altKrieger und Grenzkünstler

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 10. Mai 2012. Kurz vor Schluss, anlässlich einer harmlosen konzertanten Light-Show bei offener, leerer Bühne, setzt ein Massen-Exodus aus dem Festspielhaus ein. Genug. Schließlich hat man schon fünfeinhalb Stunden mehr oder weniger sittsam abgesessen, jetzt reicht's. Das vierzehnköpfige Ensemble, das sich ins Parkett begeben hatte, um eine Diskussion anzuzetteln – ganz bewusst an einem prekär überreizten Punkt des Abends –, kehrt noch einmal zurück, setzt sich in einer dicht gedrängten Traube auf den Boden, um den im Saal Verbliebenen versöhnlich (oder ironisch) zuzuwinken. Und die, die ausgeharrt haben, feiern die Schauspieler und sich selbst mit frenetischem Jubel. Ganz zu Recht: Es ist ein großer Abend gewesen.

 krieg und frieden 01 280 rolf arnold uAn steiler Wand

Aber der Reihe nach. Wer sich Leo Tolstois monumentalen Roman "Krieg und Frieden" nacherzählen lassen wollte, ist nicht auf seine Kosten gekommen. Sebastian Hartmann, der mit seinem Leipziger Ensemble plus ein paar illustren Gästen nach Recklinghausen gekommen ist, klappert in seiner Spielfassung nicht den Plot ab – was bei Romanadaptionen oft so langweilig ist. Der Regisseur atomisiert vielmehr den umfangreichen Stoff, unterteilt ihn quasi nach thematischen Aspekten wie Heirat, Geburt, Tod, Krieg, Leibeigenschaft, Metaphysik und so fort.

Die Bühne, die Hartmann und der Künstler Tilo Baumgärtel entworfen haben, besteht aus zwei riesigen beweglichen Platten, im wesentlichen aber aus einer unterschiedlich steil gestellten Schräge, von der Rampe her beleuchtet, auf der die Körper der Spieler kaum einen Halt finden. Musik (von Sascha Ring/Apparat) wird vor der Rampe live produziert. Und die Schauspieler sind nicht auf Rollen fixiert (es gibt in der Vorlage ja Hunderte), sondern wechseln diese ständig, unabhängig auch von Alter und Geschlecht. Und dieses Konzept zwingt den Zuschauer dazu, sich nicht an der Fabel zu orientieren – die gibt es gar nicht mehr –, sondern sich in den laufenden Diskurs einzuklinken, ob es ihm gefällt oder nicht.

Betörende Bilder

So staubtrocken, wie das vielleicht klingt, ist es beileibe nicht. Denn immer wieder gelingen dem Regisseur und den Schauspielern hinreißende, betörende Bilder – mit dem ganzen Ensemble, zu zweit, allein. Wenn etwa Lisas frischgeborenes Baby (sie stirbt bei der Geburt) sich plötzlich in den kleinen Napoleon Bonaparte verwandelt – und auch wieder zurück. Wenn zwei Frauen sich, nebeneinander sitzend, eifersüchtig und liebevoll zugleich, über den schönen, leichtsinnigen Anatol und dessen Heiratspläne unterhalten. Wenn der Oberbefehlshaber Kutusow einsam über das leere, evakuierte Moskau räsoniert. Wenn der grobe alte Fürst Bolkonski seine Tochter, die er für hässlich hält, angesichts eines fragwürdigen Ehekandidaten mit einer scheinbar klaren, in Wahrheit brutalen Dichotomie konfrontiert: Ja oder nein. Wenn dessen Sohn, Fürst Andrej, erklärt, für einen einzigen Moment des Ruhmes – also die Liebe der Masse – würde er alles andere, auch die Liebe der ihm Nahestehenden, gern hingeben.

krieg und frieden 024 560 rolf arnold ualle Bilder © Rolf Arnold

Grenzüberschreitungen

Sebastian Hartmann reiht solche existentiellen Situationen wie Perlen auf eine Kette, aber nicht, weil es sich um wichtige Plot-Punkte handelt, darum kümmert er sich gar nicht. Vielmehr entwickelt sich hier ein intelligenter (auch anstrengender) Diskurs aus den vielfältigen spielerischen Möglichkeiten eines fabelhaften Ensembles, das keine Haupt- und Nebenrollen kennt, sondern nur das scheinbar unbegrenzte Potenzial jedes einzelnen.

Die Grenzüberschreitung – schließlich ein markantes, vielleicht das entscheidende Merkmal des Krieges – wird dabei zum heimlichen Hauptthema. Wenn Schauspielerinnen sich einen Schnurrbart ankleben, wird man sie noch nicht für Männer halten, aber begreifen, dass sie das Gebaren von Männern völlig überzeugend nachahmen können. Doch selbst der Tod erscheint hier nicht als unüberwindliche Grenze: Die Figuren, Andrej zum Beispiel, sterben an diesem Abend viele Tode. Es liegt in der Natur des Spiels, natürliche Vorgänge zu stoppen, rückgängig zu machen, zu reflektieren.

