altEindringlinge, Sprachbesatzer

von Martin Krumbholz

Mülheim an der Ruhr, 28. März 2012. Ein Windstoß, und die beiden Flügel des freistehenden Fensters, das Gralf-Edzard Habben an die Rückseite seiner Bühne gebaut hat, öffnen sich und lassen eine kleine Meute wunderlicher Gestalten ein. Im Krankenbett vor dem Fenster liegt, bekleidet, ein alter Mann: der Ich-Erzähler.

immernochsturm 280 christianbrachwitz xVergangenheitsgespenster entern die Gegenwart
© Christian Brachwitz
Die, die ihn heimsuchen, sind seine Vorfahren: Großeltern, Onkel und Tanten, die ledige Mutter. Sieben an der Zahl. Einige dieser Wiedergänger sind jünger als der Erzähler jetzt, denn die Zeitreise, die er antritt, führt ihn in die Jahre 1936, 1942, 1945 – in eine Epoche, als er selbst noch gar nicht auf der Welt oder ein Kleinkind war. Die Zeit des Faschismus. Später wird der "Ich" genannte Mann sich erheben und sich unter seine Leute mischen, ihnen lauschen, sich zu ihnen setzen, ihnen beim Leben zusehen. Äpfel werden auf die Bühne geschleudert und später ein paar Totenschädel.

Ins Irdische überhöht

"Immer noch Sturm": Der Titel spielt auf Shakespeares "König Lear" an, auf den alten Mann in der Heide, und zugleich auf den Weltkrieg, auf die Zeit, als die slowenische Minderheit in Kärnten, der Peter Handkes Familie mütterlicherseits angehörte, vom großdeutschen Reich einkassiert und zu den Waffen gerufen wurde – oder sich entschließen musste, in die Wälder zu den Partisanen zu gehen. Eine Tante und ein Onkel gehen das Wagnis ein (das sich als das geringere herausstellt): Es ist der einzige bewaffnete Widerstand gegen das NS-Regime innerhalb der Grenzen des Reichs. Onkel Valentin, der "Schwerenöter" der Familie, und Benjamin, der jüngste Bruder, werden im Krieg fallen.

Es ist natürlich kein klassisches Drama, das Handke geschrieben hat, sondern ein autobiographisch getöntes Epos mit wunderbar ins Idealtypische überhöhten und dennoch lebensnah, irdisch wirkenden Figuren. Sie stecken in Kostümen, die dezent Trachtenelemente enthalten und zum Schluss hin immer farbenfroher und phantastischer werden (Elisabeth Strauß), und sie bewirken nicht einmal das erste Mülheimer Theaterwunder dieser Spielzeit: Man merkt an jeder Bewegung, an jeder Geste, wie sorgsam und wie liebevoll ihr Meister Roberto Ciulli dem unvergleichlichen Erzählton Handkes folgt und wie scheinbar unangestrengt er ihn zum Leben bringt.

Stiller Sturm

Viele wunderbare Details wären zu nennen. Wie Simone Thoma als Großmutter die großen Reden anderer mit einem koboldhaften Mienen- und Gestenspiel begleitet. Wie Rupert J. Seidl als Großvater donnert und wettert, dass es eine Freude ist, wie er im Brustton der Entrüstung seine Leute zurechtweist und sich bestimmte Wörter wie "Tragödie" und "Liebe" in seinem Haus verbittet, ganz zu schweigen von deutschen Eindringlingen und Sprachbesatzern wie "Schnürsenkel" oder "Kartoffeln". Wie die Mutter, Petra von der Beek, ganze Feldpostbriefe ihrer Geschwister auswendig hersagt und feststellt: "Ohne den Krieg hätten wir nie einander geschrieben." Sie ist in einer prekären Situation, denn ihr "Bankert" wurde in einer Liebesnacht im "Tigerwirt" zu Klagenfurt von einem Angehörigen der deutschen Wehrmacht gezeugt. Aus dem wird mal ganz was Besonderes, heißt es, ein Buchhalter! Volker Roos spielt den erwachsen und mittlerweile seinerseits alt gewordenen "Buchhalter" sehr distinguiert, freundlich, bisweilen ironisch distanziert.

