Letzte Runde!

von Regine Müller

Bochum, 6. Oktober 2013. Nein, Herbert Grönemeyer war nicht da. Obwohl er hier, am Bochumer Schauspielhaus als Klavierspieler, Musikchef und sogar als Schauspieler doch seine ersten Bühnenerfahrungen gesammelt hat. Und obwohl der in Bochum aufgewachsene Deutschrocker der Stadt mit dem Song "Bochum" ihre Hymne verpasste und damit der ganzen Region einen trotzigen Lokalpatriotismus-Reißer. Eine überfällige Idee eigentlich, den Barden mit einem "Singspiel" endlich heimzuholen an den Ort seiner künstlerischen Initiation. Und natürlich eine sichere Bank für ein volles Haus. Denn Liederabende gehen immer und erst recht, wenn nicht nur à la Wittenbrink Evergreens durchgenudelt werden, sondern Songs mit maximalem Identifikations-Potenzial. Noch dazu eingefasst mit einer lose gestrickten, locker formulierten Rahmenhandlung von Lutz Hübner, dem Spezialisten für funktionstüchtige Theatertexte von lakonischer Leichtigkeit.

Mit sicherem Instinkt hat Hübner 24 Songs ausgewählt, die alle mehr oder weniger zwischen den Grönemeyer'schen Grundimpulsen Trotz und Sentimentalität oszillieren. Das szenische Setting für diese Gefühls-Gemengelage ist schlicht und ergreifend: Eine Eckkneipe schließt nach 30 Jahren, die Stammgäste treffen sich am letzten Abend, blicken zurück und trinken diverse finale Runden. Eine gewisse Suri (Sarah Sophia Meyer), die kein Stammgast, sondern eine Art Fee oder Engelswesen ist, hält immer wieder die Zeit an und sorgt für Rückblenden, und kurz vor Schluss schlurft sogar "Gott" (Klaus Weiss) mit einem Meerschweinchen-Käfig unterm Arm herein und muffelt Grantlerisches in seinen Mikroport.

Bonmots im Pott-Sound
Die Runde der Stammgäste kehrt in diese Eckkneipe, die überall und nirgends sein könnte, seit dem Abitur ein, das man dort damals mit einem letzten Absacker begoss. Gescheiterte und Enttäuschte sind sie alle: Ralf, Abteilungsleiter bei der Knappschaft (kernig: Michael Schütz), Sandra, seine Ehefrau, Sachbearbeiterin beim Grünflächenamt (zwischen Pragmatismus und Hysterie: Veronika Nickl), Peter, Chirurg an der benachbarten Bergmannsheil-Klinik (Joachim G. Maaß mit täppischer Eitelkeit) und Roger, Kunst-Vertretungslehrer in Wattenscheid (ein trauriger Wonnekloß mit Evangelisten-Tenor: Günter Alt). Und dann ist da noch Lotte, die Wirtin, (mit dem geerdeten Charme einer Berliner Schnauze: Anke Zillich) die vor 30 Jahren eigentlich nur zur Aushilfe kellnern wollte.

bochum-1037 560 diana kuester xSchwermut plus Wermut gleich Leergut: "Bochum" © Diana Küster

Hübner behandelt seine Figuren liebevoll, legt ihnen manch nettes Bonmot – immer im schnarrenden Pott-Sound – in den Mund und bricht das Grönemeyer'sche Befindlichkeits-Pathos nur mild. Allzu mild. Denn wer sich von dem Abend eine gewisse politische Aktualität oder gar Schärfe erhofft hatte, wird enttäuscht. Die Probleme der Region nach der Schließung des Nokia-Standorts und der bevorstehenden Abwicklung des Opel-Werks werden mit zwei Halbsätzen abgehandelt und selbst die Kneipe schließt nicht mangels Wirtschaftlichkeit, sondern weil das Haus abgerissen werden soll. Die Probleme und Problemchen, über die palavert und gesungen wird, sind rein privater Natur. Der Zustand der Welt ist irgendwie betrüblich. Aber irgendwie doch schön.

