippt die Schülerin belustigt auf ihrem Sitz, als spornte sie ihn an. Nebenbei wird klar, wie systematisch und variationenreich Ionesco, Begriffe und Kategorien durcheinanderwirbelnd, das sogenannte rationale Denken auf die kritische Probe stellt." Und Düggelin helfe maliziös nach, wenn er Leittersdorf, der hinter der Wandtafel murmelnd multipliziert, von den endlosen Zahlen "eine runterholen" lässt. "Was Sprache kann und was sie nicht kann: In Basel wird das ein Erlebnis für die Sinne und den Geist."

Beim großen Leichtnehmer Düggelin, huldigt auch Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.11.2011), bleibt dem Stück das, was es gar nicht haben will: ein Geheimnis; ein wissenloser Zauber. Die Ionesco-Maschinei zerfalle, deren Schrauben werden zu Menschen. Der Regisseur mache den Dramatiker besser. "Symbole bekommen Fleisch und Blut. Eine gescheite Dumme treibt einen dummen Gescheiten in den Wahnsinn. Er tötet, was ihn nicht versteht. Sie versteht ihn nicht, weil sie von ihm will, was er ihr nicht geben kann." So werde die "Unterrichtsstunde" zur Unterrichtswunde, die Stückmaschine zur Menschenabgrundwunderwaffe. Fazit: großes, überwältigend komisches Theater.

 
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