altDie unerträgliche Leichtigkeit des Sterbens

von Dennis Baranski

Bruchsal, 7. März 2012. "Schulze-Boysen?" Vorsichtig richtet die junge Frau ihre Frage an das geöffnete Fenster, von wo eben noch deutlich der aufgebrachte Zellennachbar zu vernehmen war. Rainer kennt die Antwort: "Harro", Vorname des entschlossenen Kopfes der zerschlagenen Widerstandsgruppe und gleichsam Beleg ihrer geistigen Zusammengehörigkeit. Ihr Zellennachbar sollte Cato Bontjes van Beeks letzte Freundschaft werden. Mit sechzehn weiteren Anhängern der "Roten Kapelle" wurde sie zweiundzwanzigjährig am 5. August 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet. Die bekannte Dokumentarfilmerin Dagmar Brendecke begab sich bereits in zwei Filmen auf die Spuren der beinahe vergessenen Widerstandskämpferin und entwickelte nun gemeinsam mit Walter Brun ein bewegendes Theaterstück für Jugendliche ab zwölf Jahren: "Fliegen will ich" wurde jetzt im Hexagon der Badischen Landesbühne uraufgeführt.

"Wenn man sich über etwas empört, wird man aktiv, stark und engagiert", mahnt der chorisch vorgetragene Prolog eindringlich, bevor zwei hastig zurechtgerückte Podeste auf Ines Unsers düsterer Bühne lebensfeindliche Gefängnisenge simulieren. Der Fingerzeig auf Stéphane Hessels Essay "Empört Euch!" erweist sich Brendecke gleichermaßen als Aktualisierung und Ursachensuche dienlich, stand doch auch bei Cato vor allem Engagement zunächst die Entrüstung über immer unverhohlener agierende Tyrannen.

fliegenwillich3 peterempl 560 uFlugversuch in der Todeszelle: Juliane Schwabe als Cato Bontjes van Beek  © Peter Empl

Biografische Entdeckungsreise

Dabei lebte sie bis zu ihrer Inhaftierung vom nationalsozialistischen Terror weitgehend unbehelligt. Pilotin wollte die Tochter eines weltoffenen Elternhauses werden, trat dafür gar dem NS-Segelfliegerverband bei, zog vom ländlichen Fischerhude nach Berlin und entbrannte dort in sträflicher Neigung zu Heinz Strelow – ihr Kontakt zum "Schulze-Boysen/Harnack-Kreis". Doch keineswegs begehrte sie aus Hass gegen das menschenverachtende Regime auf, sondern aus Liebe zu Deutschland.

Im Zuchthausmauern überwindenden Dialog mit dem gerade sechzehnjährigen Leidensgenossen Rainer, Sohn des ebenfalls hingerichteten Schriftstellers Walter Küchenmeister, schwelgt Cato in heiteren Erinnerungen und entführt das ihr längst verfallene Publikum auf eine biographische Entdeckungsreise. Der Schauspielerin Juliane Schwabe gelingt ein ungebrochen lebensmutiger Freigeist, sensibel, zuweilen naiv und selbst im Angesicht der drohenden Hinrichtung stets hoffnungsfroh. Nie hätte sie geahnt, welch' drakonische Strafe die Vervielfältigung eines Flugblattes nach sich ziehen würde. Zum Verhängnis wurde ihr das Mitwirken an der "Agisflugschrift", einer vernichtenden Bestandsaufnahme des scheiternden Krieges und zugleich Gebrauchsanleitung für den Widerstand des Einzelnen gegen Hitlers hierarchisch durchstrukturierte Todesmaschinerie.

Brennende Verzweiflung

Im Verhör konfrontiert sie Andreas Krüger nüchtern mit historischen Originalzitaten. Er gibt den Allround-Nazi, mal Ankläger oder Richter, mal Wärter, was sich in Nora Heckers eng abgesteckten Regie-Grenzen allerdings als reichlich undankbare Bestimmung entpuppt. Allzu undifferenziert begegnet die Regisseurin der bisweilen kurz getakteten Szenenfolge. Doch seien es nun Krügers holprige Rollenwechsel, die bemüht zurechtstilisierte Berliner Schnauze Rainers, dem ein rotzig-frecher Ole Xylander dennoch kämpferische Zwischentöne abzugewinnen vermag, oder die am Bühnenrand überwiegend nutzlos geparkte, zu kurzen Besuchen unvermittelt aufspringende Mutter Catos, gespielt von Kathrin Sauerborn – solche Details werfen die Inszenierung in beharrlicher Regelmäßigkeit aus ihrem Rhythmus. Leider, möchte man anmerken, denn bleibt der Abend auch künstlerisch hinter seinen Möglichkeiten, birgt das wohltuend verknappte Sprechtheater-Konzept enormes Potential.