Und zum Gelingen des Abends gehört letztlich auch, dass selbst das Prekäre gelingt. Wenn ein nackter Schauspieler eine kleinwüchsige Darstellerin entkleidet und auf dem Arm über die Bühne trägt – wie (vielleicht) Christopherus den Heiland –, könnte dieses Bild der (nicht nur ideellen, auch physischen) Liebe in den gut gemeinten Kitsch entgleiten. Das passiert nicht, denn wunderbarerweise gelingt in dieser Inszenierung, zu der Tolstois Roman den Inhalt, aber nicht die Form geliefert hat, beinahe alles.


Krieg und Frieden
nach Leo Tolstoi
Regie: Sebastian Hartmann, Bühne: Sebastian Hartmann, Tilo Baumgärtel, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Apparat (Sascha Ring), Licht: Lothar Baumgarte.
Mit: Manolo Bertling, Manuel Harder, Matthias Hummitzsch, Guido Lamprecht, Hagen Oechel, Berndt Stübner, Susanne Böwe, Artemis Chalkidou, Janine Kreß, Heike Makatsch, Linda Pöppel, Birgit Unterweger, Cordelia Wege, Jana Zöll.
Dauer: 5 Stunden, zwei Pausen

www.ruhrfestspiele.de
www.centraltheater-leipzig.de


Mehr zu den Arbeiten des Regiekünstlers Sebastian Hartmann finden Sie im Lexikon.


Kritikenrundschau

Diese Romanumsetzung, die beanspruche, "nicht dem Plot, sondern der Essenz von 'Krieg und Frieden' nachzuspüren", ist das "Highlight der ersten Festivalwoche" in Recklinghausen, schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (12.5.2012). "Schlaglichter, Fetzen, Gedankenstränge des Romans sind zu Bildern geronnen, getragen vom starken, lustvollen, oft ironischen, dann wieder anrührenden Spiel des Ensembles." Das Leipziger Team und seine Gäste "evozieren eine Menschheits-Collage, die nur lose an den Figuren, aber erstaunlich nahe an Tolstois Gedanken über Krieg, Geschichtsphilosophie und die Natur des Menschen bleibt. Nach über vier Stunden und zwei Pausen applaudieren die verbliebenen Zuschauer einem Experiment, das mal begeistert und mal nervt, sich aber auf jeden Fall einbrennt."

Sebastian Hartmann wage "den Gewaltmarsch zum Monumentalismus und zeigte bis nach Mitternacht eine Essenz der Quasi-Philosophie Tolstois", schreibt Ralph Wilms für das WAZ-Portal Der Westen (11.5.2012). Eine "großartige Ensemble-Leistung", leider auch "zu viel Gebrüll", insbesondere in den chorischen Passagen, sei zu erleben. Als Chor seien "Die Räuber" (von Nicolas Stemann) im letzten Jahr überzeugender gewesen. "Dafür hat Sebastian Hartmann die stärkeren Bilder." Ja: "Manche Bilder dieser übergroßen Inszenierung wirken viel stärker nach als die Worte des bitteren Romanciers" Tolstoi. Im Zentrum des Abends stehe "Tolstois ethisches Programm. Der Chor macht dies in den ersten Momenten der Aufführung deutlich, als er jene Verbrechen aufzählt, die der Krieg scheinbar legitimiert. Es ist aber auch eine Ethik, die Tolstoi gegen den eigenen Zynismus, gegen Kirchenverachtung und privaten Weltekel entwickelte."

Einen "weitgehend aufregenden Abend", eine "unerschrockene und begeisternde Darstellergarde" und "Bilder von beeindruckender Intensität" hat auch Arnold Hohmann, ebenfalls für das Portal der WAZ-Gruppe Der Westen (11.5.2012) erlebt. Aber die Abwanderung des Publikums gibt ihm zu denken: Der Abend sei "wie der Krieg auf der Bühne: Nach jeder der beiden Pausen beklagt man weitere Verluste im Zuschauerraum." Es sei eben doch "ein Wagnis, ein derartig gewaltiges und anstrengendes Theaterprojekt für einen Abend zu konzipieren, geschweige denn, es wie in Recklinghausen auf einen Wochentag zu platzieren".

Alexander Kohlmann lobt in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (10.5.2012) den Abend als "eine Überforderung der Zuschauer, von denen jeder Einzelne aus der Fülle der Assoziationen seine Bedeutungen und vielleicht sogar einige Antworten destillieren muss." Das Ensemble widme sich "mit Hingabe Hartmanns Reflexion über die großen, existentiellen Menschheitsfragen". Besonders im ersten Teil gelinge Hartmann "das Kunststück, schneller zwischen Szenen und Räumen zu schneiden, als ein Filmregisseur es je könnte. Und alleine das ist ein echter Triumph für das Theater."

