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Gebrochen weiß

von Steffen Becker

München, 18. Dezember 2011. Am Anfang werden die Figuren vorgestellt, während sie die Wände des Blech-kahlen Bühnenraums streichen: Elizabeth und Henry Law haben einen Sohn, der auf der Suche nach seinem Vater in Australien Gabrielle York findet und mit ihr Gabriel zeugt – kurz bevor er aufgrund seines Todes doch nicht herausfindet, was Fotos von vergewaltigten Jungs mit ihnen beiden zu tun haben.

Surreales Setting
Am "Ende des Regens" – so der Titel des Stücks von Andrew Bovell – hat Regisseur Radu Afrim den Zuschauern im Münchner Cuvilliés-Theater nicht nur mehrere Fischsuppen kredenzt, sondern auch eine Inszenierung, die ihre Stärke aus schrulligen Einfällen, einem surrealen Setting, einer intensiven Geschichte und kongenialen Schauspielern bezieht.

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Zwischen dem Regen © Thomas Dashuber

Die Familien Law (England) und York (Australien) verbindet eine düstere Geschichte, die sich mühsam aus Nicht-Gesprächen herausschält. Andrew Bovells Stück springt in ineinander geschachtelten Rückblenden in rascher Abfolge zwischen den Schauplätzen und den Jahren 1959 bis 2013.

Regen und Fischsuppe
Schon in der oben zitierten Einführungsszene spielt Radu Afrim mit einem wesentlichen Element seiner Inszenierung. Das Streichen der Wände in "gebrochen Weiß" gehört wie der Regen und die Fischsuppe zu seinen wiederkehrenden Motiven, die je nach Kontext etwas anderes bedeuten. Die junge Elizabeth Law streicht in den 50ern als Ausdruck von Lebenslust. In den 80ern bereitet die Alleinstehende ihrem Sohn (Tom Radisch) einen sterilen Empfang in einer frischgestrichenen Wohnung, in der nichts an die Vergangenheit erinnern soll.

Die Frauen beider Familien werden von je zwei Schauspielerinnen porträtiert. "Das Ende des Regens" ist vor allem deshalb so ein Genuss, weil Andrea Wenzl, Barbara Melzl (Elizabeth Law) sowie Katharina Schmidt und Michaela Steiger (Gabrielle York) jeweils glaubhafte Jung-Alt-Tandems bilden. Auf der Suche nach einem Leben voll geistiger und sexueller Erfahrungen die eine, auf der Suche nach überhaupt einem Leben außerhalb der Enge der australischen Provinz die andere, scheitern sie beide. In der späteren Trinkerin und der später Gebrochenen erkennt man ihre jüngeren Pendants jedoch frappierend gut wieder. Gestik, Bewegungen, Sprechweise – die Darstellerinnen-Duos haben sich perfekt aufeinander abgestimmt, ragen damit aus einem brillanten Ensemble hervor und geben dem Premierenpublikum immer wieder Anlass für Szenenapplaus.

Nervöse Grundspannung
Besonders deutlich wird diese Qualität, wenn Regisseur Afrim die Sphären der Frauen ineinander fließen lässt. Zu "Here comes the rain again" von Eurythmics lernt die junge Gabrielle ihre große und bald tote Liebe Gabriel kennen. Als ältere Frau weitet sie eine Aufzählung der Körperstellen, die ihr späterer Mann Joe (Oliver Nägele) noch nie berührt hat, zu einem Tanz zum selben Song aus. Solche durchaus aufwendigen Choreografien setzt Afrim punktgenau und durchdacht ein. Überhaupt sind seine surrealen Einfälle von Fischkopf-Halma bis zum Kühlschrank-Schlittschuhlauf kein schrilles Beiwerk, sondern erzeugen eine reizvoll-nervöse Grundspannung in der ansonsten gefühlvoll ruhig erzählten Geschichte.

Was die Bühne angeht, so hat Helmut Stürmer aus dem Zwang zur Zeitlosigkeit eine Tugend gemacht. Der kahle Raum wird mit wenigen rollbaren Möbeln und zwei riesigen schwenkbaren Toren von Szene zu Szene aufwendig umgestaltet. Mit Videounterstützung gelingen bewegende Bilder – etwa von Mutter und Sohn Law, wie sie über die Kontinente hinweg scheinbar gemeinsam einen Sandschriftzug auf die Rückwand malen. Zum Schluss haben alle Figuren ihr Wissen zwar nicht miteinander, aber zumindest mit dem Zuschauer geteilt.

 

Das Ende des Regens
von Andrew Bovell
Regie: Radu Afrim, Bühne/Kostüme: Helmut Stürmer, Choreografie: Florin Fieroiu, Dramaturgie: Andreas Karlaganis.
Mit: Lukas Turtur, Andrea Wenzl, Barbara Melzl, Tom Radisch, Götz Schulte, Frank Pätzold, Katharina Schmidt, Oliver Nägele, Michaela Steiger.

www.residenztheater.de


Kritikenrundschau

"Episch breit und filmisch ist die Erzählweise, verschachtelt der Aufbau, von den Dialogen und auch vom Larmoyanz- und Gefühlspathosfaktor her hat das Stück Degeto-Schmonzetten-Format". Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (20.12.2011) diagnostiziert in Bovells Familiensaga eine "rhetorische und emotionale Überschwangskonstruktion" – "mit all ihrer Kitschgefahr, der Radu Afrim nicht selten erliegt." Gastregisseur Afrim verbreite in seiner Umsetzung zunächst "gepflegte Langeweile". Wenn man sich aber in die komplexen Figuren- und Zeitgefüge erst einmal "eingefunden" habe, wachse das Interesse: Und man "wundert sich ob der tänzerischen, surrealistischen Bildkraft, die Radu Afrim zu erzeugen imstande ist; wundert sich aber auch, warum er diese Bilder nicht stärker in einen Guss und die Szenen atmosphärisch in Fluss zu bringen versteht." Die "Fisch-Metaphorik" des Abends gefällt der Kritikerin, denn die "Fischmotive brechen Bovells braven Küchenrealismus" auf. Allerdings seien sie "in ihrer nicht zuletzt religiösen Funktion" auch "merklich bemüht". So entstehe im Ganzen, trotz beachtlicher Schauspielerleistungen, eine "gefühlt langer, seltsam lauer Theaterabend, nicht Fisch, nicht Fleisch."

Angesichts des starken Schlussapplauses, könne "Residenztheater-Intendant Martin Kusej diesen Abend wohl auf seinem Pluskonto verbuchen", schreibt Malve Gradinger im Münchner Merkur online (19.12.2011). Die Kritikerin ist vor allem vom Stück beeindruckt, das komplex "im Zickzack und harten Schnitten" zwischen 1959 und 2039 ablaufe. "Mit den groß projizierten Orts- und Zeitangaben, mit kennzeichnenden Kostümen und dem einführenden Genealogie-Prolog" würde die Verständlichkeit in der Inszenierung erleichtert. Weniger glücklich ist die Kritikerin mit anderen Regieentscheidungen, etwa wenn "Körperbilder ins Gaghafte" abdrifteten. "Das durchgehende Motiv der Fischsuppe wird hier zum putzigen Küchenmanöver verniedlicht". Fazit: Mit "weniger von dieser Action aus dem Alt-Fundus des Tanztheaters wäre aus diesem doch sehr ernsthaften Stück tatsächlich mehr herauszuholen gewesen. Mehr Tiefe, die man den Schauspielern, auch der jüngeren Garde zutraut."

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