altDer fade Beigeschmack einer staubigen Weltordnung

von Bernd Mand

Mannheim, 20. Mai 2012. Irgendwo da liegt es. Dieses Jenseits. Tief begraben unter unserem Lebensschutt, feinluftig im Wolkendunst oder einfach auf der gegenüberliegenden Uferseite, naja, nachzuweisen ist das auch heutzutage noch nicht. Aber darüber fabulieren, das machen wir Menschen nach wie vor inbrünstig und gut gelaunt, ganz so als würden wir damit auch noch einen Pokal gewinnen können. Sibylle Lewitscharoffs Debüt als Theaterautorin ist eine solche Variation zu einem Thema, das sich wohl so schnell auch nicht verabschieden wird.

Wartenummer ziehen im Wirtshaus zum Jenseits

Ein dunkelholzig vertäfeltes und nüchtern tapeziertes Wirtshaus versammelt im Stück "Vor dem Gericht" eine Gruppe zufälliger Gäste im Vorzimmer zur endgültigen Evaluation des eigenen Lebens. Am Nationaltheater Mannheim werden von den blinden Glasscheiben der Drehtür hereingeworfen: Gertrud und Heinrich Schäfer, ein hochtoupiertes Eheunglück, Elisabeth Scheer, eine blass junge Philosophiestudentin, deren Affäre mit ihrem Professor unglücklich endete, der alte Mann mit seinem Hundeschützling Schnacks, Ingrid von Malden in Weltfrauenpose und mit ewiger Abenteuerlust, Erwin Benz, der bunte Motorradfahrer und Installateur, der siebenjährige Hansi, der eigentlich nicht sprechen möchte und Aysel Yilmaz, die freundliche Putzfrau aus Berlin.vor dem gericht 560 florianmerdes hServiert das letzte Gericht: Thorsten Danner    © Florian Merdes

Und dann ist da Thorsten Danner. Als Kellner mit dreist feinem Austria-Akzent und verboten guten Steilkurven zwischen Charlie Chaplin und Hans Moser. Es braucht nicht viel Zeit, um zu merken, dass dieses ungenierte "Tischmoped" hier das Sagen hat. Der bissige Zeremonienmeister verwaltet hier nämlich einen streng organisierten Wartesaal vor dem letzten Urteilsspruch. Oder um im Text- und Bühnenbild zu bleiben, er betreut die Neuzugänge im Gasthaus-Jenseits bis ihre Nummer aufgerufen wird und sie den letzten Gang zum Pater Noster zurücklegen, der nach alter Schriften Sitte nur zwei Richtungen kennt. Und diese Aufgabe scheut bei Befehlsmissachtung auch vor körperlicher Gewalt nicht zurück. "Unschöne Abgäng sint unschöne Abgäng, ned wohr, die möcht unsereiner brauchn wia an Kropf mit Zopf." Auf Tat folgt Schuld folgt Bestrafung, eigentlich ganz einfach das Prinzip.

Himmel oder Hölle?

Der kleine stille Junge, die züchtig mit Kopftuch verdeckte türkischstämmige Putzfrau, deren Tochter Jura studiert hat (eine leise und präzise Ragna Pitoll) und der kauzig sympathische alte Mann, der zwar keinen Namen hat, aber irgendwie den Durchblick und von Ralf Dittrich genüsslich zum lässigen Opa der Bastion ausgebaut wird – sie alle fahren nach oben. Dascha Trautweins Studentin, die sich irgendwo zwischen Altmannsche Engelsfigur und jungkluge Nixe geflüchtet hat und sich genauso wie Michael Fuchs' Installateur dem Schicksal der bevorstehenden und offensichtlich finalen Abrechnung nicht einfach ergeben wollen, fahren ins Untergeschoss.