Für das Onlineportal der Welt (11.5.2012) schreibt Stefan Keim: "Vier Stunden lang ist die Aufführung abwechslungsreich, anregend, mit einigen Längen. Nach der zweiten Pause jedoch wird sie grandios." Die Inszenierung "verknüpft Debattentheater mit überdrehtem Spielwitz und großen Schauwerten". Hartmanns Schauspieler würden "im Handumdrehen Intensität erzeugen, sie komödiantisch brechen, um dann wieder ernsthaft einzusteigen". Der Regisseur "verlangt viel Hirnkapazität, und manchmal überfordert er bewusst sein Publikum", das hier allerdings – anders als in Leipzig – nicht unter Protest, sondern eher erschöpft in Teilen abgewandert sei.

Für die Leipziger Volkszeitung (22.9.2012) besuchte Dimo Riess die Leipziger Premiere und erlebte "Philosophisches Diskurstheater, das auf viel Wort vertraut – und damit immer wieder überfordert –, auf eine variable Bühnenkonstruktion, die symbolstarke Bilder erlaubt, und auf die Wirkung von Musik". Nach einem "kurzweiligen ersten Akt" gäbe es "ermüdende Dialoge, überdehnte Choreographien und den Versuch von Komik", später auch "Albernheiten, die im dritten Teil zum Konzept werden". Auch diese Schlussphase besitze "beklemmende Theatermomente", aber im "Kalauerregen" würden "die großen Momente der vorigen Stunden" verwässert.

Stimmen zum Gastspiel der Inszenierung beim 50. Berliner Theatertreffen 2013:

Doris Meierhenrich berichtet in der Berliner Zeitung (10.5.2013), "dass am Ende nicht nur der hoch verdiente Applaus aufbrandet, sondern auch ein engagierter Chor Buhs." Mithin: "Beste Theatertreffentauglichkeit also. Einfältige Sympathie wäre auch geradezu undankbar gewesen gegen diesen viel wagenden, viel gewinnenden und auch viel verlierenden Abend." Hier werde Tolstoi neu zusammengesetzt, eine "Art konzentrierter Zerrissenheit" sei das Prinzip des Abends. "Eine bildstarke Inszenierung zum Freuen und Ärgern, zu der man sich im Laufe des Abends durcharbeiten muss, weg von jeder Romanfixiertheit im Kopf, weg von der Vielfalt und Feinheit der Charaktere, hin zu einer figurenfreien Rede-Werkstatt, zum Text als Knetmasse, die Ereignisse thematisch verknäult, egal ob sie 1805 spielen oder 1813."

"Das Ich mit seinen Illusionen – es wird an diesem Abend auf vielfältige Weise zerquetscht", berichtet Andreas Schäfer im Tagesspiegel (10.5.2013). Die Art und Weise, den Roman auf die Bühne zu bringen, ohne "einfältig die Handlung nachzuleiern", überzeugt den Kritiker. Hartmann gehe "motivisch" vor und verzichte auf "feste Figurenzuschreibungen". Ebenso "wechselt auch ständig der Ton, von hochfahrend pathetisch bis zur karikierenden Übertreibung. Stark sind im Mittelteil die stillen Szenen, in denen ganz ernsthaft über Gott, Reue, Verlust und die Fragen des sinnhaften Lebens gesprochen wird. Man verliert zwar den Überblick, aber Tolstois kraftvolles Ringen um das Gute, für ein, zwei Stunden ist der Geist des großen Epos da." Allerdings kann der Kritiker den Freiheiten, die sich der Regisseur im letzten Teil des Abends herausgenommen habe, wenig abgewinnen. Als da wären die Freiheiten "des hemmungslosen Slapsticks und der unmotivierten Fratzenzieherei, in der die Figuren schnell zur Lachnummer verschrumpeln".

"Am Ende ist man todmüde und irgendwie doch wieder animiert", berichtet Hans Peter Göpfert im rbb Kulturradio (10.5.2013). "Man wird nicht mit allen Obsessionen und Assoziationen einverstanden sein, die Hartmann aus Tolstois Roman herausliest, und die Sascha Ring alias 'Apparat' mit seinen Livemusikern auf immer neuen stimmungsduseligen Klangfeldern aus der Elektrokiste driften lässt." Aber: "Hartmanns szenische Les- und Denkart ist durchweg erstaunlich."

Für nachtkritik.de (8.5.2013) bespricht Mounia Meiborg das Theatertreffen-Gastspiel der Produktion in einem Shorty.

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