immernochsturm 560 christianbrachwitz x© Christian Brachwitz

Was sich bei den beiden Pirandello-Abenden im letzten Herbst schon deutlich abzeichnete, wird an diesem hinreißenden Abend zur Gewissheit: Ciulli hat sich gewissermaßen neu erfunden. Er hat den Manierismus seiner Anfänge abgestreift, fallengelassen wie eine überflüssig gewordene Hülle: Denn eine Manier ist ja nichts anderes als eine Maske, ein Panzer. Wo das Theater an der Ruhr früher gelegentlich allzu selbstverliebt und ornamental die exzentrische Form pflegte (und dabei gewiss auch tolle Abende hervorbrachte), spürt es neuerdings ganz andere Kräfte: die des starken Textes und der nicht minder starken Schauspieler. Die Mittel, derer es sich bedient, sind einfach, aber nicht schlicht; ins Flache oder Beliebige driften sie nie ab. Jedes Detail ist hier genau durchdacht, aber dieser klare Stilwille wirkt an keiner Stelle prononciert. Von diesem Theater geht ein stiller Sturm aus: "Jetzt erst recht Sturm".

 

Immer noch Sturm
von Peter Handke
Inszenierung: Roberto Ciulli, Bühne: Gralf-Edzard Habben, Kostüm: Elisabeth Strauß, Dramaturgie: Helmut Schäfer.
Mit: Petra von der Beek, Rupert J. Seidl, Albert Bork, Dagmar Geppert, Volker Roos, Simone Thoma, Klaus Herzog, Marco Leibnitz.

www.theater-an-der-ruhr.de

 

Die Uraufführung von Peter Handkes Stück besorgte Dimiter Gotscheff im Sommer 2011 bei den Salzburger Festspielen. Nachgespielt wurde es im Januar 2012 von Dominik Günther im Badischen Staatstheater Karlsruhe.

 

Kritikenrundschau

"In Ciullis Regie sprechen die überragenden Schauspieler selbst das Traurigste in heiterem Tonfall", sagt Dorothea Marcus auf Deutschlandfunk (30.3.2012). "Sie tragen altertümliche Eleganz und dezente Trachtenelemente. Sorgsam und liebevoll fangen sie die poetische Sprache von Handkes monolithischer Textfläche ein." Die Aufführung werde "mit sparsamen, aber wirkungsvollen Bildern" illustriert, und so sei es "ein großer, wahrhaft beglückender Abend" geworden. "Subtil erzählt er davon, wie tief Geschichte die Gegenwart prägt. Kongenial erweckt er die erzählerischen Weiten von Handkes Vorlage zum Leben, nichts wird verflacht, alles lässt Größeres ahnen. Kaum zu glauben: Roberto Ciulli ist mit fast achtzig Jahren zu neuer künstlerischer Kraft gelangt."

"Ein äußerst konzentriertes und engagiertes Ensemble stemmt den fast vierstündigen Abend", schreibt Margitta Ulbricht auf dem Zeitungsportal Der Westen (30.3.2012). "Mit einem brillanten und dabei sehr poetischen Text ist er eine Hommage an längst vergessene Generationen und Vorfahren, eine Auseinandersetzung mit Schuld und Opferrolle und nicht zuletzt eine Liebeserklärung an die Familie."

"Das Stück führt an Grenzen", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.4.2012). Eine schöne, sinnfällige Grenze ziehe auch Gralf-Edzard Habbens Bühne. "Das mehrmals aufschlagende Fenster, durch das die Figuren eintreten oder manchmal auch nur betrachtet werden, markiert auch eine Grenze zwischen innen und außen." So werde ins Bild gesetzt, "dass alles, was hier vorgeht, sich in der Phantasie des 'Ich' abspielt: Die Bühne ist sein Kopf." Die Annäherung des Theaters an der Ruhr, die ideologischen Ballast abwerfe und sich Manierismen versage, finde einen stimmigen Erzählfluss und setze auf einfache, schlüssige Bilder. Insgesamt aber wirke die sorgfältige Inszenierung doch etwas brav, die Arrangements zu flächig, die Poesie zu possierlich. "Immer noch Sturm? Das Wagnis, das Handkes großer Text eingeht, wird in Mülheim eher zurück- als angenommen."

Ernüchtert schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (4.4.2012): "Was Handke mit diesem Stück gelungen ist, nämlich eine Selbsterneuerung aus dem Geist alter Taten, kann Ciullis altväterliche Bearbeitung gerade nicht für sich beanspruchen." Mittel und Akustik seinen überdeutlich ("typisches Ciulli-Theater") und "ergeben jene langweilige Theaterhaftigkeit, die aufdringlich 'Immer noch Achtziger' pfeift." Gotscheff habe bei seiner Uraufführung in Salzburg das Stück in die Gegenwart transportiert, was Ciulli nicht gelinge, aber hätte können: "Auch in der Diktatur des Zeitgenössischen herrscht nämlich große Entscheidungsfreiheit."

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