altDas unendliche Utopien-Kombinat

von Nikolaus Merck

Berlin, 2. Juni 2012. Willkommen im Jahr 22 nach dem Mauerfall, dem Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche! Die Enfield Tennis Academy liegt am Hundekehlesee, zwischen S-Bahn und dem Villenviertel Grunewald. In David Foster Wallaces Roman "Unendlicher Spaß" ein Hügel, an dessen Fuß sich das Ennet House Drug and Alcohol Recovery House findet, ein privates Entziehungsheim für alle, die elend und beladen sind von ihrer knochenknirschenden Sucht. Aber für die 24-Stunden-Reise durch den utopischen Westen ward Ennet House kurzerhand verlegt, weg vom Hügel und dem Ufer des Sees in die aufgelassene Großküche des Klinikums Neukölln, 45 Busminuten und eine Halbstadtreise entfernt.

Verwirrt? – Ist okay

Sie sind verwirrt? "Das ist okay", sagt Ulrich Blumenbach, der Übersetzer von "Unendlicher Spaß", der sechs Jahre lang an dem Buch gearbeitet hat und es also wissen muss. "Das ist doch genau das, was man erlebt, wenn man das Buch liest": Verwirrung angesichts der Überfülle der Geschichten und Figuren, der Themen und Sprachen, die Wallace in seinem 1500-Seiten-Brocken (die amerikanische Originalversion kommt mit 1000 Seiten aus) aufbietet.

Und ausgerechnet dieses inkommensurable Werk musste sich Matthias Lilienthal zum Grande Finale seiner neun Jahre als künstlerischer Leiter des Theater- und Performancekombinats Hebbel am Ufer greifen, um es in einer Marathon-Tour durch das West-Berlin der 70er Jahre zu ... ja, was nun? Zu vertheatern? Zu animieren? Illustrieren? Diskursivieren? Wahrscheinlich: etwas von allem. Eigentlich geht es Lilienthal natürlich vor allem darum, die Zuschauer vorsätzlich zu überfordern. Das hat er spätestens als Chefdramaturg von Frank Castorf an der Volksbühne der frühen 90er Jahre gelernt, das ist seitdem sein Prinzip. Volle Kanne, bis die Socken qualmen, die Hirnmasse suppt und alles, einschließlich Lilienthal selbst, völlig geplättet in den Seilen hängt.unendlicherspass1 560 dorothea tuch uKunsthasen-Tennis: Beim LTTC Rot-Weiß geht's los. © Dorothea Tuch

Utopienkombinat

Aber der scheidende HAU-Vormann und seine meistgeliebten Performer geben sich nicht damit zufrieden, das Buch als Anlass für eine Reihe von Szenen zu nehmen, sie lassen das utopisch-depressive Potenzial des Romans mit einer anderen (vergangenen) Utopie kollidieren. Diese Utopie finden sie in einer Reihe von in den siebziger Jahren entstanden Großbauten im damaligen West-Berlin, die vom tief in die Köpfe betonierten Glauben an den Fortschritt zeugen. Ein Fortschritt, der mit überreichlich westdeutschen Steuergeldern gekauft wurde, um die Überlegenheit des Kapitalismus und seinen Machbarkeitswahn zu erweisen.

Auch Foster Wallace rechnete noch mit, vielmehr fürchtete den unendlichen Fortschritt des Kapitalismus, den er als endgültigen Sieger im Systemwettkampf betrachtete (weshalb er als besonderen Clou den gregorianischen Kalender durch die "Sponsorenzeit" ersetzte, in der das meistbietende Unternehmen das jeweilige Jahr nach seinem Produkt benennen darf). Ein Sieger allerdings, dessen destruktive Energien sich nun in Form von grassierender Umweltzerstörung, Terrorismus, Depression und Drogensucht gegen ihn selbst wendeten. "Typisches Produkt der Posthistoire", sagt die Kollegin und hat natürlich recht, weil nach dem 11. September 2001, als der Glaube an ein unendlich liberales Ende der Geschichte zusammen mit den Twin Towers in Schutt und Asche versank, wohl niemand mehr ein solches Buch geschrieben hätte.

Rundtour zu den Monumenten der Sichtbeton-Utopie

Wo Foster Wallace seinen Roman in einem zwielichtigen Utopia spielen lässt, in dem die USA, Mexiko und Kanada sich vereinigt haben, die USA aber dessen ungeachtet ihren Giftmüll an der Grenze zu Kanada entsorgen, was dort zu übelstem Fallout und zum Sprießen und Gedeihen zahlreicher frankokanadischer Terrorgruppen führt, schickt Lilienthal seine Reisegruppe für 24 Stunden auf eine Rundtour zu den Monumenten von Sichtbeton und Alufassaden, dem architektonischen Gesicht eines westlichen Geschichtsoptimismus', den spätestens die Schuldenberge der Finanzkrise ein für allemal unter sich begraben haben. Im Grunde bildete Berlin auch bei diesem Verschütt-Gehen unter Schulden die Avantgarde. Während das Land noch prosperierte und an einen unendlichen Wohlstand nach dem Kalten Krieg glauben wollte, war die jahrelang von betrügerischen Bauunternehmern regierte Stadt bereits pleite, als ihr in den 90er Jahren die Subventionen heftig zusammengestrichen wurden.

