Geister im Museum

von Falk Schreiber

Hamburg, 11. August 2012. Und am Ende liegt man in einem riesigen Museumssaal, unter Hans Makarts monumentalem Gemälde "Der Einzug Karls V. in Antwerpen" (1878). Man schließt die Augen, man fühlt die Schwere des eigenen Körpers, leise dämmert man ein paar Sekunden weg. Während um einen herum der normale Betrieb der Hamburger Kunsthalle weiterläuft.

Das britisch-schwedische Duo Christer Lundahl und Martina Seitl hat für das Internationale Sommerfestival Kampnagel eine Neuauflage seiner Arbeit "Symphony of a Missing Room" entwickelt, eine Art theatralen Museumsrundgang, der bislang in Birmingham und in Stockholm gezeigt wurde. Der Besucher wird zunächst an eine Ausstellung herangeführt (in Hamburg ist das "Alice. Im Wunderland der Kunst", eine Schau, die den Einfluss von Lewis Carrols "Alice im Wunderland" auf die Bildende Kunst nachzeichnet), um kurz darauf seiner Sinne beraubt zu werden und blind und taub durch das Museum zu tappen.

symphony 560 john xSymphony of a Missng Room © John Lundahl

Man trägt Stereokopfhörer, durch die man neben Anweisungen auch Alltagsgeräusche hört – die einen freilich mehr verwirren als dass sie einem helfen würden. Und man trägt eine Brille, durch die man nur noch Schatten und Lichtwechsel erkennt, Lichtwechsel, die aber meist nichts mit der Umgebung zu tun haben, sondern von Mitarbeitern mittels Taschenlampen hergestellt werden. Mit anderen Worten: Man ist vollkommen desorientiert. Und man kann nicht anders als den Händen vertrauen, die einen kurz berühren, in eine bestimmte Richtung lenken, einen mit leichtem Druck auffordern, stehen zu bleiben.

Blindheit, Taubheit und körperlose Sprecher

"Symphony of a Missing Room" ist eine zutiefst berührende Arbeit, wenn man akzeptiert, dass man es hier mit Kopftheater zu tun hat: Die theatrale Aktion entsteht in der Vorstellung des blinden und tauben Besuchers. Die seltsam körperlose Stimme im Kopfhörer erzählt von einem vergessenen Raum im Museum, einem riesigen Raum, der zunächst für Ausstellungen vorgesehen war, nun aber verschwunden ist, leer, ohne Zugang. Man streckt die Arme aus und spürt: Leere. Man macht einen Schritt, noch einen, und endlich spürt man eine Mauer. Man hat den "Missing Room" durchquert, und es ist ziemlich großartig, wie Lundahl und Seitl es schaffen, das romantische Modell des Museums als mythischen Ort in Theater zu übersetzen – indem sie die Kunstgespenster des Museums nicht bebildern, sondern einzig im Kopf des Besuchers herumgeistern lassen.

Eine andere Frage ist allerdings, zu welchem Preis Lundahl und Seitl das gelingt. "Symphony of a Missing Room" ist nämlich als Performance zutiefst manipulativ aufgebaut. Dem Betrachter werden mit Ohren und Augen zwei wichtige Sinnesorgane genommen, mehr noch: Sie werden irritierenden Reize ausgesetzt. Man könnte sich wehren, sicher, man könnte die Brille abnehmen, den Kopfhörer von den Ohren reißen – nur würde das den Reiz der Aufführung zerstören. Wenn man den Zauber dieser Arbeit erleben möchte, dann hat man keine Wahl: Man muss sich in die Hände von jemandem begeben, der nicht mit offenen Karten spielt. Vom moralischen Standpunkt ist "Symphony of a Missing Room" ziemlich zwiespältig.

Im Wertesystem der Kunst

Lundahl und Seitl setzen auf die Selbstaufgabe des autonomen Besuchers. Aber sie setzen auch auf einen Topos, der sich seit langem durch die Geschichte der Kunstbetrachtung zieht: dass Kunst einem Wertesystem folgt, das mit unseren moralischen Kategorien nicht fassbar ist, weswegen man gar nicht anders kann als sich auszuliefern. Und die Kunst wird von dieser Produktion durchaus ernst genommen. Zum einen, indem die Tour in der "Alice"-Ausstellung beginnt, einer Ausstellung, die sich ausschließlich mit Kontrollverlust, Unterbewusstem und Grenzüberschreitung beschäftigt und damit wie die Faust aufs Auge passt zu einem Stück, das genau die gleichen Themen verhandelt (wobei es eben gar nicht so genau passt: In Birmingham und Stockholm war die Arbeit in anderen Ausstellungen zu sehen).

Und zum anderen, indem die Tour vor dem fast 50 Quadratmeter großem "Einzug Karls V. in Antwerpen" endet. Hans Makerts Gemälde ist nämlich nicht nur ein Historiengemälde mit Hang zum Pathos, es ist auch ein Gemälde, das in seiner theatralen Anlage die Brücke schlägt zwischen Performance und Bildender Kunst. Nicht zuletzt aber ist "Der Einzug Karls V. in Antwerpen" durchzogen von einer leisen Ironie – und sind die sympathischen, wenn auch ein wenig unzuverlässigen Geister, die einen durch die Museumsräume leiteten, womöglich auch freundliche Ironiker? Das moralische Dilemma von "Symphony of a Missing Room" ließe sich dann jedenfalls leichter aushalten.

Symphony of a Missing Room
Konzept: Christer Lundahl, Martina Seitl, Kostüme: Jula Reindell,
Mitarbeit: Colin McLean, Rachel Alexander, Lisette Drangert, Mitarbeit Hamburg: Daniela Backhaus, Frauke Frech, Christine Grosche, Martin Heise.

www.kampnagel.de

 

Mehr dazu: Bei den Salzburger Festspielen 2011 wurde Symphony of a Missing Room im Rahmen des "Young Directors Project" mit dem Montblanc Young Directors Award ausgezeichnet.

 

Kritikenrundschau

Die gewaltigen künstlerischen Umgestaltungsprozesse und Perspektivwechsel seien das heimliche Thema, auf das die Besucher des Sommerfestivals immer wieder gestoßen werden, so Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (14.8.2012). Am deutlichsten sieht man das in einer interaktiven Performance des schwedischen Künstlerduos Christer Lundahl und Martina Seitl. "Eingespielt wird die sanft führende Stimme von Martina Seitl, während man von unsichtbaren Händen durch Räume geleitet wird, die im eigenen Kopf entstehen. Mit einem dreidimensionalem Soundsystem wird dem Besucher suggeriert, das Menschen an ihm vorbei laufen, große Gruppen im Raum sind, die Enge eines Tunnels oder auch der Schall einer leeren Halle. Und dabei entstehen unwillkürlich neue Bilder. Hier wird die Grenzüberschreitung direkt ins Bewusstsein implantiert - und das kann ganz schön beängstigend sein."

 

 
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