Zur Kenntlichkeit versüßte Grönemeyer-Hits
Zumal, weil die fünfköpfige Band tatsächlich auf der musikalischen Ebene die Brechung hinkriegt, die Hübners letztlich betulichem Text nicht gelingt. Mit einem aberwitzigen Instrumentenpark gehen die Musiker unter der Leitung von Torsten Kindermann Grönemeyers Songs an und zerlegen sie teilweise regelrecht, verfremden sie, rauen sie auf und versüßen sie zur Kenntlichkeit. Glücklicherweise versucht keiner, so wie Grönemeyer zu singen, oder sagen wir besser: zu verschleifen und zu verquetschen.

Da wird die Sauf-Stretta "Alkohol" zum Hall gestützten a-cappella-Madrigal frühbarocker Prägung oder "Ich hab dich bloß geliebt" zum Wiener Schrammel-Duett, begleitet von Geige und Akkordeon. Der veritable, aus dem Musiktheater im Revier ausgeliehene Baßbariton Joachim G. Maaß trägt mit einer gehörigen Portion Selbstironie und mit Heino-Knödel feierlich "So wie ich" vor, und "Wäre ich einfach nur feige" entwickelt sich aus dem Gedudel des Spielautomaten. Selbst vor dem Heiligtum "Bochum" ist der famosen Musikertruppe nicht bange: Es wird intoniert mit dem an der Wand hängenden Schellenbaum des Schützenvereins und durch die flirrenden Töne, die entstehen, wenn man die Ränder halb voller Weingläser reibt.

Irgendwann freilich ist auch das letzte Glas leer, die letzte Geschichte erzählt und dann geht Lotte an die Rampe und sagt: "Und jetzt hab ich Hunger." Zeit für "Currywurst" und natürlich mehrere Zugaben. Jetzt brummt das Haus, und der Behaglichkeitsfaktor ist aufs Optimum gestiegen. Wenn das kein Renner wird?

 
Bochum
Ein Singspiel von Lutz Hübner mit Musik von Herbert Grönemeyer
Regie: Barbara Hauck, Musikalische Leitung: Torsten Kindermann, Bühne: Mara Klimek, Kostüme: Anna Maria Schories / Annika Träger, Licht: Jan Bregenzer, Dramaturgie: Olaf Kröck.
Mit: Anke Zillich, Michael Schütz, Veronika Nickl, Günter Alt, Joachim G. Maaß, Sarah Sophia Meyer, Klaus Weiss und den Musikern: Volker Kamp, Torsten Kindermann, Mickey Neher, Oliver Siegel, Jan-Sebastian Weichsel
Dauer: Zwei Stunden, 40 Minuten

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

Lutz Hübner habe zwei Dutzend Songs von Herbert Grönemeyer "mit bescheidenen Zwischentexten zu einem Singspiel verbunden, schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.10.2013): "Ein Selbstläufer, klar, kultverdächtig, schon weil fünf Vollblutmusiker ihn befeuern, doch wäre, selbstironischer und weniger eins zu eins, mehr drin gewesen als mit Barbara Haucks Inszenierung, die ähnlich schwach gewürzt ist wie die Currywurst am Pausenbuffet." Dennoch habe es Standing Ovations und drei Zugaben gegeben.

Hübner habe das Potenzial von Grönemeyers trotzigem Bochum-Patriotismus' erkannt und "aus den Zutaten Eckkneipen-Romantik, selbstironischem Ruhrpotthumor und Grönemeyer-Hits einen unterhaltsamen Theaterschwank mit viel guter Live-Musik gemacht", so Florentine Dame in der Welt (7.10.2013). Der Abend setze nicht auf die politische Pose, sondern fühle sich wohl im Privaten. "Auch die Premierengäste mögen das Wohlfühl-Theater. Sie klatschen, wippen, fiebern mit."

"Das Ganze ist so simpel gestrickt, die Personenzeichnung so holzschnittartig wie beim Tegernseer Volkstheater, aber im Ernst hat wohl niemand an einem so süffigen Unterhaltungsabend psychologische Feinzeichnung erwartet", urteilt Jürgen Boebers-Süßmann im WAZ-Onlineportal Der Westen (7.10.2013). Was der Aufführung an dramatischem Druck und an Figurenformung abgehe, mache die Musik mehr als wett: "Der geniale Theatermusiker Torsten Kindermann hat die Grönemeyer-Hits in frische, überraschende Arrangements umgegossen und erfindet so die Songs des Meisters quasi neu".

 

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