Und so beginnt der Marathon am Morgen in einem hortus conclusus der alten West-Berliner Bankrotteursgesellschaft, dem Tennisclub Rot-Weiß im Grunewald. Hier, so sagt man, hätten die Häupter der Berliner CDU mit den befreundeten Truppen aus allen damaligen Parteien die Strippen gezogen. Das sieht man aber nicht. Man ahnt es allenfalls angesichts des weißhaarigen Herrn in Trench, mit goldbeknöpfter Gattin, der als Club-Präsident die Gäste begrüßt.

Aufgalopp mit Niels Bormann, Gob Squads Wortballwechsel

Denn der wirkt mindestens ebenso aus der Zeit gefallen wie das schreiende Lila-Weinrot an den Wänden der Umkleide im Steffi-Graf-Stadion oder das unbeschreiblich den Augensinn terrorisierende Gelb des Veloursteppichbodens. Es handelt sich um einen leichten Aufgalopp, wie geschaffen für den Aufgalopper Niels Bormann, der Wallaces Pater Familias James O. Incandenza vorstellt, Tennis-Akademie-Gründer, Vater dreier Söhne, genialer Optiker und verblasener Konzeptfilm-Künstler, der seinem Trinker-Leben ein Ende setzte, indem er, eine technische Meisterleistung, seinen Kopf in der Mikrowelle explodieren ließ.

uspassgob dorotheatuch 280q uGewinnt und verliert immer: Myself
© Dorothea Tuch
Das aber sieht man – abgesehen von der blutbesudelten Mini-Mikrowelle auf dem Grabbeltisch mit Devotionalien – wieder nicht, das serviert Bormann als Erzählung. Es folgt die Introduktion des drogensüchtigen Tennis-Asses und leidenschaftlichen Lesers des Oxford Englisch Dictionary Hal, des jüngsten Sprosses der Familie Incandenza nebst Mutter, genannt "die Moms" in Gestalt der immer wundervollen Astrid Meyerfeldt. Weil hier aber immer noch mehr erzählt wird, als gespielt, dauert es bis zum Auftritt von Gob Squad auf dem Centre Court, bis das Unternehmen gegen Mittag sich selbst zum ersten Mal der Fantasie überantwortet.

Weder illustrieren die Squads, noch erzählen sie das Erzählte nach – sie spielen Tennis. Allerdings ohne Bälle und Schläger, nur mit Worten (die vom Mikroport auf die Zuschauertribüne samt Schnaufen und Flüchen übertragen werden). Formvollendet stiff-lipped gibt Sean Patten einen Schiedsrichter, very british, der als ein Drittel von "myself" die Punkte vergibt im Kampf von "myself" gegen "myself". Die Verdrängung des Ich durch Leistungsdrill, Amüsierwut und Drogen erhält hier einen herrlich leichten, spielerischen Ausdruck. Der Schiedsrichter gibt die Themen vor, die die andern beiden myselfs auf dem Platz mit Worten und Bärentänzen, mit Geknurr und Gewälz auf dem Aschenplatz untereinander austragen, und gibt noch das Thema ("I love you") vor, wenn die Spieler längst vom Centre Court geflohen sind. "Point", ruft Patton in die nur von Vogelgezwitscher und S-Bahn-Quietschen unterbrochene Stille, und begründet mit: "Excellent use of a silence". Weit draußen unter Bäumen gondeln Bastian Trost und Berit Stumpf (oder Sarah Thom?) im Ruderboot auf dem See.

Unendlicher Teufelsberg-Blick, Viebrocks möbliertes Trödelparadies

Die Dissoziation des Individuums, Wallaces Großthema des Kampfes zwischen Ich und Selbst, wird später in der Neuköllner Klinik wieder auftauchen, wenn Randy sich verzweifelt fragt, warum er, wenn er doch aufhören will mit der Droge, nicht einfach aufhört. Davor aber geht es zur alten Abhörstation auf dem Teufelsberg, einem gigantischen Hügel von Weltkrieg-Zwei-Schutt, wo Brian Mendes und Joseph Silovsky, zwei Schauspieler aus Richard Maxwells New Yorker Truppe, die klassische Diskussion über die Freiheit des Individuums repetieren. Die ist komisch, auch lehrreich, weil die Freiheit der Wahl und die Freiheit zur guten Verdauung eben noch keinen Hinweis abgeben, zu welchen überindividuellen Zielen Freiheit eigentlich dienen soll; aber stärker als der Eindruck, den der frankokanadische Rollstuhl-Terrorist und der als Frau verkleidete amerikanische Agent hinterlassen, wirkt doch der unendliche Blick über die Stadt und der Sturm, der durch die zerspellte Radarkuppel fährt.