Dazwischen werden viele leere Teller serviert, es zwistet sich das verkrachte Ehepaar (Anke Schubert und Reinhard Mahlberg) in seiner mittelständischen Mittelmäßigkeit und Elke Twiesselmann gibt die lebenserprobte Rentnerin mit der ein oder anderen Lebenslüge im Gepäck, bis sie am Ende als drei irgendwie Übriggebliebene zu unsichtbaren renitenten Gespenstern werden, die wohl selbst nach dem abschließenden Black noch auf ihre Aufzugfahrt warten.

Solide zusammengesetzt, befremdlich altmodisch

Burkhard C. Kosminski hält sich bei seiner Inszenierung streng an die Vorlage des Stückauftrags und baut in anderthalb Stunden Theaterzeit ein solides und sauber zusammengesetztes Tableauspiel auf der vorderen Bühne. Mit einem filmischen Glänzen in den Augen, das den naturalistischen Erzählungsansatz meistens in die passende Perspektive rücken kann und einem klaren Blick auf die tragisch-komischen Momente. Nur hilft das dem Stück keinen Schritt weiter. Lewitscharoffs Figuren stecken tief in einem festgezurrten Weltanschauungskorsett fest, das sich befremdlich altmodisch liest.

Mit höflicher Distanz, einigen gezähmten Allgemeinplätzen und gedanklichen Ungereimtheiten werden gängige Problemfelder und austauschbare Biographien in starrem Dialogrhythmus freigelegt, was den Spannungsboden nicht gerade zu statischer Höchstleistung animiert. Am Ende bleiben trotz der straffen Inszenierungsgangart und einiger unterhaltsamer Spitzfindigkeiten leider nur der fade Beigeschmack einer staubigen Weltordnung, die sich ein verschwommenes mythologisch aufgeladenes Oben als lobenswertes Ziel fest ins Handbuch geschrieben hat und die Befürchtung, dass es sich die Neugier auf die Blicke hinter die Kulissen unseres Leben schon mal in den weichen Kissen der Gleichgültigkeit bequem gemacht hat. Und die Menschen weiterhin ihrer kindlichen Angst vor dem jüngsten Gericht überlässt.

 

Vor dem Gericht (UA)
von Sibylle Lewitscharoff
Regie: Burkhard C. Kosminski, Dramaturgie: Ingoh Brux, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Lydia Kirchleitner, Musik: Hans Platzgumer.
Mit: Thorsten Danner, Anke Schubert, Reinhard Mahlberg, Ralf Dittrich, Dascha Trautwein, Elke Twiesselmann, Michael Fuchs, Ragna Pitoll, Gunter Möckel.

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Als "ersichtlich nicht für die Ewigkeit gemachtes Auftragswerk" bezeichnet Martin Halter Sibylle Lewitscharoffs Bühnenerstling in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.5.2012). Was in Lewitscharoffs Prosa irrwitzig funkeln und tiefsinnig strahlen würde, das funktioniert aus Sicht dieses Kritikers" auf der Bühne noch lange nicht." Regisseur Burkhard C. Kosminski versuche in seiner Inszenierung, "der dramatischen Windstille im Totenreich mit angedeuteten Grotesken zu begegnen, aber meist verdoppelt er nur den altbackenen Realismus der Vorlage." Kurz: "Auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters herrscht ungefähr so viel Leben wie bei einem Leichenschmaus auf dem Wiener Zentralfriedhof."

Als "dramatische Mumie" empfindet Jan Küveler auf Welt-online (22.5.2012) Stück und Inszenierung. Bereits Titel und Exposition des Dramas blieben nichts als ein leeres Versprechen. Burkhard C. Kosminski setze "den müden Zank der ruinierten Eheleute Schäfers (Anke Schubert und Reinhard Mahlberg), die schmalzige Mondsüchtelei der Philosophiestudentin (Dascha Trautwein), den krachledernen Stumpfsinn des Motorradfahrers (Michael Fuchs) und die gestelzte Großmannsucht einer älteren Dame (Elke Twiesselmann)" so dienstfertig getreu ins Werk, "als fürchte er, bei Zuwiderhandlung in die Dramatikerhölle hinabzufahren." Doch die studierte Religionswissenschaftlerin klebe "nicht nur am süßen Jenseits, sondern auch an billigen Gags, bis zur Verzweiflung erklärten Anspielungen und vor allem am Vertrauen in den eigenen Sprachwitz."