Geschuldet ist das vor allem Brendeckes starkem, unter anderem auf Briefwechseln beruhenden Text. Facettenreich arbeitet sie anhand der Quellen die Figur der Cato Bontjes van Beek heraus. Vor der Kulisse einer bürokratisierten Vernichtungs-Mechanik findet sich das individuelle Schicksal engmaschig mit dem Kontext des rezeptionsgeschichtlich lange verkannten Widerstandsnetzwerkes verwoben. In glanzvollen Spielmomenten versteht es Juliane Schwabe, die Figur Cato Bontjes van Beek zwischen eingeschriebener Leichtigkeit und brennender Verzweiflung auf die Bühne zu übertragen. "Ich habe nicht um mein Leben gebettelt", schreibt die Todgeweihte am Ende tapfer, als sei sie gewiss, in neuen Gedanken zu überdauern – und die bleiben unbestritten frei.

 

Fliegen will ich
von Dagmar Brendecke und Walter Brun
Regie: Nora Hecker, Bühnenbild: Ines Unser, Kostüme: Kerstin Oelker, Dramaturgie: Julia Sievers.
Mit: Andreas Krüger, Kathrin Sauerborn, Juliane Schwabe, Ole Xylander.

www.dieblb.de

 

Dagmar Brendecke hat über Cato Bontjes van Beck auch zwei Filme gedreht:  im Jahr 2008 den Dokumentarfilm "Cato ist immer noch hier". 2010 entstand, gemeinsam mit Walter Brun, der Film "CATO".

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Kommentare

Kommentare  
#1 Fliegen will ich, Bruchsal: starkMarietta 2012-03-08 22:34
Ein starkes Theaterstück einer mutigen Regisseurin .
#2 Fliegen will ich, Bruchsal: begeistertAnton B. 2012-03-09 10:02
Ich bin begeistert von der Theaterarbeit der Regisseurin, der Leistung der drei Hauptakteure. Die Mutter am Rande zu parken, wie sie in ihrer Kritk angeben, sicher eine weise Entscheidung..Ohne Ausdruck spielt die K.Sauerborn ihre Rolle..Juliane Schwabe ist die Idealbesetzung der Cato... Ein besonderes Lob gilt der jungen Frau, die mit ihrer stillen Intensität diese Rolle prägt.
Ein gelungener Theaterabend, ich freue mich auf weitere Regiearbeiten der jungen, talentierten Nora Hecker.
#3 Fliegen will ich, Bruchsal: Aufrichtigkeit & MutKathrin Sauerborn 2012-03-18 00:56
Sehr geehrter Herr(?)Anton B.,

es ist verständlich, dass Sie Ihre Bekannte verteidigen möchten. Warum Sie glauben, dies auf Kosten einer Schauspielerin machen zu müssen, ist nicht nachvollziehbar.
Wer sich zum Hobbykritiker berufen fühlt, sollte wenigstens den Mut aufbringen mit seinem vollen, richtigen Namen zu seinen Äußerungen zu stehen. Diesen Mut zu beweisen, scheint noch schwieriger zu sein, als eine undankbare, zur Randfigur gemachte Theaterrolle mit Leben zu füllen. Ich habe das nach Kräften versucht, weil ich weder die Autoren, noch die Regisseurin oder mich und meine Kollegen mit diesem Stück schlecht aussehen lassen wollte. Die Beurteilung, ob mir das gelungen ist, bleibt subjektiv. Was aber sicher jeder Zuschauer aus diesem Theaterabend mitnehmen konnte, ist der Glaube an Aufrichtigkeit, Mut und den Respekt vor dem Menschen. Davon scheinen Sie nicht viel mitbekommen zu haben.

Kathrin Sauerborn

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