Auch in der aufgelassenen Großküche des Neuköllner Klinikums kommt das Spiel nicht los von der Illustration. Die Ennet Entzugs-Klinik erscheint hier als von Anna Viebrock möbliertes Trödelparadies aus der unerschöpflichen Polsterei der Geschmacklosigkeit, in dem sich die Suchtköppe zwischen Tremor und Halluzinationen handfest an die Gurgel gehen. Nicht einmal Bernd Grawert als der Betreuer Don Gately, einem cleanen Exkriminellen und Mörder, der die himmelschreienden Plattitüden der Anonymen Alkoholiker von Boston zu verkünden hat, funktioniert hier als Wachmacher der nach inzwischen neun Stunden Rundreise sichtlich ermüdeten Zuschauertruppe.

uspasskon dorotheatuch 280 uAls Gregor Samsa eines Morgens erwachte...
© Dorothea Tuch

Aufwachen mit Kondeks Super-Insekt

Nach dem Kantinen-Abendessen allerdings, wenn Chris Kondek in einen weiteren verwunschenen Gebäudetrakt bittet, bessert sich die theatralische Lage wieder. Ken Erdedy wartet hier auf seine Dealerin. Hans Löw und Felix Knopp rücken und kippeln mit dem Plastikstuhl (der Ton wird erneut über Kopfhörer eingespielt) und kämpfen mit ihrer Panik vor einem videografierten Groß-Insekt. Während der Monolog der depressiven Kate Gompert, eigentlich ein verstörendes Glanzstück des Romans, zuvor in der ehemaligen Küche von Constanza Macras' Damentrio an die Müdigkeit verschenkt worden war, packen Kondek, Löw und Knopp den Irrsinn und die Selbstüberlistung des Süchtigen in Hasten und Starren, in surreale Videosequenzen und ein amüsantes Ringelreihen durch die liebevoll ausgestatteten Nebengelasse des klaustrophobisch engen Ganges, den sie bespielen.

Abermals folgen Wandern, Warten und Wühlen, rein in den Bus, raus aus dem Bus, für den Transfer nach Lichterfelde. Einmalig, heißt es, sei die Ausführung des abgerundeten Sichtbetons des Instituts für Mikrobiologie, vor allem aber überrascht das seltsam geformte Gebäude ("form follows der je unterschiedlichen Funktion") mit versteckten Gärtchen, Bänkchen und Rasenstücken unterhalb der düster ragenden Mauern. Philippe Quesne hat hier das temporäre David Foster Wallace Center zur Erforschung des Werkes des 2008 aus dem Leben geschiedenen Meisters eingerichtet.

Standleitung mit Fortsetzung

Eigentlich hat er außer einer Umkreisung des Gebäudes – Bänkchen, runde Betonecken, Rasenstückchen, Gärtchen – nichts anderes getan als eine Videoleitung zum Wallace-Übersetzer Ulrich Blumenbach vorzubereiten. Und diese Gelegenheit sei hiermit allen, die sich noch auf die 24-Stunden-Tour begeben werden wärmstens ans Herz gelegt. Denn die Verbindung stellt sich tatsächlich als Live-Schaltung und Blumenbach als grundsympathischer Zeitgenosse heraus, der gerne bereit ist, alle Fragen des Publikums zum Buch und seiner Übersetzung zu beantworten. Ratsam also für alle, die sich noch auf diese Tour begeben werden, sich Fragen zurechtzulegen.

Und es besser zu machen als der Berichterstatter, der nach zwölf Stunden Reise durch West-Berlin und den Roman, sich entkräftet aus dem Marathon ausklinkt und zuletzt einfach nicht mehr die Energie aufbrachte, diese Gelegenheit beim Schopfe zu packen.

Fortsetzung folgt.

 


Der Körper schlägt zurück

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 2. bis 3. Juni 2012. Weiter geht's also. Eine kurze unoriginelle, aber praktische Erkenntnis (gewonnen nach drei Stunden Schlaf im Anschluss an die 24 Stunden Tour de Force), bevor es wirklich weiter geht: Müdigkeit plus Frieren gleich Erkältung; also, ernst gemeinter Ratschlag an alle: Genügend zum Anziehen mitnehmen! Auch das schützt vor Gesundheitsbedrohung durch übermäßige Unterhaltungslust, die David Foster Wallace in "Infinite Jest" zum Menetekel macht.

She She Pop kosten im Fontane-Haus die Scherz-Zigarren

Im Reinickendorfer "Fontane-Haus" machen sich She She Pop an die Entschlüsselung dieses Menetekels und mutmaßen, was die geheimnisvolle Film-Patrone "Unendlicher Spaß" von James O. Incandenza eigentlich enthält (ihr Konsum führt zu größter Abhängigkeit und damit dazu, dass der Zuschauer seine körperlichen Bedürfnisse vernachlässigt und jämmerlich krepiert). Es heiße ja schließlich "Unendlicher Spaß" und nicht "Unendliche Verfolgungsjagd" oder "Unendliche Action", beginnt Performerin Lisa Lucassen ihre Theorie zu begründen, dass es sich um eine Sequenz unendlich alberner Szenen handeln dürfte.

Indizien dafür finden sich in Fußnote 24 des Romans, die James O. Incandenzas Filmografie aufführt. Die fächert ein Panoptikum an skurrilen Figuren auf, darunter eine narkoleptische Aerobic-Lehrerin, die ihr Leiden vor Kollegen und Kunden geheim zu halten versucht; oder ein klaustrophobischer Wasserski-Lehrer, der zusammen mit einer Gruppe bedröhnter Optiker mit beknackten Hüten und explodierenden Scherz-Zigarren im Aufzug stecken bleibt.

Außerdem enthält die Fußnote den Verweis auf Incandenzas Werk "Der Witz". Der Witz besteht dabei darin, dass das Filmpublikum gefilmt wird und sich selbst also unmittelbar gespiegelt sieht. Das probieren She She Pop aus – wer jetzt schon schläft, der hat die A...karte gezogen. Leider schnurrt der Beitrag der Performerinnen mit diesem Versuch zur Beschäftigung mit der Frage, worüber man lachen darf, zusammen. Das wirkt in der Auseinandersetzung mit einem Roman, der ganz neue Sphären der Lebens- und Weltschmerzbearbeitung durch Hochleistungshumor erschließt, ein wenig ratlos.