Als "schwaches Stück" empfindet Christopher Schmidt von der Süddeutschen Zeitung (22.5.2012) diese belanglose "Konversationskomödie", die er nur auf ausgetretenen Pfaden wandeln sieht, und warnt mit Blick auf den Kafka-inspierierten Titel: "man soll den Namen dieses Herren nicht unnützl im Munde führen." Auch empfiehlt er der "großartigen Erzählerin" Lewitscharoff, der Dramatikerin gleichen Namens an die Gurgel zu gehen. Je banaler die Dialoge aus seiner Sicht werden, desto mehr fragt Müller sich, was Sibylle Lewitscharoff zum Ausdruck bringen will, "außer ihren Degout gegenüber Allerweltsmenschen. Doch wer ein Stück schreibt, sollte sich schon für Figuren interessieren." Regisseur Burkhard C. Kosminski habe das Drama "mit dem Vorlegebesteck sauber angerichtet, mehr nicht."

Enttäuscht zeicht sich Monika Frank in der Rhein-Neckar-Zeitung (22.5.2012). Plot und Figuren findet sie allzu vorhersehbar und schematisch konstruiert. Damit verliert auch die stellenweise durchaus witzige Aufführung aus ihrer Sicht rasch ihren Reiz. "Der Mannheimer Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski legt das Hauptgewicht seiner über die ganze Breite der Vorderbühne gezogenen Inszenierung auf präzise Menschendarstellung. Eine kluge Entscheidung, denn einmal mehr sind hier die Schauspieler die wahren Retter des Abends, da es ihnen gelingt, aus den eher klischeehaft typisierten Figuren ein erstaunliches Maß an Originalität herauszuholen."

Als "eine Art Fingerübung" erscheint Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (22.5.2012) das Stück. Und auch als Suchbewegung "nach einem Alternativangebot zum Gegenwartstheater, gegen dass Lewitscharoff in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung kräftig gewettert hat. Das Ergebnis ist ein bürgerliches Konversationsstück, wirkungsvoll, wenngleich etwas bewegungslos." Regisseur Kosminski folge seiner Autorin weitgehend aufs Wort.

Isabel Metzger schreibt in der taz (23.5.2012): Die Komik von Lewitscharoffs Stück funktioniere, ohne dass Regisseur Kosminski sehr viel dazu tun müsste. "Sie lebt vom Wortwitz und legitimiert sich dadurch, dass Lewitscharoff das Sterben entromantisiert und zur Banalität erklärt". Die Figuren erzeugten "kein Mitleid". Am Ende hätten selbst die Verlierer vor Gericht "ein Einsehen, dass es nun mal nötig ist, in der Hölle zu braten". Schließlich glaube man "guten Gewissens", dass es mit diesen Eigenbrötlern "ruhig den Bach runtergehen darf". Lewitscharoff sei fest davon überzeugt, dass man über den Tod gut lachen kann. "Doch was will Lewitscharoff eigentlich? "Denn ob Himmel oder Hölle, irgendwie ist es ja einerlei. Derselbe Aufzug, derselbe Knopf entscheidet übers Schicksal." Auch die "Gerechten" könnten keine Ordnung in der Welt mehr sicherstellen. "Sie ziehen bloß die Fäden in einem großen Kasperltheater." Es bleibe bei der Darstellung eines "chaotischen Rechtssystems". Zu fern seien dem Betrachter die Figuren, als dass er ihnen eine Bedeutung beimessen könnte.

 

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