Anna Sophie-Mahler, Anne-Ratte Polle und der Schleiertanz der Madame Psychosis

Gerahmt wird das Filmexperiment von zwei schönen Beiträgen der Musiktheaterregisseurin Anna Sophie Mahler, die sich jeweils eine Figur herausgepickt hat, um sie in einem Schlüsselmoment zu animieren. Im Haus des Rundfunks geht Madame Psychosis auf Sendung, die in David Foster Wallaces Boston der Zukunft von der Jugend kultisch verehrte, schwerst crackabhängige Radiomoderatorin. Mit verzerrter Stimme beschreibt sie einen Selbstmord – und zwar den der Figur Joelle van Dyne, die bei Foster Wallace nur mit verschleiertem Gesicht auftritt, mutmaßlich die Hauptdarstellerin der Film-Patrone "Unendlicher Spaß" ist und – als "Madame Psychosis" eben Radiosendungen moderiert. Der imaginierte Suizid wird beschlossen von einem ätherischen Schleiertanz der Madame Psychosis-Darstellerin Anne Ratte-Polle. Gelüftet worden sind am Ende weder Tuch noch Geheimnis der Figur, aber gelüpft schon.

spass3 560 dorothea tuch uPsychotischer Schleiertanz im Haus des Rundfunks © Dorothea Tuch

Anna-Sophie Mahlers zweiter, mindestens ebenso eleganter Beitrag spielt im "Western Saloon", einer mit Wildwest-Devotionalien vollgestopften, schummrig-warm beleuchteten Großkneipe im Untergeschoss des Fontane-Hauses. Hier spielt Damien Rebgetz als glückloser Transvestit "Poor Tony Krause", der nicht nur sowieso vom Schicksal, sondern im Verlauf des Romans auch von seinem Erfinder David Foster Wallace vergessen wird, in blauem Glitzeranzug und hohen schwarzen Glitzerschuhen einen Cold Turkey – und das Szenario des "Western Saloon", in das diese Szene zunächst so gar nicht hineinzupassen scheint, spielt mit und verstärkt den unheimlichen Eindruck: Der Ich-Verlust durch die Sucht birgt erstaunliches Entertainment-Potential.

Mega! Dufte! Bei Jan Klata im Reineckendorfer Finanzamt

Ganz im Kollektiv soll das Publikum anschließend bei Jeremy Wade in der Inszenierung einer Sitzung der Anonymen Alkoholiker aufgehen – was mit von Schauspielern vorgetragenen Fake-Suchtgeschichten ("Ich bin Kate, und ich bin Alkoholikerin") und extra schlechtem Kaffee irgendwie einen schalen Beigeschmack bekommt der allzu selbstüberzeugten Distanzierung des hübschen HAU-Publikums von den Problemen, gegen die und/oder mit denen David Foster Wallaces Figuren kämpfen.

spass4 280 dorothea tuch uHigh energy: der Kleenex-Mann und sein Esel-Kompagnero © Dorothea TuchIm Bus auf dem Weg zur vorletzten Station, dem Finanzamt Reinickendorf, wird geschlafen, werden die Care-Pakete inspiziert, mit denen dem Publikum dabei geholfen wird, auf seine körperlichen Bedürfnisse zu achten. Es wird darauf hingewiesen, dass man den Energie-Drink aus dem ersten Paket nicht mit dem Coffein-Pulver aus dem zweiten Paket mischen sollte. Vielleicht hätte man das aber doch wagen müssen, um dem Energielevel der beiden Gestalten gewachsen zu sein, die Jan Klata als Empfangskomitee vors Finanzamt positioniert hat: "Mega!", "Dufte!" schreien und jubeln die als Esel und als Kleenex-Packung verkleideten Schauspieler und hetzen das Publikum die Treppen in den achten Stock hoch.

Dort wirbt die Québecer Separatistengruppe "Les Assassins des Fauteuils Rollents" (AFR), eine radikale Gruppe von Rollstuhlfahrern, die Kanada aus der Union der nord- und mittelamerikanischen Staaten O.N.A.N. befreien wollen, um neue Mitglieder. Das Publikum ist zu erschöpft, um sich zu wehren – und wird schließlich, in Rollstühlen auf dem Dach des Finanzamts sitzend und die AFR-Vermummung, ein gelbes Tuch mit aufgemaltem Smiley, tragend, von einem AFR-Aktivisten agitiert ("Fuck O.N.A.N.!").

Und im übermüdeten Nachwuchsterroristinnenkopf nimmt eine Frage Gestalt an: Hatte nicht das ganze etwas von einer Werbeveranstaltung? Als solche hat der Theatermarathon auf jeden Fall ausgezeichnet funktioniert, in dieser Reihenfolge: erstens für Matthias Lilienthals HAU, zweitens für die Berliner Architektur der siebziger Jahre und drittens für den Roman von David Foster Wallace. Der im Übrigen zwar nicht unendlich, aber doch "mega" viel mehr birgt als das, was hier ab und zu aufblitzte.

 


In der Geiselhaft der Unterhaltungsindustrie

von Esther Slevogt

Berlin, 2. bis 3. Juni 2012. Unendlicher Spaß? Unendliche Erschöpfung! Als am Ende des Vierundzwanzigstunden-Marathons Astrid Meyerfeldt, Samuel Finzi und Martin Butzke auf der Bühne des Hebbel-Theaters (HAU1) das letzte Stück des Wallace-Romans lasen, war der Großteil des Publikums längst in Tiefschlaf gefallen. Der schrundige Sound der E-Gitarrre von Polina Lapkovsjkaja (von der Münchner Combo "Pollyester") lullte auch noch die letzten Widerständigen ein. Die abgekämpften Schlachtenbummler des Großevents wurden höchstens noch kurz aus ihren Theatersitzen hochgerissen, wenn aus dem Bühnenhimmel Hunderte von himmelblauen Tennisbällen auf die Bühne prasselten. Selbst Matthias Lilienthal hatte den Kampf längst verloren und konnte in der letzten Reihe nur noch sporadisch bei vollem Bewusstsein beobachtet werden.

Die Schattenarmee unter der gelben Schläfermaske

Schon im Bild zuvor hatte ein beinloser A.F.R.-Aktivist (Wolfgang Michalek) vom Dach des Reinickendorfer Finanzamts die Zuschauer brüllend vergeblich zum Kampf gegen das System aufgerufen. A.F.R. steht im Roman für die terroristische franko-kanadische Separatistenorganisation "Assassins des Fauteuils Roullants". Lediglich im Nachbarhaus öffnete ein empörter Zivilist aus dem echten Leben im Pyjama das Fenster, um zu schauen, was da auf dem Dach dieser Behörde so früh am Morgen seine Sonntagsruhe störte. Da war es sechs Uhr dreißig gewesen.

spass1 280 dorothea tuch uFriedfertige Aktivisten bei Jan Klata
© Dorothea Tuch
Die, die da erschöpft wie kampfunfähig in den Rollstühlen hingen, boten ein friedliches Bild. Ein letzter Dreh dieses Spiels hatte (unter der Regie von Jan Klata) versucht, die Zuschauer in eine Schattenarmee zur Befreiung Kanadas aus dem totalitär-kapitalistischen amerikanischen Staatenbund O.N.A.N. zu verwandeln, ihnen zu diesem Zweck Rollstühle und gelbe Tarnmasken zugewiesen. Doch für die meisten war der Rollstuhl bloß noch eine willkommene Sitzgelegenheit gewesen, in der sich das Geschehen in bequemer Schlummerhaltung sozusagen passiv verfolgen ließ. Die gelbe Maske erfüllte als Schlafmaske eine willkommene Zusatzfunktion.

Triumph des Lebens über die Totalvereinnahmung

Es war ein skurriles wie gespenstisches Bild, das diese vom Schlaf Übermannten boten. Doch in der geballten Passivität des Widerstands gegen diese Form der Totalvereinnahmung durch ein Kunstevent widerlegte es auch auf wunderbar lapidare Weise die düstere apokalyptische Vision des Romans, wonach die mediale Dauerberieselung, die Geiselnahme des Einzelnen durch die Kulturindustrie am Ende zu dessen Auslöschung führt, weil die Menschen in ihrer Sucht nach Unterhaltung schließlich die leiblichen Bedürfnisse vergessen und Unterhaltung konsumierend zu Grunde gehen. (Weshalb ein Film mit diesem Potenzial von den Separatisten ins Fernsehprogramm eingespeist werden soll).

So leicht – dieser Beweis zumindest wäre durch das HAU-Spektakel vorerst erbracht – wird das nicht gehen. Denn der Leib kann seine Bedürfnisse ganz gut gegen die Unterhaltung behaupten, reagiert auch schnell mit einem schützenden Kurzschlaf, wenn die Qualität unter Zimmertemperatur sinkt und behauptete Reflexionshorizonte sich als lediglich grob verkleisterte Landschaftstapeten in Schwarzweiss-Qualität entpuppen.

Auch wenn ein letzter Zweifel bleibt, ob dieser Triumph des Lebens über die Kunst im vorliegenden Fall letztlich nicht doch der Tatsache zuzuschreiben ist, dass für die Realisierung des HAU-Projekts, alte Westberliner Bauten und Stadtlandschaften mit Motiven von David Foster Wallaces Romans "Infinite Jest" zu konfrontieren, eben kein Genie wie James Incandenza verpflichtet wurde, sondern das Projektwesen der freien Szene bemüht worden ist. James Incandenza heißt im Roman der Regisseur des geheimnisvollen Films, der seine Zuschauer zu Tode amüsieren können soll.

unendlicherspass sle 280hAuf dem Teufelsberg   © Esther SlevogtWestberliner Locations als Alibi

Denn allzu oft wirkten die einzelnen Stationen nur wie Alibis, um die auratischen Locations zu bespielen. Der zweite Teil von Richard Maxwells Beschäftigung mit den kanadischen Separatisten und Rollstuhlattentätern zum Beispiel, der vor der spektakulären Kulisse der verfallenden amerikanischen Spionageanlagen auf dem Teufelsberg noch funktionierte, aber vor dem Umlaufkanal des Instituts für Wasser- und Schifffahrtstechnik im Tiergarten nur noch ein überflüssiger Aufguss war, der Sand ins dramaturgische Getriebe des Gesamtablaufs streute.

Auch Jan Klatas Bespielung des Reinickendorfer Finanzamtes gab sich im Wesentlichen damit zufrieden, durch das schrill-orange Leitsystem endloser Büroflure und ihr, aufs Maß deutscher Behördenästhetik heruntergedimmtes, psychedelisches Pop-Age-Design zuführen. Sonst hatte dieser Teil des Stationendramas den um fünf Uhr morgens nicht nur nach Schlaf, sondern auch nach Sinn hungernden Zuschauern wenig zu sagen.

Manchmal waren kleine Ideen gestreckt und zu halben Theaterabenden verlängert worden, was aus hübschen Einfällen zähe Veranstaltungen machte: She She Pops Ausflüge ins Fussnotensystem des Romans und die Filmografie von James Incandenza etwa. Ein Problem der Zersplitterung der Stationen auf verschiedene Performer war auch, dass jedes sich zum Ganzen wie ein separatistisches Einzelprojekt verhielt, es kaum gegenseitige motivische Durchdringungen gab.

Erst kommen die Künstler, dann die Investoren

Und leise fragte man sich auch immer wieder, ob dieses Projekt nicht eigentlich selbst ein Symptom der von Wallace mit so beißendem Sarkasmus geschilderten Durchdringung sämtlicher Bereiche des Lebens durch ökonomische Interessen ist, für die Unterhaltungsindustrie, die Themen und öffentliche Räume ebenso gnadenlos in ihr Verwertungssystem einspeist, wie sie die einzelnen Individuen in Geiselhaft ihrer Fiktionen und Inszenierungen nimmt.

Nicht selten ist Kunst dabei auch Erfüllungsgehilfin knallharter ökonomischer Interessen, steht zum Beispiel am Anfang von Gentrifizierung, indem sie vergessene Bezirke und Stadtlandschaften kolonisiert und mit Bedeutung auflädt. Erst kommen die Künstler, dann die Investoren. Nach 1990 war erst mal der Osten dran, dessen versunkene Orte nicht zuletzt durch die "Zwischennutzungsprojekte" des HAU und der Sophiensäle "cool" gemacht und ins öffentliche Bewusstsein zurückgebracht wurden. Jetzt ist also der Westen dran.

 

Unendlicher Spaß
nach dem Roman von David Foster Wallace
Deutsch von Ulrich Blumenbach
Dramaturgie: Kathrin Veser, Johanna Höhmann, Idee Architektur: Benjamin Foerster-Baldenius, Matthias Rick, Produktionsleitung: Silke zu Eschenhoff, Caroline Farke, Elisabeth Knauf. Ausstattung: Tal Shacham, Kostüme: Emma Cattell, Kerstin Honeit.

LTTC "Rot-Weiß": Mariano Pensotti, Peter Kastenmüller, Gob Squad
Teufelsberg: Richard Maxwell
Vivantes Klinikum Neukölln: Anna Viebrock, Bianchi/Macras, Chris Kondek
Campus Benjamin Franklin, Institut für Mikrobiologie und Hygiene: Philippe Quesne
Fontane-Haus Reinickendorf: She She Pop, Anna-Sophie Mahler, Jeremy Wade
Fernsehzentrum des RBB/Haus des Rundfunks: Anna-Sophie Mahler
Teufelsberg, Umlaufkanal: Richard Maxwell
Finanzamt Reinickendorf: Jan Klata

Mit: Niels Bormann, Hans Löw, Martin Butzke, Polina Lapkovsjkaja, Mario Klischies, Astrid Meyerfeldt, Florian Steffens, Johanna Freiburg, Sean Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will, Brian Mendes, Josdeph Silovsky, Oskar Brandl, Bernd Grawert, Thomas Douglas, Werner Kienle, Hans-Joachim Koch, Svenja Wasser, Anne Ratte-Polle, Janaina Pessoa, Sabine Neumann, Miki Shojji, Fritz Knopp, Damian Rebgetz, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Ilia Papatheodoru, Jared Gardinger, Jeremy Wade, Wolfgang Michalek, Trystan Pütter, Lajos Talamonti, Verena Unbehaun, Samuel Finzi.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Hier geht's zum Bericht über die zweite XXL-Veranstaltung zum Abschluss der Ära Lilienthal am HAU: The World Is Not Fair – Die große Weltausstellung.

 

Kritikenrundschau

"Da inzwischen alles in ein Format gepresst wird, muss man sich freuen: Dieses sprengt seine Formatierung", feiert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (4.6.2012) dieses "XXXL"-Abschlussevent der Ära Lilienthal. "Logistischer Wahnsinn, irre Geduldsprobe, Erkundung temporärer Kunst- und Spielorte, planvolles Erschlaffen und Wiederaufstehen, Anrollen und Abheben auf der Übersättigungsgrundlage des Romans" sei dieser Trip gewesen. Da der "ziegelsteinschwere Universalwitz" von Wallace mit seinen "1600 Seiten negative Utopie", vielleicht gar nicht lesbar sei, zumindest nicht allein, stelle das "kollektive Erleben" die womöglich angemessenste Umgangsweise damit dar. "Die 24-Stunden-Tour wird zur Bildungsreise und 'Infinite Jest' zum Bildungsroman, mit 150 Spaßvögeln in zwei Doppeldeckern." Wobei das alte West-Berlin zum Star werde, das "mit seiner Alien-Architektur so hochfahrend" sei, "wie Künstler immer sind, sein müssen". Schapers Kollegin Christine Wahl rundet den Bericht mit einem stärker erlebnisbezogenen zweiten Teil ab: "Keine erklärte Überforderung dürfte bis dato perfekter organisiert gewesen sein", schreibt die Kritikerin und schildert genüsslich die Versuche der "Power-Napper" zwischen den Performances ein wenig Regeneration zu finden. An den Darbietungen der Künstler "erstaunt vor allem zu Beginn, wie nahe die meisten Aufführungen am Romantext bleiben – jedenfalls gemessen daran, dass die HAU-Jahre als ultimativer Avantgarde-Push in die Theatergeschichte eingehen werden". Höhepunkte der Veranstaltung sind für die Kritikerin die "so klug wie allürenfrei" bewältigte Frage-und-Antwort-Session mit Roman-Übersetzer Ulrich Blumenbach sowie: "die Stadt", der "unangefochtene Star des großen HAU-Finales". Dieser Stadtraum verkörpert für Wahl eine wesentliche Dimension der Arbeit des HAU: "Stets haben Lilienthal und sein tolles Team es uns erspart, dem naturgemäß zum Scheitern verurteilten Versuch beizuwohnen, die Wirklichkeit auf die Bühne zu transportieren. Stattdessen erklärten sie immer wieder die Stadt selbst zur Bühne".

Für die Berliner Zeitung (4.6.2012) wohnte Doris Meierhenrich dem Event mit großem Gefallen bei. Das konspirative Agententreffen, das Richard Maxwell auf dem Teufelsberg "auf eine Weise, wie es eindringlicher kaum sein könnte", eingerichtet habe, rückt sie in den Mittelpunkt. Der Regisseur lasse seine Akteure "so unterkühlt sprechen, dass die ganze Kulissenkomplexität aus stürmischer Naturgewalt und einstiger Zukunftsarchitektur um sie herum laut mitreden kann". An dem "hybriden Roman" von Wallace entlang navigiere das HAU sein Publikum "durch die einst zukunftsweisenden, nun zerfallenden Architekturen West-Berlins". Ein "aberwitziges Sprechakt-Match" von Gob Squad, die ähnlich wie She She Pop "eigene, amüsante Denkspiele" aus dem Roman destillierten, wirft dabei für die Kritikerin ebenso künstlerische Erträge wie Chris Kondek mit "Slapstick und Video" oder Anna Viebrock mit "Szenen-Körnung à la Marthaler". "Natürlich gelingt nicht jeder Nummer Bewegendes, gähnen auch Längen zwischen den Stationen. Doch die meist ausgezeichnet gespielten Szenen und ihre verschiedenen Optiken geben nicht nur ein annäherndes Bild der disparaten Vorlage – sie schieben Berlin auch mit in den Blick, wie man es vorher nie sah."

Für das Onlineportal der Welt (4.6.2012) hat sich der Redakteur der Berliner Morgenpost Stefan Kirschner dem Versuch ausgesetzt, den 24-Stunden-Marathon durchzustehen. "Erste Voraussetzung: Ausgeschlafen antreten. War etwas schwierig, weil am Freitagabend neben dem Packen des Rucksacks auch ein Blick in die literarische Grundlage dieses Theater-Marathons zweckmäßig erscheint. Also noch mal im Buch blättern (...)". Gob Squads "witziges Kommunikationsmatch" auf dem Tennis-Platz und der Besuch im Vivantes-Klinikum, wo Videokünstler Chris Kondek die "Geschichte von Ken Erdedy wunderbar visualisiert", werden in dem Bericht eingehender gewürdigt. Dann folgt "ein Geständnis" des Kritikers: "Den nächsten Ort, das Finanzamt Reinickendorf, wollte der Autor nicht besuchen, weil die Steuererklärung noch nicht fertig ist. Und weil er ein bisschen Schlaf für diesen Text brauchte. Also endete die Tour nach 19 Stunden."

"Supergut organisiert und hoch sympathisch ist die Zeitreise in zwei alten BVG-Bussen zu den Nerven-Zentren des negativ-utopischen Romans", berichtet Ute Büsing für das rbb-Inforadio (4.6.2012). "Wallace Fremdwort-gespickter, über weite Strecken nur gegen viele Widerstände lesbarer Wälzer um Leistungsdruck beim Tennisnachwuchs, unendliche Drogenexzesse, Depression, Psychiatrie, Umweltverschmutzung und Terror wird für insgesamt 14 Künstler zum Material für steile Spielvorlagen." In den 12 Stunden, die die Kritikerin mitgereist ist, habe sie "ganz neue Ansichten meiner Heimatstadt gewonnen".

Dieses "wahnsinnige Projekt" sei "nach allem, was nach der halben Runde gesagt werden kann, vollauf gelungen", schreibt René Hamann in der taz (5.6.2012) über Teil Eins des Unendlichen Spaßes. Die Frage nach dem Sinn der Dramatisierung bekannter Romane sei in den Hintergrund gerückt. "Der 'Unendliche Spaß' entpuppte sich mit seiner buchstäblichen Vielseitigkeit als geeinigter Stoff - nicht allein zur Reproduktion, im Gegenteil, sondern zur Weiterarbeit." Natürlich habe das Ganze auch etwas Kaffeefahrtartiges. "Im positiven Sinn". Fazit des Halbmarathon-Kritikers: "Wir schauen uns dann noch einmal die zweite Hälfte an, bei Gelegenheit." Was Katrin Bettina Müller schon erledigt hat, und sie zeigt sich im Nachbarartikel fasziniert davon, "wie wir, die treue Gefolgschaft der Theaterprojekte von Matthias Lilienthal am HAU, uns hier wie Aliens durch Berlin bewegen, stets hoffnungsfroh, mitten im Alltäglichen und Normalen das Bizarre und Überraschende entdecken zu können. Und ganz allmählich selbst zu ziemlich bizarren Figuren werden." Die "Bustour 'Unendlicher Spaß'" kultiviere den doppelte Blick, die Erkundung des Nahen und seine Überschreibung mit Fantastischem.

Zwei "angemessen größenwahnsinnigen Unternehmungen" wohnte Peter Laudenbach für die Süddeutsche Zeitung (11.6.2012) am langen HAU-Wochenende bei: der 24-Stunden-Tour "Unendlicher Spaß" und der großen Weltausstellung auf dem Tempelhofer Flugfeld. Er bespricht sie ihm Rahmen eines Abschlussporträts der Intendanz von Matthias Lilienthal, die durch "Überforderung, Exkursionen in urbane Situationen aller Art und Experimente mit offenem Ausgang" gekennzeichnet gewesen sei. Ein "Messinstrument für gesellschaftliche Brüche, Paradoxien oder Sehnsüchte" habe Lilienthal mit dem HAU geschaffen. Hier "konnte man entdecken, wie sich das Theater angesichts neuer Medien und der Globalisierung, der Dominanz der Pop-Kultur und dem Verschwinden der Genre-Grenzen zwischen Performance, Bildender Kunst und Film immer wieder neu in Frage stellte." Zu den finalen XXL-Veranstaltungen, die für die "radikale Internationalisierung des Theaters" am HAU stünden, folgen dann auch kritische Töne, wenn konstatiert wird, dass "Lilienthals Strategie der Überprüfung der Mittel und Grenzen des Theaters an einem Endpunkt angekommen ist. Es ist ein Endpunkt, der gefährlich um sich selbst und die Freude an der eigenen radikalen Geste kreist." Da HAU nähere sich dann dem "Kunst-Ghetto" bzw. – in Lilienthals Worten – der "Kunstkacke" an, "gegen die es immer polemisiert hat". Bei Weltausstellung und 24-Stunden-Tour sei anscheinend zu viel Energie in die "Konstruktion der beiden Groß-Rahmen" geflossen. "Dafür, diese riesigen Rahmen mit Inhalt zu füllen, blieb dann wenig Kraft. Das Ganze rutscht in die Nähe eines sich selbst feiernden Kultur-Events, das durch pure Größe, durch die exzessive zeitliche oder räumliche Ausdehnung Bedeutung simulieren will." Positive Ausnahmen stellen für den Kritiker die Arbeiten von Rabih Mroué, Hans Werner Kroesinger und Toshiki Okada (alle Weltausstellung) und Chris Kondek ("Unendlicher Spaß") dar.

In der Neuen Zürcher Zeitung (28.7.2012) blickt Dirk Pilz noch einmal auf das Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal am Berliner HAU und auf die 24-stündige Performance-Reise Unendlicher Spaß, die die Zuschauer an "betont alltagsweltliche Spielorte vornehmlich am Stadtrand von Westberlin" führte. Ausgehend von Eindrücken dieses Theatermarathons, mündet Pilz' Text in grundsätzliche Reflexionen über das "postdramatische Theater", das sich – seit Hans-Thies Lehmann den Begriff populär machte –"selbst als das neue, zeitgemäßere [Theater] verstand und weithin auch noch so wahrgenommen wird". Dirk Pilz hält dem entgegen, dass "die Annahme von Fortschritt in Kunst" ein Irrglaube sei: "Die Theatergeschichte wird – wie jede Kunstentwicklung – nicht durch Fortschritte, sondern durch Ausdifferenzierungen bestimmt. Rimini Protokoll macht keine Andrea Breth hinfällig, Gob Squad keinen Bondy. Im Grunde ist diese Feststellung eine Banalität, aber der blinde Fortschrittsglaube des 'postdramatischen Theaters', die Frontstellung zwischen vermeintlich alten und vorgeblich neuen Darstellungsweisen ließ dies leicht in Vergessenheit geraten. Dass das Berliner HAU unter Lilienthal überhaupt zum Kampfplatz für das 'postdramatische Theater' hat werden können, liegt wesentlich in diesem Glaubenskrieg begründet." Zudem erweise sich "die bloße Gegenbewegung zu einer Tradition als wenig tragfähig für Theater. Denn auch noch so spektakuläre Grenzverschiebungen entbinden nicht von der Hauptaufgabe der Bühne: der Schaffung von Kunst, ganz gleich wo sie sich befindet oder wie brüchig sie erscheinen mag. An äußerlichen Kriterien, dem Ort des Spiels etwa, lässt sich nicht entscheiden, ob etwas Kunst ist oder nur Kunstgewerbe – gerade das 'postdramatische Theater' hat hier die Sinne geschärft."

 

Kommentar schreiben